Nebelparder

Neofelis nebulosa


© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Gedenktaler Kollektion)



Der Nebelparder (Neofelis nebulosa) ist unter den Katzen ein Sonderling: Weder zur Sippe der Kleinkatzen (Gattung Felis) noch zu jener der Grosskatzen (Gattung Panthera) passt er nämlich so recht. Mit einer Kopfrumpflänge von gewöhnlich 80 bis 90 Zentimetern und einem Gewicht zwischen 15 und 20 Kilogramm erreicht er beispielsweise fast die Grösse eines Leoparden, ist also für eine Kleinkatze eher zu gross und für eine Grosskatze zu klein. Seine Pupillen verengen sich weder spaltförmig wie bei den typischen Kleinkatzen noch kreisrund wie bei den Grosskatzen, sondern spindelförmig. Beim Ruhen streckt er den Schwanz gerade nach hinten aus, wie dies die Grosskatzen tun, und schlägt ihn nicht um die Pfoten wie die Kleinkatzen. Hingegen kann er nicht brüllen wie die Grosskatzen, sondern er schnurrt wie eine Kleinkatze. Die Fachleute ordnen den Nebelparder deshalb einer eigenen Gattung (Neofelis) zu.

Beheimatet ist der Nebelparder in Südostasien - von Nepal, Bhutan und Südchina im Norden quer durch den ganzen hinterindischen Halbkontinent bis nach Sumatra und Borneo im Süden. Einst gab es noch eine separate Population auf Taiwan, doch gilt diese inzwischen als ausgestorben.

Vorzugsweise bewohnt der Nebelparder bewaldetes Gebiet. Dort hält er sich häufig im Geäst der Bäume auf, erweist sich als ausgezeichneter Kletterer und ist dank seiner prächtigen Plattenflecken mit ihrem blasseren, «nebligen» Innern zwischen den Blättern vorzüglich getarnt. Allerdings ist der Nebelparder kein strikter Bewohner dichter immergrüner Regenwälder, wie man früher dachte, sondern er erweist sich als recht anpassungsfähig und weiss ein breites Spektrum von Lebensräumen zu nutzen - von üppigem Tieflandregenwald über lichten Monsunwald bis hin zu buschartigem Sekundärwald.

Wie die meisten Katzen scheint der Nebelparder ein weitgehend einzelgängerisches Leben zu führen. Auf die Pirsch geht er hauptsächlich in der Morgen- und in der Abenddämmerung, doch ist er mitunter auch zu anderen Tageszeiten unterwegs. Dabei fallen dem Kletterkünstler im Geäst allerlei Vögel, Hörnchen und besonders Affen zum Opfer. Oft überfällt er aber auch Wildschweine, Hirsche und andere bodenlebende Säugetiere. Teils lauert er ihnen auf Ästen auf und stürzt sich dann unvermittelt auf sie hinunter, teils schleicht er sich auch am Boden an sie heran. Seine sehr langen, dolchartigen Eckzähne sind ihm beim Töten solch grosser Tiere sehr dienlich.

Über das Fortpflanzungsverhalten des Nebelparders in der freien Wildbahn wissen wir praktisch nichts. In Menschenobhut hat man festgestellt, dass die Nebelparderweibchen nach einer Tragzeit von rund drei Monaten zwei bis vier Junge zur Welt bringen. Diese wiegen bei der Geburt 140 bis 170 Gramm, werden bis zum Alter von fünf Monaten gesäugt und sind mit etwa neun Monaten ausgewachsen. Die Geschlechtsreife erreichen sie im Alter von ungefähr zwei Jahren, und ihre Lebenserwartung liegt bei 15 bis 20 Jahren.

Zwar ist es nicht möglich, zuverlässige Angaben über die Grösse der heutigen Nebelparder-Gesamtpopulation zu machen. Unbestritten ist jedoch, dass die Bestände der mittelgrossen Raubkatze im ganzen Artverbreitungsgebiet stark rückläufig sind. Südostasien erfährt derzeit eine enorme zivilisatorische Entwicklung. Dies hat unter anderem zur Folge, dass die südostasiatischen Wälder in horrendem Tempo gerodet werden, um Holz zu gewinnen und Platz für Siedlungen, Verkehr und Industrie zu schaffen. Der Lebensraum des Nebelparders schrumpft dadurch rasch und un wiederbringlich.

Ausserdem wird der Nebelparder in seinem ganzen Verbreitungsgebiet eifrig bejagt. Zum Verhängnis wird ihm hauptsächlich sein prächtiges Fell, das auf dem Pelzmarkt sehr begehrt ist. Ausserdem werden seine Zähne zu Schmuckstücken und Glücksbringern verarbeitet, seine Knochen finden in der traditionellen orientalischen Heilkunde Verwendung, und mancherorts wird auch sein Fleisch als Delikatesse geschätzt.

Theoretisch ist der Nebelparder heute in den meisten Ländern innerhalb seines Verbreitungsgebiets gesetzlich geschützt, doch leider ist der Vollzug der Naturschutzgesetze vielerorts mangelhaft. Damit die prächtige Katze längerfristig eine Überlebenschance hat, müssen einerseits möglichst viele der noch unberührten Tropenwälder Südostasiens unter wirksamen Schutz gestellt und muss andererseits den Artenschutzgesetzen endlich bessere Nachachtung verschafft werden. Der WWF setzt sich hierfür im Rahmen zahlreicher Projekte im ganzen südostasiatischen Raum seit vielen Jahren ein.




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