Nagelmanati

Trichechus manatus


© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Verschiedene Säugetiersippen haben im Laufe ihrer Stammesgeschichte dem Land den Rücken gekehrt und sich zu Wasserlebewesen zurück- oder vielmehr weiterentwickelt. Nur zwei von ihnen haben es allerdings geschafft, den Kontakt zum Land vollständig abzubrechen und fortan ein ausschliesslich aquatisches Leben zu führen. Es sind dies zum einen die von tierlicher Nahrung lebenden Delphine und Wale (Ordnung Cetacea) und zum anderen die pflanzenessenden Seekühe (Ordnung Sirenia).

Mit weltweit nur vier Arten bilden die Seekühe eine der kleinsten Säugetierordnungen. Es handelt sich um 1. den Dugong (Dugong dugong), der in den Küstengewässern des indopazifischen Raums, vom Roten Meer im Westen bis nach Vanuatu im Osten, vorkommt, 2. den Westafrikanischen Manati (Trichechus senegalensis), der in den Flüssen Westafrikas, von Senegal ostwärts bis Angola, zu Hause ist, 3. den Amazonasmanati (Trichechus inunguis), der das riesenhafte Amazonas-Flusssystem in Südamerika bewohnt, und 4. den Nagelmanati (Trichechus manatus), der im karibischen Raum beheimatet ist.

Obschon alle vier Seekuharten verhältnismässig weite Verbreitungsgebiete aufweisen, stehen sie allesamt auf der Roten Liste und gelten als in ihrem Fortbestand gefährdet. Ihre beachtliche Körpergrösse, ihre behäbige Wesensart, ihr schmackhaftes Fleisch und ihre geringe Fortpflanzungsrate machen sie sehr anfällig auf die Bejagung durch den Menschen, weshalb sie vielerorts selten geworden und gebietsweise sogar vollständig verschwunden sind.

 

Hufnägel an den Flossen

Das Verbreitungsgebiet des Nagelmanatis erstreckt sich von den US-Staaten Florida, Georgia und Louisiana im Norden (bei etwa 32° nördlicher Breite) bis nach Brasilien im Süden (bei etwa 12° südlicher Breite). Innerhalb dieses weiten Areals bewohnt er vorzugsweise die seichten Küstengewässer, hält sich aber durchaus auch in Flussdeltas und träge fliessenden Flüssen auf. So konnten im Orinoko (Venezuela) Vertreter der Art schon 800 Kilometer von der Küste entfernt beobachtet werden. Der Nagelmanati scheint sich also im Meerwasser ebenso wohl zu fühlen wie im Süsswasser. Hierin unterscheidet er sich sowohl von den beiden anderen Manatiarten, welche ausschliesslich in Süssgewässern vorkommen, als auch vom Dugong, der ein reiner Meeresbewohner ist.

Mit einer Länge von bis zu 4,6 Metern und einem Gewicht von bis zu 700 Kilogramm ist der Nagelmanati ein recht imposantes Säugetier. Sein Körper ist ziemlich plump - ja man möchte fast sagen: unförmig - gebaut. Die Hintergliedmassen sind bis auf winzige, äusserlich nicht mehr erkennbare Skelettrudimente rückgebildet, während die Vordergliedmassen flossenartig umgebildet sind. Im Gegensatz zu denjenigen seines nächsten Verwandten, des Amazonasmanatis, tragen die Flossen des Nagelmanatis noch Überreste abgerundeter Hufnägel. Sie weisen darauf hin, dass er sich wie alle Seekühe entwicklungsgeschichtlich von den Stammhuftieren herleiten lässt. Und ihnen verdankt er auch seinen Artnamen.

