Nebelparder

Neofelis nebulosa


© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Das Bild, das wir uns von den Mitgliedern der Katzenfamilie (Felidae) im allgemeinen machen, ist etwas verzerrt durch die Tatsache, dass die beiden bekanntesten Katzen - der Löwe und die Hauskatze - in vielerlei Hinsicht gar nicht typisch sind für ihre Sippe: Der Löwe ist als einzige Katze ein geselliges Wesen und bewohnt vornehmlich offene Graslandschaften, während die Hauskatze seit Jahrtausenden mit dem Menschen zusammenlebt und sich ständig in dessen Siedlungsräumen aufhält. Fast alle übrigen Katzen sind hingegen einzelgängerische und überaus heimlich lebende Tiere, welche Lebensräume mit dichter, deckungbietender Pflanzendecke bevorzugen und sorgfältig jeglichen Kontakt mit dem Menschen vermeiden.

Eine in diesem Sinne «typische» Katze ist der in Südostasien beheimatete Nebelparder (Neofelis nebulosa), von dem hier die Rede sein soll.

 

Neues über den Katzenstammbaum

Über die genaue Zahl der heute lebenden Katzenarten sowie ihre verwandtschaftlichen Beziehungen untereinander sind sich die Fachleute bis heute nicht einig geworden. Dies liegt darin begründet, dass die Katzenfamilie eine überaus einheitliche Raubtiersippe bildet; die weltweit ungefähr drei Dutzend Katzenarten sind hinsichtlich ihres Körperbaus alle einander sehr ähnlich. Der Löwe in Afrika mit seiner Mähne, der Luchs in Europa mit seinem Stummelschwanz, der Tiger in Asien mit seinem Streifenkleid und die Wieselkatze in Südamerika mit ihren kurzen Beinen - sie alle lassen sich schon auf den ersten Blick als «Katzentiere» erkennen. Das ist keineswegs bei allen Raubtierfamilien der Fall. Wer würde beispielsweise ahnen, dass Fischotter, Dachs und Wiesel zu ein und derselben Tierfamilie, nämlich zur Familie der Marder (Mustelidae), gehören?

Gängig - doch keineswegs unumstritten - war in jüngerer Zeit die Gliederung der Katzen in drei Gruppen: erstens die Grosskatzen, zweitens die Kleinkatzen und drittens den Gepard (Acinonyx jubatus). Letzterer erhielt eine Sonderstellung, weil er im Gegensatz zu allen anderen Katzenarten seine Beutetiere nicht aus dem Hinterhalt überfällt, sondern sie in kurzem, schnellem Spurt niederhetzt. Mit dieser Jagdweise verbunden ist eine ganze Reihe von Anpassungen im Körperbau, durch die sich der Gepard deutlich vom Rest der Katzen unterscheidet. Es wurde deshalb vermutet, er habe sich stammesgeschichtlich sehr früh von den übrigen Katzen abgespalten.

Die Grosskatzen wurden in der Gattung Panthera zusammengefasst und schlossen den Löwen (Panthera leo), den Tiger (Panthera tigris), den Leoparden (Panthera pardus), den Jaguar (Panthera onca) und den Schneeleoparden (Panthera uncia) ein. Praktisch alle übrigen Katzen wurden als Kleinkatzen betrachtet und der Gattung Felis zugeordnet. Unschlüssig war man sich einzig über die Einordnung des Nebelparders, denn weder zur Sippe der Kleinkatzen noch zu jener der Grosskatzen passte er so recht. Mit einer Kopfrumpflänge von gewöhnlich 80 bis 90 Zentimetern und einem Gewicht zwischen 15 und 20 Kilogramm erreicht er beispielsweise fast die Grösse eines Leoparden, ist also für eine Kleinkatze eher zu gross und für eine Grosskatze zu klein. Seine Pupillen verengen sich weder spaltförmig wie bei den typischen Kleinkatzen noch kreisrund wie bei den Grosskatzen, sondern spindelförmig. Beim Ruhen streckt er den Schwanz gerade nach hinten aus, wie dies die Grosskatzen tun, und schlägt ihn nicht um die Pfoten wie die Kleinkatzen. Hingegen kann er nicht brüllen wie die Grosskatzen, sondern er schnurrt wie eine Kleinkatze. Die meisten Fachleute ordneten den Nebelparder deshalb einer eigenen Gattung namens Neofelis im «Graubereich» zwischen Gross- und Kleinkatzen zu.

