Fressen und Gefressenwerden -

vom ewigen Nahrungskreislauf in der Natur


© 1997 Markus Kappeler



Im März 2001 hat der Zoo Basel das «Etoscha-Haus» eröffnet. Dieses Tierhaus ist didaktisch konzipiert und veranschaulicht das Thema des Nahrungskreislaufs in der Natur. Ich habe 1997, in der frühen Planungsphase des Etoscha-Hauses, die Textvorschläge für die Beschilderung verfasst. Letztlich wurde jedoch - aus ästhetischen wie aus psychologischen Gründen - auf eine thematische Beschilderung weitgehend verzichtet.

 

 

Einführendes Schild
Fressen und Gefressenwerden

Warum hat die Elefantenspitzmaus eine so spitze Schnauze? Wozu braucht das Stachelschwein seine Stacheln? Weshalb dreht der Pillendreher seine Pillen? In diesem Haus finden sich die Antworten auf diese und viele weitere Fragen im Zusammenhang mit dem Nahrungskreislauf in der Natur.

 

Einführendes Schild + Mobile
In Etoscha zu Hause

Die Bewohner dieses Hauses sind kein kunterbuntes Gemisch aus verschiedenen Kontinenten und Lebensräumen, sondern stammen alle aus Etoscha in Namibia (Afrika). Dort leben sie in natürlicher Gemeinschaft beisammen und sind durch ein komplexes Beziehungsnetz miteinander verbunden. In einer solchen «Lebensraumgemeinschaft» besteht - wie bei einem Mobile - ein stabiles, wenn auch empfindliches Gleichgewicht.

 

Themenschild
Sonnenenergie im Speicher

Alle Lebewesen - Tiere wie Pflanzen - brauchen Kraftstoffe, sogenannte «Nahrung», um leben zu können. Aber nur die grünen Pflanzen stellen sich ihre Nahrung selbst her: Sie beziehen chemische Grundstoffe aus dem Boden und aus der Luft - und produzieren daraus Zucker, in welchem Sonnenenergie gespeichert ist. Man nennt diesen Vorgang «Fotosynthese». Die gespeicherte Energie benützen die Pflanzen unter anderem zum Aufbau ihrer grünen Blätter und stellen dadurch Nahrung für eine Vielzahl von Tieren bereit.

 

Umdrehbares Schild

Da die grünen Pflanzen selbständig Nahrung herstellen, nennen wir sie... ...Produzenten.

 

Themenschild
Sie fressen täglich soviel wie sie wiegen

Sehr viele Tiere - vom kleinsten Schmetterling bis zur grössten Giraffe - sind Vegetarier. Sie ernähren sich also von Pflanzenkost. Ihrerseits fallen die Vegetarier in grosser Zahl anderen Tieren zum Opfer. Das ist keineswegs schlimm, denn gerade indem sie Nahrung für andere sind, erfüllen sie eine wichtige Aufgabe im «Haushalt» der Natur. Insekten zum Beispiel, zu denen auch diese Wanderheuschrecken gehören, haben einen enormen Appetit. Sie verzehren weltweit mehrere Milliarden Tonnen Pflanzenstoffe im Jahr - und bringen sie so ins globale «Nahrungsnetz» ein.

 

Zusatzschild
Wanderheuschrecke (Locusta migratoria)

Das Wanderheuschreckenweibchen legt nach der Paarung etwa 80 Eier in den Boden. Daraus schlüpfen alsbald die Heuschreckenkinder. Sie wachsen schnell heran und häuten sich viermal. Schliesslich hängen sie sich kopfüber an einen Zweig, sprengen ihr zu enges Kleid ein fünftes Mal - und fertig ist die flugfähige und bald auch geschlechtsreife Wanderheuschrecke.

