Manul

Otocolobus manul


© 1996 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Beim Begriff «Wüste» sehen wir vor unserem geistigen Auge im allgemeinen endlose, von mächtigen Sanddünen geprägte und sengender Hitze ausgesetzte Landstriche. Im Grunde genommen ist der Begriff jedoch viel weiter gefasst: Er gilt für alle Gebiete, welche jährlich weniger als 250 Millimeter Niederschläge erhalten - in denen also ein ausgeprägter Wassermangel herrscht und die deshalb für Tiere und Pflanzen (und natürlich auch den für Menschen) einen unwirtlichen, «wüsten» Lebensraum darstellen. Über die Bodenbeschaffenheit und die Temperaturen besagt der Begriff hingegen nichts. So finden sich quer durch die zentralen Bereiche Asiens - vom Kaspischen Meer ostwärts bis zur Mongolei - weite Flächen, welche aufgrund der überaus geringen Jahresniederschläge als Wüsten oder Halbwüsten zu klassifizieren sind, obschon ihre Böden weit häufiger mit Kieseln, Geröll und Felsen bedeckt sind als mit Sand und obschon es in ihnen, weil sie durch keine Barrieren vor den eisigen Luftmassen der Arktis geschützt sind, die meiste Zeit des Jahres bitterkalt ist.

Diese «Kältewüsten» Zentralasiens bieten nur einer kümmerlichen Vegetation eine Lebensgrundlage, und auch der Tierwelt sind durch das rauhe Klima und die karge Pflanzendecke enge Grenzen gesetzt. Interessanterweise hat sich aber eine ganze Reihe von Tieren genau diese öden Gegenden als Heimat ausgesucht und sich durch mannigfaltige Spezialisierungen in Körperbau und Verhalten an die darin herrschenden harten Lebensbedingungen angepasst. Zu ihnen zählt der Manul (Otocolobus manul) aus der Familie der Katzen (Felidae), von dem auf diesen Seiten die Rede sein soll.

 

Ein naher Verwandter unserer Wildkatze

Die Familie der Katzen setzt sich aus weltweit 36 Arten zusammen. Die Meinungen der Fachleute über die verwandtschaftlichen Beziehungen dieser drei Dutzend Katzenarten und demzufolge die Unterteilung der Katzenfamilie in Gattungen gingen lange Zeit aus diversen Gründen stark auseinander. Nun scheinen die Erkenntnisse aus den erst in jüngster Zeit technisch möglich gewordenen Untersuchungen des Erbguts («DNA») der verschiedenen Katzenarten dem «Streit der Gelehrten» endlich ein Ende zu setzen. Mittels dieser molekulargenetischen Studien lässt sich nämlich für jede Katzenart recht verlässlich abschätzen, vor wie langer Zeit sie einen separaten stammesgeschichtlichen Weg eingeschlagen hat und wie eng demnach ihre Verwandtschaft zum Rest der Katzenfamilie ist.

Eines der augenfälligsten Resultate der DNA-Studien ist die Notwendigkeit der Gliederung der Katzenfamilie in weit mehr Gattungen, als dies bisher üblich war. Bis vor kurzem wurden von den meisten Fachleuten nur drei verschiedene Gattungen anerkannt: 1. Panthera, die «Grosskatzen», mit beispielsweise dem Tiger (Panthera tigris) und dem Löwen (Panthera leo); 2. Acinonyx, mit dem Geparden (Acinonyx jubatus) als einzigem Mitglied; 3. Felis, die «Klein- und Mittelkatzen», der alle übrigen Arten zugeordnet wurden. In der neuen Fassung der Katzensystematik bleiben die Gattungen Panthera und Acinonyx zwar erhalten, doch wird ein Grossteil der Klein- und Mittelkatzen aus der Gattung Felis herausgenommen und in 14 zusätzliche Gattungen gestellt.

