Die Meeresschildkröten


© 1983 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Archaische Reptilien

Archelon ischyros, die sechs Meter lange und damit grösste Meeresschildkröte der Erdgeschichte, schwamm schon vor 150 Millionen Jahren durch die Urmeere des Erdmittelalters - gemeinsam mit zehn Meter langen Ichthyosauriern, Plesiosauriern und wie sie alle hiessen.

Während aber die Meeressaurier nach und nach aus starben, haben sich die Meeresschildkröten bis auf den heutigen Tag behauptet. In all den Jahrmillionen haben sie ihre Gestalt kaum verändert. Sie haben sie aber kontinuierlich optimiert, sodass sich die heutigen, «modernen» Meeresschildkröten als vollendete Meeresbewohner präsentieren: Mit stromlinienförmig abgeflachtem Panzer; mit mächtigen zu Schwimmflossen umgebauten Vorderbeinen, die zusammen mit der überdimensionierten Armmuskulatur dem Tier einen gewaltigen Antrieb verschaffen; mit Lungen, in denen die Atemluft dank einer speziellen Lungenmuskulatur von einem Teil in einen andern gepresst werden kann, wodurch willkürliche Gewichtsverlagerungen im Wasser möglich sind; Lungen also, die in ihrer Funktion der Fischschwimmblase entsprechen.

«Sie erinnern, wenn sie sich im Wasser tummeln, auf das allerlebhafteste an fliegende Adler, denn sie schwimmen wundervoll, mit ebensoviel Kraft als Schnelligkeit, mit ebenso unwandelbarer Ausdauer als Anmut», beschrieb Alfred Brehm vor 120 Jahren überaus treffend die Schwimmkünste dieser hoch spezialisierten Meerestiere.

 

Sippe mit sieben Mitgliedern

Sieben Arten umfasst die Sippe der Meeresschildkröten heute. Sie sollen kurz charakterisiert werden:

1. Die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea) ist der unbestrittene Gigant dieser Tiergruppe. Sie erreicht eine Panzerlänge von 230 Zentimetern, ein Gewicht von 600 Kilogramm und eine Spannweite von 3 Metern. Damit ist sie das schwerste neuzeitliche Kriechtier überhaupt und übertrifft auch bei weitem ihre landbewohnenden Brüder, die Riesenschildkröten von Galapagos und den Seychellen. Jene bringen es nämlich «nur» auf eine Panzerlänge von 130 Zentimetern und ein Gewicht von 270 Kilogramm. Die Lederschildkröte gehört auch zu den schnellsten Tieren der Ozeane: mit einer Geschwindigkeit von bis zu 40 Kilometern je Stunde schwimmt sie auch schnellen Raubfischen davon. Im Gegensatz zu den übrigen Meeresschildkröten ist der ursprüngliche Knochen- und Hornpanzer der Lederschildkröte stark zurückgebildet. Er ist durch eine dicke, lederartige Haut ersetzt, in welche mosaikartig kleine Knochenplättchen eingesetzt sind.

2. Die Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata) ist mit einer Panzerlänge von maximal 90 Zentimetern die kleinste unter den Meeresschildkröten. Ihr Rückenpanzer besteht aus hornartigen, dunkel geflammten Schildern, die sich schindelartig nach hinten überdachen. Diese Schilder liefern das begehrte Schildpatt, das - wie die Fachleute betonen - hinsichtlich Schönheit, Güte und Verarbeitbarkeit «jede andere Hornsubstanz übertrifft».

3. Die Suppenschildkröte (Chelonia mydas) mit einer Panzerlänge von bis zu 140 Zentimetern ist im Gegensatz zu den andern Meeresschildkröten ein reiner Vegetarier. Während jene Raubtiere sind, welche mit ihren starken Hornschnäbeln Fische jagen, Seesterne, Tintenfische, Muscheln, Krabben und Schnecken packen, ja sogar stachelige Seeigel und giftig nesselnde Medusen fressen, ernährt sie sich fast ausschliesslich von Seegras, Tang und Algen. Das ist wohl der Grund dafür, dass ihr Fleisch nicht so tranig schmeckt wie das ihrer Verwandten, und deshalb für die Herstellung der Schildkrötensuppe - einer nach wie vor hochbezahlten Luxusdelikatesse - Verwendung findet.