Neue molekularbiologische Techniken erlauben es seit ein paar Jahren, die Erbsubstanz (DNA) von Lebewesen eingehend und verlässlich zu untersuchen. Dadurch lassen sich heute weit präzisere Daten bezüglich der verwandtschaftlichen Beziehungen verschiedener Tierarten gewinnen, als dies noch vor kurzem durch den herkömmlichen Vergleich von Schädel-, Gebiss- und anderen körperbaulichen Merkmalen der Fall war. Hinsichtlich der Katzensippe gab es inzwischen einige grössere Überraschungen. Zum Beispiel hat sich gezeigt, dass die kleinen gefleckten Katzen der Neuen Welt - darunter der Ozelot (neu: Leopardus pardalis) und die Langschwanzkatze (neu: Leopardus wiedii) - verwandtschaftlich recht weit von allen übrigen Katzen entfernt sind, da sie sich schon vor rund zehn Millionen Jahren vom Rest der Familie abgespaltet haben. Andererseits hat sich ergeben, dass der Gepard keineswegs jener Sonderling ist, als der er stets galt: Er ist eng verwandt mit dem Puma (neu: Puma concolor), und beide stehen dem Rest der Katzen - ausserhalb der Ozelot-Gruppe - recht nah. Schliesslich konnte auch das «Rätsel» um den Nebelparder endlich gelöst werden: Er ist eine echte Grosskatze und kann vorbehaltlos mit den anderen Grosskatzen zusammen in die Gattung Panthera eingereiht werden. Richtigerweise muss er also Panthera nebulosa heissen. Im Moment zögern die meisten Experten allerdings noch mit diesem Schritt und belassen ihn vorerst in der separaten Gattung Neofelis. Das dürfte sich aber bald ändern.

 

Von Nepal bis Borneo verbreitet

Für ein Tier seiner Grösse führt der Nebelparder in seiner südostasiatischen Heimat eine aussergewöhnlich verborgene Lebensweise. Selbst für einen erfahrenen Feldbiologen ist die Chance sehr gering, diesen «Heimlichtuer» jemals zu Gesicht zu bekommen. Über Ökologie und Verhalten des Nebelparders in freier Wildbahn ist deshalb so gut wie nichts bekannt, ja selbst die Grenzen seines Verbreitungsgebiets liegen teils im dunkeln. Dies zeigt sich anschaulich daran, dass 1989 an vier verschiedenen Orten in Nepal die Präsenz von Nebelpardern nachgewiesen werden konnte, nachdem die mittelgrosse Katze während mehr als hundert Jahren im Land als «verschollen» galt. Allem Anschein nach war der Nebelparder die ganze Zeit über in Nepal heimisch gewesen, jedoch schlicht übersehen worden.

Nepal bildet das nordwestlichste Vorkommen des Nebelparders. Von dort findet man ihn ostwärts durch Bhutan, Nordostindien (Assam), wahrscheinlich Bangladesch, Myanmar und Südchina bis zur Pazifikküste. Einst gab es noch eine separate Population auf Taiwan, doch gilt diese inzwischen als ausgestorben. Jedenfalls konnte seit den sechziger Jahren kein sicherer Nachweis mehr erbracht werden. Angesichts der überaus heimlichen Lebensweise des Nebelparders wäre es indes kaum überraschend, wenn die Art auch dort gelegentlich wiederentdeckt würde.

Südlich des genannten «Verbreitungsgürtels» scheint der Nebelparder sowohl in Myanmar als auch in Thailand verhältnismässig weit verbreitet zu sein. Er kommt sodann in allen drei Ländern Indochinas - Vietnam, Kambodscha und Laos - vor. Der südlichste Teil des Verbreitungsgebiets bilden schliesslich die Malaiische Halbinsel (Malakka) und die Inseln Sumatra und Borneo.

Auf Borneo scheint der Nebelparder noch weit verbreitet zu sein und in den malaysischen Bundesstaaten Sarawak und Sabah ebenso vorzukommen wie im Sultanat Brunei und in der indonesischen Provinz Kalimantan. Borneo wird in Fachkreisen gewöhnlich als Hauptvorkommensgebiet der Art betrachtet, da diese drittgrösste Insel der Welt praktisch nur an den Rändern von Menschen besiedelt ist und die Bestände der hübschen Raubkatze hier besonders hohe Dichten aufzuweisen scheinen.

 

Affenjagender «Astleopard»

Innerhalb seines riesigen Verbreitungsgebiets bewohnt der Nebelparder vorzugsweise bewaldetes Gebiet. Allerdings ist er kein strikter Bewohner dichter immergrüner Regenwälder, wie man früher dachte, sondern er erweist sich als recht anpassungsfähig und weiss ein breites Spektrum von Lebensräumen zu nutzen - von üppigem Tieflandregenwald über morastigen Mangrovenwald und lichten Monsunwald bis hin zu buschartigem Sekundärwald.

«Macan dahan» - «Astleopard» - nennen die Indonesier den Nebelparder. Tatsächlich findet man seine Fussspuren nur selten auf dem Waldboden, denn er verbringt viel Zeit im Geäst der Bäume und erweist sich dort als ausgezeichneter Kletterer. Seine ausserordentlichen Fähigkeiten zeigt er beispielsweise, wenn er einen senkrechten Baumstamm hinuntersteigt: Während die meisten anderen Katzen rückwärts ziemlich unbeholfen hinabklettern, läuft der Nebelparder kopfvoran hinunter. In Anpassung an das Baumleben hat der Nebelparder ungewöhnlich lange Krallen entwickelt, die ihm einen sicheren Halt geben. Sein nahezu körperlanger Schwanz ist als Balancierhilfe sehr nützlich. Und dank seiner kurzen, aber überaus muskulösen Beine vermag er selbst fünf Meter breite Lücken im Geäst zu überspringen. Im übrigen ist er dank seiner prächtigen Plattenflecken mit ihrem blasseren, «nebligen» Innern zwischen den Blättern vorzüglich getarnt.

