Mauritius-Taube

Nesoenas mayeri


© 1985 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Mauritius-Taube (Nesoenas mayeri) gehört zu einer der erfolgreichsten und weitestverbreiteten Vogelfamilien unseres Planeten: den Tauben (Columbidae). Mit Ausnahme der Antarktis und ein paar abgelegener ozeanischer Inseln bevölkern die Angehörigen dieser Familie in rund 300 Arten und 42 Gattungen den gesamten Erdball. Jedermann kennt einzelne Vertreter dieser grossen Vogelfamilie - und sei es auch nur die von der Felsentaube (Columba livia) abstammende Haustaube, welche in enormer Zahl die Grossstädte Europas, Asiens und Amerikas besiedelt.

Viele Taubenarten sind sehr kräftige und ausdauernde Langstreckenflieger. Auf diese Fähigkeit ist es wohl zurückzuführen, dass sich die Tauben auch auf vielen Meeresinseln niedergelassen haben. Im Gegensatz zur Haustaube oder zur Trauertaube (Zenaida macroura), der häufigsten Taube Nordamerikas, kommen diese «Inseltauben» aber oft in sehr kleinen und daher leicht verletzlichen Beständen vor. So erstaunt es nicht, dass von den weltweit 26 Taubenarten, die in der Roten Liste der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) enthalten sind, deren 23 Inseltauben sind.

Eine davon ist die Mauritius-Taube. Sie kommt ausschliesslich auf der Insel Mauritius vor und wird zu den seltensten und gefährdetsten Vogelarten der Erde gerechnet.

 

Einzigartige Insellebewesen

Mauritius ist keine grosse Insel. Mit einer Fläche von lediglich 1865 Quadratkilometern ist der seit 1968 von England unabhängige Inselstaat 22mal kleiner als die Schweiz. Mauritius gehört zur Inselgruppe der Maskarenen und liegt etwa 900 Kilometer östlich von Madagaskar im Indischen Ozean.

Die Insel ist vulkanischen Ursprungs, hat also nie mit dem Festland Verbindung gehabt. Daraus folgt, dass die Vorfahren sämtlicher auf Mauritius heimischen Lebewesen einst von Afrika oder Asien über das Meer gekommen sein müssen. Hier, in der Isolation, haben sie sich unabhängig von ihren Verwandten auf dem Festland vermehrt und weiterentwickelt. Die meisten von ihnen weichen darum heute in Körperbau und Verhalten mehr oder weniger deutlich - je nachdem, vor wie langer Zeit sie auf der Insel eingetroffen sind - von jenen ab.

So werden denn fast sämtliche Vögel der Insel Mauritius als eigenständige Arten eingestuft, welche nirgendwo sonst auf der Welt vorkommen. Der Zoologe spricht in solchen Fällen von «endemischen» - nur hier heimischen - Arten. Zu ihnen gehört auch die Mauritius-Taube.

Als die Portugiesen im Jahr 1505 die abgelegene Insel im Indischen Ozean entdeckten, fanden sie eine Vielzahl einzigartiger, bis dahin unbekannter Tiere und Pflanzen vor. Als sich wenig später die ersten europäischen Siedler auf Mauritius niederliessen, da erwies sich aber das üppige tropische Inselparadies als ausserordentlich zerbrechliches Ökosystem. Jagd, eingeschleppte Säugetiere und Waldrodung liessen schon nach wenigen Jahren viele der eingeborenen Inselwesen für immer verschwinden.

14 der ursprünglich 25 endemischen Vogelarten von Mauritius sind bis heute ausgestorben - darunter der legendäre flugunfähige Dodo (Raphus cucullatus), eine Ente, ein Reiher, zwei Eulen, ein Papagei, eine Ralle und eine Taube. Von den elf überlebenden endemischen Vogelarten werden derzeit sieben in der von der IUCN herausgegebenen «Roten Liste der bedrohten Tierarten» geführt. Es sind dies ein Turmfalk (Falco punctatus), ein Edelsittich (Psittacula eques), ein Raupenschmätzer (Coracina typica), ein Bülbül (Hypsipetes olivaceus), ein Brillenvogel (Zosterops chloronothus), ein Schönweber (Foudia rubra) und schliesslich die Mauritius-Taube. Ob diese Arten ebenfalls das traurige Schicksal ihrer ehemaligen Mitbewohner erleiden werden, oder ob es gelingt, ihr Überleben zu sichern, wird sich wohl schon in naher Zukunft zeigen.

 

Eine rosarote Taube

Im englischen Sprachraum heisst die Mauritius-Taube «Pink Pigeon» - «Rosataube» also. Dieser Name bezieht sich sehr treffend auf die hellrosa Färbung von Kopf, Nacken und Unterseite der schönen Inseltaube. Aufgrund dieser charakteristischen Gefiederfarbe, die bei keiner anderen Taubenart zu finden ist, und ihrer besonders stark abgerundeten Flügel wegen wird die Mauritius-Taube in eine eigene Gattung (Nesoenas) gestellt. Als ihre nächsten Verwandten gelten die Turteltauben (Gattung Streptopelia).

