Europäischer Nerz
Mustela lutreola
© 1999 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Wenn von gefährdeten Ökosystemen und bedrohten
Tierarten die Rede ist, denken wohl die meisten von uns zuallererst
an die erschreckende Zerstörung der tropischen Urwälder
mitsamt ihren vielgestaltigen tierlichen Bewohnern. Doch nicht
nur in den Tropen, sondern auch in den gemässigten Klimazonen
unseres Planeten, darunter in Europa, stehen floristisch und
faunistisch höchst interessante Ökosysteme unter grossem
Druck. Besonders stark gefährdet sind hier die natürlichen
Süssgewässer und die auf diesen Lebensraum angewiesenen
Wildtiere. In der Tat waren mehr als zwei Drittel aller Tierarten,
welche unseres Wissens in den letzten drei Jahrhunderten in Europa
ausstarben, an Süssgewässer gebundene Geschöpfe.
Eine Tierart, die das Schicksal der gefährdeten
Tierwelt der europäischen Süssgewässer beispielhaft
aufzeigt, ist der Europäische Nerz (Mustela lutreola),
der bezeichnenderweise auch «Sumpfotter» heisst.
Von ihm soll auf diesen Seiten berichtet werden.
Kleinraubtier am und im Wasser
Der Europäische Nerz gehört innerhalb der
Ordnung der Raubtiere (Carnivora) zur Familie der Marder (Mustelidae),
die sich aus rund 65 Arten von Ottern, Dachsen, Skunks, Mardern,
Wieseln, Iltissen und Nerzen zusammensetzt. Innerhalb der Marderfamilie
zählt er zur Gattung Mustela, welche elf Arten von
Wieseln, drei Arten von Iltissen und zwei Arten von Nerzen umfasst
und als Sippe über weite Bereiche Europas, Asiens sowie
Nord- und Mittelamerikas verbreitet ist.
Obschon der Europäische Nerz dem Amerikanischen
Nerz (Mustela vison) überaus ähnlich sieht,
wissen wir heute aufgrund molekularbiologischer Untersuchungen,
dass nicht jener sein engster Verwandter innerhalb der Gattung
Mustela ist, sondern dass ihm der Europäische Iltis
(Mustela putorius) und das Sibirische Feuerwiesel (Mustela
sibirica) am nächsten stehen. Die grosse Ähnlichkeit
der beiden Nerzarten beruht also auf dem Umstand, dass sich beide
Arten unabhängig voneinander auf die Nutzung derselben ökologischen
Nische spezialisiert und dabei dieselben körperbaulichen
Anpassungen herausgebildet haben - ein Phänomen, das die
Zoologen als «konvergente Entwicklung» bezeichnen.
Wie alle Mitglieder der Gattung Mustela ist
der Europäische Nerz ein überaus schnelles und wendiges
Kleinraubtier mit langgezogenem, schlankem Leib, kurzen Beinen
und mittellangem Schwanz. Die Männchen sind mit einer Kopfrumpflänge
von ungefähr 40 Zentimetern und einem Gewicht von gewöhnlich
800 bis 900 Gramm deutlich grösser als die Weibchen, welche
normalerweise etwa 35 Zentimeter lang und 500 Gramm schwer sind.
Für das Leben am und im Wasser ist der «Sumpfotter»
vorzüglich ausgerüstet: Er besitzt kurze Schwimmhäute
zwischen den Zehen, was ihn zu einem gewandten Schwimmer und
Taucher macht. Seine Fingerkuppen sind borstig behaart, was ihm
beim Festhalten schlüpfriger Beute dienlich ist. Die Hand-
und Fussballen weisen griffige nackte Polster auf, was ihm einen
sicheren Tritt auf feuchtem Fels und schlammigen Uferbänken
vermittelt. Zudem ist sein Fell überaus dicht, seine Haut
recht derb und sein Unterhautfett ausgeprägt, was ihn gegen
die Auskühlung im kalten Wasser, wo er viel unterwegs ist,
gut schützt.
