Nasenaffe - Nasalis larvatus
© 1991 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Der Nasenaffe (Nasalis larvatus) gehört
innerhalb der Ordnung der Herrentiere (Primates) zur Gruppe der
Schlankaffen (Colobinae), zu denen auch die Stummelaffen in Afrika,
die Languren in Süd- und Südostasien sowie die Stumpfnasen
in Vietnam und China zählen. Man unterscheidet insgesamt
27 Arten, welche allesamt in der Alten Welt zu Hause sind.
Die Heimat des Nasenaffen ist die indomalaiische Insel
Borneo. Dort bewohnt er hauptsächlich die Mangroven-, Sumpf-
und Flussuferwälder des küstennahen Tieflands und hält
sich zumeist in unmittelbarer Nähe eines Wasserlaufs auf.
Insbesondere bezieht er allabendlich zum Schlafen einen Baum,
der direkt am Wasser steht. Warum der Nasenaffe dermassen stark
ans Wasser gebunden ist, wissen wir nicht. Eine mögliche
Erklärung wäre die, dass der grosse Affe auf das in
Gewässernähe besonders reichliche Nahrungsangebot angewiesen
ist. Die Böden im Ufer- und Überschwemmungsbereich
von Fliessgewässern sind erwiesenermassen nährstoffreicher
als anderswo, weil dort ständig irgendwelche Schwebstoffe
ablagert werden, und ufernahe Waldstücke sind somit produktiver
als uferferne.
Das Leben an Wasserläufen hat zur Folge, dass
der Nasenaffe des öftern dazu gezwungen ist, von einem Ufer
zum anderen hinüberzuwechseln, um alle in seinem Lebensraum
vorhandenen Futterquellen nutzen zu können. Tatsächlich
tut er das ohne zu zögern, denn er ist ein meisterhafter
Schwimmer und Taucher. Nicht nur besitzt er Ansätze von
Schwimmhäuten zwischen den Zehen. Er vermag auch beachtliche
Strecken unter Wasser zurückzulegen, falls er beim Überqueren
eines Flusses einen Feind wahrnimmt.
Grosse Nasen sind attraktiv
Nasenaffen leben in sogenannten «Haremsgruppen»
- Kleingruppen, die sich aus einem erwachsenen Männchen,
ein paar Weibchen und deren Nachkommen zusammensetzen. Nasenaffengruppen
umfassen daher meistens zwischen vier und zwanzig Individuen.
Im Gegensatz zu den Haremsgruppen anderer Affenarten leben benachbarte
Nasenaffengruppen keineswegs ständig voneinander getrennt,
sondern vermischen sich häufig, besonders an den abendlichen
Schlafplätzen. Man hat schon auf einer Uferstrecke von 200
Metern sechs verschiedene Nasenaffengruppen friedlich neben-
und beieinander die Nacht verbringen sehen. Solche Zusammenschlüsse
sind für den Beobachter jeweils sehr spektakulär, da
die erwachsenen Männchen - in gebührendem Abstand voneinander
- laute Rufe äussern und lärmend durchs Geäst
toben, wobei sie absichtlich morsche Äste abbrechen, die
dann krachend zu Boden fallen. Diese «Kraftproben»
dienen einem doppelten Zweck: Zum einen wollen sich die Männchen
gegenseitig einschüchtern und auf Distanz halten. Zum anderen
will jeder Nasenaffenmann den anwesenden Weibchen zeigen, welch
toller Kerl er ist, damit sich möglichst viele von ihnen
seinem Harem anschliessen. Die Harems sind denn auch keine besonders
stabilen Einheiten, sondern verändern ihre Grösse und
Zusammensetzung häufig, weil sich die Weibchen im Laufe
ihres Lebens mehrfach anderen Männchen anschliessen.
Die jungen Männchen verlassen ihre Geburtsgruppe,
sobald sie von ihrer Mutter unabhängig sind, und schliessen
sich dann einer reinen Männergruppe an. Dort bleiben sie,
bis sie zu kräftigen Männchen herangewachsen sind.