Die Augen des Nagelmanatis sind ziemlich klein, und tatsächlich ist sein Sehvermögen mässig. Dass man aufgrund der Grösse eines Organs aber nicht immer gleich auf dessen Leistungsfähigkeit schliessen darf, zeigt sich anhand der Ohren des beleibten Säugers: Die äusseren Ohren fehlen vollständig, und die Ohrgänge münden in winzigen Schlitzen. Dennoch ist das Hörvermögen des Nagelmanatis ausgezeichnet und spielt sowohl bei der Verständigung der Tiere untereinander als auch bei der Feindwahrnehmung eine wichtige Rolle.

 

Wandernde Backenzähne

Obschon der Nagelmanati mitunter Tang und andere Algen verspeist, besteht seine Kost doch zur Hauptsache aus Seegräsern und anderen aquatischen Gefässpflanzen, welche teils frei im Wasser treiben, grossenteils aber am Gewässerboden wachsen. Wie ein «echtes» Huftier bewegt sich der Nagelmanati bei der Nahrungssuche gemächlich am Gewässerboden fort und beweidet die ausgedehnten Seegras-«Wiesen».

Seine vegetarische Nahrung packt er mit Hilfe der muskulösen, oberhalb seiner Oberlippe entspringenden Wülste, die sie zum Mund weiterreichen. Die Lippen sind mit harten, federkielartigen Borsten besetzt, welche wahrscheinlich - einem Rechen ähnlich - dem Einbehalten der Pflanzenteile dienen, während diese zerkaut werden.

Da die Pflanzenkost des Nagelmanatis von ziemlich geringem Nährwert ist, muss der Meeresbewohner enorme Mengen davon verzehren, um seinen massigen Körper mit genügend Nährstoffen und Energie zu versorgen. Bis zu 15 Prozent seines Körpergewichts nimmt er Tag für Tag zu sich. Damit er diese enorme Nahrungsmenge auch tatsächlich zu verarbeiten vermag, weist sein Darm eine Länge von bis zu 45 Metern auf. Und damit er die in der Nahrung enthaltene Zellulose, welche für «gewöhnliche» Säugetiere praktisch nutzlos ist, verwerten kann, verfügt er über umfangreiche Bakterienkolonien, welche in paarigen Blindsäcken des Mitteldarms leben und die Zellulose chemisch aufschlüsseln.

Um sich gegen den Verzehr durch Tiere zur Wehr zu setzen, haben die meisten Pflanzenarten im Laufe ihrer Stammesgeschichte irgendwelche Abwehrmechanismen chemischer und/oder physikalischer Art entwickelt (Gifte, Dornen usw.). Das gilt auch für die Seegräser: Sie schützen sich vor Fressfeinden, indem sie in die Zellwände ihrer Blätter starre Silikat-Nadeln einlagern, so dass diese sehr hart und schneidend werden. Das hält in der Tat viele Vegetarier fern, die sich lieber von zarteren Pflanzenarten ernähren, welche eine weniger rasche Abnutzung der Mundwerkzeuge bewirken. Nicht aber den Nagelmanati: Zwar hat das stete Zerkauen der harten und in grossen Mengen aufgenommenen Seegraskost auch bei ihm die unangenehme Folge, dass die Zähne sehr rasch abgenutzt und dadurch unbrauchbar werden. Dennoch muss er nicht schon nach wenigen Jahren zahnlos dem Hungertod entgegenblicken, da er im Laufe seiner Stammesgeschichte - quasi als Antwort auf die Abwehr der Seegräser - eine spezielle Form des Zahnwechsels entwickelt hat, welche gewährleistet, dass er stets, sein ganzes Leben lang, über frische, einsatzfähige «Mahlwerkzeuge» verfügt: Die Backenzähne verharren beim Nagelmanati nicht an Ort und Stelle wie bei den meisten Tieren, sondern bewegen sich langsam, um etwa einen Millimeter im Monat, vom hinteren Bereich der Kiefer nach vorn. Vorne angelangt sind sie stark abgewetzt und fallen gelegentlich einfach aus - während sich hinten ständig neue bilden. So sind die Backenzahnreihen in den vier Kieferhälften des Nagelmanatis gewissermassen ständig in Bewegung und erneuern sich fortlaufend - eine segensreiche Erfindung, von der wir zahnarztgeplagten Menschen nur träumen können!