Der Europäische Nerz lebt an Bächen, Flüssen,
Sümpfen und Seen - von Meereshöhe bis zur Gletscherzone
- und er bewegt sich kaum je weiter als 150 Meter von seinem
Heimatgewässer weg. Bevorzugt hält er sich im Umfeld
recht schnell fliessender Flüsse und Bäche mit klarem
Wasser auf, wo die Ufer mit üppigem Pflanzenwuchs und angeschwemmtem
Holz, mit Hohlräumen unter Wurzeln und mit Spalten zwischen
Steinen günstige Verstecke und vielfältige Möglichkeiten
zum Stöbern bieten.
Sein Lager wählt der Europäische Nerz nahe
am Wasser in hohlen Bäumen, unter Wurzelstöcken oder
zwischen Felsen und oft auch in vorgefundenen und nach seinen
Bedürfnissen erweiterten Nagetierhöhlen. Dort verschläft
er den Tag und geht dann in der abendlichen Dämmerung und
der nächtlichen Dunkelheit auf Beutefang. Zum Opfer fällt
dem tüchtigen Räuber ein breites Spektrum land- wie
wasserlebender Kleintiere - von Schnecken, Insekten und Krebsen
über Fische, Frösche und Molche bis hin zu Vögeln
und Kleinsäugern, insbesondere Nagern.
Violette Babys
Über die Gesellschaftsstruktur des Europäischen
Nerzes in freier Wildbahn ist wenig bekannt. Es scheint aber,
dass er ausserhalb der Fortpflanzungszeit ein einzelgängerisches
Leben führt und ein Stück Bach oder Fluss von vielleicht
einem oder zwei Kilometern Länge besetzt hält, in welchem
er keine fremden Artgenossen duldet.
Die Paarungszeit fällt hauptsächlich in
die Frühlingsmonate März und April. Wie viele andere
Säugetierarten, bei denen das Männchen deutlich grösser
ist als das Weibchen, scheinen die Nerze polygam zu sein: Es
kommt also nicht zu einer zeitweiligen monogamen Paarbindung
während der Fortpflanzungszeit, sondern es paart sich jedes
dominante Männchen mit mehreren Weibchen, die in seiner
Nachbarschaft wohnen.
Nach einer Tragzeit von ungefähr sechs Wochen
bringt das Nerzweibchen zumeist im Mai zwei bis sieben Junge
zur Welt. Diese sind bei der Geburt winzig klein, wiegen nur
etwa zehn Gramm, haben verschlossene Augen und sind völlig
hilflos. Sie tragen anfänglich ein dünnes, flaumartiges
Haarkleid, das einen violetten Farbton aufweist. Während
der nächsten Wochen wächst ihnen dann ein richtiges
Fell, so dass sie nach und nach die Färbung der Eltern annehmen.
Im Alter von etwa fünf Wochen öffnen die
jungen Nerze ihre Augen. Sie beginnen dann, die nähere und
bald auch die weitere Umgebung des Wurfnests zu erkunden. Gleichzeitig
werden sie von der Muttermilch entwöhnt und üben sich
fortan in der Kleintierjagd. Sie wachsen erstaunlich rasch heran:
Im Alter von drei Monaten kann man sie kaum mehr von ihrer Mutter
unterscheiden, spätestens im Herbst lösen sie sich
von ihr, und im Alter von etwa neun Monaten sind sie bereits
geschlechtsreif. In Menschenobhut können Europäische
Nerze ein Alter von acht bis zehn Jahren erreichen.
Der Niedergang scheint unaufhaltsam
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet des Europäischen
Nerzes erstreckte sich über weite Bereiche Europas - von
der Atlantikküste im Westen bis zum Ural im Osten. Zwar
scheint es, dass die Art im Süden Europas (Portugal, Italien,
Griechenland) sowie im Norden des Kontinents (Belgien, Niederlande,
Dänemark, Norwegen, Schweden) in historischer Zeit nie vorkam.
