Projekt «Meeresschildkröten in Mexiko»


© 1984 Markus Kappeler
(erschienen in der Reihe «WWF-Projektberichte»)



Meeresschildkröten sind vollendete Meeresbewohner. Sie haben sich allerdings nie ganz vom Land gelöst, von dem aus ihre Urahnen einst das Meer eroberten. Auch heute noch legen sie ihre Eier auf dem Land ab. Beim Landausflug werden sie eine leichte Beute des Menschen, der sie zu Schildpatt, Leder und Öl verarbeitet und zudem ihr Fleisch und ihre Eier als Delikatessen schätzt. Deshalb haben die Bestände aller sieben Arten dieser altertümlichen Reptilien weltweit und teilweise dramatisch abgenommen.

Eine der am meisten gefährdeten Meeresschildkröten ist die Ostpazifische Suppenschildkröte (Chelonia mydas agassizii), auch Schwarze Suppenschildkröte genannt, die ihre Eier hauptsächlich an der Pazifikküste Mexikos ablegt. Im nördlichen Teil dieses Landes werden dem Fleisch und dem Blut dieser Meeresschildkröte gesundheitskräftigende, ihren Eiern aphrodisische Eigenschaften zugeschrieben. Millionen der Tiere sind deshalb schon an den Stränden Mexikos abgeschlachtet worden. Und je seltener sie wurden, desto höher kletterte ihr kommerzieller Wert. Ein ausgewachsenes, 70 bis 100 Kilogramm schweres Exemplar war zeitweise mehr wert als ein Ochse.

Mitte der siebziger Jahre waren die Maruata- und die Colona-Bucht an der Küste Mexikos die beiden letzten Stellen, an denen die Schwarze Suppenschildkröte noch in grösserer Zahl ihre Eier ablegte. Und selbst hier war der Bestand an eierlegendenWeibchen auf unter 10 000 gesunken. Einem dringenden Appell des WWF folgend stellte 1978 die mexikanische Regierung die Schwarze Suppenschildkröte unter strikten gesetzlichen Schutz. Sie gab zudem grünes Licht für ein WWF-Projekt, das den Schutz der Tiere sowie ihrer Gelege an den Eiablegestränden anstrebt.

Im Rahmen dieses Projekts werden ansässige Nahuatl-Indianer dafür entlöhnt, dass sie regelmässig die Strände kontrollieren und frische Schildkröten-Gelege an einen geschützten Brutplatz bringen. Die Indianer sind somit nicht mehr auf den Fang der Meeresschildkröten angewiesen, da ihnen ein festes Einkommen garantiert ist.

Das WWF-Projekt wird auch von der mexikanischen Fischereibehörde unterstützt, welche mit Patrouillenbooten die Küstengewässer bewacht. Allein im Jahr 1982 wurden 16 Boote und 300 Schildkrötennetze von Wilderern konfisziert.

Während der Eiablagesaison 1982/83 halfen sechzig Studenten der Michoaca- und der Oaxaca-Universität als Volontäre beim WWF-Projekt mit. Sie wurden dazu motiviert, eigene Forschung an der Schwarzen Suppenschildkröte durchzuführen und damit den Naturschutz in ihrem Land zu fördern.

Das Resultat von fünf Jahren WWF-Projekt sind über 900 000 geschlüpfte Schwarze Suppenschildkröten, die dem Pazifik übergeben werden konnten. Der grösste Teil dieser Jungen hat die Küstengewässer unbehelligt von Raubfischen und Möwen durchquert; ihr Schicksal im offenen Meer bleibt allerdings eines der gut gehüteten Geheimnisse der Natur. Es ist aber zu hoffen, dass möglichst viele von ihnen dereinst an ihren Geburtsstrand zurückkehren werden, um ihrerseits für Nachwuchs und damit den Fortbestand ihrer Art zu sorgen.




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