Eine weitere Anpassung des Nagelmanatis an seine qualitativ minderwertige Nahrung sind Einsparungen beim Energieverbrauch durch Herabsetzung der Stoffwechselrate. Letztere entspricht Untersuchungen zufolge lediglich einem Drittel der Rate eines «normalen» Säugetiers dieser Grösse. Die «Sparmassnahmen» im Bereich des Stoffwechsels sind anhand der gemächlichen, beinahe lethargischen Wesensart des Nagelmanatis gut erkennbar: Schnelle Bewegungen sind ihm völlig fremd; die meiste Zeit sieht es so aus, als bewege er sich in Zeitlupe fort.

 

Sklavennahrung

Natürliche Feinde scheint der Nagelmanati kaum zu haben. Zwar könnten ihm Schwertwale sowie Haie und Krokodile unter Umständen gefährlich werden. Schwertwale und grössere Haie begeben sich jedoch selten in seichte Küstengewässer, wo sich der Nagelmanati vorzugsweise aufhält. Und grössere Krokodile existieren aufgrund der massiven Bejagung durch den Menschen im ganzen Verbreitungsgebiet des Nagelmanatis heute kaum mehr.

Begegnet der Nagelmanati dennoch einmal einem Fressfeind, so zeigt er keinerlei aktives Abwehrverhalten, sondern verlässt sich einfach darauf, dass ihn seine Masse und seine überaus dicke Haut vor einem ernsthaften Angriff schützen. Die Jungtiere dürften etwas stärker gefährdet sein als die Erwachsenen. Wahrscheinlich können sie sich aber notfalls hinter ihrer Mutter in Sicherheit bringen.

Die Passivität des Nagelmanatis bei der Feindvermeidung hat sich gegenüber dem Menschen leider als sehr nachteilig erwiesen. Schon die indianischen Ureinwohner des karibischen Raums hatten den Nagelmanati seines schmackhaften Fleischs wegen gern bejagt. Die mit traditionellen Mitteln betriebene und wenig planmässige Nutzung dürfte die Bestände allerdings kaum merklich geschädigt haben.

Dies änderte sich dramatisch, als die Europäer im auslaufenden 15. Jahrhundert in der Karibik aufkreuzten und damit begannen, sich die Natur auch in der «Neuen Welt» untertan zu machen. Der gute Geschmack des Manatifleischs wurde allseits sehr geschätzt, und wegen seiner ausgezeichneten Haltbarkeit eignete es sich zudem gut als Proviant auf längeren Seefahrten. In späteren Jahren diente es ferner dazu, die afrikanischen Sklaven, welche in den karibischen Kolonien auf den Zuckerrohrplantagen arbeiteten, mit Eiweissen zu versorgen. Ein massloses Abschlachten der wehrlosen Wassersäugetiere war die Folge.

Der spanische Chronist Antonio Vieira hielt im Jahr 1660 in seinen Aufzeichnungen fest, dass allein beim Cabo Norte im Norden Brasiliens alljährlich zwanzig holländische Segelschiffe mit Manatifleisch vollgeladen würden, welches von den dort lebenden Nheengaiba-Indianern geliefert würde. Ähnliches dürfte auch anderswo und unter anderer Flagge stattgefunden haben.

Solch übermässige Ausbeutung führte selbstverständlich zwangsläufig zum raschen Zusammenbruch der Nagelmanatibestände in weiten Bereichen ihres Verbreitungsgebiets. Tatsächlich musste gegen Ende des 19. Jahrhunderts die planmässige Nutzung der Tiere meistenorts eingestellt werden, nachdem der Fangerfolg immer geringer, der Aufwand hingegen immer grösser geworden war. Das blutige Geschäft hatte sich also selbst die Grundlage entzogen; die überlebenden Nagelmanatis konnten erleichtert aufatmen.

