Elisabeth-Nacktkiemer - Chromodoris elizabethina

Loch-Nacktkiemer - Chromodoris lochi

Bullock-Nacktkiemer - Chromodoris bullocki

Tryon-Nacktkiemer - Risbecia tryoni


© 1999 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



100 000 Schneckenarten

Vertreter aus dem grossen Tierstamm der Weichtiere (Mollusca) sind uns allen wohl bekannt: In unseren Gärten, Wiesen und Wäldern treffen wir auf verschiedenartige Schnecken (Klasse Gastropoda). An den Meeresküsten stossen wir auf vielerlei Muscheln oder zumindest auf deren Schalen (Klasse Bivalvia). Und im Restaurant mit der mediterranen Küche essen wir gelegentlich Tintenfische (Klasse Cephalopoda). Diese drei grossen Klassen bilden zusammen mit ein paar kaum bekannten, artenarmen Klassen - darunter die Schildfüsser (Klasse Caudofoveata), welche ausschliesslich in Ablagerungen des Meeresbodens leben - die mehr als 600 Millionen Jahre alte, überaus erfolgreiche Sippe der Weichtiere.

Niemand weiss genau, wieviele Weichtierarten es auf unserem Planeten insgesamt gibt. Schätzungen gehen aber von einer Zahl von mehr als 125 000 aus. Die Weichtiere stellen damit nach den Gliedertieren (Arthropoda), zu denen die Spinnen, Krebse, Tausendfüsser und Insekten gehören, den zweitgrössten Tierstamm dar. Ihre Formenfülle ist mehr als doppelt so gross wie die des Stamms der Rückenmarktiere (Chordata), zu welchen die Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere gehören.

Über drei Viertel aller Weichtiere, nämlich rund 100 000 Arten, sind Schnecken. Diese kommen in fast jedem Lebensraum im Meer, im Süsswasser und auf dem Festland vor. Ihre Körperlänge reicht von 1 Millimeter langen Zwergen bis hin zu 60 Zentimeter langen Riesen.

Die meisten Schnecken sind «Schalenweichtiere»: Sie tragen auf ihrem Rücken ein spiralig gewundenes Gehäuse, in das sie sich zum Schutz zurückziehen können. Bei etwa einem Zehntel aller Schneckenarten ist die Schale im Laufe ihrer Stammesgeschichte jedoch zurückgebildet worden. Die bekanntesten schalenlosen Schnecken sind zweifellos die zur Familie der Wegschnecken (Arionidae) gehörenden «Salatschnecken», über die sich wohl jeder Gemüsegärtner schon geärgert hat. Schalenlos sind aber auch die im Meer lebenden Nacktkiemer (Ordnung Nudibranchia), zu denen die buntesten Schnecken der Welt gehören.

Nacktkiemer kommen in sämtlichen Ozeanen und Meeren der Erde vor, von den Polen bis zum Äquator. Wie bei den meisten anderen Meerestieren ist aber auch bei ihnen die Artenvielfalt in den warmen, seichten Küstengewässern der Tropen, wo üppige Korallenriffe gedeihen, am grössten. Insgesamt kennen wir rund 4500 Arten von Nacktkiemern. Davon leben im westpazifischen Raum mehr als 1000. Vier von ihnen, welche zur artenreichen Familie Chromodorididae gehören, sollen auf diesen Seiten vorgestellt werden: der Elisabeth-Nacktkiemer (Chromodoris elizabethina), der Loch-Nacktkiemer (Chromodoris lochi), der Bullock-Nacktkiemer (Chromodoris bullocki) und der Tryon-Nacktkiemer (Risbecia tryoni).

 

Zu Fuss unterwegs, mit Mantel bedeckt

Die Nacktkiemer haben weder ein Aussenskelett wie etwa die Krebstiere noch verfügen sie über ein Innenskelett wie zum Beispiel die Fische. Ihr Körper ist deshalb sehr weich und elastisch und kann sich in seiner Form beträchtlich verändern. Im «Normalzustand» sind die Nacktkiemer aber - wie die meisten Schnecken - längliche Wesen, die auf ihrer Unterseite ein flächiges, hinten schwanzartig verlängertes Kriechorgan besitzen. Auf diesem «Fuss» gleiten sie gemächlich über den Meeresboden oder über Korallen und andere dort wachsende Strukturen. Muskelwellen, die der Unterseite des Fusses entlang laufen, ermöglichen ihnen ein kontinuierliches «Stemmschieben», und Drüsen, welche Schleim absondern, vermindern dabei den Reibungswiderstand.