 

Themenschild
Heuschreckenschwärme verdunkeln die Sonne

Eine Vorstellung davon, was geschehen würde, wenn Pflanzenfresser sich ungehindert vermehren könnten, geben uns die Heuschreckenplagen. Diese sind schon in der Bibel erwähnt und können von Zeit zu Zeit - unter speziellen klimatischen Umständen - ganze Landstriche des nördlichen Afrikas heimsuchen. Ein Schwarm von einem Quadratkilometer Grösse kann bis zu 50 Millionen Heuschrecken umfassen, die täglich ihr Eigengewicht von insgesamt 100 Tonnen an Pflanzen zu sich nehmen. In Marokko verzehrten die Wanderheuschrecken einmal innerhalb von fünf Tagen 7000 Tonnen Orangen, das heisst den x-fachen Jahresverbrauch der ganzen Schweiz.

 

Themenschild
Die geborenen Leckerbissen

Die Nagetiere bilden die umfangreichste Ordnung der Säugetiere: Mehr als die Hälfte aller Säugetierarten gehören dieser Sippe an. Die meisten Nager kommen überdies in grossen Beständen vor, leben als friedfertige Pflanzenfresser und sind klein bis winzig wie diese Afrikanischen Zwergmäuse. Sie sind deshalb «typische» Beutetiere - Nahrung für unzählige Echsen, Vögel und Kleinraubtiere, darunter etwa die Fuchsmangusten.

 

Zusatzschild
Afrikanische Zwergmaus (Mus minutoides)

Afrikanische Zwergmäuse sind ausserordentlich fruchtbar: Drei bis sechs Mal im Jahr, nach einer Tragzeit von jeweils nur drei Wochen, bringt das Weibchen meistens vier oder fünf Junge zur Welt. Diese machen sich schon drei Wochen später selbständig und sind bereits im Alter von fünf bis sechs Wochen ihrerseits fortpflanzungsfähig. Dass es dennoch nicht zu einer Überschwemmung mit Afrikanischen Zwergmäusen kommt, dafür sorgt ein ganzes Heer von Fressfeinden.

 

Themenschild
Ohne Pflanzen kein Tierleben

Die Tiere, darunter auch der Mensch, beherrschen im Gegensatz zu den Pflanzen die Kunst der Fotosynthese nicht. Sie können also ihre Nahrung nicht selbständig herstellen. Stattdessen «stehlen» sie die Energie zum Leben von schwächeren Lebewesen: die Vegetarier von den Pflanzen, die Raubtiere von ihren Beutetieren, die Allesfresser von Pflanzen und Tieren. Ohne die Aufbauarbeit der Pflanzen hätten die Tiere also keine Existenzgrundlage.

 

Umdrehbares Schild

Da die Tiere ihre Nahrung nicht selbst herstellen können, sondern sich von ihren Mitlebewesen ernähren, nennen wir sie... ...Konsumenten.

 

Themenschild
Maus ist nicht Maus ist nicht Maus

Die Elefantenspitzmäuse (links) sehen zwar aus wie Mäuse und heissen auch so. Sie gehören aber keineswegs zu den Nagetieren wie die Grasmäuse (rechts), sondern sind zünftige Raubtiere aus der Sippe der Insektenfresser. Weil tierliche Nahrung stets seltener und schwieriger zu beschaffen ist als pflanzliche, leben die Elefantenspitzmäuse nicht gesellig wie die Grasmäuse. Sie halten stattdessen je paarweise ein Jagdrevier besetzt, aus welchem sie alle fremden Artgenossen vertreiben. Unabhängig hiervon können die Elefantenspitzmäuse ebenso wie die Grasmäuse zur Beute der Puffotter und vieler anderer Raubtiere werden.

 

Zusatzschild
Gestreifte Grasmaus (Lemniscomys striatus)

Das hübsche Streifenmuster, welches das Fell der Gestreiften Grasmäuse ziert, ist kleineswegs eine Laune der Natur, sondern dient der Tarnung. Wenn diese (tagaktiven) Tiere bei hellem Sonnenschein in ihrem grasreichen Lebensraum umherstöbern, verschmilzt ihre Gestalt - im Spiel von Licht und Schatten - förmlich mit der Umgebung.