Unter den insgesamt nun also 17 Katzengattungen stehen sich die Gattungen Felis und Otocolobus besonders nahe. Ihre Vorfahren hatten sich gemeinsam vor acht bis zehn Millionen Jahren von der Hauptentwicklungslinie der Katzenfamilie abgespalten und separat weiterentwickelt. Als nächste Verwandte des Manuls sind also die insgesamt fünf Mitglieder der Gattung Felis zu betrachten: die Schwarzfusskatze (Felis nigripes), die Sandkatze (Felis margarita), die Graukatze (Felis bieti), die Rohrkatze (Felis chaus) und nicht zuletzt die Wildkatze (Felis silvestris), von deren nordafrikanischen Unterart, der Nubischen Falbkatze (Felis silvestris lybica), all unsere Hauskatzen abstammen.

 

Rauhes Klima erfordert dickes Fell

Das Verbreitungsgebiet des Manuls erstreckt sich über ein ungemein grosses geografisches Areal: Im Westen findet man ihn südlich des Kaukasus in Armenien und Aserbaidschan sowie im angrenzenden Nordiran. Ostwärts kommt er in Turkmenistan, Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan vor, ferner in Nordafghanistan, Nordpakistan und Nordindien (Ladakh). Sodann ist er über weite Bereiche Tibets und des westlichen und nördlichen Chinas verbreitet, sowie nordwärts quer durch die ganze Mongolei bis zur Region des Baikalsees in Russland.

In Bezug auf seinen Lebensraum ist der Manul verhältnismässig stark festgelegt: Er bewohnt fast ausschliesslich steinige Wüsten, Halbwüsten und Trockensteppen in höheren Lagen und meidet insbesondere die sandigen Wüstenstriche des Tieflands. Gebiete mit ausgedehnten Geröllfeldern scheinen ihm besonders zuzusagen. Mancherorts steigt er im Gebirge bis auf über 4000 Meter hinauf, hält sich aber in diesen Höhen vorzugsweise in hügeligem Gelände auf und meidet schroffe Felsgebiete sowie solche, in denen im Winter dicke Schneeschichten liegen. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich deutlich von seinem grösseren Vetter, dem Schneeleoparden (Uncia uncia), dessen Verbreitungsgebiet weitflächig mit seinem überlappt.

Mit einer Kopfrumpflänge von 50 bis 65 Zentimetern, einer Schwanzlänge von 20 bis 30 Zentimetern und einem Gewicht von gewöhnlich 2,5 bis 4,5 Kilogramm weist der Manul ähnliche Körpermasse auf wie eine mittelgrosse Hauskatze. Dennoch wirkt er wesentlich massiger. Das hat zum einen mit den verhältnismässig kurzen, stämmigen Beinen und dem relativ kurzen, buschigen Schwanz zu tun, welche seine Gestalt gedrungen erscheinen lassen. Ferner spielt eine Rolle, dass sein Kopf verhältnismässig breit, kurzschnauzig und kurzohrig ist. Vor allem trägt zu diesem Eindruck aber das ungewöhnlich dicke Fell des Manuls bei: Unter allen Katzen ist es im Verhältnis zur Körpergrösse das langhaarigste und dichteste.

Die gedrungene Gestalt, die verkürzten «Körperanhänge» (Beine, Schwanz, Schnauze, Ohren) und das dicke Fell stellen wichtige Anpassungen des Manuls an das ungemütliche Klima in seiner zentralasiatischen Heimat dar. Kauert er sich irgendwo hin und schlägt er seinen buschigen Schwanz um die Pfoten, bildet er ein dickes, rundes «Fellbündel». Der Wind, der pfeifend über die weiten Ebenen fegt, und die im Winter meist klirrende Kälte können ihm nichts anhaben; er bietet ihnen keine Angriffsfläche.

