Stammt der Mensch vom Affen ab?


© 1990 Markus Kappeler



«Hoffen wir, meine Liebe, dass es nicht wahr ist, aber wenn es wahr ist, wollen wir beten, dass es nicht allgemein bekannt wird!» Dies war die bezeichnende Reaktion einer viktorianischen Dame auf die epochemachenden Ideen von Charles Darwin, die er in seinem Werk «Über den Ursprung der Arten durch natürliche Zuchtwahl» im Jahr 1859 veröffentlichte. Die Vorstellung, der Mensch habe sich aus «primitiven, behaarten Affen» entwickelt, schlug damals wie eine Bombe ein. Denn dadurch wurde die bisherige, von der Kirche geprägte Weitanschauung völlig auf den Kopf gestellt.

Darwin war aufgrund seiner jahrzehntelangen Naturforschungen zur Überzeugung gelangt, dass kein Lebewesen spontan «aus dem Nichts entstanden sein kann, um dann für alle Ewigkeit in dieser bestimmten Form zu existieren. Das Leben musste in einer sehr einfachen Form begonnen und sich von da aus immer weiterentwickelt haben. Nie hatte Darwin hingegen behauptet, der Mensch stamme vom Affen ab, wie ihm das immer wieder unterschoben wurde. Seine «Evolutionstheorie» (Entwicklungslehre) besagte einzig, dass der Mensch, die Menschenaffen und die geschwänzten Affen irgendwann in grauer Vorzeit einen gemeinsamen Vorfahren gehabt und sich dann auf separaten Wegen zur heutigen Form entwickelt haben.

Wie dieser Vorahr ausgesehen haben mag, duüber herrschte zu Darwins Zeit noch keine klare Vorstellung. Denn fossile (ver steinerte) Belege einer derutigen Entwicklung fehlten fast vollständig, oder sie wurden nicht als solche unerkannt. Es begann darum die Suche nach dem fehlenden Bindeglied («missing link») zwischen Menschenaffen und Menschen, dem man den Namen «Pithecanthropus» («Affenmensch») gab.

«Den» Pithecanthropus hat man zwar nie gefunden. Die Erforschung der menschlichen Stammesgeschichte hat aber zu einer Fülle von Fossilfunden aus nahezu allen Zeitabschnitten der Menschenaffen- und Menschwerdung geführt - und damit zu einem zuverlässigen Bild vom Gesamtverlauf unserer Entwicklungsgeschichte:

Während fossile Primaten erstmals vor rund 70 Millionen Jahren auftauchten, gehen die Wurzeln der Hominoiden («Menschenähnlichen»; unter diesem Begriff fasst man die Menschenaffen und den Menschen zusammen) bis auf etwa 34 Millionen Jahre zurück.

Der aus jener Erdepoche stammende Aegyptopithecus (aus Oberägiypten) sah allerdings noch keineswegs so aus wie die heutigen Hominoiden, sondem ähnelte den geschwänzten Altweltaffen. Er war nur etwa so gross wie ein Fuchs und bewegte sich auf allen vieren in den Bäumen fort. Er besass aber im Gebiss bereits hominoide Merkmale.

Proconsul africanus, der vor etwa 20 Millionen Jahren in Ostafrika lebte, war schon viel ausgeprägter hominoid: Er besass die Grösse eines Savannenpavians und bewegte sich sowohl in den Bäumen als auch auf dem Boden (wahrscheinlich vornehmlich auf allen vieren) fort. Er dürfte dem Bild, das wir uns vom gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Menschenaffen zu machen haben, wohl recht nahe kommen.

Heute, 130 Jahre nach Darwin, bestätgen im übrigen nicht nur die vorhandenen Fossilien, sondern auch vergleichende Untersuchungen des Körperbaus, des Chromosomenbestands, der Blutzusammensetzung und des Verhaltens übereinstmmend, dass Darwins Erkenntnisse richtig waren. Wir wissen inzwischen sogar, dass der verwandtschaftliche «Abstand» des Menschen zum Orang-Utan etwa doppelt so gross ist wie der zum Gorilla und zum Schimpansen.




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