 

Zusatzschild
Kurzohr-Elefantenspitzmaus (Macroscelides proboscideus)

Kurzohr-Elefantenspitzmäuse besetzen paarweise ein Grundstück, in welchem sie keine Artgenossen dulden. Diese Eigenbezirke sind oft viele Hektar gross und weisen gewöhnlich mehrere Unterschlupfe sowie verschiedene Jagdgebiete auf. Die verschiedenen funktionellen Plätze sind durch Wechsel miteinander verbunden. Es handelt sich um wahre «Schnellstrassen», von denen die Tiere Steinchen und andere Gegenstände gezielt entfernen und auf denen sie mit Geschwindigkeiten von rund zwanzig Kilometern je Stunde unterwegs sind.

 

Zwei Modelle zum Aufklappen
Zweierlei Mäuse

Zugeklapptes Modell (zweimal):Ist diese Maus ein Pflanzenfresser oder ein Tierfresser? Aufgeklapptes Modell 1: Dies ist der stumpfe Schädel einer pflanzenfressenden Grasmaus. Ganz vorn im Mund befinden sich 4 grosse Schneidezähne zum Nagen, ganz hinten ein paar Backenzähne zum Mahlen. Aufgeklappt Modell 2: Dies ist der spitze Schädel einer kleintierfressenden Elefantenspitzmaus. Das Gebiss besteht aus vielen scharfkantigen Zähnen, die sich gut zum Packen, Töten und Zerkleinern von Beutetieren eignen.

 

Themenschild
WGs im Untergrund

Pflanzenfresser und Raubtiere können unter Umständen in Frieden beisammen leben und eine Wohngemeinschaft bilden. Das hat mit dem sogenannten «Beuteschema» zu tun: Jedes Raubtier weiss haargenau, welche Beutetiere es zu überwältigen vermag und welche nicht. Im vorliegenden Fall passen die vegetarischen Borstenhörnchen keinesfalls in das Beuteschema der räuberischen Erdmännchen und Fuchsmangusten, denn sie sind viel zu gross und wehrhaft. Sie brauchen darum die beiden Baumitbewohner nicht zu fürchten. Es spricht also nichts dagegen, eine Wohngemeinschaft zu bilden. Und zwar zum gegenseitigen Nutzen: Wer gräbt schon bessere Baue als die Borstenhörnchen? Und wer warnt früher vor Fressfeinden als die beiden wachsamen Mangusten?

 

Themenschild
Der Trick mit den getrennten Jagdgründen

Nah verwandte, ähnlich grosse Raubtiere stehen einander in der Regel feindlich gegenüber, weil sie ein ähnliches Beuteschema haben und deshalb Nahrungswettstreiter sind. Wie ist es dann möglich, dass die Erdmännchen und die Fuchsmangusten, zwei fast gleich grosse Mitglieder der Mangustenfamilie, einträchtig beisammen wohnen? Ihr «Trick» ist es, dass sie zwar denselben Wohnort, jedoch getrennte Jagdgründe haben: Während die Erdmännchen in Baunähe nach Insekten und anderen Beutetieren stöbern, streifen die Fuchsmangusten bei der Nahrungssuche recht weit umher. So kommen sie einander nicht in die Quere.

 

Zusatzschild
Erdmännchen (Suricata suricatta)

Jedes Erdmännchen muss entsprechend seinen Fähigkeiten bestimmte Aufgaben in der Gruppe übernehmen. Es gibt stillende Mütter, geschickte Jäger, aufmerksame Wächter, geduldige Babysitter und talentierte Lehrer, welche Jungtiere auf ihre Pflichten im Erwachsenenalter vorbereiten. Der Familienverband kann nur dank dieser Arbeitsteilung überleben.

 

Zusatzschild
Fuchsmanguste (Cynictis penicillata)

In punkto Schnelligkeit schlagen die Fuchsmangusten alle Schlangen: Selbst gegen die hochgiftigen Puffottern ziehen sie nie den Kürzeren, weil sie weit schnellere Reaktionen haben und viel wendiger sind als ihre geschuppten Gegner. Befindet sich eine Schlange in Nestnähe, so attackiert eine Mangustengruppe meistens geschlossen. Am hartnäckigsten verteidigt jedoch das «Hauptweibchen» den Nachwuchs.

