Mittelamerikanischer Tapir
Tapirus bairdii
© 1985 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Tapire (Familie Tapiridae) gehören innerhalb
der Säugetiere (Klasse Mammalia) zu den Unpaarhufern (Ordnung
Perissodactyla). Die übrigen Vertreter dieser Ordnung und
somit die nächsten Verwandten der Tapire sind die Nashörner
(Familie Rhinocerotidae) und die Pferdeartigen (Familie Equidae).
Die Unpaarhufer zeichnen sich dadurch aus, dass das Hauptgewicht
ihres Körpers von den hornumkleideten Mittelzehen getragen
wird. Dies im Gegensatz zu den Paarhufern (Ordnung Artiodactyla),
bei welchen das Körpergewicht auf den dritten und vierten
Zehen gleichermassen lastet. Zwar weisen die Tapire an den Vorderfüssen
vier und an den Hinterfüssen drei behufte Zehen auf. Die
Mittelachse ihrer Gliedmassen verläuft aber jeweils durch
die Mittelzehen.
Drei Amerikaner und ein Asiate
Vor fünfzig Millionen Jahren bevölkerten
die Tapire noch in zahlreichen Arten weite Teile Nordamerikas
und Eurasiens. Starke Veränderungen des Erdklimas besonders
während des Eiszeitalters (vor etwa zwei Millionen Jahren)
haben aber dann die Tapire allmählich immer weiter nach
Süden gedrängt - in der Alten Welt bis nach Südostasien,
wo sie schliesslich das Meer am Weiterwandern hinderte, und in
der Neuen Welt bis nach Mittelamerika, wo ihnen die Anden Einhalt
geboten. Eine Tapirart wanderte damals über die Antilleninseln
ins Amazonasbecken ein. Das war möglich, weil die Antillen
während den Eiszeiten eine zusammenhängende Inselkette
bildeten. An den Erdpolen hatten sich nämlich zu jener Zeit
gewaltige Eismassen gebildet, weshalb der Spiegel der Weltmeere
beträchtlich tiefer lag als heute.
Derzeit gibt es noch vier Tapirarten, von denen drei
in Amerika vorkommen und eine in Asien:
Der Mittelamerikanische Tapir (Tapirus bairdii)
ist der grösste neuweltliche Tapir. Ausgewachsen wiegt er
etwa 250 Kilogramm. Sein Körper ist - abgesehen von der
unteren Gesichtshälfte und der Brust, welche weisslich sind
- einheitlich grau gefärbt. Das Verbreitungsgebiet des Mittelamerikanischen
Tapirs erstreckt sich vom südlichen Mexiko durch die verschiedenen
mittelamerikanischen Staaten bis ins nordwestliche Kolumbien
und nach Ecuador.
Der Bergtapir (Tapirus pinchaque) ist
ein Bewohner der hohen Anden Kolumbiens, Ekuadors und Perus.
Er ist der kleinste Vertreter seiner Familie. Im Gegensatz zu
den anderen Tapirarten ist sein Fell nicht kurz und glatt anliegend,
sondern weich und wollig. Seine Lippen sind auffallend weiss,
während sein übriger Körper dunkelgrau bis dunkelbraun
gefärbt ist.
Der Flachlandtapir (Tapirus terrestris)
ist in Gefangenschaft ein anspruchsloser Pflegling und daher
am häufigsten in Zoos zu sehen. Seine Heimat ist das Amazonasbecken.
Er ist ebenfalls einheitlich grau gefärbt, weist aber im
Gegensatz zu den anderen Tapirarten einen deutlichen Haarkamm
im Nacken auf, der sich von den Ohren bis zu den Schultern zieht.
Der Schabrackentapir (Tapirus indicus)
ist der grösste Tapir überhaupt. Er kann bis zu 375
Kilogramm wiegen. Als einziger Tapir weist er eine deutliche
Fellzeichnung auf: Kopf, Vorderkörper und Hinterbeine sind
schwarz, während die Körpermitte weiss ist. Es macht
den Anschein, als trage das Tier eine weisse Decke über
seinem Rücken. Auf diese besondere Wirkung spielt denn auch
sein Name an: «Schrabracke» (von türk. caprak)
bedeutet Satteldecke. Der Schabrackentapir bewohnt das südliche
Thailand, die Malaiische Halbinsel und die Insel Sumatra.
Tapire fühlen sich im Dickicht wohl
Der Mittelamerikanische Tapir ist ein scheuer Waldbewohner.
Er hält sich vorzugsweise im dichten Unterholz auf und meidet
offenes Gelände nach Möglichkeit. Dank seines untersetzt
gebauten Körpers mit den kurzen Beinen und seiner sehr dicken,
zähen Haut vermag er das bodennahe Dickicht mit Leichtigkeit
zu durchdringen. Er ist verhältnismässig ortstreu und
hält gern feste Wechsel ein, die er oft zu richtigen Gassen
im Pflanzendickicht austritt.