In ihrem Verhalten unterscheidet sich die Mauritius-Taube allerdings kaum von den anderen Familienmitgliedern: Wie die meisten Taubenarten hält sie sich vorwiegend im Kronenbereich der Bäume auf. Dort findet sie ihre Nahrung und baut ihr Nest.

Hinsichtlich ihrer Nahrung ist die Mauritius-Taube - wie fast alle ihre Verwandten - wenig wählerisch. Sie nimmt Blätter, Knospen, Blüten, Früchte und Samen einer Vielzahl einheimischer wie eingeführter Pflanzenarten. Auch Schnecken hat man sie schon verzehren sehen. Wie andere Tauben trinkt und badet sie gern.

Ein auffälliges Körperorgan der Rosataube ist ihr grosser Kropf. Ist er mit Nahrung gefüllt, so tritt er stark hervor und verleiht dem Vogel ein geradezu «kopflastiges» Aussehen.

 

Winziger Restbestand in engem Rückzugsgebiet

Schon seit 1830 wird der Bestand der Mauritius-Taube als kritisch eingestuft. Um die Jahrhundertwende fürchtete man gar, der Vogel stehe unmittelbar vor dem Aussterben. Dies hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet; die Rosataube hat bis heute in freier Wildbahn überlebt.

In den fünfziger Jahren fanden erstmals genaue Bestandeserhebungen statt. Sie ergaben eine Populationsgrösse von 40 bis 60 Tieren. 1976 betrug der Bestand an freilebenden Mauritius-Tauben noch 23 Tiere. 1978 hatte sich die Population wieder auf 30 erhöht. Der Wirbelsturm Claudette, der Ende 1979 über die Insel hinwegfegte, halbierte den Taubenbestand dann auf 10 bis 15 Vögel. 1984 hatte sich die Population wieder ein wenig erholt und zählte erneut 15 bis 20 Tiere.

Dieser winzige Bestand der Mauritius-Taube lebt im Südwesten der Insel in einem etwa 2,5 Hektar grossen Wäldchen aus Japanischen Rotzedern (Cryptomeria japonica). Sämtliche Nistplätze des seltenen Vogels befinden sich innerhalb dieses eng begrenzten Gebiets, und während der Brutsaison schlafen die Tauben auch dort. Ausserhalb der Brutsaison benützen sie Schlafbäume in windgeschützten Tälchen in der näheren Umgebung des Zederngehölzes.

Die Brutsaison liegt in der Regel zwischen Oktober und März. Ihr Beginn und ihre Dauer richten sich nach den klimatischen Verhältnissen und dem damit zusammenhängenden Nahrungsangebot. Das Taubenpaar baut 4 bis 16 Meter über dem Boden ein einfaches Nest mit nur angedeuteter Mulde. Dort hinein legt das Weibchen seine ein bis zwei weissen Eier.

 

Gefahrvolles Inselleben

Die bedrohliche Situation der Mauritius-Taube - und auch der anderen endemischen Vogelarten der Insel - ist auf mehrere Ursachen zurückzuführen. Von diesen dürfte die grossflächige Rodung der Wälder auf Mauritius und damit die Zerstörung des Lebensraums der Rosataube wohl am schwersten wiegen. Der ursprüngliche Wald, der einst die gesamte Insel bedeckt hatte, war 1980 auf eine Fläche von nurmehr 14 Quadratkilometer zusammengeschrumpft. Besonders hart traf die Mauritius Taube die Rodung von 28 Quadratkilometern Zwergwald bei Les Mares zu Beginn der siebziger Jahre, denn dieses Waldstück war seit jeher das Hauptwohngebiet der seltenen Taubenart gewesen.

In starkem Mass leiden die endemischen Vogelarten auch unter dem Einfluss der vielen vom Menschen eingeführten Tierarten. Zu nennen sind vor allem der Javaneraffe (Macaca fascicularis), die Hausratte (Rattus rattus), der Mähnenhirsch (Cervus timorensis), der Indische Mungo (Herpestes edwardsi), die Hauskatze und der aus Indien stammende Hirtenstar (Acridotheres tristis). Diese Fremdlinge nehmen den ursprünglichen Inselbewohnern Nahrung und Nistplätze weg, machen Jagd auf sie und rauben ihnen die Eier aus den Nestern.

Die Bejagung der Mauritius-Taube durch den Menschen scheint deren Artbestand hingegen nie ernsthaft gefährdet zu haben. Dies ist im wesentlichen der festen Überzeugung der einheimischen Bevölkerung zu verdanken, dass das Fleisch der Taube ungeniessbar sei, weil diese gelegentlich von den giftigen Früchten des endemischen Fangame-Baums (Euphorbia pyrifolia) isst. Ob dieser Glaube auf die unangenehmen Erfahrungen des frühen holländischen Reisenden Van de Hagen zurückgeht, ist ungewiss. Van de Hagen berichtet jedenfalls in einer Chronik von 1607, dass seine Leute «nach dem Genuss des zarten Fleisches von Rosatauben einer seltsamen, durch ausserordentliche Mattigkeit gekennzeichneten Krankheit» zum Opfer fielen.

