Mikronesien-Liest - Halcyon cinnamomina
Mikronesien-Fruchttaube - Ducula oceanica
© 1990 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
«Mikronesien» - der Begriff setzt sich
aus den beiden griechischen Wörtern «mikros»
(«klein») und «nesos» («Insel»)
zusammen, bedeutet also «Kleininselgebiet». Das ist
keine schlechte Bezeichnung für jenen nordwestlichen Bereich
des Pazifiks, wo auf einer riesenhaften Fläche von rund
7,5 Millionen Quadratkilometern etwa 2200 kleine und kleinste
Inseln verstreut liegen, deren gesamte Landfläche lediglich
2500 Quadratkilometer beträgt. So winzig sind die meisten
der mikronesischen Inseln, dass sie auf einer normalen Weltkarte
überhaupt nicht in Erscheinung treten. Mikronesien ist die
Heimat des Mikronesien-Liests und der Mikronesien-Fruchttaube,
von denen auf diesen Seiten die Rede sein soll.
Die Föderierten Staaten von Mikronesien: Heimat
von 26 Landvogelarten
Geografisch gesehen zerfallen die mikronesischen Inseln
in vier verschiedene Archipele: die Marianen im Nordwesten, die
Karolinen im Südwesten, die Marshallinseln im Nordosten
und die Gilbertinseln im Südosten. Politisch sind sie in
sechs verschiedene Staatsgebiete aufgeteilt: Guam, die Nördlichen
Marianen, Belau, die Föderierten Staaten von Mikronesien,
die Marshallinseln und Kiribati. Ausser Kiribati, welches einst
eine britische Kolonie war, sind alle mikronesischen Nationen
ehemalige Treuhandgebiete der USA und befinden sich heute in
unterschiedlichen Stadien der Unabhängigkeit.
Die Föderierten Staaten von Mikronesien haben
sich 1979 konstituiert. Als damals die Karolinen politisch neu
gegliedert wurden, erwarb der ehemalige Distrikt Palau unter
der Bezeichnung «Republik Belau» Eigenständigkeit,
während sich die Distrikte Yap, Truk, Pohnpei und Kosrae
(so benannt nach der jeweils grössten Insel) zu einer präsidialen
Bundesrepublik mit dem Namen «Föderierte Staaten von
Mikronesien» zusammenschlossen. Am 10. Mai 1979 trat die
Verfassung der neugeschaffenen Nation in Kraft: Per Vertrag,
den die Föderierten Staaten von Mikronesien am 1. Oktober
1982 mit den USA abschlossen, bleiben sie allerdings noch bis
mindestens 1997 in freier Assoziation mit den USA verbunden.
Dies vor allem aufgrund wirtschaftlicher und militärischer
Überlegungen.
607 Inseln umfasst das Hoheitsgebiet der Föderierten
Staaten von Mikronesien. Deren Landfläche beträgt aber
insgesamt nur 701 Quadratkilometer, wobei die vier grossen Inseln
Yap (100 km2), Truk (100 km2), Pohnpei (334 km2) und Kosrae (110
km2) allein 92 Prozent der gesamten Landesfläche ausmachen.
Die Bevölkerung der Föderierten Staaten von Mikronesien
umfasst rund 95.000 Personen.
Die Inseln des mikronesischen Staatenbundes gehören
hinsichtlich ihres geologischen Aufbaus drei verschiedenen Typen
an: Die grosse Mehrzahl der Inseln sind flache, koralline Atolle,
welche sich nur ein paar wenige Meter über den Meeresspiegel
erheben. Die grossen Inseln Truk, Pohnpei und Kosrae bestehen
hingegen aus vulkanischem Gestein und ragen zwischen 443 Metern
(Truk) und 791 Metern (Pohnpei) aus den Fluten auf.
Die Koralleninseln weisen aufgrund ihres nährstoffarmen
und porösen Untergrunds eine recht schüttere Vegetation
auf, mit Kokospalmen und Pandanus-Schraubenbäumen als den
markantesten Pflanzen. Im Gegensatz dazu gedeiht auf den Vulkaninseln
des fruchtbaren Bodens und des abwechslungsreichen Reliefs wegen
eine grosse Vielfalt reicher Pflanzenformationen, von prächtigem
Regenwald an den oberen Berghängen und Mangrovenbeständen
in den geschützten Buchten bis hin zu Grasländern und
Sumpfröhrichten in den flacheren Inselpartien.
Einen Sonderfall stellt schliesslich die Insel Yap
dar, welche keine Vulkaninsel ist, sondern die Spitze eines Unterwassergebirges,
das sich zwischen Japan und Neuguinea erstreckt. Yap ist somit
aus Sedimentgestein aufgebaut; es hat eine hügelige Oberfläche
mit einer maximalen Höhe von 147 Metern und ist von Buschgegenden,
Grasländern und Bambushainen geprägt.