4. Die Australische Suppenschildkröte (Chelonia depressa) wurde erst in jüngerer Zeit als eigene Art von der «gewöhnlichen» Suppenschildkröte abgetrennt. Sie unterscheidet sich hauptsächlich durch ihre Verbreitung, im übrigen aber nur unwesentlich von Chelonia mydas.

5. Die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta) mit einer Panzerlänge von bis zu 100 Zentimetern unterscheidet sich von der Echten Karettschildkröte unter anderem durch das Fehlen des hakenförmigen Hornschnabel-Fortsatzes sowie durch ihre glatten, nicht geschindelten Rückenschilder. Wie die Suppenschildkröte hält sie sich gern in stillen Buchten mit geringer Brandung auf.

6. Die Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea) mit einer Panzerlänge von bis zu 100 Zentimetern galt aus unerfindlichen Gründen lange Zeit als Mischlingsform zwischen der Suppenschildkröte und der Unechten Karettschildkröte - daher ihr etwas seltsam anmutender Name. Äusserlich unterscheidet sie sich deutlich von den anderen Arten durch die relativ grosse Anzahl der Rippenschilder an ihrem Panzer (8 Paare gegen über 4 bzw. 5 bei den andern).

7. Die Atlantische Bastardschildkröte (Lepidochelys kempii) ähnelt in Gestalt und Lebensweise sehr der «gewöhnlichen» Bastardschildkröte. Wesentliches Unterscheidungsmerkmal ist auch hier die Verbreitung. Mit weniger als 1000 brütenden Weibchen dürfte die Atlantische Bastardschildkröte die seltenste Meeresschildkröte sein.

 

Tagaktive Weltbürger

Meeresschildkröten sind Weltbürger: Sie besiedeln alle warmen und tropischen Ozeane rund um unsern Erdball herum. Hier finden diese Tiere, die ihre Körpertemperatur nicht selbst regulieren können, ganzjährig die für sie günstigen Wassertemperaturen und somit ideale Lebensbedingungen.

Meeresschildkröten sind ausgesprochene Tagtiere. Nachts lassen sie sich schlafend an der Wasseroberfläche treiben. Der tagaktiven Lebensweise entspricht ihr gutes Sehvermögen: Ihre Augen unterscheiden nicht nur Formen, sondern auch Farben, ja sogar verschiedene Farbtönungen. Im Gegensatz dazu ist ihr Hörvermögen denkbar schlecht entwickelt, und die Tiere sind denn auch stumm.

 

Rätselhafte Schildkrötenzüge

Seit Jahrmillionen sind die Meeresschildkröten an ein Leben auf offener See angepasst. Und doch haben sie es nie geschafft, sich ganz vom Land zu lösen, von dem aus ihre Urahnen einst das Meer erobert haben: Auch heute noch legen sie ihre Eier auf dem Land ab.

In meist dreijährigem Zyklus steuert jedes Weibchen den Niststrand an, auf dem es einst selbst zur Welt kam. Oft liegt dieser Strand mehr als tausend Kilometer von seinen untermeerischen Weide- und Jagdgründen entfernt, sodass es wochenlang wandern muss, um dorthin zu gelangen. Liegen die Nistplätze der im Atlantik lebenden Meeresschildkröten hauptsächlich an den Stränden der Westindischen Inseln und der Ostküste Mittelamerikas, so ziehen die Meeresschildkröten des Indischen und des Stillen Ozeans vornehmlich zu der indoaustralischen Inselwelt, um ihre Eier abzulegen.

Zielstrebig wandern die Tiere zur Paarungszeit aus der Weite der Ozeane, wo sie sich sonst einzeln verstreut aufhalten, zu ihren angestammten Niststränden, schliessen sich dabei zu Gruppen und später zu Schwärmen zusammen. Auch Männchen gesellen sich zu den Reisegesellschaften.

Erstaunlich und rätselhaft sind diese Züge! Der bekannte Meeresschildkröten-Forscher Archie Carr von der Universität Florida hat festgestellt, dass sich bei diesen Wanderungen - zumindest, was die Weibchen betrifft - immer dieselben Individuen zu Gruppen vereinigen und sich schliesslich auch gemeinsam an Land begeben. Wie sich aber diese Tiere gegenseitig erkennen, wie sie zusammenfinden, was den eigenartigen Dreijahresrhythmus verursacht, und wie die Schildkröfen über diese gewaltigen Entfernungen im Meer navigieren, das alles sind auch für Carr noch völlig ungelöste Fragen.