 

Pfeifhasen bilden Hauptbeute

Wie die Mehrzahl der Katzen ist der Manul ein Pirschjäger, der seine Beutetiere unbemerkt anschleicht und durch einen Überraschungsangriff erlegt. Manchmal lauert er auch lange Zeit geduldig vor Eingängen von Nagetierbauen oder an anderen Plätzen, von denen er weiss, dass gelegentlich Beutetiere dort aufkreuzen. Eine interessante Anpassung des Manuls an die Pirschjagd in seinem öden Lebensraum, in welchem deckungsbietende Pflanzen weitgehend fehlen, sind seine rundlichen, stark seitlich ansetzenden Ohren: Schleicht er sich an ein Beutetier an, so hebt sich sein aufmerksam spähender und lauschender Kopf zwischen dem Geröll nicht augenfällig als solcher ab, ja seine ganze graue, kompakte Gestalt wirkt optisch wie ein Felsstück. Eine Silhouette mit spitzen, hochgerichteten Ohren und schlanken Gliedmassen wäre in diesem Gelände viel verräterischer.

Der Manul geht im allgemeinen in der Morgen- und in der Abenddämmerung auf Pirsch, kann aber mitunter auch am Tag unterwegs sein. In den meisten Bereichen seines Verbreitungsgebiets bejagt er zur Hauptsache Kleinsäuger, namentlich Pfeifhasen (Ochotona spp.), meerschweinchenartige Hasenverwandte, die in den zentralasiatischen Hochländern zwischen den Felsen herumhuschen und oftmals sehr dichte Bestände aufweisen.

Um die Kostzusammenstellung von Raubtieren in freier Wildbahn festzustellen, sammeln die Zoologen im allgemeinen Kotproben und untersuchen die darin befindlichen Haare, Krallen, Zähne und anderen unverdauten Teile. Eine solche Studie wurde von russischen Wissenschaftlern in der Region des Baikalsees an Manulkotproben durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass neunzig Prozent aller Proben Pfeifhasenteile enthielten! Dies ist ein klarer Hinweis darauf, welch überragende Bedeutung diese Tiere für den Manul haben. Als zweitwichtigste Gruppe von Beutetieren wurden mäuseartige Nagetiere ermittelt. Ferner standen Spitzmäuse (u.a. Crocidura spp.), Ziesel (Spermophilus spp.), Steinhühner (Alectoris graeca) und andere Vögel auf dem Speisezettel des Manuls; sie machten aber insgesamt einen sehr geringen Teil der Nahrung aus.

Über das gesellschaftliche Leben des Manuls in freier Wildbahn ist erst wenig bekannt. Wie die meisten Katzen scheint er sich die meiste Zeit des Jahres als Einzelgänger umherzubewegen. Die Paarungen finden offensichtlich jeweils im späten Winter statt, denn die meisten Jungen kommen im April oder Mai zur Welt, nach einer (in Menschenobhut ermittelten) Tragzeit von 65 bis 75 Tagen. Ebenfalls aus Beobachtungen von Zootieren wissen wir, dass die Wurfgrösse gewöhnlich vier bis sechs Junge beträgt und dass die Jungtiere noch vor Ablauf ihres ersten Lebensjahrs die Geschlechtsreife erreichen, sich also schon im folgenden Kalenderjahr ihrerseits fortpflanzen können. In Menschenobhut ist bislang ein Höchstalter von zwölf Jahren festgestellt worden.

 

Manulfelle sind begehrt

Angesichts des ausgedehnten Verbreitungsgebiets des Manuls und der Tatsache, dass grosse Teile desselben eine sehr geringe menschliche Bevölkerungsdichte aufweisen, möchte man annehmen, dass der Fortbestand des langhaarigen Gesellen kaum gefährdet ist. Leider scheint das nicht der Fall zu sein: Es gibt unmissverständliche Hinweise darauf, dass die Bestände des Manuls in verschiedenen Bereichen Zentralasiens markant zurückgegangen sind und dass mancherorts die Verbindungen zwischen den regionalen Beständen unterbrochen sind.