 

Themenschild
Gift im hohlen Zahn

Raubtiere setzen in vielen Fällen hochentwickelte Waffen zum schnellen Töten ihrer Beutetiere ein. Die Puffotter zum Beispiel verfügt über ein schnell wirkendes «hämatoxisches», das heisst blut- und blutgefässzersetzendes Gift. Dieses verleibt sie ihren Opfern - meistens Mäuse und Ratten - mit blitzschnellem Biss ein, worauf diese innerhalb kürzester Zeit an inneren Blutungen und Herzlähmung sterben. Wenn übrigens eine Giftschlange wie die Puffotter einen Menschen beisst, so nicht etwa, weil sie kein Beuteschema kennt, sondern weil sie ihre Jagdwaffe bei Gefahr auch als Verteidigungswaffe einsetzt.

 

Bewegliches Modell
Zähne zum Zusammenklappen

Hat die Puffotter den Mund geschlossen, so liegen ihre langen Giftzähne wie Taschenmesserklingen mit der Spitze nach hinten in einer Gaumenfalte verborgen. Erst wenn sie beim Angriff ihren Rachen aufreisst, werden die gefährlichen Waffen senkrecht gestellt - und sind jetzt zum sofortigen Einsatz bereit!

 

Zusatzschild
Gewöhnliche Puffotter (Bitis arietans)

Die Gewöhnliche Puffotter lauert als «Ansitzjägerin» ihrer Beute auf. Nach blitzschnellem Biss zieht sie den Kopf wieder zurück und wartet erst einmal ab. Dann nimmt sie züngelnd die Suche nach dem inzwischen bewegungslosen oder toten Beutetier auf. So fein arbeitet ihr Geruchssinn, dass sie die Spur eines gebissenen Tiers noch viele Minuten später mühelos verfolgen kann und das Tier sicher findet.

 

Themenschild
Fallenstellerin mit acht Beinen

Raubtiere gibt es - ebenso wie Pflanzenfresser - nicht nur bei den grossen, auffälligen Wirbeltieren, sondern auch im Reich der wirbellosen Kleintiere, bei den Insekten etwa oder den Spinnen. Die Spinnen sind ganz raffinierte Jägerinnen: Sie stellen Fallen in Form von klebrigen Netzen auf und warten dann geduldig, bis sich ein fliegender Leckerbissen darin verfängt. Fallensteller gibt es sonst im Tierreich so gut wie keine. (Nicht alle Spinnen weben jedoch Netze. Die Vogelspinnen beispielsweise betätigen sich - wie die Puffotter - als nächtliche Lauerjägerinnen.)

 

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Röhrenspinne (Stegodyphus dumicola)

Rund 35 000 Einzelgänger-Spinnen stehen weltweit lediglich 20 gesellige Spinnen gegenüber. Die Röhrenspinne beispielsweise lebt in vielhundertköpfigen Verbänden und umhüllt in Gemeinschaftsarbeit ganze Sträucher mit ihrem Fadenwerk. Was ist der Nutzen des Soziallebens - der Kooperation bei Netzbau, Beutefang und Brutpflege? Erstens ist der Schutz vor Fressfeinden im vererbten (voluminösen und kompakten) Wohnnetz sehr gut. Zweitens können nebst kleinen auch verhältnismässig grosse Beutetiere überwältigt werden, weil sich die Spinnen gemeinsam auf ihre Opfer stürzen. Drittens ist der Aufzuchterfolg grösser, weil sich die Spinnen bei der Betreuung der Gelege abwechseln.

 

Themenschild
Der Kreis schliesst sich

Eine ganze Schar zumeist kleiner Pflanzen und Tiere am und im Boden ernähren sich weder von Grundstoffen wie die grünen Pflanzen noch von anderen Lebewesen wie die Tiere. Sie verspeisen stattdessen totes pflanzliches oder tierliches Material - Laub, dürre Äste, Fallobst, gerupfte Federn, verunfallte Tiere, alte Spinnweben, Eierschalen usw. In einem vielstufigen Abbauprozess zerlegen sie diese «Bio-Abfälle» in ihre chemischen Einzelteile und arbeiten sie in den Boden ein. Dort stehen sie letztlich als Nährstoffe den grünen Pflanzen wieder zur Verfügung. Die Bodenorganismen sorgen also dafür, dass der Stoffkreislauf des Lebens nicht zum Stillstand kommt.

