4 ziehende Greifvögel bei Malta:

Rötelfalke - Falco naumanni
Wespenbussard - Pernis apivorus
Rohrweihe - Circus aeruginosus
Eleonorenfalke - Falco eleonorae


© 1991 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Malta und seine Nebeninseln Gozo, Comino, Cominotto und Filfla liegen mitten im Mittelmeer, etwa 100 Kilometer südlich von Sizilien und 350 Kilometer nördlich von Libyen. Die gesamte Landfläche der Inselgruppe umfasst 316 Quadratkilometer, von denen 246 auf die Hauptinsel entfallen. Die maltesischen Inseln werden heute von rund 350.000 Personen bewohnt, was einer Bevölkerungsdichte von 1100 Einwohnern je Quadratkilometer entspricht. Dies ist beinahe siebenmal soviel wie in der Schweiz und wird nur noch von wenigen anderen Staaten der Erde übertroffen.

Die Bevölkerung der Hauptinsel konzentriert sich an der Nordostküste, wo die Häfen von alters her gute Arbeitsmöglichkeiten bieten. Hier befindet sich heute praktisch ein einziger zusammenhängender Siedlungsraum. Die übrigen Teile der flachen und felsigen Insel sind dagegen noch überraschend ländlich in ihrem Charakter. Grössere Flächen sind von der charakteristischen Vegetationsform Garrigue bedeckt - einer etwas kümmerlichen, wenig dichten Strauchvegetation aus niedrigwüchsigen, oft dornigen und aromatisch duftenden Pflanzen wie Thymian, Lavendel und Wolfsmilch. Vom ursprünglichen Hartlaubwald hat dagegen nur ein nennenswertes Stück, «Buskett Gardens», die jahrtausendelange Tätigkeit des Menschen auf Malta überlebt.

Aufgrund seiner Lage im zentralen Mittelmeer war Malta nicht nur während vieler Jahrhunderte als Stützpunkt für die unterschiedlichsten Mächte - von den Phöniziern bis zu den Engländern - von grosser strategischer Bedeutung, bis es im Dezember 1974 zur eigenständigen Republik wurde. Seit jeher ist Malta auch ein überaus wichtiger «Schrittstein» für Hunderttausende von Zugvögeln, welche alljährlich auf ihren Reisen zwischen den europäischen Brutgebieten und den afrikanischen Winterquartieren das Mittelmeer überqueren. Lediglich 18 einheimische Brutvogelarten gibt es auf Malta; dafür umfasst die Liste der auf Malta beobachteten Zugvogelarten insgesamt 365 verschiedene Namen. Die maltesischen Inseln erfüllen somit für die Vogelwelt Europas eine überaus wichtige Aufgabe - weit bedeutsamer, als man aufgrund ihrer geringen Landfläche annehmen würde.

Zu den auffälligeren Zugvögeln, welche Malta Jahr für Jahr einen Besuch abstatten, gehören sicherlich die Greifvögel. Unter ihnen befinden sich der Rötelfalke (Falco naumanni), der Wespenbussard (Pernis apivorus), die Rohrweihe (Circus aeruginosus) und der Eleonorenfalke (Falco eleonorae), welche auf diesen Seiten vorgestellt werden sollen.

 

Der Rötelfalke

Einst war der Rötelfalke nicht nur im zentralen Asien, sondern auch in den trockeneren Grasländern des südlichen und östlichen Europas ein häufiger und weit verbreiteter Brutvogel gewesen. Seine Bestände sind jedoch seit den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts vielerorts dramatisch zurückgegangen. Seine beiden letzten Rückzugsgebiete ausserhalb der Sowjetunion sind heute einerseits Spanien, wobei auch hier ein enormer Bestandszerfall von rund 100.000 Paaren in den fünfziger Jahren auf gegenwärtig 4000 bis 5000 Paare stattgefunden hat, und andererseits die Türkei, wo er im inneranatolischen Hochland noch in grösseren Beständen vorkommt.

