Grüne Meerkatze - Cercopithecus aethiops
© 1986 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die Ordnung der Herrentiere (Primates), zu welcher
die Grüne Meerkatze (Cercopithecus aethiops) gehört,
ist eine recht vielgestaltige Säugetiergruppe. Sie umfasst
rund 180 Arten in 14 verschiedenen Familien. Das Formenspektrum
reicht von so primitiven Geschöpfen wie dem Gewöhnlichen
Spitzhörnchen (Tupaia glis) bis hin zum Menschen
(Homo sapiens), und die Grössenskala erstreckt sich
vom winzigen Mausmaki (Microcebus murinus), welcher lediglich
60 g wiegt, bis hin zum Gorilla (Gorilla gorilla), welcher
ohne weiteres 180 kg schwer werden kann.
Die Grüne Meerkatze steht ungefähr in der
Mitte zwischen diesen Extremen: Sie gehört zu den für
uns typischen Affen im engeren Sinn (Simiae). Erwachsene Tiere
wiegen 4 bis 7 kg und weisen eine Körperlänge von 90
bis 130 cm auf, wovon allerdings mehr als die Hälfte (50
bis 70 cm) auf den Schwanz entfällt. Die Männchen sind
deutlich grösser als die Weibchen.
Das Wort «Meerkatze» ist schon aus dem
16. Jahrhundert überliefert. Früher war man der Ansicht,
man könne es als Bezeichnung für katzenähnliche
Affen deuten, welche übers Meer zu uns gekommen sind. In
Wirklichkeit ist «Meerkatze» aber eine Abwandlung
des indischen Wortes markata, was schlicht und ein fach
«Affe» heisst.
Der Daumen - eine bedeutende Entwicklung
Unsere Kenntnisse von der Stammesgeschichte der Herrentiere
sind infolge unzureichender Fossilfunde noch sehr lückenhaft.
Die ersten Primaten scheinen sich aber vor etwa sechzig Millionen
Jahren herausgebildet zu haben. Sie sahen den heutigen, in Indien
und Südostasien lebenden Spitzhörnchen (Familie Tupaiidae)
ähnlich. Bisher sind solch frühzeitliche Primaten nur
in den beiden Erdteilen Nordamerika und Europa gefunden worden,
welche damals durch Landbrücken miteinander verbunden waren.
In Afrika und Asien hat man noch keine Primatenreste aus jener
Zeit entdeckt. Wir wissen zwar nicht genau, ob das nur Fundlücken
sind oder ob die Herrentiere ursprünglich in Afrika und
Asien wirklich gefehlt haben. Einige Hinweise deuten aber darauf
hin, dass diese auch für uns Menschen so bedeutungsvolle
Säugtierordnung tatsächlich im europäisch-nordamerikanischen
Raum entstanden ist.
In den darauffolgenden Epochen scheinen diese vorerst
noch kleinen und unscheinbaren Primaten dann in andere Gegenden
der Erde eingewandert zu sein. Auf Madagaskar entfalteten sich
die Lemuren (Familie Lemuridae), in Südasien und Afrika
konnten sich die Loris (Familie Lorisidae) und die Galagos (Familie
Galagidae) behaupten, und die südostasiatische Inselwelt
wurde zur Heimat der Koboldmakis (Familie Tarsiidae). In Süd-
und Mittelamerika entwickelten sich die Neuweltaffen (Familie
Callithricidae und Familie Cebidae). Und in der Alten Welt schliesslich
entstanden neben vielen baum- und bodenbewohnenden Affenformen
(Familie Cercopithecidae) auch unsere nächsten Verwandten,
die Menschenaffen (Familie Pongidae), und mit ihnen die Vorfahren
des Menschen (Familie Hominidae).