Der Mittelamerikanische Tapir ist hauptsächlich
nachts rege. Bei Sonnenuntergang verlässt er seinen Ruheplatz
und wandert gemächlich durch den Wald. Hie und da hält
er inne und isst ein paar Blätter, frische Triebe, Zweige
oder Früchte. Häufig legt er sich während der
nächtlichen Wanderung in einen Bach und ruht dort für
ein paar Stunden. Oft wälzt er sich auch ausgiebig in einem
Schlammloch.
Tapire sind gute und ausdauernde Schwimmer, welche
selbst breite Flüsse mühelos durchqueren. Sie haben
ausserdem die Angewohnheit, ähnlich wie Flusspferde vollständig
untergetaucht auf dem Grund von Gewässern zu gehen. Der
Sinn dieses eigenartigen Verhaltens ist bislang unverstanden.
Ein wählerischer Pflanzenesser
Ein auffälliges Körpermerkmal des Tapirs
ist seine rüsselartig verlängerte, sehr bewegliche
Nase. Wie der Rüssel des Elefanten ist der Tapirrüssel
bei der Nahrungsaufnahme sehr dienlich: Zweige und Blätter
lassen sich mit ihm wie mit einer Hand ergreifen und zum Mund
führen. Der muskulöse Rüssel lässt sich aber
auch stark zusammenziehen, sodass der Tapir beispielsweise kleine
Früchte direkt mit dem Mund vom Boden aufnehmen kann, ohne
dass ihn die lange Nase dabei hindert. Mit seinen kräftigen
Kiefern beisst der Tapir nicht selten mehrere Zentimeter dicke
Stämmchen junger Bäume durch, um an deren Blattwerk
zu gelangen. Gelingt ihm dies nicht, so erhebt er sich manchmal
auf seine Hinterbeine, um zumindest einen Ast zu packen und herunterzuzerren.
Bei der Nahrungssuche erweist sich der Mittelamerikanische
Tapir als sehr wählerisch. Er verzehrt bei weitem nicht
alles, was ihm vor den Rüssel kommt. Mithilfe seines besonders
empfindlichen Geruchssinnes und der tastborstenartigen Haare
an seiner Rüsselspitze wählt er aus dem üppigen
Nahrungsangebot in seinem Lebensraum nur ganz bestimmte Pflanzenarten,
die ihm offensichtlich besonders zusagen.
Neben Blättern, Zweigen und Trieben nimmt der
Mittelamerikanische Tapir auch gerne Früchte, Gräser,
Sumpf- und Wasserpflanzen aller Art zu sich. Die Samen der Früchte
verschluckt er vielfach unzerkaut, und da diese den Darm des
Tapirs in der Regel unbeschadet passieren, gelangen sie im Dung
oft an weit entfernte Standorte. So trägt der Tapir aktiv
zur Verbreitung und Vermehrung seiner Futterpflanzen bei.
Tapire pfeifen einander
Lange Zeit war man der Ansicht, die erwachsenen Tapire
seien völlig ungesellige Einzelgänger, welche nur gerade
zum Zweck der Fortpflanzung vorübergehend zusammenfänden.
Neuere Untersuchungen haben nun gezeigt, dass die grossen Säuger
zwar keine festen Gruppen oder Paare bilden, Beziehungen zu anderen
Artgenossen aber durchaus auch ohne direkte Paarungsabsichten
pflegen. So hat man wiederholt kleinere Grüppchen von zwei
bis vier Tapiren friedlich zusammen durch den Wald streifen,
gemeinsam essen und im Wasser liegen sehen. Wie lange solche
Gruppen jeweils zusammenhalten, ist noch unbekannt.
Tapire verständigen sich untereinander mit schrillen
Pfiffen, welche in bezug auf Lautstärke, Länge und
Tonhöhe recht verschiedenartig sein können. Weitere
Lautäusserungen des Mittelamerikanischen Tapirs sind ein
lautes Schnalzen mit der Zunge und Grunztöne, welche durch
stimmhaftes Ausatmen entstehen.
«Gestreifte Wassermelonen mit Beinen»
Der Mittelamerikanische Tapir hat wie die meisten
Tropenbewohner keine feste Fortpflanzungszeit; Jungtiere werden
das ganze Jahr über geboren. Das Tapirweibchen bringt nach
einer Tragzeit von 13 Monaten ein einzelnes Junges zur Welt.
Dieses wiegt bei der Geburt etwa 4,5 Kilogramm.
Im Gegensatz zu seinen Eltern trägt das Tapirjunge
eine markante Körperzeichnung: Auf dunklem Grund heben sich
an Kopf, Rumpf und Beinen gelbliche Flecken und Streifen ab.
Gemäss dem amerikanischen Tiergärtner F.A. Ulmer sehen
junge Tapire aus wie «gestreifte Wassermelonen mit Beinen».
Das scheinbar auffällige Jugendkleid, welches stark an die
Frischlingszeichnung der Wildschweine erinnert, tarnt das Tapirjunge
im bodennahen Dickicht des Waldes, denn es ahmt in verblüffender
Weise das Fleckenmuster des Lichts nach, welches durch das Kronendach
auf den Waldboden fällt.
