Monarchfalter

Danaus plexippus


© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Ein Schmetterling, der nicht einmal ein Gramm wiegt, zieht im Herbst Tausende von Kilometern nach Süden, um Schnee und Eis auszuweichen, und kehrt dann im Frühjahr - nach Monaten der Winterstarre - wieder in sein Brutgebiet zurück. Eine Riesenleistung, die der Monarchfalter (Danaus plexippus) alljährlich vollbringt!

 

Die Danaiden sind tropische Tagfalter

Von den bisher bekannten rund 1,2 Millionen auf der Erde lebenden Tierarten sind deren 850.000 Insekten. Mit weltweit 160.000 Arten sind die Schmetterlinge die drittgrösste Insektenordnung. 15.000 von ihnen gehören zur Überfamilie der Tagfalter (Papilionaceae), und von diesen wiederum gehören 175 zur Familie der Danaiden (Danaidae). Prominentestes Mit glied dieser Familie ist zweifellos der Monarchfalter.

Die alten Griechen hielten Danaos für einen König. Er hatte fünfzig Töchter, die Danaiden. Diese wurden gegen ihren Willen mit fünfzig Söhnen des Königs Aigyptos vermählt, worauf sie allesamt in der Brautnacht ihre ungeliebten Männer ermordeten. Zur Strafe mussten sie in der Unterwelt unablässig Wasser in ein durchlöchertes Fass schöpfen. Nach diesen Töchtern haben die Zoologen die Schmetterlingsfamilie der Danaiden benannt. Warum sie das taten, ist völlig schleierhaft.

Die Danaiden sind tropische Schmetterlinge. Sie besiedeln fast ausnahmslos feuchtwarme Regionen in Asien und Afrika sowie Mittel- und Südamerika.

Wie bei den meisten Schmetterlingen ernähren sich die Danaiden-Raupen nur von ganz speziellen Pflanzen und verhungern eher, als dass sie etwas anderes zu sich nehmen würden. Die «Lieblingsspeise» der Danaiden sind giftige Schwalbenwurzgewächse (Familie Asclepiadaceae), eine in den Tropen weitverbreitete und häufige Pflanzensippe. Allein von der Gattung Asclepias gibt es aber auch in der gemässigten Klimazone Nordamerikas zwischen Mexiko im Süden und Kanada im Norden 198 Arten - grundsätzlich ein riesiges Nahrungsangebot für die Danaiden. Eigenartigerweise hat es aber nur ein einziger Vertreter der Familie verstanden, dieses Angebot zu nutzen: der Monarchfalter. Er entwickelte die Fähigkeit, nach Norden zu wandern und sich im Sommer auf der Grundlage dieses überreich gedeckten Tisches fortzupflanzen. Der «Ausbruch» aus den tropischen Gefilden ist allerdings nicht vollkommen: Bis heute kann der Monarchfalter die kalten nördlichen Winter nicht verkraften und muss darum jedes Jahr für die Überwinterung wieder in den Süden fliegen.

 

Raupen und Falter sind ungeniessbar

Im Sommer leben die Monarchfalter in den USA und im südlichen Kanada weit verbreitet. Sie sind dort häufige und gern gesehene Sommergäste. Nach der Paarung legt jedes Weibchen mehrere hundert Eier auf Schwalbenwurzgewächse. Aus den winzigen, milchigweissen Eiern schlüpfen nach ein paar Tagen ebenso winzige Räupchen. Diese Schmetterlingskinder ernähren sich nun gierig von ihren Wirtspflanzen. Sie wachsen rasch heran und häuten sich mehrfach, streifen also ihre zu klein gewordene Haut ab.