Die Herrentiere lassen sich nicht anhand eines einzelnen
Körpermerkmals von den übrigen Säugetierordnungen
abgrenzen. Vielmehr sind sie durch eine Kombination mehrerer
Merkmale gekennzeichnet, von denen zwar jedes einzelne auch bei
anderen Säugetieren auftritt, welche aber nie in ihrer Gesamtheit
bei anderen Säugetiergruppen anzutreffen sind. Zu diesen
Merkmalen gehören beispielsweise das Vorhandensein eines
Schlüsselbeins, die Unterteilung der Zähne in drei
verschiedene Zahntypen und die Brustständigkeit der Milchdrüsen.
Besonders auffällig ist ferner die Fähigkeit
der Herrentiere, die ersten Finger (Daumen) und/oder die ersten
Zehen (Grosszehen) den übrigen Fingern beziehungsweise Zehen
gegenüberzustellen. Dieses Merkmal ist zweifellos eine der
bedeutsamsten Entwicklungen der Primaten, denn dadurch vermögen
die Tiere fest und präzis zuzugreifen, was sowohl für
das «Behandeln» von Gegenständen als auch für
das Klettern im Geäst sehr vorteilhaft ist. «Dieses
Talent mag unbedeutend erscheinen», schreibt der amerikanische
Zoologe de Vore hierzu, «doch es liegt an der Wurzel der
gesamten Primatenordnung. Primaten sind in erster Linie Baumbewohner.
Sie entstanden in den Bäumen, entwickelten sich und gediehen
dort. Dadurch, dass die Primaten einen Ast mit den Fingern umklammerten
statt wie andere Säuger ihre Krallen hineinzuschlagen, wurden
sie zu den unumstrittenen Herren der Bäume».
Die Grüne Meerkatze ist ein Altweltaffe
Die Grüne Meerkatze ist von Natur aus in Afrika
beheimatet. Sie ist ein sehr anpassungsfähiges Tier und
hat ein dementsprechend weites Verbreitungsgebiet, welches sich
praktisch über den ganzen Schwarzen Kontinent südlich
der Sahara ausdehnt: von Senegal im Westen bis nach Äthiopien
(vielleicht sogar Somalia) im Osten und bis nach Südafrika
im Süden. Nur in den dichten Regenwäldern des Kongobeckens,
in den unwirtlichen Wüsten des südwestlichen Afrikas
und in einigen Küstenstrichen ist die Art nicht vertreten.
Innerhalb ihres Verbreitungsgebiets bewohnt die Grüne
Meerkatze eine ganze Reihe unterschiedlicher Lebensräume
- vom tropischen Tiefland-Regenwald bis zur alpinen Moorlandschaft
auf 4500 m ü.M. Allzu offenes Gelände ohne deckungsbietende
Bäume und Sträucher meidet sie allerdings. Und ebenso
wenig dringt sie ins Innere geschlossener Regenwälder vor,
da ihr dort wahrscheinlich andere, auf die Nutzung dichten Waldes
spezialisierte Meerkatzenarten überlegen sind. Sie ist somit
ein typischer Bewohner halboffener, savannenartiger Lebensräume,
und so fühlt sie sich denn durchaus auch in Gebieten wohl,
die durch land- und forstwirtschaftliche Nutzungsformen des Menschen
geprägt sind.
In weiten Teilen ihres riesigen Verbreitungsgebiets
kommt die Grüne Meerkatze recht häufig vor. Sie wird
daher von manchen Fachleuten als häufigste afrikanische
Affenart eingestuft.
Affenhorde - Lern- und Schutzgemeinschaft
Die Grüne Meerkatze lebt in Gruppen, die sich
aus mehreren erwachsenen Tieren beiderlei Geschlechts und deren
Nachkommen zusammensetzen. In der Regel umfasst die Gruppe mindestens
doppelt soviele erwachsene Weibchen wie erwachsene Männchen.
Die Jungen kommen nach einer Tragzeit von 5 bis 6
Monaten meistens einzeln zur Welt; Zwillingsgeburten sind sehr
selten. Die Neugeborenen werden am Bauch der Mutter getragen,
wo sie sich mit Händchen und Füsschen im Fell festklammern.