Im übrigen Europa - vom mittleren Finnland südwärts
bis Transkaukasien und vom nördlichen Spanien ostwärts
bis zum Irtysch in Russland - war sie hingegen weitverbreitet
und vielerorts häufig.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ist leider ein
dramatischer und scheinbar bis heute ungebremster Rückgang
des Europäischen Nerzes festzustellen. Im Westen Deutschlands
kam der «Sumpfotter» bereits um 1850 nur noch sehr
vereinzelt vor und dürfte bald darauf ausgestorben sein.
Um 1880 war er aus Österreich verschwunden. Und 1894 wurde
er letztmals in der Schweiz gesichtet. Im selben Zeitraum gingen
seine Bestände auch in Frankreich erheblich zurück,
so dass sein Vorkommen um die Jahrhundertwende im westlichen
Europa auf Westfrankreich - von der Normandie südwärts
bis zu den Pyrenäen - und auf Nordspanien - von den Pyrenäen
südwärts bis zum Ebro - geschrumpft war.
Im östlichen Europa - westlich der damaligen
Sowjetunion - konnte sich der Europäische Nerz etwas länger
behaupten. Doch nach dem Ersten Weltkrieg war auch dort ein markanter
Schwund seiner Bestände zu verzeichnen. Ende der fünfziger
Jahre war er in Polen, Ungarn, der damaligen Tschechoslowakei
und wahrscheinlich auch Bulgarien bereits ausgestorben. Gleichzeitig
verschwand er aus dem Gebiet des damaligen Jugoslawiens.
Der schnelle Niedergang des Europäischen Nerzes
gab seinerzeit kaum Anlass zur Besorgnis, denn man ging allgemein
davon aus, dass die halbaquatische Marderart auf dem Gebiet der
Sowjetunion sowie in Rumänien noch in ausgedehnten und gesunden
Beständen vorkam. Tatsächlich scheint dies bis in den
sechziger Jahren unseres Jahrhunderts der Fall gewesen zu sein.
Seither wird aber auch in dieser Region Europas ein schneller
Kollaps der Nerzbestände festgestellt. So ist die Art inzwischen
im Baltikum, welches lange Zeit als eine «Hochburg»
des Europäischen Nerzes galt, äusserst selten geworden
oder sogar gänzlich ausgestorben.
Einigermassen gesunde Bestände des Europäischen
Nerzes scheint es heute nur noch einerseits in Russland, am Oberlauf
des Dnjepr, der Westlichen Dwina und der Wolga, und andererseits
im Donaudelta in Rumänien zu geben, ferner an einigen kleineren
Flüssen in der Ukraine und in Weissrussland.
In Georgien, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken,
das am südöstlichen Rand des ursprünglichen Verbreitungsgebiets
des Europäischen Nerzes liegt, kam die Art früher in
grösseren Beständen vor. Auch hier steht die Art aber
nach Meinung der georgischen Wissenschaftler kurz vor dem Aussterben
oder ist vielleicht sogar schon ausgestorben. Zwar wurde noch
in den achtziger Jahren ein Nerzbestand in einem Teil des 400
Quadratkilometer grossen Pskhu-Gumistinskiy-Naturschutzgebiets
registriert, doch wird bezweifelt, dass die Tiere dort noch zu
finden sind.
Insgesamt schätzen die Fachleute, dass die heutige
Verbreitung des Europäischen Nerzes auf unter ein Fünftel
seines Verbreitungsgebiets von 1900 geschrumpft ist und dass
seine heutige Populationsgrösse nur noch einen winzigen
Bruchteil der Populationsgrösse von 1970 ausmacht. Groben
Schätzungen zufolge dürften nur noch wenige zehntausend
Europäische Nerze in freier Wildbahn überleben.
Verdrängt durch seinen amerikanischen Vetter?
Die genauen Ursachen, welche den verheerenden Niedergang
des Europäischen Nerzes bewirkt haben, sind bislang unverstanden.