Die Monarchfalterraupen sind hübsche, schwarz-weiss-gelb geringelte Wesen mit je zwei langen fadenförmigen Anhängen am vorderen und am hinteren Körperende. Mit ihrer leuchtenden Färbung sind die Raupen natürlich auf ihren blassgrünen Wirtspflanzen überhaupt nicht getarnt. Im Gegenteil: Sie sind für jedermann schon von weitem gut erkennbar. Und das ist auch ihre Absicht: Sie sind nämlich für ihre Hauptfeinde, die Vögel, völlig ungeniessbar, denn in ihrem Körpergewebe sind die in den Schwalbenwurzgewächsen enthaltenen Pflanzengifte in hoher Konzentration eingelagert. Sie tragen also ein «Warnkleid» und machen damit auf ihre Giftigkeit aufmerksam. Tatsächlich werden die Raupen kaum von Vögeln angegriffen. Sie sind auch nicht scheu - so als wüssten sie um ihre Sicherheit. (Die Giftigkeit wird bei der Verwandlung der Raupen zu Faltern beibehalten. Auch die erwachsenen Monarchfalter sind also für die Vögel ungeniessbar und werden von diesen in Ruhe gelassen.)

Nach der fünften und letzten Häutung, ungefähr 14 Tage nach dem Schlüpfen aus den Eiern, verwandeln sich die Monarchfalterraupen in tonnenförmige, grünliche Puppen mit metallischen Goldflecken. Es beginnt die sogenannte Puppenruhe. Ruhig erscheint die Puppe allerdings nur nach aussen. Unter der starren Puppenhülle erfolgt nämlich im Lauf von etwa zehn Tagen die umwälzende Verwandlung der Raupe zum Falter.

Nach Ablauf der Verwandlung platzt die Puppenhülle an vorgebildeten Nahtstellen auf, und heraus zwängt sich der prächtige Falter. An erhöhter Stelle ruhend presst er Luft und Blutflüssigkeit in die Adern seiner noch weichen, stark zerknitterten Flügel. Dadurch werden sie zu ihrer vollen Grösse gestreckt. Nach zehn bis zwanzig Minuten sind die Flügel geglättet und binnen weniger Stunden erhärtet. Jetzt kann der Falter seinen ersten Flug unternehmen.

Im Gegensatz zur Raupe besitzt der Falter keine beissenden Mundwerkzeuge und ernährt sich nicht kriechend von Blattgewebe. Er fliegt in der warmen Sommerluft von Blüte zu Blüte und trinkt mit seinem Saugrüssel süssen Blütensaft (Nektar).

Die frisch geschlüpften Falter sind sofort fortpflanzungsfähig. Sie paaren sich mit Geschlechtspartnern, und schon bald legen die Weibchen ihre Eier auf geeignete Futterpflanzen. Auf diese Weise entsteht innerhalb etwa eines Monats eine zweite Sommergeneration, dann vielleicht sogar noch eine dritte.

Mit dem Schwinden des Sommers werden die Tage kürzer und die Nächte kühler. Damit ändert sich das hormonelle «Innenleben» der Falter. Die jungen Schmetterlinge der letzten Generation schlüpfen mit ausgesprochen kräftigen Flugmuskeln und sind nicht geschlechtsreif. Sie verspüren auch keinen Drang, sich fortzupflanzen. Statt dessen werden sie gesellig und beginnen schon bald ihre Herbstwanderung zu den Winterquartieren.

 

Sie fliegen bis 330 Kilometer je Tag

Dank der Arbeit von Prof. Fred Urquhart (Universität Toronto), Prof. Lincoln Brower (Universität Florida) und anderen Schmetterlingsforschern, welche seit beinahe einem halben Jahrhundert das Wanderverhalten der Monarchfalter mithilfe markierter Individuen studieren, besitzen wir recht gute Kenntnis über die Flugrouten und Überwinterungsquartiere dieser Langstreckenflieger unter den Insekten.

Die Monarchfalter im Westen der Vereinigten Staaten wandern im Herbst an die kühle und feuchte Küste Kaliforniens - zwischen dem Kap von Mendocino im Norden und Baja California im Süden. Dort überwintern sie in einigen wenigen Eukalyptus- und Nadelwäldern. Ihre Artgenossen, welche östlich der Rocky Mountains schlüpfen, fliegen weiter nach Süden und verbringen den Winter in den Bergen Zentralmexikos. Auf ihrem Weg nach Süden nutzen die Monarchfalter die Fülle der Herbstblumen und wandeln deren Nektar in Fett um - Brennstoff für die lange Reise. Beim Erreichen ihrer Überwinterungsgebiete Anfang oder Mitte November sind sie dann nicht etwa ausgezehrt, sondern wohlgenährt. Ihre Energiereserven brauchen sie, um den langen Winter überstehen und dann im nächsten Frühjahr den Rückweg antreten zu können.