In der Folge versuchen sie gelegentlich, den Platz eines haremsbesitzenden
Männchens einzunehmen, indem sie ein älteres, schwächeres
Tier verdrängen oder zumindest einem solchen ein paar Weibchen
abspenstig machen. Das ganze Gesellschaftssystem der Nasenaffen
erinnert somit stark an das der Gorillas, wie wir es von Dian
Fossey's berühmten Studien in Ruanda her kennen.
Es gibt übrigens eine ganze Menge (teils recht
abenteuerlicher) Theorien darüber, wozu die grosse Nase
der erwachsenen Nasenaffenmännchen dient. Am wahrscheinlichsten
ist wohl, dass die Nase eine Rolle bei der Partnerwahl spielt.
Es scheint nämlich, dass sich die Nasenaffenweibchen nicht
einfach dem grössten Kraftprotz unter den Männchen
anschliessen, sondern Männer mit grossen Nasen speziell
anziehend finden. Dies würde heissen, dass Männchen
mit grossen Nasen durchschnittlich mehr Nachkommen zeugen als
solche mit kleinen Nasen, wodurch das von ihnen vererbte Merkmal
«Grosse Nase» allmählich immer deutlicher in
der Nasenaffenpopulation herausgezüchtet wird.
Auch giftige Pflanzenteile munden ihnen
Der Nasenaffe besitzt einen grossen, mehrkammerigen
Magen, in welchem - ähnlich wie bei den wiederkauenden Huftieren
- Bakterien die Aufspaltung der pflanzlichen Nahrung besorgen.
Diese Form der Futterauswertung bietet zwei wesentliche Vorteile:
Zum einen vermögen die Magenbakterien Zellulose, den Hauptbaustein
der Blätter, chemisch aufzubrechen und für die Verdauung
vorzubereiten. Dadurch wird ein Grossteil der Energie sowie der
Nähr- und Aufbaustoffe, welche in Blättern enthalten
sind und normalerweise ungenutzt wieder ausgeschieden werden,
dem Nasenaffen zugänglich gemacht. Zum anderen inaktivieren
die Bakterien etwaige in der Nahrung enthaltene Giftstoffe, bevor
diese in den Blutkreislauf des Nasenaffen gelangen. Er vermag
deshalb Pflanzenteile unbeschadet zu essen, an welchen sich die
meisten anderen Tiere unweigerlich vergiften würden.
Eigenartigerweise frisst sich der Nasenaffe trotz
seines hochentwickelten Verdauungstrakts keineswegs wie ein «Rasenmäher»
durch den Wald: Er ist hin sichtlich seiner Nahrung ausgesprochen
wählerisch und nimmt nur die jungen, zarten Blätter
einer sehr beschränkten Anzahl von Baumarten zu sich. Zudem
ernährt er sich längst nicht nur von Blättern,
wie man dies früher annahm: Neuere Untersuchungen haben
gezeigt, dass seine Nahrung bis zur Hälfte aus Früchten
und Samen besteht. Dem Früchtekonsum sind allerdings gewisse
Grenzen gesetzt. Verzehrt der Nasenaffe nämlich süsse,
leicht verdauliche Früchte, so werden die darin enthaltenen
einfachen Zucker dermassen rasch von den Bakterien fermentiert,
dass sich im Darm grosse Mengen Methangas bilden, was unter Umständen
zum Tod des Nasenaffen führen kann. Im teils von der Mutter
auf das Kind übertragenen, teils wohl auch selber erworbenen
Wissen um diese fatalen Folgen wählt der Nasenaffe für
seine Ernährung ausschliesslich nicht-süsse, stärkehaltige
Früchte und Samen wie etwa diejenigen der Hülsenfrüchtler
(Leguminosae).
Warum der Nasenaffe hinsichtlich seiner Blattnahrung
dermassen wählerisch ist, obschon er sozusagen einen «Kuhmagen»
hat, ist nicht bekannt. Die Folge seines «Feinschmecker»-Verhaltens
ist jedoch, dass er selbst in den verhältnismässig
reichhaltigen Sumpf- und Flussuferwäldern, die er bewohnt,
offensichtlich ein eher spärliches Nahrungsangebot vorfindet.