Der Rötelfalke ist ein geselliger Greifvogel: Er brütet gewöhnlich in Kolonien von mehreren, in einigen Fällen sogar bis zu 250 Paaren. Sein Nest legt er gerne in Mauernischen oder Dachluken alter Scheunen, Burgen, Kirchen und anderer Gebäude an. Oft brütet er aber auch in Baumhöhlen und an geeigneten Stellen in Felswänden. Zur Hauptsache ernährt sich der Rötelfalke von grossen Insekten wie Heuschrecken, Grillen und Käfern. Daneben nimmt er Kriechtiere und Kleinsäuger, die er teils rüttelnd erspäht und zustossend ergreift, teils aber auch zu Fuss erjagt.

Als ausgesprochener Zugvogel verlässt der Rötelfalke sein Brutgebiet zu Beginn des Herbstes und verbringt den Winter in Afrika, wo er sich hauptsächlich in den weiten Savannen Ost- und Südafrikas aufhält. Gerne folgt er dort, oft in grösseren Schwärmen, den Herden weidender Grosssäuger. Diese scheuchen während der Nahrungsaufnahme ständig irgendwelche Insekten auf, die dann zu einer leichten Beute des flinken Falken werden.

Früher waren Rötelfalken häufige, zutrauliche Gäste in den Dörfern des Mittelmeerraums gewesen, wo sie während der Sommermonate ihre Jungen in der direkten Nachbarschaft des Menschen aufzogen und im umliegenden Wiesland auf Nahrungserwerb gingen. Heute ist der Anblick eines Rötelfalken in dieser Region leider eine Seltenheit geworden. Die Hauptgründe dafür sind der Verlust ungezählter Nistplätze infolge des Abbruchs bzw. der Renovierung alter Gebäude, die starke Verminderung des Nahrungsangebots infolge der Intensivierung der Landwirtschaft und der lokal ausgeprägte Rückgang des Bruterfolgs infolge von mit Pestiziden verseuchter Nahrung.

In Malta ist der Rötelfalke ein typischer Durchzügler, der auf seinem Zug von Europa nach Afrika und zurück hier vorbeikommt. Gewöhnlich sieht man ihn recht hoch und ziemlich schnell vorüberfliegen. Oft segelt er aber auch gemütlich in Aufwinden über Hügelrücken. Und mitunter kann man sogar beobachten, wie er im maltesischen Hinterland nach Feldgrillen, Heuschrecken und Eidechsen jagt.

 

Der Wespenbussard

Der Wespenbussard brütet in weiten Bereichen Europas sowie im westlichen Zentralasien und verbringt den Winter jeweils im tropischen Afrika südlich der Sahara. Bereits im Spätsommer verlassen die aus Skandinavien und Norddeutschland stammenden Wespenbussarde ihre Brutgebiete und ziehen bis zur Südspitze Italiens. Dort überqueren sie die Strasse von Messina, fliegen der Ostküste Siziliens entlang bis zum Capo Passero, wechseln dann hinüber nach Malta und erreichen schliesslich den afrikanischen Kontinent beim Cap Bon im Norden Tunesiens. Auf der gleichen Route kehren sie jeweils im Frühjahr in den Norden zurück.

Der Wespenbussard ernährt sich - wie sein Name besagt - gerne von Wespen, Hummeln und anderen staatenbildenden Insekten. Entdeckt er auf seinen niedrigen Beutesuchflügen oder von einer Warte aus ein Bodennest solcher Insekten, so fliegt er unverzüglich herbei, scharrt es mithilfe seiner kräftigen Füsse frei und tut sich an den Larven, Puppen und auch erwachsenen Insekten gütlich. Beim Ausscharren der Nester arbeiten sich die Vögel mitunter so tief in den Boden (40 Zentimeter und mehr), dass sie einen herankommenden Menschen nicht bemerken. Die wehrhaften Insekten sind übrigens nicht in der Lage, den Greifvogel mit ihren Stichen ernstlich zu verletzen, da eine schuppenartige Befiederung die besonders gefährdete Gesichtspartie an seinem Schnabelgrund schützt. Neben staatenbildenden Insekten nimmt der Wespenbussard auch gerne allerlei andere Insekten sowie Regenwürmer, Spinnen, Frösche, Kriechtiere und Kleinsäuger zu sich.