Über den Fuss wölbt sich bei den Nacktkiemern der sogenannte «Mantel». Er ist ihre Rückenhaut und wird rundherum durch einen auffälligen Saum begrenzt. Während er bei den meisten Schnecken durch Kalkabsonderung ein Gehäuse erzeugt, bringt er bei vielen Nacktkiemern extravagante blatt- oder warzenartige Ausstülpungen hervor. Bei «unseren» vier Arten ist er allerdings völlig glatt.

Der Kopf ist bei den Nacktkiemern unter dem Vorderteil des Mantels verborgen. Äusserlich in Erscheinung tritt er durch eine kurze, bewegliche «Schnauze», an deren Ende die Mundöffnung liegt. Beiderseits der Schnauze befindet sich ein dünner Fühler, der hauptsächlich ein Tastsinnesorgan ist und es den Tieren erlaubt, ihren Weg zu finden. Augen, die diese Aufgabe übernehmen könnten, besitzen die Nacktkiemer nämlich keine. Ihre Augen sind winzige, im Körperinnern direkt über dem Hirn liegende Punktaugen, welche keine Bilder zu erkennen vermögen, sondern lediglich hell und dunkel unterscheiden können. Mit ihnen erkennen die Nacktkiemer einzig, ob Tag oder Nacht ist, und vielleicht noch, ob sich ihnen ein gefährlicher Schatten im Wasser nähert.

Für die Nacktkiemer sehr bedeutsame Sinnesorgane sind die beiden Riechfühler, welche wie Hasenohren oberhalb des Kopfs aus dem Mantel heraustreten. Diese sogenannten «Rhinophoren» sind hochentwickelte Organe zur Wahrnehmung chemischer Signalstoffe im Wasser. Sie leiten die Tiere etwa zu ihrer Nahrung und zu Geschlechtspartnern.

Bei den gefiederten Organen, die am hinteren Ende des Mantels, rund um die rückenständige Afteröffnung, angeordnet sind, handelt es sich um die Kiemen der Nacktkiemer, also um ihre Atmungsorgane.

 

Der Elisabeth-Nacktkiemer

Mit einer Länge von drei bis vier Zentimetern ist der Elisabeth-Nacktkiemer ein mittelgrosses Mitglied seiner Ordnung. Er ist im westlichen tropischen Pazifik ziemlich weit verbreitet und kommt auch im östlichen Indischen Ozean vor. Man begegnet ihm gewöhnlich im Bereich von Korallenriffen in einer Wassertiefe zwischen fünf und dreissig Metern, wo er ein Leben als Einzelgänger führt.

Hinsichtlich seiner Ernährung ist der Elisabeth-Nacktkiemer als «Raubtier» einzustufen, denn er hat sich auf das Verzehren von Schwammtieren spezialisiert. Er schabt deren Gewebe ab, indem er seine mit Kalkzähnchen bestückte Raspelzunge («Radula») - ein Ernährungswerkzeug, das es nur bei den Weichtieren gibt - einsetzt.

Wie fast alle Schnecken ist der Elisabeth-Nacktkiemer ein Zwitter: Jedes Individuum verfügt sowohl über funktionstüchtige männliche als auch weibliche Fortpflanzungsorgane. Selbstbefruchtung findet allerdings nicht statt, sondern es erfolgt zum Zweck der Vermehrung jeweils eine gegenseitige Begattung zwischen zwei erwachsenen Individuen. Beide Tiere sind dabei gleichzeitig als Männchen und als Weibchen tätig. Nach der Begattung geht jedes wieder seinen eigenen Weg und legt alsbald an einer sorgfältig ausgewählten Stelle seine Eier ab. Die Eier sind in ein gewelltes Laichband eingebettet, welches gewöhnlich rosettenförmig am Untergrund verankert wird.