Jedenfalls legen die Nasenaffengruppen täglich weite Strecken
zurück, um ihren Futterbedarf decken zu können. Ausserdem
messen ihre Wohngebiete, in denen sie ganzjährig genügend
Nahrung finden, ungefähr neun Quadratkilometer, während
die Gruppen der meisten anderen regenwaldbewohnenden Affenarten
mit einem Gebiet auskommen, dessen Fläche kleiner als ein
Quadratkilometer ist. Für den Naturschützer heisst
dies, dass für die Erhaltung gesunder, langfristig überlebensfähiger
Nasenaffenpopulationen ungewöhnlich grosse Waldgebiete unter
Schutz gestellt werden müssen.
Der Mensch - ihr ärgster Feind
Nasenaffen haben kaum natürliche Feinde. Es gibt
auf Borneo weder Tiger noch Leoparden, die ihnen gefährlich
werden könnten, und die auf Borneo heimischen Nebelparder
dürften höchstens hin und wieder ein Jungtier erwischen.
Der Hauptfressfeind der Nasenaffen war früher wahrscheinlich
das Leistenkrokodil gewesen, das wie im ganzen indomalaiischen
Raum die küstennahen Sümpfe und Flussunterläufe
Borneos bewohnt. Die Bestände des Leistenkrokodils sind
aber infolge der übermässigen Bejagung durch den Menschen
stark geschrumpft, weshalb den Nasenaffen von dieser Seite kaum
mehr eine Gefahr erwächst.
Ein arger Feind der Nasenaffen ist aber heute der
Mensch, wobei der menschbedingte Lebensraumverlust mit Abstand
die schlimmste Gefahr für die Tiere darstellt. Die küsten-
und flussnahen Bereiche des Tieflands auf Borneo, in denen die
Nasenaffen zur Hauptsache vorkommen, sind die dichtestbesiedelten
Teile der grossen Insel. Viele der Mangroven-, Sumpf- und Flussuferwälder
sind von der ansässigen Bevölkerung wie auch den kommerziellen
Holzfällerfirmen dermassen stark genutzt worden, dass nur
noch einzelne Bäume übriggeblieben sind. Aus solchen
Gebieten sind die Nasenaffen natürlich längst verschwunden.
Eine ernstzunehmende Gefahr für die Nasenaffen
stellt in manchen Gegenden Borneos ferner die Bejagung dar. Diese
ist zwar illegal, da die Nasenaffen in ihrem ganzen Verbreitungsgebiet
unter striktem gesetzlichem Schutz stehen. Der Vollzug der Naturschutzgesetze
ist jedoch vielerorts ungenügend, da die Naturschutzbehörden
personell unterbelegt sind und es ohnehin sehr schwierig ist,
grössere Flussystemere gelmässig zu überwachen.
Unsinnigerweise dient die Bejagung der Nasenaffen in den wenigsten
Fällen der Nahrungsversorgung der lokalen Bevölkerung,
sondern einzig der Freizeitgestaltung städtischer «Sportjäger»,
die mit Motorbooten den Flüssen entlang fahren und auf alles
schiessen, was sich bewegt. Die Angewohnheit der Nasenaffen,
sich gegen Abend an den Flussufern zu versammeln, macht sie für
diese stupide Form der Jagd leider besonders anfällig.
Der Fang von Nasenaffen für den Tierhandel war
bis vor kurzem minimal gewesen und stellte keine nennenswerte
Gefahr für die Tiere dar. In jüngerer Zeit steigt die
Nachfrage nach den attraktiven Klettertieren seitens der zoologischen
Gärten jedoch stetig, was den Rückgang der Nasenaffenbestände
zusätzlich beschleunigt. Nicht nur müssen in der Regel
mehrere Tiere ihr Leben lassen, bis ein unverletzter Nasenaffe
in die Hand der Tierfänger gerät; die aus der freien
Wildbahn stammenden Tiere werden in Gefangenschaft auch rasch
depressiv, weshalb ihre Sterblichkeit in Menschenobhut sehr hoch
ist. Ungezählte Individuen müssen sterben, bis ein
Zoo «stolzer» Besitzer einer gesunden Nasenaffengruppe
ist. Es gilt dringend, den Schwarzhandel mit Nasenaffen zu unterbinden.