Wesentlich schwerwiegender sind dagegen die Auswirkungen der Wirbelstürme, die von Zeit zu Zeit weite Teile der Insel Mauritius verwüsten. Dabei erleiden die Vögel einerseits direkten Schaden durch die enormen Kräfte, die solche Stürme ausüben. Andererseits wird das - infolge der Lebensraumverknappung ohnehin spärliche - Nahrungsangebot durch solche Sturmwinde für längere Zeit herabgesetzt. Untersuchungen haben gezeigt, dass der Bestand der Mauritius-Taube durch die Wirbelstürme der Jahre 1960, 1975 und 1979 jeweils etwa halbiert wurde. Während der Brutsaison dürften die Schäden sogar noch verheerender sein.

Nicht zuletzt besteht natürlich bei einer derart winzigen Tierpopulation immer auch das Problem der Inzucht.

 

Erfolgversprechende Schutzanstrengungen

Die Mauritius-Taube ist seit vielen Jahren gesetzlich geschützt. 1974 wurde zudem der grösste Teil ihres Lebensgebiets unter Schutz gestellt. Heute nun steht die Rosataube im Brennpunkt aufwendiger Vogelschutz-Anstrengungen, die seit rund zehn Jahren auf Mauritius unternommen werden.

1973 leitete der World Wildlife Fund (WWF) ein Projekt zur Erhaltung des stark bedrohten Mauritius-Turmfalken in die Wege. Die praktische Durchführung des Projekts übernahm der Internationale Rat für Vogelschutz (ICBP); finanzielle und fachliche Un terstützung boten die Zoologische Gesellschaft New York, der Jersey-Naturschutzbund und die Regierung von Mauritius. Das anfänglich eng umschriebene Schutzprojekt wurde dann wenig später auf die gesamte gefährdete Tier- und Pflanzenwelt von Mauritius ausgedehnt.

Als erfreulichstes Teilprojekt dieser umfassenden Naturschutzanstrengungen auf der sonnigen Insel im Indischen Ozean gilt heute dasjenige zur Erhaltung der Rosataube. Zwar erweist sich die Situation des Vogels in freier Wildbahn nach wie vor als äusserst kritisch. Ausgesprochen erfolgreich ist hingegen die Zucht der Art in Gefangenschaft, die seit der Mitte der siebziger Jahre nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten betrieben wird.

Die ersten vier Mauritius-Tauben, die man 1976 aus dem Freileben fing, wurden bei Black River auf Mauritius einerseits und im Jersey Zoo auf der gleichnamigen Insel im Ärmelkanal anderseits in grossen Flugkäfigen untergebracht. Es war anfänglich sehr schwierig, die Tiere zum Brüten zu bringen. Und als es dann endlich soweit war, da erwiesen sie sich als ausgesprochen unvorsichtige Eltern. Oft beschädigten sie ihre Eier oder warfen Junge aus dem Nest. In solchen Fällen leisteten Lachtauben (Streptopelia risoria) gute Ammendienste.

Nachdem die anfänglichen Schwierigkeiten überwunden waren, gediehen beide Zuchtgruppen prächtig. Des öfteren wurden einzelne Vögel zwischen den beiden Inseln ausgetauscht, um Inzucht zu vermeiden. Und schon bald konnten weitere Zuchtgruppen in anderen Zoologischen Gärten gegründet werden. Anfang 1984 lebten in den Volieren auf Mauritius und Jersey, im New Yorker Zoo und im Albuquerque Zoo (USA) sowie im Vogelpark Walsrode (D) gegen 100 Mauritius-Tauben.

Dieser erfreulich grosse Bestand von Rosatauben in Menschenobhut ermutigte die Projektbetreuer dazu, im Botanischen Garten von Pamplemousses im Norden von Mauritius eine neue Kolonie freifliegender Tauben zu gründen. Der Ort schien für diesen Versuch besonders vielversprechend, weil eine Vielzahl mächtiger Bäume den Vögeln ganzjährig genügend Nahrung, Schlaf- und Nistplätze bietet und die Störungen minimal sind. Im März 1984 wurde das erste Paar freigelassen; bis zum Juni folgten weitere fünf Paare. Zu diesem Zeitpunkt konnten die verantwortlichen Wissenschafter bereits mit grosser Genugtuung beobachten, wie eines der Paare mit dem Nestbau begann. So besteht heute die berechtigte Hoffnung, dass die Mauritius-Taube überleben wird und nicht das traurige Schicksal ihres ehemaligen Inselmitbewohners, des Dodo, teilen wird.




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