Bei ihrer Herbstwanderung fliegen die Schmetterlinge unter Ausnutzung von Luftströmungen durchschnittlich 70 Kilometer je Tag, manchmal aber bis zu 330 Kilometer. Die Monarchfalter von Massachussetts beispielsweise benötigen für ihre lange Reise nach Mexiko insgesamt acht bis zwölf Wochen.

 

Zehn bis zwölf Millionen Monarchfalter je Hektar

Das Zielgebiet der Monarchfalter in Mexiko sind einige hochgelegene Täler in der Sierra Madre, dem Zentralgebirge Mexikos. Hier versammelt sich im Spätherbst der Grossteil der Gesamtpopulation Nordamerikas an etwa einem Dutzend Stellen von wenigen Hektaren Grösse.

In diesen Winterquartieren in über 3000 Metern Höhe bestimmen Fichten, Kiefern, Zypressen und verschiedene andere Baumarten das Bild. Der Waldboden ist dicht mit Moos überzogen, in den Bäumen wuchern Flechten und Farne. Oft verhüllt Nebel die Wälder. Die Temperaturen kreisen zwischen Herbst und Frühjahr um den Gefrierpunkt. Das macht die Schmetterlinge während ihres «Winterurlaubs» sehr träge. Und genau das ist von der Natur auch beabsichtigt. Die Tiere sollen ja auf keinen Fall ihre Fettreserven aufbrauchen, die sie im Frühling so dringend für den strapaziösen Rückflug nach Nordamerika benötigen.

An ihren Überwinterungsorten bedecken die Monarchfalter dicht gedrängt Zweige, Äste und Stämme der Bäume. Alles ist mit einem wunderschönen orange-schwarzen Schleier überzogen. Je Hektar rechnet man mit zehn bis zwölf Millionen Schmetterlingen - eine unvorstellbare Ansammlung der leichten Wesen!

Die meiste Zeit ruhen die Tiere. Gegen Mittag, wenn die Sonne scheint, segeln und flattern sie zum Teil träge umher, wärmen sich an sonnigen Flecken auf, nehmen vielleicht etwas Flüssigkeit vom Boden auf und kehren dann wieder an ihre Ruheplätze auf den Bäumen zurück.

Die Rückreise der Millionen beginnt Ende Februar, Anfang März. Hormonelle Veränderungen lösen dann die Entwicklung der Geschlechtsorgane und den Paarungstrieb aus. Paarungen finden im Überwinterungsquartier selbst und auf dem nun folgenden «Exodus» der Monarchfalter statt. Schon bald legen die ersten Weibchen ihre Eier auf Schwalbenwurzgewächse, denen sie auf ihrem Flug nach Norden begegnen. Die meisten Falter sterben unterwegs. An ihre Stelle treten nun ihre Kinder. Sie setzen die nordwärts gerichtete Wanderung fort und sorgen ihrerseits für Nachkommen. So füllt sich allmählich gegen Sommer ganz Nordamerika mit den bunten «Sommervögeln».

Die Erforschung der Monarchfalter-Wanderung hat gezeigt, dass es nur sehr wenige Individuen bis zu der Stelle schaffen, an der sie im Vorjahr zur Welt kamen. Diese wenigen aber haben in ihrem Leben über 6000 Kilometer zurückgelegt. Eine unglaubliche Leistung!