Vorderhand hapert es aber auch hier noch am Vollzug der bestehenden
Schutzverordnungen.
Erst für Sarawak existiert ein Nasenaffen-Schutzkonzept
Nasenaffen kommen sowohl in Kalimantan, dem indonesischen
Südteil Borneos, als auch in den beiden malaysischen Bundesstaaten
Sabah und Sarawak sowie dem eigenständigen Sultanat Brunei
im Norden Borneos innerhalb von Naturschutzgebieten vor. Ob dieser
Schutz für das langfristige Überleben der Art ausreicht
und wie die Bestandssituation der Art im Detail ausschaut, war
bis vor kurzem völlig unbekannt. Zumindest für Sarawak
konnte diese Wissenslücke inzwischen geschlossen werden.
1984 wurde vom WWF Malaysia in Zusammenarbeit mit der Zoologischen
Gesellschaft New York und der Forstbehörde Sarawaks ein
breitangelegtes Projekt durchgeführt, um den Status der
regionalen Nasenaffenbestände abzuklären.
Zum einen wurde eine Studie über das Verhalten
und die Ökologie der Nasenaffen im Samunsam-Naturschutzgebiet
im östlichen Sarawak durchgeführt. Dieses Reservat
war 1979 speziell zum Schutz der lokalen Nasenaffenpopulation,
einer der grössten im Bundesstaat, geschaffen worden. Die
Studie zeigte unter anderem, dass ein wirksamer Nasenaffenschutz
besonders grossflächige Reservate erfordert. Zum anderen
wurde in ganz Sarawak der Zustand der Wälder vom Boden her
und aus der Luft begutachtet. Dabei wurde das enorme Ausmass
der Nasenaffen-Gefährdung durch Lebensraumzerstörung
und Bejagung ersichtlich.
Aufgrund der Forschungsergebnisse wurde sodann ein
Massnahmenkatalog erarbeitet, um die in Sarawak verbleibenden
Nasenaffenbestände wirksam und nachhaltig zu schützen.
Wichtigste Punkte darin sind das Unterschutzstellen neuer Sumpfgebiete,
die Ausweitung des Samunsam-Reservats und das Durchführen
von Informationskampagnen in Presse, Radio und Fernsehen, um
die Aufmerksamkeit einer möglichst breiten Öffentlichkeit
auf die Bedrohung der Nasenaffen und die Dringlichkeit ihres
Schutzes zu lenken.
Für Sarawak besteht somit ein detailliertes Nasenaffen-Schutzkonzept.
Auch die Regierung von Brunei unternimmt derzeit grosse Anstrengungen,
um die Mangrovenbestände des Kleinstaats mitsamt der darin
lebenden Nasenaffen zu schützen. Die Situation der Nasenaffen
in Sabah dürfte mit der von Sarawak vergleichbar sein, weshalb
sich ähnliche Schutzmassnahmen aufdrängen: Ausweitung
der vorhandenen und Schaffung neuer Schutzgebiete, Verminderung
der Lebensraumzerstörung, strikter Vollzug der Naturschutzgesetze
und Information der Bevölkerung über Naturschutzbelange.
Rund zwei Drittel des Verbreitungsgebiets der Nasenaffen
entfallen allerdings auf Kalimantan, und dort ist der Status
der Art noch völlig ungeklärt. Zwar existieren mehrere
grossflächige, weitgehend unberührte Sumpfwälder
im Tiefland Kalimantans. Systematische Untersuchungen bezüglich
der dort lebenden Nasenaffenbestände fehlen jedoch. Aus
diesem Grund, und weil gemäss den bisherigen Erfahrungen
die Bestandsdichte der Affen von Waldstück zu Waldstück
stark variieren kann, ist es derzeit nicht möglich, den
Gesamtbestand der Art auch nur grob abzuschätzen. Um ein
umfassendes Schutzprogramm für die Art erarbeiten zu können,
sind Bestandsabklärungen in Kalimantan ohnehin dringend
erforderlich. Sie sind die unentbehrliche Grundlage dafür,
dass diese aussergewöhnliche Affenart auch von zukünftigen
Menschengenerationen in ihrer natürlichen Umgebung beobachtet
werden kann.
Zur Hauptseite
|