Wespenbussarde legen auf ihrem Zug möglichst weite Strecken segelnd zurück. An Stellen mit günstigen thermischen Aufwinden kommt es daher oft zu Ansammlungen von mehreren Dutzenden, manchmal sogar Hunderten von Wespenbussarden, die sich gleichzeitig in die Höhe schrauben, bevor sie die nächste Segelpassage unternehmen. Diese auffälligen Ansammlungen von Wespenbussarden ziehen leider - so etwa bei der Strasse von Messina - viele Schiesswütige an, denen es offenbar grosses Vergnügen bereitet, auf die fliegenden Ziele zu schiessen. An der französischen Mittelmeerküste wurden die ziehenden Wespenbussarde ebenfalls bis in jüngster Zeit bejagt, um Wespenbussard-Suppe, eine «Köstlichkeit» der lokalen Küche, zuzubereiten.

 

Die Rohrweihe

Ausgedehnte, ungestörte Röhrichtflächen an Seen, Flussaltwässern und in Sümpfen bilden den Lebensraum der Rohrweihe. Hier baut sie ihr Nest und zieht ihre Jungen auf. Und hier macht sie Jagd auf Nagetiere, Kaninchen, Enten, Rebhühner, Singvögel und andere Tiere von geeigneter Grösse. Auf ihren ausgedehnten Pirschflügen «schaukelt» sie in dem für Weihen typischen Flug mit hochgehaltenen Flügeln nur wenige Meter über dem Boden dahin - oft ohne Flügelschlag gleitend, dann wieder mit langsamen, weichen Flügelschlägen rudernd. Tieffliegend versucht sie, ihre Beutetiere durch ihr plötzliches Erscheinen und ihr ebenso blitzartiges Niederstossen zu überraschen.

Die meisten Rohrweihen des südwestlichen Europas und des nördlichen Afrikas sind Standvögel, die auch während des Winters ihrem Wohngebiet treu bleiben. Die Rohrweihen des nördlichen, zentralen und östlichen Europas sowie Asiens sind dagegen Zugvögel, welche den Winter teils im Mittelmeerraum, teils auch im tropischen Afrika verbringen. Es sind diese Individuen, welche regelmässig bei den maltesischen Inseln vorbeikommen.

Die Rohrweihe hat in unserem Jahrhundert in Mitteleuropa und im ganzen Mittelmeerraum massive Bestandseinbussen hinnehmen müssen, da grosse, ungestörte Feuchtgebiete auf breiter Front zerstört wurden, um Platz für Kultur- und Bauland zu schaffen. Immerhin gibt es einen Funken Hoffnung: In Nordeuropa hatten einige Populationen um die Mitte der siebziger Jahre ihren Tiefpunkt erreicht und wachsen seither wieder etwas an. Leider fallen aber noch immer viele Rohrweihen auf ihrem Zug in den Süden schiesswütigen «Sportjägern» zum Opfer.

 

Der Eleonorenfalke

Der Eleonorenfalke ist hauptsächlich im Mittelmeerraum zu Hause, von den Kanarischen Inseln im Westen bis Zypern im Osten. Hier brütet er in kleinen Kolonien an steil zum Meer abfallenden Felsküsten auf zumeist unbewohnten, abgeschiedenen Inselchen.

Der Name des Elonorenfalken geht zurück auf Fürstin Eleonora d'Arborea, eine berühmte Frau des 14. Jahrhunderts, welche sich als Regentin und Richterin auf ihrer Heimatinsel Sardinien verdient gemacht hatte. 1392 schuf sie ein umfassendes, für ihre Zeit ungewöhnlich fortschrittliches Gesetzeswerk, welches unter anderem einen besonderen Paragraphen zum Schutz der Habichte und Falken enthielt.

Bemerkenswert ist der Eleonorenfalke nicht nur wegen seiner starken Bindung an das Meer, sondern auch wegen seiner abweichenden Fortpflanzungszeit. Mit dem Brutgeschäft beginnt er nämlich erst im Hochsommer, Anfang August, was offensichtlich mit seiner spezialisierten Ernährungsweise zusammenhängt. Die jeweils im Herbst aus dem Norden kommenden, in Massen durchziehenden Kleinvögel bilden die hauptsächliche Nahrungsquelle für die Aufzucht der jungen Eleonorenfalken. Anlässlich einer Studie wurden 62 verschiedene Vogelarten als Beute des Eleonorenfalken festgestellt, darunter beispielsweise Neuntöter, Dorngrasmücke und Fitislaubsänger. Ausserhalb der Fortpflanzungszeit spielen Heuschrecken, Libellen, Zikaden, Schmetterlinge und andere grosse Insekten eine wesentliche Rolle in der Ernährung des Eleonorenfalken.