Wie die meisten Katzen scheint der Nebelparder ein weitgehend einzelgängerisches Leben zu führen. Auf die Pirsch geht er hauptsächlich in der Morgen- und in der Abenddämmerung, doch ist er mitunter auch zu anderen Tages- und Nachtzeiten unterwegs. Dabei fallen dem Kletterkünstler im Geäst allerlei Vögel, Hörnchen und besonders Affen zum Opfer. So konnte etwa im Khao-Yai-Nationalpark in Thailand von einem Wissenschaftler beobachtet werden, wie ein Nebelparder einen Schweinsaffen (Macaca nemestrina) erlegte. Und auf Borneo haben glaubwürdige Augenzeugen schon miterlebt, wie Nebelparder Nasenaffen (Nasalis larvatus), Gibbons (Hylobates spp.) und junge Orang-Utans (Pongo pygmaeus) erbeuteten. Oft überfällt der Nebelparder aber auch Wildschweine, Hirsche und andere bodenlebende Säugetiere. Teils lauert er ihnen auf Ästen auf und stürzt sich dann unvermittelt auf sie hinunter, teils schleicht er sich am Boden an sie heran. Seine sehr langen, dolchartigen Eckzähne sind ihm beim Töten solch grosser Tiere sehr dienlich.

Über das Fortpflanzungsverhalten des Nebelparders in der freien Wildbahn wissen wir praktisch nichts. In Menschenobhut hat man festgestellt, dass die Nebelparderweibchen nach einer Tragzeit von rund drei Monaten zumeist zwei bis vier Junge zur Welt bringen. Diese wiegen bei der Geburt 140 bis 170 Gramm und sind wie alle Katzenkinder zunächst noch blind. Sie öffnen ihre Augen nach zehn bis zwölf Tagen, werden bis zum Alter von fünf Monaten gesäugt und sind mit etwa neun Monaten ausgewachsen. Die Geschlechtsreife erreichen sie im Alter von ungefähr zwei Jahren, und ihre Lebenserwartung liegt (zumindest in Menschenobhut) bei 15 bis 20 Jahren.

 

Lebensraum schrumpft, Knochenhandel floriert

Zwar ist es nicht möglich, zuverlässige Angaben über die Grösse der heutigen Nebelparder-Gesamtpopulation zu machen. Unbestritten ist jedoch, dass die Bestände der mittelgrossen Raubkatze im ganzen Artverbreitungsgebiet stark rückläufig sind. Südostasien erfährt derzeit eine enorme zivilisatorische Entwicklung. Dies hat unter anderem zur Folge, dass die südostasiatischen Wälder in horrendem Tempo gerodet werden, um Holz zu gewinnen und Platz für Siedlungen, Verkehr und Industrie zu schaffen. Der Lebensraum des Nebelparders schrumpft dadurch rasch und unwiederbringlich.

Ausserdem wird der Nebelparder in seinem ganzen Verbreitungsgebiet stark bejagt. Zum Verhängnis wird ihm einerseits sein prächtiges Fell, das auf dem Pelzmarkt sehr begehrt ist. Andererseits finden seine Knochen in der traditionellen orientalischen Heilkunde Verwendung, werden seine Zähne zu Schmuckstücken und Glücksbringern verarbeitet, und mancherorts, so in Thailand und China, wird auch sein Fleisch als Delikatesse geschätzt.

Theoretisch ist der Nebelparder heute in den meisten Ländern innerhalb seines Verbreitungsgebiets gesetzlich geschützt, doch leider ist der Vollzug der Naturschutzgesetze vielerorts mangelhaft. Er ist auch in Anhang I des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (WA) aufgeführt, was bedeutet, dass der internationale Handel mit lebenden Tieren, Teilen von ihnen und Produkten aus ihnen zwischen den rund 120 Staaten, welche das Übereinkommen bislang unterzeichnet haben, vollständig gebannt ist. Es scheint, dass das WA den interkontinentalen Handel mit Fellen des Nebelparders in der Tat wirkungsvoll zu unterbinden vermocht hat. Den innerasiatischen Handel mit Knochen und anderen in der orientalischen Volksmedizin begehrten Körperteilen scheint es hingegen höchstens geringfügig eingeschränkt zu haben.

Damit die prächtige Katze längerfristig eine Überlebenschance hat, müssen möglichst viele und möglichst grossflächige Bereiche der noch unberührten Tropenwälder Südostasiens wirksam vor der Abholzung geschützt werden. Ausserdem gilt es, den nationalen und internationalen Artenschutzgesetzen bessere Nachachtung zu verschaffen. Der Welt Natur Fonds (WWF) setzt sich hierfür im Rahmen zahlreicher Projekte und mit erheblichen finanziellen Mitteln im ganzen südostasiatischen Raum seit vielen Jahren ein.




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