Kleines Nachtpfauenauge
Saturnia pavonia
© 1999 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion,
Groth AG, Unterägeri)
Von den bisher bekannten rund 1,2 Millionen auf der
Erde lebenden Tierarten gehören gut zwei Drittel (850 000)
zur Klasse der Insekten (Insecta) und davon wiederum zählt
fast ein Fünftel (160 000) zur Ordnung der Schmetterlinge
(Lepidoptera). In Mitteleuropa kommen etwa 3700 Schmetterlingsarten
vor: 200 Tagfalter, 1600 Nachtfalter und 1900 mottenartige Kleinschmetterlinge.
Das Kleine Nachtpfauenauge (Saturnia pavonia)
ist seines Namens zum Trotz einer der grössten Nachtfalter
Europas: Die Flügelspannweite bemisst sich beim Männchen
auf etwa 5, beim Weibchen sogar auf 6 bis 8 Zentimeter. Es gehört
zur Familie der Augenspinner (Saturniidae) und ist in der paläarktischen
Region recht weit verbreitet.
In Mitteleuropa fliegt das Kleine Nachtpfauenauge
von Ende März bis Anfang Juni. Die Weibchen sind nur nachts
unterwegs, die Männchen hingegen vor allem am Tag und suchen
dann zielstrebig nach den an den Pflanzen ruhenden Weibchen.
Dabei sind ihnen die auffällig grossen, doppelt gefiederten
Fühler sehr dienlich, denn mit diesen empfindlichen Organen
können sie die Weibchen anhand von deren Sexuallockstoffen
aus grosser Entfernung wahrnehmen.
Die Raupen des Kleinen Nachtpfauenauges leben von
Mai bis Juni an vielen verschiedenen Pflanzen, darunter Schlehe,
Brombeere, Weide, Birke und Heidekrautgewächse. Viele dieser
Raupenfutterpflanzen finden sich auf offenen Heiden, in Mooren
und in Ödländern. Dort ist diese Schmetterlingsart
denn auch am häufigsten zu finden. Die Raupen des Kleinen
Nachtpfauenauges verpuppen sich gewöhnlich im Juli im Inneren
eines birnenförmigen, festen Seidenkokons und überwintern
in diesem Stadium.
Dem Kleinen Nachtpfauenauge ergeht es leider wie den
meisten seiner Schmetterlingsverwandten: Seine Bestände
sind - mehr oder minder ausgeprägt - in ganz Mitteleuropa
rückläufig. Und wie so oft sind es die «Machenschaften»
des Menschen, welche dem leichten Wesen das Leben schwer machen.
In erster Linie leidet das Kleine Nachtpfauenauge
unter der Zerstörung seiner angestammten Lebensräume.
Moore, Heiden und Ödflächen verschwinden - genauso
wie kräuterreiche Wiesen, natürliche Bachläufe,
ungenutzte Wegborde, abwechslungsreiche Waldränder, Hecken
und Feldgehölze - als wirtschaftlich wertlose Landschaftselemente
in erschreckendem Tempo aus unserer Umwelt. Sie weichen einer
Zivilisationseinöde, die sich im wesentlichen aus Wohnsiedlungen,
Industrieanlagen und Verkehrswegen einerseits und maschinengerechten
landwirtschaftlichen Produktionsflächen und Wirtschaftswäldern
andererseits zusammensetzt.
Weniger offensichtlich, aber nicht minder umweltverändernd
wirken sich die unüberblickbaren Mengen chemischer Stoffe
aus, mit denen der Mensch die Umwelt befrachtet. Dazu zählen
vor allem die hochgiftigen Pestizide, welche in der Intensivlandwirtschaft
eingesetzt werden. Ihre verheerende Wirkung nicht nur auf das
Kleine Nachtpfauenauge ist zur Genüge bekannt.
Viele Länder Mitteleuropas haben eine dramatische
Verarmung ihrer einstmals reichen Schmetterlingsfauna erlitten.
So sind zum Beispiel im deutschen Bundesland Hamburg 30 Prozent
aller dort früher vorkommenden Tagfalter inzwischen ausgestorben
oder verschollen, 20 Prozent sind vom Aussterben bedroht und
bei weiteren 30 Prozent zeichnet sich ein deutlicher Rückgang
ab. Einzig in Regionen, wo die Land- und die Forstwirtschaft
bislang noch wenig «industrialisiert» worden sind,
ist eine verhältnismässig geringe Schädigung der
Schmetterlingsfauna festzustellen.
Es besteht kein Zweifel: Für das Wohlergehen
und letztlich den Fortbestand vieler europäischer Schmetterlingsarten,
darunter auch des Kleinen Nachtpfauenauges, ist es entscheidend,
dass die herkömmliche, verhältnismässig extensive
und umweltschonende Land- und Forstwirtschaft auf grösseren
Flächen beibehalten bzw. wiedereingeführt wird. Dies
setzt in vielen Ländern vorab politische Kurskorrekturen
voraus: Nicht die «Industrialisierung» der Land-
und Forstwirtschaft darf mehr gefördert werden, sondern
vielmehr deren «Ökologisierung». Ausserdem gilt
es, eine möglichst grosse Zahl der noch verbleibenden Naturlandschaften
und natürlichen Landschaftselemente, darunter die für
das Kleine Nachtpfauenauge überlebenswichtigen Moor- und
Heidegebiete, in Form von Reservaten vor dem schädigenden
Zugriff des Menschen zu bewahren.
Und zwar nicht allein der Schmetterlinge wegen: Schmetterlinge
sind nämlich Gütezeiger erster Klasse für den
Gesundheitszustand unserer Natur. Wo die hübschen Falter
verschwinden, da wird das Leben letztlich auch für den Menschen
ungemütlich.
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