Aus den Eiern schlüpfen nach ein paar Tagen winzige Schwimmlarven. Diese sind mit einem Geisselschopf und einem Wimpergürtel ausgestattet und sehen ihren Eltern in keiner Weise ähnlich. Sie treiben ein paar Tage oder Wochen frei im Wasser und ernähren sich dort von mikroskopisch kleinen Nahrungspartikeln. Dabei werden sie von den Meeresströmungen ein gutes Stück von ihrem Geburtsort weggetragen - und dies scheint auch der Hauptzweck des Larvenstadiums bei den Nacktkiemern zu sein. Von einem «Heranwachsen» kann nämlich keine Rede sein: Wenn sich die Schwimmlarven schliesslich an einem günstigen Ort niederlassen und sich zu Miniaturausgaben ihrer Eltern umwandeln, sind sie kaum grösser als beim Schlüpfen.

 

Der Loch-Nacktkiemer

Der Loch-Nacktkiemer ist etwa gleich gross wie der Elisabeth-Nacktkiemer und scheint diesem auch hinsichtlich seiner Lebensweise sehr ähnlich zu sein. Möglicherweise hat er sich hinsichtlich seiner Kost auf andere Schwämme spezialisiert als der Elisabeth-Nacktkiemer; darüber wissen wir noch kaum etwas. Die Art ist über weite Bereiche des westlichen tropischen Pazifiks verbreitet.

 

Der Bullock-Nacktkiemer

Mit einer Länge von acht bis zehn Zentimetern ist der Bullock-Nacktkiemer eines der grösseren Mitglieder der Nacktkiemer-Ordnung. Wie der Elisabeth-Nacktkiemer und der Loch-Nacktkiemer ernährt er sich ausschliesslich von Schwammtieren und ist im westlichen tropischen Pazifik weit verbreitet.

 

Der Tryon-Nacktkiemer

Von den drei oben vorgestellten Nacktkiemerarten unterscheidet sich der Tryon-Nacktkiemer etwas in seinem Körperbau und wird deshalb in eine separate Gattung gestellt. Unter anderem ist sein Mantel weniger abgeflacht, so dass sein Fuss deutlicher hervortritt. Auch trägt er auf seinem Rücken deutlich mehr Kiemenblätter als seine drei Vettern.

Mit einer Länge von bis zu neun Zentimetern gehört der Tryon-Nacktkiemer wie der Bullock-Nacktkiemer zu den grösseren Mitgliedern der Nacktkiemer-Ordnung. Er ist in weiten Bereichen des westlichen tropischen Pazifiks zu finden, ferner im tropischen Teil des östlichen Indischen Ozeans und im Südchinesischen Meer. Wie seine bereits vorgestellten Vettern bewohnt er seichte Küstengewässer, hält sich dort auf Korallenriffen auf und ernährt sich von Schwämmen.

 

Warum so bunt?

Für den menschlichen Betrachter ist das augenfälligste Merkmal der Nacktkiemer zweifellos ihre Farbenpracht. Welchen Sinn die mannigfaltige Musterung und Färbung hat, ist allerdings nicht klar. Im Tierreich dienen auffällige Farben und Muster im allgemeinen der innerartlichen Verständigung: Es sind optische Signale zwischen Rivalen und/oder Geschlechtspartnern. Da die Nacktkiemer keine Bilder und keine Farben zu erkennen vermögen, kann dies für sie nicht gelten. Es ist deshalb anzunehmen, dass sich ihr auffälliges Äusseres an Artfremde richtet, am ehesten wohl an optisch orientierte Fressfeinde, wie sie in Form räuberischer Fische in grosser Zahl bei Korallenriffen vorkommen.

In welcher Form allerdings das farbenprächtige Kleid die Nacktkiemer vor ihren Fressfeinden schützen soll, darüber gehen die Meinungen der Experten auseinander. Gewisse Fachleute sind der Ansicht, dass es sich, so seltsam dies klingen mag, um einen «Tarnanzug» handelt. Ein Korallenriff ist mit seinen vielfältigen tierlichen und pflanzlichen Lebensformen ein überaus buntes Habitat, in welchem sich ihre Gestalt förmlich auflöst, so dass sie kaum mehr zu erkennen sind. Taucher können bestätigen, dass die grundsätzlich sehr auffälligen Schnecken in ihrem Lebensraum gar nicht so einfach zu entdecken sind.