 

Ein bedrohtes Naturphänomen

Der Monarchfalter, der ausser in Nordamerika auch in Mittel- und Südamerika, auf einigen pazifischen Inseln, in Australien und in Teilen Asiens vorkommt, ist als Art sicherlich nicht vom Aussterben bedroht. Gefährdet ist aber die Population, welche östlich der Rocky Mountains lebt und die enormen Wanderungen nach Mexiko durchführt. Würden nämlich die Bergwälder im Bereich ihrer Winterquartiere zerstört, so wären die Tiere allesamt dem Untergang geweiht - und damit unser Planet um ein einzigartiges Naturschauspiel ärmer. Ja es hat sich gezeigt, dass schon das Herausschlagen einzelner älterer Bäume aus den Wäldern verheerende Folgen für die überwinternden Falter hat: Durch die Öffnung des Kronendachs wird es einerseits in klaren Winternächten an den Ruheplätzen der Monarchfalter kälter, sodass viele der frostempfindlichen Tiere erfrieren. Andererseits steigt die Temperatur an den sonnigen Tagen stärker an, und die Falter verbrauchen übermässig viel Fett.

Die Internationale Union für Naturschutz (IUCN) hat darum den Monarchfalter in ihr Wirbellosen-Rotbuch aufgenommen. Allerdings nicht als gefährdete Tierart, sondern als «bedrohtes Naturphänomen» - eine eigens hierfür geschaffene Kategorie.

 

Massvoller Tourismus soll den Schutz der Winterquartiere gewährleisten

Glücklicherweise ist den Mexikanern das Schicksal der Monarchfalter nicht gleichgültig. Viele Legenden ranken sich um die bunten Schmetterlinge, und sie stellen auch ein sehr beliebtes Motiv im Kunsthandwerk dar. Mancherorts werden die Monarchfalter las palomas («die Tauben») genannt und mit den Seelen verstorbener Kinder in Verbindung gebracht. Die Mexikaner sind sich einig, dass sie «ihre» Monarchfalter erhalten wollen und dazu eine weitere Zerstörung der Bergwälder unter allen Umständen verhindern müssen.

In Mexiko setzt sich vor allem die private Naturschutzgruppe «Pro Monarca» für den Schutz der Monarchfalter ein. Sie arbeitet eng mit der Nationalen Universität von Mexiko, der Universität von Florida, der Schmetterlingsspezialistengruppe der IUCN und den zuständigen mexikanischen Behörden zusammen und koordiniert die Anstrengungen der verschiedenen Instanzen zur Erhaltung der Tiere. Ihre Arbeit sowie ein Grossteil der Feldstudien über die Monarchfalter werden vom WWF-USA finanziert.

Ein erster Erfolg konnte bereits verzeichnet werden: Die Regierung des mexikanischen Bundesstaates Michoacan hat einen vorläufigen Stopp sämtlicher Holznutzung in den Winterquartieren der Monarchfalter verfügt. Nun werden Konzepte für die langfristige Erhaltung dieser bedeutungsvollen Bergwälder entwickelt und getestet. Grosse Erwartungen setzt man dabei in den Tourismus. Zwar können Störungen der Tiere durch unvorsichtige Besucher eine grosse Gefahr für die Tiere bedeuten. Schon bei der geringsten Beunruhigung «explodieren» färmlich Tausende von Faltern von den Bäumen, fliegen in einer bunten Wolke umher und verbrauchen dabei unnötig Energie.

Ein massvoller und sorgfältig überwachter Tourismus im Bereich der Kolonieränder könnte aber durchaus segensreich sein: Durch das Erbringen von Dienstleistungen könnte nämlich die ansässige Bevölkerung, auf deren Land sich die Wälder befinden und für welche die Holznutzung bislang eine wichtige Einnahmequelle gewesen ist, zukünftig weit mehr Geld verdienen, als es mit dem Holzfällen je möglich war. Wenn genügend Touristen die Bergwälder Zentralmexikos besuchen und genügend Geld für Unterkunft, Essen, Führer und Souvenirs ausgeben, so dürften die Wälder vor der Zerstörung sicher sein - davon sind die Naturschützer überzeugt. Dem WWF-USA käme die wichtige Aufgabe zu, durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit das Interesse der amerikanischen Naturliebhaber auf dieses einmalige Phänomen zu richten und sie zu einem Besuch desselben zu ermuntern.




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