Sämtliche Inseln des mikronesischen Staatenbundes
sind ozeanischen Ursprungs, waren also auch in prähistorischer
Zeit niemals mit dem asiatischen Kontinent oder einer anderen
grösseren Landmasse verbunden gewesen. Alle heute hier heimischen
Tier- und Pflanzenarten gehen demzufolge auf Vorfahren zurück,
welche irgendwann in grauer Vorzeit auf dem See- oder Luftweg
angereist waren und sich erfolgreich niederzulassen vermochten.
Es überrascht daher nicht, dass das Spektrum der Tierformen
verhältnismässig klein ist. Die einzigen Säugetiere,
welche die mikronesischen Inseln ohne Hilfe des Menschen erreicht
haben, sind Flughunde der Gattung Pteropus und Fledermäuse
der Gattung Emballonura.
Etwas reichhaltiger ist demgegenüber die Vogelwelt
der Föderierten Staaten von Mikronesien: 26 Arten von Landvögeln
und 11 Arten von Meeresvögeln brüten hier. 13 Landvogelarten
sind endemisch, kommen also weltweit nur innerhalb der Grenzen
des mikronesischen Staatenbunds vor. 10 von ihnen sind sogar
beschränkt auf jeweils eine einzige Insel: 4 Arten findet
man ausschliesslich auf Pohnpei, 3 Arten nur auf Yap und nochmals
3 Arten nur auf Truk.
Der Mikronesien-Liest...
Der Mikronesien-Liest (Halcyon cinnamomina)
aus der Familie der Eisvögel (Alcedinidae) kommt zwar innerhalb
der Föderierten Staaten von Mikronesien einzig auf Pohnpei
vor. Er ist aber gleichwohl kein endemischer Vogel des Staatenbunds,
denn er ist zudem noch auf Guam und auf Babeldaop (Republik Belau)
heimisch.
Man unterscheidet drei verschiedene Unterarten, nämlich
Halcyon cinnamomina reichenbachii auf Pohnpei, H. c.
cinnamomina auf Guam und H. c. pelewensis auf Babeldaop.
Die drei Unterarten unterscheiden sich zum einen durch ihre mittlere
Körpergrösse, welche bei der kleinsten Rasse 20, bei
der grössten 24 Zentimeter misst. Zum anderen bestehen deutliche
Unterschiede in der Gefiederfärbung: Die Mikronesien-Lieste
auf Pohnpei haben als erwachsene Vögel eine weissliche Unterseite,
während sie im Jugendgefieder eine rotbraune Unterseite
und an den Flügel- und Rückenfedern rostfarbene Ränder
aufweisen. Bei den Mikronesien-Liesten auf Guam haben dagegen
die Jugendlichen und die erwachsenen Männchen eine rotbraune
Unterseite, während die erwachsenen Weibchen gemischt rotbraun-weiss
gefärbt sind. Die Lieste auf Babeldaop wiederum weisen sowohl
im Jugend- als auch im Erwachsenengefieder eine weisse Unterseite
auf.
Der Mikronesien-Liest ist ein Waldbewohner, der sich
von Insekten, Würmern und anderem Kleingetier ernährt.
Fast immer hält er sich im «Erdgeschoss» des
Walds auf und ist daher nur schwer zu beobachten. Bei der Jagd,
die er von einem Ansitz in Bodennähe aus betreibt, verharrt
er oft lange Zeit regungslos, um dann unvermittelt und pfeilschnell
einem Fluginsekt hinterherzustürmen oder sich auf eine unvorsichtige
kleine Echse am Waldboden herabzustürzen.
Seine Rufe, ein grelles «Tschip-wier»
oder «Skrier» und ein lautes «Kiup-kiup-kiup-kiup»,
äussert er zumeist nur versteckt im dichten Gebüsch.
...und die Mikronesien-Fruchttaube
Die Mikronesien-Fruchttaube (Ducula oceanica)
ist ebenfalls keine endemische Landvogelart der Föderierten
Staaten von Mikronesien. Sie kommt nämlich ausser in allen
vier mikronesischen Bundesstaaten noch in der Republik Belau
und auf den Marshallinseln vor. Man unterscheidet insgesamt fünf
Unterarten, nämlich Ducula oceanica monacha auf Yap
und in Belau, D. o. teraokai auf Truk, D. a townsendi
auf Pohnpei, D. a oceanica auf Kosrae und den Marshallinseln
und D. a ratakensis ebenfalls auf den Marshallinseln.