 

Umdrehbares Schild

Organismen, die sich von pflanzlichen und tierlichen Abfallstoffen ernähren, diese in den Nahrungskreislauf «zurückführen», nennen wir... ...Reduzenten.

 

Themenschild
Recycling betreibt die Natur seit eh und je

25 Millionen Blätter mit einem Gewicht von drei bis vier Tonnen liegen jährlich in einem Hektar Buchenwald bereit zur «Entsorgung». Auch anderenorts fallen ständig grosse Mengen toten pflanzlichen und tierlichen Materials an. Dass das Leben auf der Erde nicht längst in diesen Abfällen erstickt ist, dafür sorgt eine wenig beachtete Schar emsiger Kleinlebewesen am und im Boden. Schimmelpilze beispielsweise zersetzen zu Boden gefallene Früchte, Pillendreherlarven nähren sich von Dung, Käfer bohren sich durch tote Äste, Milben knabbern an ausgerupften Federn, Schaben verzehren tote Asseln, Würmer zerren Laub in ihre Gänge. Und selbstverständlich ist auch diese abfallvertilgende Herde ihrerseits begehrte Nahrung für Räuber aller Art - von Skorpionen über Spitzmäuse bis hin zu Erdmännchen.

 

Themenschild
Mit Stacheln, Schuppen und Panzern

Je wirksamere Waffen die Raubtiere im Laufe ihrer Stammesgeschichte entwickelt haben, desto wirksamere Strategien haben die pflanzenfressenden «Friedtiere» zur Vermeidung ihrer Fressfeinde entwickelt. Die Antilopen beispielsweise rennen bei Lebensgefahr mit Hochgeschwindigkeit auf und davon. Die Nashörner hingegen stellen sich massig dem Feind entgegen und wehren sich mit ihrem Horn. Wogegen die Borstenhörnchen bei der geringsten Gefahr - wie vom Erdboden verschluckt - in ihrer feindsicheren Burg verschwinden. Stachelschweine, Schildkröten und Schuppentiere wiederum tragen ein Schutzkleid mit sich herum, das sie selbst für Löwen unantastbar macht.

 

Zusatzschild
Glattrand-Gelenkschildkröte (Kinixys belliana)

Bei der Glattrand-Gelenkschildkröte weist der Rückenpanzer ein bewegliches Scharnier auf. Dieses erlaubt es, den hinteren Teil des Panzers wie ein «Helmvisier» herunterzuklappen. Die Schildkröte ruht, indem sie den Vorderteil ihres Panzers unter Steine schiebt und ihr Hinterteil durch die bewegliche Hinterklappe schützt. So bietet sie Fressfeinden keine Angriffsfläche.

 

Themenschild
Grüner Vampir

In der Natur gibt es sozusagen nichts, was es nicht gibt. Auch beim Nahrungsnetz stehen jeder Regel Dutzende von Ausnahmen gegenüber. Zum Beispiel gibt es unter den grünen Pflanzen Räuber, welche Tiere erlegen und verspeisen. Zu diesen «fleischfressenden Pflanzen» gehört der Sonnentau, der mit seinen scheinbar erquickenden «Tautropfen» durstige Fluginsekten anlockt. In Wirklichkeit sind es Leimtropfen, an denen die Opfer unweigerlich kleben bleiben - um dann vom harmlos dasitzenden Pflänzchen ausgesaugt zu werden.

 

Zusatzschild
Sonnentau (Drosera sp.)

Der Sonnentau gehört zu den fleischfressenden Pflanzen. Allen diesen grünen Sonderlingen ist gemeinsam, dass sie an nährstoffarmen Standorten wachsen - auf Fels etwa oder auf Bäumen oder (wie der Sonnetau) auf sauren Moorböden. Sie holen aus der Luft, was ihnen der Untergrund nicht bietet: tierliche Nahrung zum Ausgleich eines Standort-Defizits.