Im Alter von vier bis sechs Monaten verblassen die
Flecken und Streifen, und die Erwachsenenfärbung stellt
sich ein. Im Alter von zwei bis drei Jahren erreichen die jungen
Tapire die Geschlechtsreife. Tapire können - zumindest in
Gefangenschaft - bis 35 Jahre alt werden.
Mensch, Jaguar und Puma
Ausser dem Menschen hat der Mittelamerikanische Tapir
einzig den Jaguar und den Puma als Feinde zu fürchten. Wegen
seiner Grösse und seiner dicken, widerstandsfähigen
Haut ist er allerdings keine leichte Beute für die beiden
Raubkatzen. Überdies stürmt der Tapir schon bei der
leisesten Beunruhigung sofort mit gesenktem Kopf davon und bahnt
sich mit beträchtlicher Geschwindigkeit einen Weg durch
dichtestes Gestrüpp. Hat sich eine Raubkatze in seinem Nacken
festgebissen, so wird sie dabei unweigerlich abgestreift. Es
scheinen vorwiegend junge Tapire zu sein, welche Jaguar und Puma
zum Opfer fallen.
Wie alle Wildtiere leidet auch der Mittelamerikanische
Tapir unter einer Vielzahl von Haut- und Darmschmarotzern. Seine
häufigsten Parasiten sind Zecken. Oft sind Tapire mit Hunderten
dieser blutsaugenden Quälgeister übersät. Der
Abwehr von Hautparasiten dient in erster Linie das regelmässige
Schlammbaden. Nach dem Verlassen der Suhle trocknet der Schlamm
und bildet eine Schicht auf der Haut des Tapirs, welche einerseits
vorhandene Zecken erstickt und andererseits vor neuem Befall
sowie vor Insektenstichen schützt. Kürzlich ist auch
beobachtet worden, dass ein Kleiner Nasenbär (Nasua olivacea)
einen ruhenden Tapir von seinen Zecken befreite. Es erscheint
allerdings fraglich, ob dieses zwischenartliche Pflegeverhalten
allgemein üblich ist.
Die Tapirbestände gehen zurück
Wie so manche andere Tierart ist der Mittelamerikanische
Tapir hauptsächlich infolge der raschen Verknappung seines
Lebensraums sowie der übermässigen Bejagung durch den
Menschen bedroht. Im ganzen mittelamerikanischen Raum schwinden
die Waldbestände mit enormer Geschwindigkeit. Selbst abgelegene
und früher kaum zugängliche Waldgebiete werden heute
durch Strassen erschlossen, worauf - über kurz oder lang
- Siedler in die Wälder einwandern und diese zu land- und
forstwirtschaftlichen Zwecken roden. So wird nicht nur der Lebensraum
des Tapirs - und mit ihm einer Vielzahl anderer waldbewohnender
Wildtiere - immer knapper. Durch die Nähe des Menschen nimmt
auch der Jagddruck ständig zu. Dies, obschon der Mittelamerikanische
Tapir in den meisten seiner Heimatländer unter gesetzlichem
Schutz steht.
Zum einen ist der grosse Säuger als Jagdobjekt
sehr begehrt, weil er viel Fleisch liefert und sich aus seiner
derben Haut ein kräftiges Leder für Zügel und
Peitschen gerben lässt. Zum anderen wird er von den Pflanzern
als Schädling bekämpft, weil er gelegentlich des nachts
ihre waldnahen Felder plündert. Tapire vermehren sich aber
nur langsam. Schon eine mässige Bejagung der Tiere in den
oftmals isolierten Waldstücken bewirkt eine rasche Bestandsabnahme
und kann innerhalb kurzer Zeit zur Ausrottung lokaler Bestände
führen.
Über die Grösse der im mittelamerikanischen
Raum noch existierenden Tapirpopulation ist so gut wie nichts
bekannt. Selbst grobe Schätzungen fehlen. Entsprechende
Abklärungen sind daher dringend notwendig. Mit Sicherheit
lässt sich derzeit nur feststellen, dass die Bestände
des Mittelamerikanischen Tapirs in allen Teilen seines Verbreitungsgebiets
drastisch abnehmen. So ist der grosse Pflanzenesser heute in
Mexiko sehr selten geworden, und in El Salvador ist er sogar
bereits ausgestorben. In Belize, wo er zum Nationaltier erkoren
worden ist, dürfte er noch verhältnismässig häufig
vorkommen. Über seine Situation in Nicaragua ist nichts
bekannt, da Unruhen im Land Freilandstudien schon seit geraumer
Zeit unmöglich machen. Ein grosses, weitgehend unberührtes
Waldgebiet, welches noch einen gesunden Tapirbestand beherbergt,
findet sich im südöstlichen Panama im Bereich der Darién-Berge.
1980 konnten dort durch die Errichtung des Darién-Nationalparks
5900 Quadratkilometer Land vor zukünftiger land- und forstwirtschaftlicher
Nutzung geschützt werden.
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