Die verschiedenen Rassen unterscheiden sich hauptsächlich
durch die Färbung ihres Scheitel- und Nackengefieders.
Mit einer Gesamtlänge von 41 Zentimetern ist
die Mikronesien-Fruchttaube eine recht grosse Taubenart. Ein
markantes Kennzeichen der erwachsenen Vögel ist ein kleiner
Höcker an der Basis des Oberschnabels, über dessen
Funktion die Ornithologen noch rätseln.
Die Mikronesien-Fruchttaube bewohnt vorzugsweise die
Kronenschicht der Wälder auf den vulkanischen Inseln des
mikronesischen Staatenbundes, kann aber auch in den Kokospalmwipfeln
auf einigen der flachen Koralleninseln angetroffen werden. Sie
ernährt sich - wie ihr Name andeutet - hauptsächlich
von Früchten und Sämereien aller Art und vermag dabei
erstaunlich grosse Früchte (mit Steinen von bis zu 23 Millimetern
Durchmesser) zu verschlingen.
Ausserhalb der Fortpflanzungszeit lebt die Mikronesien-Fruchttaube
einzelgängerisch. Sie ist überdies ein ausgesprochen
scheuer und heimlicher Vogel, weshalb man sie in ihrer Inselheimat
kaum je bzw. höchstens im Flug zu Gesicht bekommt.
Der Ruf der Mikronesien-Fruchttaube erinnert entfernt
an das kehlige Bellen eines Seelöwen. Es handelt sich um
ein lautes, in der Tonhöhe abfallendes «Gwau-wau-wau-au».
Gelegentlich lässt sie auch eine Serie sanfter «Huut»-Töne
vernehmen.
Ausgestorbene und bedrohte Vogelarten Mikronesiens
Von drei Vogelarten wissen wir, dass sie in historischer
Zeit im Bereich der Föderierten Staaten von Mikronesien
ausgestorben sind: Das Kosrae-Sumpfhuhn (Porzana monasa),
eine Ralle, und der Kosrae-Singstar (Aplonis corvina;
auch «Rabenstar» genannt) wurden beide 1828 zum letzten
Mal lebend gesehen. Die letzte Sichtung des Pohnpei-Singstars
(Aplonis pelzelni) geht auf das Jahr 1956 zurück.
Den Untergang der beiden früher auf Kosrae heimischen
Vögel dürften eingeschleppte Ratten verursacht haben.
Kosrae, ganz im Osten der Föderierten Staaten von Mikronesien
gelegen, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts beliebter Treffpunkt
der amerikanischen Walfänger gewesen. Hier feierten sie
nicht nur wilde Orgien mit der einheimischen Bevölkerung,
sondern zogen häufig auch ihre schweren Segelschiffe an
Land, um den Zustand der Schiffsrümpfe zu überprüfen
und etwaige Reparaturen vorzunehmen. Und bei dieser Gelegenheit
dürften dann mehrfach als «blinde Passagiere»
mitgereiste Ratten auf die Insel eingewandert sein.
Der deutschstämmige Naturforscher F.H. von Kittlitz
besuchte Kosrae im Jahr 1828. Er sammelte bei seinen Streifzügen
ins Inselinnere unter anderem mehrere Exemplare von Sumpflhühnern
und Singstaren, die er später als neue Arten beschrieb und
der Sammlung des Museums von Leningrad einverleibte. Von Kittlitz
war der erste und zugleich der letzte westliche Wissenschaftler
gewesen, der diese beiden Vogelarten in freier Wildbahn zu Gesicht
bekommen hatte...
Die Gründe für das Aussterben des Pohnpei-Singstars
sind weniger offenkundig. 1932 scheint der Artbestand noch recht
umfangreich gewesen zu sein, denn damals gelang es einer Expedition
innerhalb kurzer Zeit, 59 Vertreter dieser Vogelart zu sammeln.
Schon zwei Jahrzehnte später, 1956, konnte jedoch letztmals
von westlichen Wissenschaftlern ein lebender Pohnpei-Singstar
beobachtet werden. Und seit 1983 gilt er «offiziell»
als ausgestorben, nachdem die Art anlässlich einer detaillierten
Bestandsaufnahme der Vogelwelt Pohnpeis nicht mehr registriert
wurde. Eine überzeugende Erklärung für den plötzlichen
Zerfall dieser Vogelpopulation konnte bisher nicht gefunden werden.
