Moritat vom Mord am Moor


© 1983 Markus Kappeler
(erschienen
in «meyers modeblatt», 16.11.1983)



Es war verrufen, und ohne zwingenden Anlass besuchte es wohl niemand: das Moor. Während Jahrtausenden blieb das sagenumwobene Gebilde der Natur sich selbst überlassen, unangetastet. Das änderte sich im 19. Jahrhundert: Der Industrielle sah nun im Moor die rentable Torflagerstätte, der Landwirt den ungenutzten Boden im eng gewordenen Land. Planmässig wurde die Urlandschaft zugrunde gerichtet. Heute liegt das Moor im Sterben. Wiederbelebungsversuche sind im Gang. Aber ob die Hilfe noch rechtzeitig kommt?

 

Der Nebel will vom betauten Boden nicht weichen, obwohl die Sonne schon hoch am Himmel steht. Ein silbriges Grau verhüllt schon die nächsten Bäume - ein paar Kummerbirken, die elend dahinfristen. Weisse, schimmernde Schöpfchen des Wollgrases stehen vereinzelt herum. Und wie ein alter Orientteppich dehnt sich in stark verblichenen Farben die Moosdecke. Schnarrend fliegt ein rotflügliger Springer auf. Sonst bleibt es unüberhörbar still und brütend. Gedämpft, in Moll, erklingt das Lied der Natur.

Der Boden ist schwankend, trügerisch. Er lässt des Wanderers Fuss tief einsinken. Überall quillt Wasser hervor. Das triefend nasse Moos weicht. Der Wanderer bricht in den Pflanzenfilz ein, und will er sich herausarbeiten, gerät er noch tiefer. Bedächtig, aber unabwendbar schluckt ihn die morastige Tiefe. Über ihm schliesst sich die Moosdecke wieder. Es ist ruhig wie zuvor. Und gleichmütig brennt die Sonne auf das Moor. Nun wird in der Nacht das Moorweib wieder seine Totenklage hören lassen. Und die unerlösten Seelen der Moorleichen werden als zierliche Lichtelfen ihren Reigen tanzen.

So erzählte einst das Volk. Und es hatte recht - zumindest aus der Sicht des Moores. Denn damals liess man es noch in Frieden. Solange man sich Gruselgeschichten über das Moor erzählte, solange ging es ihm nicht an den Kragen.

 

Moore sind Datenbanken

Weil ein Moor fast alles konserviert, was hineinfällt, liest der Archäologe darin wie der Pfarrer in der Bibel. Moorfunde lassen sich zu Chronologien bis weit in die Steinzeit zusammenfügen. Moore sind lebende erdgeschichtliche Archive.

Die zum Teil jahrtausendealten, oft prächtig mumifizierten Menschen, die immer wieder in den Mooren gefunden wurden und als «Moorleichen» in die Schlagzeilen kamen, geben uns Aufschluss über Haartracht, Kleidung, Essgewohnheiten unserer Vorfahren. Zu Bruch gegangene Achsen, weggeworfene Räder und verlorene Wagenteile entlang wichtiger früherer Moordurchgangsstrassen zeigen lückenlos die Entwicklung der Fahrzeuge seit 3000 v.Chr. Abfallplätze unserer Ahnen geben uns ein farbiges Bild von der Jagd und Haustierzüchtung in früheren Jahrtausenden. Und die in allen Torfschichten vorhandenen, vom Wind einst ins Moor verwehten Blütenstaubkörner («Pollen»), die für jede Pflanzenart eine charakteristische Struktur aufweisen, erzählen uns die Geschichte des einheimischen Waldes im Wandel der Zeit, und wann und wo der Mensch welche Getreidesorten angepflanzt hat.

Leider begann der Mensch nur allzufrüh, sein einzigartiges Geschichtsbuch weitgehend ungelesen zu vernichten.

 

Urland wird urbar

Jahrtausendelang liess man die Moore in Ruhe. Unheimlich und abweisend erschien dem Menschen die Welt der Moore. Er mied sie.

Dass Torf gut heizt, hatten zwar bereits die alten Germanen er kannt. Julius Cäsar soll sich köstlich darüber amüsiert haben, wie die Leute im «Land der Nebel und Moräste», wie er das Gebiet nördlich der Alpen abschätzig nannte, nasse Erde in Rechtecke schnitten und zum Feuermachen trockneten. Die bäuerlichen Brenntorfstiche jener Zeit taten aber dem Moor nicht weh, denn sie waren auf den Moorrand beschränkt. Ins Innere traute sich niemand.

Im 19. Jahrhundert aber begann auch im Moor das Industriezeitalter. Der Geschäftsmann machte sich im grossen Stil über die ungenutzte Torflagerstätte her, der Bauer über das ungenutzte Land. Und innert knapp zwei Jahrzehnten ist das urweltliche Moor mit seiner düsteren Poesie und seiner matten, aber zauberhaften Schönheit fast vollständig vom Erdboden verschwunden. Planmässig wurde es entwässert, abgebaut, umgepflügt - mit einem Wort: kultiviert.

 

Gefährdete Moore

In der Schweiz haben nur einige wenige Moore - in der Hauptsache Hochmoore - das Massaker bis heute überlebt. Die noch einigermassen unversehrten und etwas grossflächigeren lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen. Aber selbst diesen letzten Mohikanern geht's erbarmungslos an den Kragen. Auf vielfältige Weise wird derzeit den Mooren den Rest gegeben: in einem detonieren Handgranaten (Glaubenberg OW), in anderen wird Torf gestochen (z. B. La Brévine NE), in einem werden exotische Azaleen gezüchtet (Rifferswil ZH), auf einem anderen macht sich ein Campingplatz breit (Col des Mosses VD), eines wird von Kühen zertrampelt (Kaltenbrunnenmoos BE), ein anderes leidet unter dem Freizeitmenschen (Lac de la Gruyere FR). Und bekanntlich ist das Überleben des mit zehn Quadratkilometern grössten noch verbleibenden Moores der Schweiz bei Rothenthurm SZ in Frage gestellt.

Lange dürfte der Raubbau des Menschen an den letzten Moorfragmenten allerdings kaum mehr dauern. Denn die Moore sind am Ende. Ein einmaliges urweltliches Naturmonument ist im Begriff, unwiderbringlich aus unserer Welt zu verschwinden. Und mit ihm gehen nicht nur all die bizarren Moorsiedler unter den Pflanzen, sondern es gehen auch all die Insekten, Reptilien, Vögel, die sich vor der beständigen Unruhe im Kulturland hierher zurückgezogen haben. Soweit darf es nicht kommen. Helfen wir dem Moor gemeinsam wieder auf die Beine! Unterstützen wir die derzeit in Gang kommenden Wiederbelebungsversuche!




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