Andere Fachleute sind gegensätzlicher Ansicht und denken, dass das bunte Kleid der Nacktkiemer eine «Warntracht» darstellt. Sie weisen darauf hin, dass die Nacktkiemer im Bereich ihres Mantelrands zahlreiche Drüsen besitzen, deren Absonderungen für Raubfische ekelhaft bis giftig zu sein scheinen. Raubfische, welche jemals einen Nacktkiemer anbeissen, würden ihrer Meinung nach das unappetitliche Erlebnis sofort mit dem einprägsamen Muster des betreffenden Tiers assoziieren und die Art fortan in Ruhe lassen.

Beide Ansichten sind durchaus stichhaltig. Möglicherweise treffen sie ja sogar beide zu. Ob sie allerdings ausreichen, um die verblüffend mannigfaltige Farbmusterbildung innerhalb jeder der fünfzig verschiedenen Nacktkiemer-Familien zu erklären, ist eine andere Frage. Man ist fast geneigt, hier noch weitere «Schöpfungskräfte» zu vermuten.

 

Geborgenheit in der Abgeschiedenheit

Nacktkiemer mögen zwar Schutzvorkehrungen gegenüber ihren Fressfeinden entwickelt haben. Gegen die Zerstörung ihrer Lebensräume sind sie jedoch nicht gerüstet. Neueren wissenschaftlichen Abklärungen zufolge sind die Korallenriffe aufgrund zahlreicher menschgemachter Schadfaktoren weltweit bereits auf zehn Prozent ihrer Fläche abgestorben und auf weiteren sechzig Prozent mehr oder weniger stark geschädigt. Hält diese ungute Entwicklung an, und darauf deutet leider alles hin, so werden dereinst selbst die weitestverbreiteten Korallenrifftiere in Bedrängnis geraten.

Erfreulicherweise scheint es für die auf diesen Seiten vorgestellten Nacktkiemerarten vorerst noch genügend intakte Lebensräume zu geben. Dies vor allem im Umkreis all jener abgeschiedenen ozeanischen Inseln, an denen der Pazifische Ozean so reich ist. Zu diesen Eilanden gehört auch Niue, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken: Es ragt 500 Kilometer östlich von Tonga völlig isoliert aus dem Pazifik auf und weist eine Oberfläche von 260 Quadratkilometern auf.

Die Inselbevölkerung Niues zählt weniger als 2500 Personen, und die Gesamtzahl der Inselbesucher liegt bei unter 1000 im Jahr. Gerade aufgrund des kaum vorhandenen Tourismus erweist sich Niue hinsichtlich seiner Umwelt als eine noch sehr wenig verfälschte Südseeinsel. Die Gewässer vor den Küsten sind kristallklar und beherbergen grossartige Korallenriffe. Zwar nutzen die Niueaner die natürlichen Güter des umliegenden Meers im allgemeinen und der küstennahen Korallenriffe im speziellen durchaus für ihren Lebensunterhalt. Das Bewusstsein für die grosse Bedeutung, welche der schonenden, nachhaltigen Nutzung der marinen Ressourcen zukommt, ist bei ihnen aber erfreulicherweise vorhanden: Traditionelle, über viele Generationen hinweg gereifte Formen der Selbstbeschränkung bei der Riffnutzung (in Form von «Tabus») sorgen dafür, dass die genutzten «Meeresfrüchte» stets die Gelegenheit erhalten, sich ausreichend zu erholen. Diesem weisen, überlieferten Management ist es zu verdanken, dass sich die küstennahen marinen Ökosysteme Niues noch immer in einem vorzüglichen Zustand befinden und einem grossen Spektrum tierlicher und pflanzlicher Lebewesen, darunter den farbenfrohen Nacktkiemern, eine sichere Heimat zu bieten vermögen.




ZurHauptseite