Ausser diesen drei Vogelarten, welche bereits von
unserem Planeten verschwunden sind, gibt es drei Arten, welche
in Gefahr stehen, dieses Schicksal über kurz oder lang ebenfalls
zu erleiden, falls sich ihre gegenwärtige Bestandssituation
nicht verbessert:
Der Truk-Monarch (Metabolus rugensis) aus der
Familie der Fliegenschnäpperartigen kommt einzig auf ein
paar Inseln innerhalb der Truk-Lagune vor. Sein Bestand scheint
sich zwar in den letzten Jahrzehnten einigermassen gehalten zu
haben. Durch die zunehmende Entwaldung der Inseln wird sein Lebensraum
jedoch immer stärker eingeschränkt, und sein Fortbestand
ist dadurch mehr und mehr gefährdet.
Der Truk-Brillenvogel (Rukia ruki) ist ebenfalls
nur auf ein paar Inseln innerhalb der Truk-Lagune heimisch. In
grösserer Zahl kommt er allerdings einzig auf der Insel
Tol vor, wo beim Mount Winibot noch ein grösseres Stück
ursprünglichen Waldes besteht. Veränderung und Zerstörung
der Wälder auf den anderen Inseln scheinen für die
Seltenheit dieses hübschen kleinen Vogels verantwortlich
zu sein, und die fortschreitende Zerstörung des Mount-Winibot-Walds
hat für die Art fraglos schlimme Auswirkungen.
Der Pohnpei-Brillenvogel (Rukia longirostra)
ist die dritte Vogelart der Föderierten Staaten von Mikronesien,
welche vom Internationalen Rat für Vogelschutz (ICBP) als
gefährdet eingestuft wird. Zwar wurde bei der bereits angesprochenen
ornithologischen Untersuchung im Jahr 1983 festgestellt, dass
die Art auf Pohnpei vermutlich noch häufiger vorkommt, als
man früher angenommen hatte. Doch dürfte auch hier
die fortwährende Verminderung der Waldfläche im Inselinnern
einen ständigen Rückgang des Artbestands bewirken.
Der Mikronesien-Liest und die Mikronesien-Fruchttaube
gelten derzeit nicht als bedroht, obschon letztere im Bereich
des Truk-Atolls recht selten geworden ist und auch auf Pohnpei
nicht mehr allzu häufig vorkommt. Eine grössere Gefahr
für die Fruchttaube bildet vor allem die Bejagung durch
die lokale Bevölkerung, der sie ihrer «wirtschaftlichen»
Grösse wegen ausgesetzt ist. Mit dem Aufkommen weitreichender
und präziser Jagdgewehre in jüngerer Zeit ist die Trefferquote
stark angestiegen, und dies hat mancherorts zu massiven Ausfällen
geführt. Die starke Bejagung der Mikronesien-Fruchttaube
dürfte im übrigen der Grund für ihre aussergewöhnliche
Scheu vor dem Menschen sein.
Es fehlen Naturschutzgebiete
Bis heute gibt es im Bereich der Föderierten
Staaten von Mikronesien noch keine Naturschutzgebiete. Bislang
schien auch kaum ein Bedarf hierfür zu bestehen, da die
mikronesische Bevölkerung weitgehend im Einklang mit der
Natur lebte und die heimische Tierwelt verhältnismässig
wenig unter den Machenschaften des Menschen zu leiden hatte.
Der Bevölkerungszuwachs im Staatenbund gehört
heute aber mit 3,5 Prozent im Jahr zu den höchsten der Welt,
und mehr Menschen benötigen unweigerlich mehr Land für
ihre Siedlungen und landwirtschaftlichen Kulturen. Besonders
auf Pohnpei, dem Verwaltungszentrum des ausgedehnten Inselreichs,
lässt sich verfolgen, wie die ansässige Bevölkerung
Jahr für Jahr weiter ins bewaldete Inselinnere vordringt,
um dort neue Pflanzungen anzulegen, und wie dadurch die natürliche
Pflanzendecke und die davon abhängigen Wildtiere immer weiter
zurückgedrängt werden. Der Tourismus, der als Wirtschaftszweig
in den Föderierten Staaten von Mikronesien immer wichtiger
wird, beschleunigt das Bevölkerungswachstum und die damit
verbundenen Prozesse noch zusätzlich.
Blinkende Warnlichter, die darauf hinweisen, dass
im nordwestpazifischen «Inselparadies» nicht mehr
ganz alles in Ordnung ist, sind unter anderem der in den fünfziger
Jahren unverhofft ausgestorbene Singstar und die drei bedrohten
Vogelarten, von denen zuvor die Rede war. Sie deuten unmissverständlich
darauf hin, dass auch in den Föderierten Staaten von Mikronesien
dringend Naturreservate geschaffen werden müssen, um der
fatalen Zerstörung der letzten Naturlandschaften Einhalt
zu gebieten.
Zur Hauptseite
|