 

Arbeitseinsatz in Staubecken

Heute steht der Nagelmanati in den meisten Ländern, in denen er heimisch ist, unter gesetzlichem Schutz. In kleinerem Rahmen mag zwar hier und dort noch immer eine gewisse (illegale) Bejagung des friedfertigen Wasserbewohners stattfinden. Und ungezählte Individuen ertrinken auch jedes Jahr, weil sie sich in Fischernetzen verfangen und nicht mehr zum Atmen an die Wasseroberfläche gelangen können. Dies allein könnte die Art aber wahrscheinlich verkraften.

Bedauerlicherweise drohen dem Nagelmanati heute jedoch weitere, schwerwiegendere Gefahren, welche durch die in seinem ganzen Verbreitungsgebiet rasant voranschreitende Nutzbarmachung der Küsten und Flussufer durch den Menschen heraufbeschwört werden. Freilandstudien, welche im Verlauf der letzten zwanzig Jahre über die Nagelmanatipopulation an den Küsten Floridas durchgeführt wurden, deuten darauf hin, dass Kollisionen mit Booten und insbesondere Verletzungen durch die Schrauben von Aussenbordmotoren die grösste Gefahr für die Tiere darstellen. Praktisch jeder Nagelmanati an Floridas Küsten weist mittlerweile Narben von mindestens einer solchen unliebsamen Begegnung auf.

Die USA haben grosse Anstrengungen unternommen, um die Nagelmanatis an ihren Küsten vor den vielfältigen Gefahren zu schützen, welche den Tieren durch die Aktivitäten des Menschen erwachsen. Unter anderem wurden grossräumige Schutzzonen ausgewiesen, in welchen keine Aussenbord-Motorboote verkehren dürfen und der übrige Bootsverkehr stark eingeschränkt ist. Dennoch scheint sich der lokale Manatibestand, der auf knapp tausend Individuen geschätzt wird, bestenfalls halten zu können; möglicherweise ist er sogar etwas rückläufig. Dieser «schleichende» - auf einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren beruhende und deshalb äusserst schwer zu bekämpfende - Schwund der Nagelmanatibestände dürfte nicht nur an den Küsten der USA, sondern auch in den meisten anderen Bereichen des Verbreitungsgebiets der Art stattfinden. Die Prognosen der Fachleute für den Fortbestand der Art fallen deshalb nicht besonders erfreulich aus.

Immerhin scheint die Nagelmanatipopulation von Guyana, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, in verhältnismässig guter Verfassung zu sein, da hier die Nutzbarmachung der Gewässerränder noch weniger weit fortgeschritten ist als anderswo. Mit einem geschätzten Gesamtbestand von mehreren tausend Individuen gilt die guyanische Population als eine der grössten überhaupt, wobei die fülligen Wasserbewohner vor allem in den küstennahen Bereichen von Guyanas Flüssen vorkommen.

Interessanterweise konnten die Nagelmanatis in Guyana sogar zur «Arbeit» angehalten werden: Ihr enormer Appetit auf Wasserpflanzen macht sie nämlich zu idealen Helfern bei der Beseitigung von Wasserpflanzen aller Art, welche in Guyanas Gewässern üppig wuchern und von alters her den Bootsverkehr massiv behindern. Die Tiere sind deshalb nicht nur in den natürlichen Wasserläufen gern gesehen, sondern wurden in jüngerer Zeit auch in verschiedenen Kanälen und Staubecken - mit einer Gesamtfläche von über tausend Quadratkilometern - eingebürgert. Dadurch wurde die Verbreitung der Art in Guyana erheblich vergrössert. Und zudem wurde bewirkt, dass heute eine breite Öffentlichkeit den Nagelmanati als nützliches und schützenswertes Wildtier betrachtet - was für seine Zukunftsaussichten bestimmt nicht unwesentlich ist.




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