 

Nachts legen sie am Strand ihre Eier ab

In der Nähe «ihres» Strands angelangt, kommt es zur Paarung der Tiere. Frei im Wasser schwebend reitet das Männchen auf dem Weibchen, wobei es sich mit seinen Vorderflossen an dessen Panzer festklammert.

In einer der nächsten Nächte begibt sich dann das Weibchen mit grösster Vorsicht an Land - bereit, sich bei der geringsten Störung wieder ins nasse Element zu retten. Langsam schleppt es sich mit seinen flossenförmigen Vorderbeinen den Sandstrand hinauf. Gut oberhalb der Flutmarke gräbt es in mühseliger Arbeit mit seinen Hinterflossen eine röhrenförmige Grube von 20 bis 60 Zentimetern Tiefe in den Sand. Da hinein legt es seine kostbare Fracht von hundert und mehr kugelrunden weissen Eiern, jedes das exakte Abbild eines Pingpong-Balls. Nach nur kurzer Pause schaufelt es das Loch mit den Hinterflossen wieder zu und presst schliesslich den Sand unter rutschenden Bewegungen seines schweren Körpers sorgfältig fest.

Damit hat das Schildkrötenweibchen seine Schuldigkeit auch schon getan: Die Brutpflege überlässt es dem schützenden Sand und der wärmenden Sonne. Es kehrt nach rund einstündigem Landaufenthalt ins Meer zurück. Dort, im küstennahen Flachwasser, wird es sich erneut mit einem der wartenden Männchen verpaaren und dann in einer späteren Nacht noch einmal an Land gehen. Denn während einer Nistzeit setzt jedes Weibchen mehrere Gelege kurz nacheinander ab. Meist sind es zwei oder drei, in Ausnahmefällen aber auch bis zu sechs. Damit macht es den zweijährigen Ausfall in seinem Fortpflanzungszyklus wieder wett.

 

Exodus der kleinen Paddler

Nach rund zwei Monaten schlüpfen die winzigen, nur 4 bis 7 Zentimeter langen und noch weichen Schildkrötenbabys aus den Eischalen. Nun müssen sie sich zuerst einmal zur Erdoberfläche emporarbeiten. Einzeln können sie diese Arbeit nicht bewältigen; es sind gemeinsame Anstrengungen nötig, um den Sand durchwühlen zu können.

Auslöser für diesen eindrücklichen Exodus aus dem sandigen Nest ist ein Temperaturfall: Die Jungen tauchen jeweils nach starkem Regen oder bei Nacht auf, wenn sich der Sand abgekühlt hat. Oben angekommen hasten sie unbeirrbar dem Meer zu. Instinktiv wissen sie, dass es dieses so schnell wie möglich zu erreichen gilt, denn am Strand sind sie eine leichte Beute für Raubvögel, Krabben, Echsen, Hunde, Schleichkatzen usw. Wie wir heute wissen, leitet sie nicht der charakteristische Meerwassergeruch den Strand hinunter. Auch nicht die Schwerkraft oder etwa der ungegliederte Horizont über dem Wasserspiegel. Sie orientieren sich allein an der Helligkeit des Himmels, die auch des nachts über der Meeresoberfläche grösser ist als über dem Land.

Haben sie einmal die freundlichen Wellen erreicht und fallen sie nicht gleich einem hungrigen Raubfisch zum Opfer, so machen sie sich auf zu einem Leben des Wanderns in den Ozeanen. Sie werden Meerespflanzen abgrasen, Fische fangen, und ihren «Heimathafen» erst wieder anlaufen, wenn sie im Alter von acht oder mehr Jahren den Drang verspüren, sich fortzupflanzen.