 

Themenschild
Sie haben Bienen zum Fressen gern

Hinsichtlich ihres Speisezettels erweisen sich viele Raubtiere als «Generalisten»: Sie fressen, was sie in ihrem Lebensraum gerade aufstöbern und überwältigen können. Viele Raubtiere sind aber auch «Spezialisten», die es auf eine ganz bestimmte Beutetiersorte abgesehen haben. Einer dieser tierlichen «Feinschmecker» ist der Karminspint: Er gehört nicht nur zur Familie der Bienenfresser, sondern verhält sich auch als ein solcher. Nur wenn Bienen fehlen, fängt er wohl oder übel andere Fluginsekten.

 

Zusatzschild
Karminspint (Merops nubicoides)

Bienengift ist auch für den Karminspint gefährlich, wenn er gestochen wird. Er verspeist deshalb sein wehrhaftes Lieblingsbeutetier nicht im Flug, sondern kehrt, nachdem er es zielsicher mit dem Schnabel gepackt hat, stets zu seinem Ansitz zurück, schlägt es dort mehrmals auf eine harte Unterlage und «knetet» es durch, bis der Stechapparat garantiert nicht mehr arbeiten kann. Trotzdem geht der Karminspint noch auf Nummer Sicher: Durch Hochwerfen dreht er das Insekt vor dem Verspeisen so, dass er es mit dem Kopf voran verschluckten kann. (Diese Wendeaktion ist fest ins Fressverhalten des Karminspints einprogrammiert: Selbst bei harmlosen Insekten, Mehlwürmern etwa, wird sie angewendet. Sicher ist sicher!)

 

Themenschild
Ein Drink fürs Bestäuben

Jedes Tier erfüllt im Nahrungsnetz seine ganz bestimmte Aufgabe: Pflanzenfresser nähren Räuber, Fleischfresser merzen Krankheiten aus, Fruchtfresser verbreiten Pflanzensamen, Aasfresser räumen Kadaver weg. Den Bienen kommt eine besonders bedeutsame Aufgabe zu: Sie tragen Pollen von Blütenpflanze zu Blütenpflanze und sorgen so für deren Fortpflanzung. Die (festsitzenden) Pflanzen benutzen die (flugfähigen) Bienen übrigens «bewusst» als Boten für ihre Zwecke: Nur ihretwegen stellen sie süssen Nektar her, locken damit die dienstbaren Insekten zu sich und entlohnen sie mit dem sirupartigen Getränk für ihre Dienste.

 

Zusatzschild
Honigbiene (Apis mellifica)

Nur zwei Insekten hat der Mensch domestiziert (zu Haustieren gemacht): die Honigbiene und die Seidenraupe (Bombyx mori). Die Biene liefert Honig und Wachs. Früher, vor der Herstellung von Rohr- und Rübenzucker, war Bienenhonig die einzige Süssstoffquelle des Menschen gewesen . Und Bienenwachs war vor der Erfindung von Petrol- und Glühlampe ein überaus wichtiger Kerzenrohstoff. 70 000 Tiere umfasst ein Bienenvolk bei uns; es sammelt 25 Kilogramm Honig - der eingedickte Nektar von vielen Millionen Blüten - im Jahr.

 

Zusammenfassendes Schild + Installation
Lebensraumgemeinschaft Etoscha

Wie eingangs erwähnt, stammen alle Bewohner dieses Hauses aus Etoscha in Namibia (Afrika). Das Beziehungsnetz, das sie untereinander verbindet, ist sehr kompliziert. Noch viel komplizierter sieht es jedoch in ihrer natürlichen Heimat aus: Dort stehen sie mit Hunderten weiterer Tier- und Pflanzenarten in Beziehung, welche einander ebenfalls wechselwirkend Nahrung geben und nehmen. So kompliziert eine solche Lebensraumgemeinschaft aber auch immer sein mag: Alle Lebewesen in ihr sind Produzenten, Konsumenten oder Reduzenten. Und alle sind sie wichtige Rädchen im ewigen Stoffkreislauf der Natur.




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