Der Hauptgrund für diese wenig erfreuliche Situation ist zweifellos die Bejagung des Manuls zwecks Gewinnung seines Fells. Zwar gilt das Manulfell auf dem internationalen Pelzmarks nicht als «Luxusfell», doch ist es wegen seiner Dichtheit und Weichheit im ganzen zentralasiatischen Raum zur Herstellung von wärmedämmenden Kleidungsstücken von alters her sehr begehrt. Beispielsweise kamen in der Mongolei, einem Vorkommensschwerpunkt der Art, zu Beginn unseres Jahrhunderts alljährlich geschätzte 50 000 Felle in den Handel. Auch in China, in Afghanistan und in der ehemaligen Sowjetunion wurden seinerzeit Jahr für Jahr grosse Mengen von Manulfellen vermarktet. Überall ging jedoch die Zahl der gehandelten Felle im Laufe unseres Jahrhunderts markant zurück, und zwar nicht wegen nachlassender Nachfrage, sondern unzweifelhaft wegen der Ausdünnung der Manulbestände. So gelangten beispielsweise in der Mongolei gegen Ende der fünfziger Jahre «nur» noch 6500 Manulfelle im Jahr auf den Markt.

1975 wurde auf internationaler Ebene die «Konvention über den internationalen Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten» (CITES) in Kraft gesetzt. In dieser Konvention ist der Manul in Anhang II aufgelistet, was bedeutet, dass der internationale Handel mit lebenden Exemplaren, Fellen oder Fellprodukten dieser Art zwischen den rund 120 Staaten, welche die Konvention anwenden, mengenmässig beschränkt ist und streng überwacht wird. Afhanistan, China, Indien, Iran und Pakistan haben die Konvention ratifiziert und sorgen somit im Bereich ihres Hoheitsgebiets für dessen Einhaltung. Auch die Sowjetunion hatte vor ihrer Auflösung für den Vollzug der Konvention auf ihrem gesamten Territorium gesorgt. Russland ist nun weiterhin CITES-Vertragsstaat; hingegen müssen die zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken die Konvention erst noch annehmen.

Aus den Statistiken, welche vom CITES-Sekretariat geführt werden, geht hervor, dass der Handel mit Manulfellen in den letzten Jahren massiv zurückgegangen ist. Da die Art zudem in den meisten Ländern innerhalb ihres Verbreitungsgebiets gesetzlichen Jagdschutz geniesst, dürfte die Bejagung heute keine allzu mächtige Bedrohung mehr für den Manul darstellen.

Dass sich die Manulbestände nun aber zu erholen vermögen, wird als kaum wahrscheinlich angesehen. Denn zum einen gehen Wilddieberei und Fellschmuggel vielerorts in einem gewissen Ausmass weiter. Zum anderen ist dem Manul in jüngerer Zeit eine andere Gefährdung erwachsen, gegen die sich schwerlich etwas unternehmen lässt: die gezielte Vernichtung der Pfeifhasenbestände und damit seiner Nahrungsgrundlage. Pfeifhasen werden in weiten Bereichen Zentralasiens als Plage betrachtet, weil sie teils als Überträger der Beulenpest, teils als Nahrungswettstreiter des Weideviehs gelten. So sind sie in Teilen der ehemaligen Sowjetunion, etwa beim Baikalsee und im Altai-Gebirge, auf breiter Front vergiftet worden, und auch in Teilen Chinas, etwa in den Provinzen Gansu, Qinghai und Nei-Monggol, sind sie das Ziel breitangelegter Ausrottungsprogramme. Durch diese unseligen Aktionen werden die verbleibenden Manulbestände ohne Zweifel erheblich geschädigt.

Von der Weltnaturschutzunion (IUCN) wird der Manul gegenwärtig als «insufficiently known» («ungenügend bekannt») eingestuft. Dies bedeutet, dass zwar die Datenlage nicht ausreicht, um zuverlässige Aussagen über die Bestandssituation und -entwicklung der langhaarigen Katze machen zu können, dass sie aber wahrscheinlich als gefährdet zu betrachten ist. In der Tat deutet manches darauf hin, dass sie nur gerade in den entlegensten Teilen der zentralasiatischen Geröllwüsten, wo kaum je ein Mensch hinkommt, einigermassen unbehelligt weiterzuleben vermag. Genauere Abklärungen über den Status des Manuls, eines charakteristischen und wichtigen Teils des Kältewüsten-Ökosystems Zentralasiens, sind ohne Zweifel vonnöten.




ZurHauptseite