 

Die Bestände sind weltweit gefährdet

Meeresschildkröten sind uralte Tierformen. Wie lange sie aber noch überleben werden, ist eine offene Frage. Alle Arten sind in ihrem Fortbestand bedroht, weil der Mensch an allen Sandstränden der tropischen Meere die Eier einsammelt und zudem die an Land steigenden Weibchen tötet, um Fleisch, Öl, Leder und Schildpatt aus ihnen zu gewinnen. Was dem einzigen anderen Hochsee-Reptil, der ein Meter langen, giftigen Plättchen-Seeschlange (Pelamis platurus), sowie den entwicklungsgeschichtlich viel jüngeren Walen durch das Gebären vollentwickelter Jungtiere gelungen ist, haben die Meeresschildkröten eben nie geschafft: Unabhängigkeit vom Land. Ob ihr Überleben daran scheitern wird?

Zu allen Zeiten waren etwa 97 Prozent des Meeresschildkröten-Nachwuchses frühzeitig verloren gegangen. Warane und Hunde buddelten die Gelege aus, Raubvögel und Strandkrabben fingen die schlüpfenden Babys auf dem Weg zum Meer ab, und Katzenhaie und Muränen schnappten im Wasser nach den kleinen Paddlern. Trotzdem war die Vermehrung der Meeresschildkröten immer sichergestellt. Denn der hohen Verlustquote wurde einfach eine schier unglaubliche Eierproduktion entgegengehalten: Man rechnet, dass ein Weibchen im Laufe seines Lebens sieben- bis achtmal etwa 300 bis 500, gesamthaft also rund 3000 Eier legt. Selbst die Nutzung durch die Küsten- und Inselbewohner in den Tropen, für die das Schildkrötenfleisch und die Eier seit Jahrtausenden saisonal wichtige Proteinquellen darstellen, hat die Meeresschildkröten nicht in ihrer Existenz gefährdet.

Bedrohlich ist die Lage erst geworden, nachdem seit Anfang dieses Jahrhunderts Schildkrötensuppe in den reichen Ländern als Delikatesse gilt, seit Schildpatt als begehrter Rohstoff zur Herstellung exklusiver Brillengestelle und anderer kunstgewerblicher Gegenstände Verwendung findet, seit immer mehr Schildkröten von den Schleppnetzen einer stetig wachsenden Armada von Trawlern erfasst werden und ertrinken, und ein Schildkröten-Niststrand nach dem anderen vom Tourismus in Beschlag genommen wird.

Seitdem vollzieht sich der bedenkliche Rückgang der Meeresschildkrötenbestände in allen Tropenmeeren. Die unerbittliche und rücksichtslose Ausbeutung durch profitgierige Minderheiten und die erschreckende Ignoranz der Konsumenten haben es geschafft, diese seit Jahrmillionen friedlich lebenden Tiere innerhalb weniger Jahrzehnte an den Abgrund der Ausrottung zu führen. Viele der traditionellen Brutstrände sind heute bereits verwaist; das Schicksal dieser grossartigen Reptilien scheint besiegelt.

 

Internationales Aktionsprogramm zur Erhaltung der Meeresschildkröten

Weil das 1973 erlassene Washingtoner Artenschutzabkommen (WA) nicht die erhoffte Wende zum Guten gebracht hat, trafen sich im November 1979 in Washington über 300 Experten aus allen Erdteilen zur 1. Weltkonferenz zur Erhaltung der Meeresschildkröten. Seither haben der WWF und seine wissenschaftliche Schwesterorganisation IUCN (Internationale Union für Naturschutz) in Senegal, Malaysia, Surinam, Oman, Jamaika, den Seychellen, Pakistan, Griechenland, Mexico und Indonesien - um nur ein paar Beispiele zu nennen - Schutzprojekte lanciert.

Dabei werden einerseits die traditionellen Eiablagestrände und die daran angrenzenden Küstengewässer überwacht. So können sich, in Verbindung mit Brut-, Aufzucht- und Aussetzungsprogrammen, die stark reduzierten Bestände wieder erholen. Andererseits wurden Informationskampagnen gestartet, um den Anwohnern tropischer Meere zu zeigen, dass genügend grosse Schildkrötenbestände, vernünftig genutzt, eine nie versiegende Nahrungs- und Einnahmequelle darstellen. Bleibt zu hoffen, dass dieses weltumspannende Schutzprogramm von Erfolg gekrönt sein wird und die drohende Ausrottung dieser Reptilien verhindert werden kann.




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