Nach dem Selbständigwerden der Jungen, was jeweils im November der Fall ist, verlassen die Eleonorenfalken ihre Brutkolonien im Mittelmeerraum und ziehen zur Ostküste Afrikas, wo sie auf Madagaskar und einigen benachbarten Inseln überwintern. Zwischen April und Juni des kommenden Jahres kehren sie dann wieder zurück und ziehen bis zum Beginn des Brutgeschäfts in kleineren Schwärmen halbnomadisch umher. Malta besuchen die zierlichen Greifvögel als Durchzügler im Spätherbst und Frühling sowie gelegentlich als noch nicht brütende «Vagabunden» während des Frühsommers.

Der Eleonorenfalke ist ein sehr seltener Vogel. Wahrscheinlich existieren nur zwischen 3000 und 6000 Brutpaare in weniger als hundert verschiedenen Kolonien. Mehr als die Hälfte dieses Gesamtbestands hat seine Heimat auf den griechischen Inseln. Wichtige Gründe für die heutige Seltenheit des Eleonorenfalken sind zum einen sicherlich die spezialisierte Ernährungsweise der Art während der Jungenaufzucht, dann aber auch die Tatsache, dass Fischer vielerorts die Jungfalken planmässig aus den Nestern nehmen, um sie zu braten und zu essen.

 

Die Attitüde ändert sich

Greifvögel, welche auf ihrem südwärts oder nordwärts gerichteten Zug die maltesischen Inseln am Nachmittag erreichen, bleiben in der Regel für die Nacht. Da geeignete Schlafbäume auf Malta selten sind, übt «Buskett Gardens» eine grosse Anziehungskraft auf die Vögel aus. Oft übernachten hier Hunderte von Greifvögeln diverser Arten. Leider weiss das auch der Mensch, und obschon «Buskett Gardens» schon vor vielen Jahren zum Vogelschutzgebiet erklärt worden ist und der Abschuss sämtlicher Greifvögel auf Malta gesetzlich verboten ist, gibt es immer wieder unvernünftige Jäger, welche hier ihrem zerstörerischen Hobby frönen.

1962 wurde von besorgten Vogelliebhabern die Ornithologische Gesellschaft Malta (MOS) gegründet. Sie zählt heute über 2000 Mitglieder, darunter viele junge, umweltbewusste Leute. Die MOS bezeichnet sich selbst als «Naturschutzorganisation in einer feindseligen Umgebung». Doch dank ihrer Beharrlichkeit während der vergangenen drei Jahrzehnte hat sie den Vogelschutz auf Malta einen wesentlichen Schritt vorwärtsgebracht. Den Jagdgesetzen wird heute durch eine spezielle Umweltpolizei endlich Nachachtung verschafft. Und auch in der breiten Öffentlichkeit haben die vielen Informationskampagnen, welche von den MOS-Mitgliedern in all den Jahren durchgeführt wurden, etwas bewirkt: Die Einstellung den Zugvögeln gegenüber hat sich verändert. Viele Malteser sind sich heute bewusst, dass die grossen Massen von Zugvögeln, welche alljährlich bei Malta vorbeikommen, nicht einfach ein «Geschenk des Himmels» für den jagenden Menschen sind, sondern dass Malta einen wichtigen «Knotenpunkt» in einem interkontinentalen Netz von Vogelzugrouten darstellt und für die europäische Vogelwelt von grösster Bedeutung ist. Auch die Regierung Maltas weiss heute um ihre grosse Verantwortung den Zugvögeln gegenüber, welche die «Maltastrecke» benützen. Dies kommt nicht zuletzt in der vorliegenden Briefmarkenausgabe zum Ausdruck.

Die Anstrengungen der MOS werden seit Jahren von einer ganzen Reihe national und international tätiger Vogelschutzorganisationen Europas fachlich und finanziell unterstützt. Die Koordination für diese Hilfeleistungen obliegt dem «Zugvogelprogramm» des Internationalen Rats für Vogelschutz (ICBP) - eines wissenschaftlich abgestützten Programms, welches von den Zugvögeln «gelernt» hat, dass politische Grenzen überhaupt nicht massgebend sind.




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