Nasenaffe

Nasalis larvatus


© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Gedenktaler Kollektion)



Der Nasenaffe (Nasalis larvatus), ein Mitglied der Sippe der Schlankaffen, ist auf der indomalaiischen Insel Borneo zu Hause. Dort bewohnt er hauptsächlich die Mangroven-, Sumpf- und Flussuferwälder des küstennahen Tieflands und hält sich zumeist in unmittelbarer Nähe eines Wasserlaufs auf. Die starke Bindung an Wasserläufe hat zur Folge, dass der Nasenaffe des öftern von einem Ufer zum anderen hinüberwechseln muss, um alle in seinem Lebensraum vorhandenen Futterquellen nutzen zu können. Tatsächlich tut er das ohne zu zögern, denn er ist ein meisterhafter Schwimmer und Taucher.

Nasenaffen sind stattliche «Klettertiere»: Grossgewachsene Männchen können eine Kopfrumpflänge von über 70 Zentimetern und ein Gewicht von mehr als 20 Kilogramm erreichen, grosse Weibchen immerhin eine Länge von 60 Zentimetern und ein Gewicht von 12 Kilogramm. Die Nase, der die Tiere ihren Namen verdanken, ist hingegen nur bei den Männchen markant vergrössert. Weibchen haben - ebenso wie die Jungtiere - zierliche «Stupsnasen».

Wie die meisten Schlankaffen leben die Nasenaffen in sogenannten «Haremsgruppen» - Kleingruppen, die sich aus einem erwachsenen Männchen, ein paar Weibchen und deren Nachkommen zusammensetzen. Interessanterweise vermeiden benachbarte Nasenaffengruppen keineswegs Begegnungen untereinander, sondern vermischen sich häufig, besonders an den abendlichen Schlafplätzen. Die Harems sind denn auch keine sehr stabilen Einheiten, sondern verändern ihre Grösse und Zusammensetzung häufig, weil sich die Weibchen im Laufe ihres Lebens mehrfach anderen Männchen anschliessen.

Wie die meisten Schlankaffen sind die Nasenaffen im übrigen reine Vegetarier. Ihre Nahrung setzt sich mehrheitlich aus Blättern zusammen, umfasst aber auch Früchte und Samen. Um solch schwer verdauliche Nahrung bestmöglich verwerten zu können, verfügen die langschwänzigen Affen über einen grossen, mehrkammerigen Magen, in welchem - ähnlich wie bei den wiederkauenden Huftieren - Bakterien die Aufspaltung der Zellulose besorgen.

Ihres hilfreichen «Kuhmagens» zum Trotz sind die Nasenaffen hinsichtlich ihrer Kost sehr wählerisch. Sie nehmen nur die jungen, zarten Blätter von ein paar wenigen Baumarten, und sie verspeisen nur ganz bestimmte Früchte und Samen. Aufgrund dieses «Feinschmecker»-Verhaltens müssen die Tiere täglich weite Strecken zurücklegen, um ihren Futterbedarf decken zu können. Und ihre Wohngebiete messen deshalb mehrere Quadratkilometer, während die meisten anderen regenwaldbewohnenden Affen mit Gebieten auskommen, welche deutlich kleiner sind als ein Quadratkilometer.

Natürliche Feinde haben die Nasenaffen in ihrer Inselheimat kaum zu fürchten. Grosse Gefahr droht ihnen jedoch vom Menschen, der sie auf breiter Front ihres angestammten Lebensraums beraubt. Die küsten- und flussnahen Bereiche des Tieflands von Borneo sind die dichtestbesiedelten Teile der grossen Insel. Darum sind die tiefliegenden Mangroven-, Sumpf- und Flussuferwälder, in denen die Nasenaffen zur Hauptsache vorkommen, vielerorts bereits abgeholzt - und die Rodungen schreiten überall zügig voran.

In verschiedenen Gegenden Borneos macht der Mensch ferner eifrig Jagd auf die Nasenaffen. Dies ist zwar illegal, da die Tiere in ihrem ganzen Verbreitungsgebiet unter striktem Schutz stehen. Der Vollzug der Naturschutzgesetze ist jedoch meistenorts ungenügend, da die Naturschutzbehörden personell unterbelegt sind. Unsinnigerweise dient die Bejagung der Nasenaffen in den wenigsten Fällen der Nahrungsversorgung der lokalen Bevölkerung, sondern vielfach nur der Freizeitgestaltung städtischer «Sportjäger», die mit Motorbooten den Flüssen entlang fahren und auf alles schiessen, was sich bewegt.

Zwar kommen Nasenaffen sowohl in Kalimantan, dem indonesischen Südteil Borneos, als auch in den beiden malaysischen Bundesstaaten Sabah und Sarawak sowie dem eigenständigen Sultanat Brunei im Norden Borneos innerhalb von Schutzgebieten vor. Ob dieser Schutz für das Überleben der Art, d.h. für die Erhaltung gesunder, langfristig überlebensfähiger Nasenaffenbestände, ausreicht, erscheint angesichts des aussergewöhnlichen Platzbedarfs der Tiere jedoch fraglich. Es ist deshalb - auch zugunsten der übrigen vielgestaltigen Tier- und Pflanzenwelt Borneos - unbedingt wünschenswert, die vorhandenen Schutzgebiete auf der Insel auszuweiten, die in erschreckendem Tempo stattfindende Waldzerstörung einzuschränken und den Vollzug der Naturschutzgesetze zu verbessern.




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