Auch mit dem Schwanz können sie sich etwas festhalten. Diese
geringe Greiffähigkeit des Schwanzes geht aber bald verloren.
Für Tiere ihrer Grösse erreichen die Meerkatzen
die Geschlechtsreife recht spät, nämlich - unter guten
Lebensbedingungen - erst mit etwa 2,5 Jahren. Sind die Lebensumstände
weniger günstig, so kann die Geschlechtsreife auch erst
später eintreten.
Zwischen den erwachsenen Männchen der Meerkatzengruppen
herrscht eine strenge Rangordnung, welche oft in wilden Kämpfen
aufgebaut wird und sich immer wieder ändert. Das stärkste
Männchen hat bei der Paarung mit den Weibchen der Gruppe
das Vorrecht und zeugt somit mehr Nachkommen als die übrigen
Männchen. Dies liegt zweifellos im Interesse einer starken
Art.
Die Weibchen der Meerkatzenhorde führen ein ziemlich
friedfertiges Leben untereinander. Sie helfen sich gegenseitig
bei der Jungenbetreuung wie auch bei der Fellpflege. Der Grund
für das gute Einvernehmen zwischen den weiblichen Gruppenmitgliedern
dürfte darin liegen, dass sie alle miteinander verwandt
sind. Im Gegensatz zu den Männchen verbleiben nämlich
die Weibchen ihr ganzes Leben lang in der elterlichen Gruppe.
Die männlichen Meerkatzen hingegen verlassen die Gruppe,
in der sie aufgewachsen sind, sobald sie die Geschlechtsreife
erreichen.
Das Nahrungsspektrum der Grünen Meerkatze ist
ausserordentlich bunt. Die flinken Tiere fressen so ziemlich
alles, was ihnen in die Hände fällt und nicht gerade
giftig ist. Eine besondere Vorliebe zeigen sie für Früchte
und wirbellose Tiere. Daneben nehmen sie aber auch Blüten,
Rinde, Blätter, Wurzeln, Krabben, Fische, Echsen, Vögel,
Eier und Kleinsäuger zu sich. Gerne durchsuchen sie Vogelnester
nach Eiern und Nestlingen, und oft graben sie auch nach nahrhaften
Wurzelknollen.
Die jugendlichen Meerkatzen lernen im allgemeinen
von den anderen Gruppenmitgliedern und besonders von ihrer Mutter,
was essbar und für sie bekömmlich ist. Gelegentlich
entdecken aber auch Jugendliche, welche spielerisch ihre Umgebung
erkunden, eine neue Nahrungsquelle, worauf dieses neue Wissen
alsbald von den übrigen Gruppenmitgliedern übernommen
wird. So stellt der Meerkatzen-Verband eine Art «Schule»
dar, in welcher Ernährungsinformationen weitergegeben werden.
Eine weitere wichtige Funktion des Gruppenverbands
ist das frühe Erkennen von Fressfeinden, denn viele Augenpaare
sehen mehr als ein einzelnes. Jedes Gruppenmitglied gibt unverzüglich
einen Alarmruf von sich, sobald es einen Leoparden, einen Adler
oder einen Python entdeckt. Dieser Alarmruf ist je nach Feindtyp
unterschiedlich, so dass die restlichen Gruppenmitglieder sofort
die richtige Schutzmassnahme treffen können. So gehen etwa
beim Signal «Adler» sämtliche Tiere sofort im
Dickicht in Deckung. Beim Signal «Leopard» hingegen
suchen sie auf dem nächsten Baum Zuflucht.
Wie kommt die Grüne Meerkatze in die Karibik?
Wildlebende Grüne Meerkatzen gibt es heute auch
in der Neuen Welt, und zwar auf den drei Kleinen Antillen-Inseln
Barbados, St. Kitts und Nevis. Selbstverständlich sind sie
nicht auf natürlichem Weg dorthin gelangt, sondern sind
schon vor geraumer Zeit vom Menschen dorthin gebracht worden.
Die ersten Grünen Meerkatzen dürften bereits
im 17. Jahrhundert in die Karibik gelangt sein. So schreibt etwa
der französische Weltumsegler J.B. Labat in seinem 1722
erschienenen Bericht «Neue Reise zu den amerikanischen
Inseln», dass im 17. Jahrhundert mehrfach Grüne Meerkatzen
als Haustiere auf die französischen Kolonialinseln St. Kitts
und Nevis gebracht worden waren und dass einzelne dann während
des englisch-französischen Kriegs in der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts entfliehen konnten und sich im Freien ansiedelten.
Der Naturforscher Hughes widmet den «lebhaften Kobolden»
ebenfalls einen Abschnitt in seinem 1750 veröffentlichten
Buch «Die Inselgeschichte von Barbados»: «Sie
sind nicht sehr zahlreich auf dieser Insel. Sie bewohnen hauptsächlich
unzugängliche Schluchten, und zwar besonders dort, wo es
viele Fruchtbäume gibt. Der grosse Schaden, den sie in landwirtschaftlichen
Kulturen anrichten, entsteht durch das Ausgraben von Yamsknollen
und Kartoffeln, und manchmal durch das Abbrechen und Wegtragen
von reifem Zuckerrohr. Da von Gesetzes wegen das Erlegen dieser
Tiere mit einer Prämie belohnt wird, nimmt ihre Zahl jährlich
eher ab als zu.»
Die Grünen Meerkatzen haben diese frühen
Ausrottungsversuche dank ihrer grossen Anpassungsfähigkeit
an veränderte Umweltbedingungen unbeschadet überstanden.
Heute wird ihr Gesamtbestand auf der Insel Barbados auf mindestens
5000 Tiere geschätzt. Die meisten von ihnen leben in einem
rund 50 Quadratkilometer grossen Gebiet im Norden der Insel.
Auch auf den britischen Antilleninseln St. Kitts und Nevis haben
sie sich bis heute halten können. Sie sind zu einem festen
Bestandteil der Tierwelt dieser Inseln geworden und werden heute
in eine eigene Unterart, Cercopithecus aethiops sabaeus,
gestellt. Isoliert von ihren Verwandten auf dem afrikanischen
Kontinent haben sie sich nämlich eigenständig weiterentwickelt
und unterscheiden sich heute in mehreren Körper- und Verhaltensmerkmalen
von jenen.
Ihre «Rolle» als Plünderer landwirtschaftlicher
Kulturen haben die Grünen Meerkatzen auf den Antilleninseln
bis heute beibehalten. 1983 wurde der Schaden, den sie jedes
Jahr anrichten, auf fünf Millionen US-Dollar geschätzt.
Im Gegensatz zu früher wird aber nicht mehr versucht, die
zierlichen Affen auszurotten. Vielmehr sollen heute durch gezielte
Umsiedlungen der Tiere aus landwirtschaftlichen Zonen in vorwiegend
touristisch genutzte Inselteile einerseits die Ernteschäden
vermindert werden, andererseits sollen die Affen als Touristenattraktion
erhalten bleiben. Denn der Tourismus ist heute eine Haupteinnahmequelle
auf Barbados, und die Meerkatzen sind bei den Inselbesuchern
äusserst beliebt.
Um die beabsichtigte Umverteilung der Meerkatzenpopulation
zu erreichen, sind in zwei Jahren über 1000 der schlanken
Tiere - also rund ein Fünftel des Gesamtbestands - gefangen
und umgesetzt worden. Das Umsiedlungsprojekt liegt in den Händen
des Barbados-Primatenforschungszentrums, welches zudem als Informations-
und Bildungsstätte für Einheimische wie für Touristen
dient.
So scheint heute erfreulicherweise das Überleben
der Grünen Meerkatze in ihrer neuen Heimat auf den Karibikinseln
in keiner Weise gefährdet.
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