Wahrscheinlich wurde der braunen Marderart das Zusammenspiel
einer ganzen Reihe von Schadfaktoren zum Verhängnis, von
denen hier vier der wichtigeren kurz angesprochen werden sollen:
Lebensraumzerstörung. Der frühe Rückgang
des Europäischen Nerzes in den zentralen Bereichen Westeuropas
könnte massgeblich durch die Zerstörung seiner Lebensräume
hervorgerufen worden sein. Mit der zunehmenden Industrialisierung
der Güterherstellung und der Rationalisierung der Landwirtschaft
wurden auf breiter Front die Ufer schiffbarer Flüsse besiedelt,
Fliessgewässer zum Schutz gegen Überschwemmungen eingedämmt,
Feuchtgebiete zwecks Landgewinn trockengelegt und Flüsse
und Bäche mit Abwässern aller Art befrachtet. Naturnahe
Uferzonen und klare Gewässer wurden zusehends seltener.
Dieselben Entwicklungen haben später auch im östlichen
Europa stattgefunden, was das zeitversetzte Verschwinden des
Nerzes aus jenen Teilen Europas erklären könnte.
Bejagung. Die Jagd dürfte zu gewissen
Zeiten und in bestimmten Regionen ebenfalls ihren Teil zur Verdrängung
des Europäischen Nerzes beigetragen haben. Nerzfelle liefern
ein begehrtes, wertvolles Pelzwerk, und bevor der Amerikanische
Nerz (ab dem Ersten Weltkrieg) in Farmen zu Abertausenden und
in verschiedenen Farbrassen gezüchtet wurde, war der Fang
von Wildnerzen in Europa ein einträgliches Geschäft.
Zu Beginn unseres Jahrhunderts gelangten beispielsweise in der
Sowjetunion alljährlich ungefähr 50 000 Nerzfelle auf
den Markt, und noch Anfang der sechziger Jahre wurden in Rumänien
rund 10 000 Nerze im Jahr gefangen. Es ist gut möglich,
dass die Tiere dieses Ausmass der Bejagung dank ihres recht hohen
Fortpflanzungsvermögens einigermassen verkraften konnten,
solange die übrigen Lebensbedingungen für sie günstig
waren, dass die Jagd aber den Schwund der Bestände erheblich
beschleunigte, nachdem letztere durch andere Schadfaktoren bereits
geschwächt waren.
Nahrungsmangel. Der allgemeine Rückgang
der auf saubere, natürliche Gewässer angewiesenen Beutetiere
des Nerzes, insbesondere der Süsswasserfische und der Wasserinsekten,
dürfte als weiterer Schadfaktor in Betracht kommen. Zu nennen
ist ferner der praktisch in ganz Westeuropa erfolgte Zusammenbruch
der Süsswasserkrebs-Bestände gegen Ende des 19. Jahrhunderts
durch eine als «Krebspest» bezeichnete Pilzkrankheit.
Amerikanischer Nerz. Als besonders schwerwiegend
gilt die unaufhaltsame Ausbreitung des Amerikanischen Nerzes
in ganz Europa. Es handelt sich dabei um entwichene oder absichtlich
freigesetzte Farmtiere bzw. deren Nachkommen. Seit den zwanziger
Jahren hat sich der Amerikanische Nerz in immer weiteren Bereichen
Europas fest angesiedelt, und noch immer dehnt er sein Verbreitungsgebiet
weiter aus.
Der Amerikanische Nerz ist grösser und kräftiger
als der Europaeische Nerz. Wahrscheinlich vermögen die Männchen
wie die Weibchen ihre kleineren Vettern aktiv aus deren angestammten
Jagdrevieren zu vertreiben. Ausserdem behindern die Amerikanischen
Nerzmännchen wahrscheinlich die Fortpflanzung der Europäischen
Nerze, indem sie sich anstelle der Europäischen Nerzmännchen
mit den Europäischen Nerzweibchen paaren. In Gefangenschaft
tun sie dies jedenfalls bereitwillig. Allerdings sind die daraus
entspringenden Jungen nicht lebensfähig und sterben während
der Trächtigkeit ab. So können sich die Europäischen
Nerzweibchen vermutlich nicht mehr erfolgreich fortpflanzen.
Der anhaltende Misserfolg bei der Nachzucht liesse den rapiden
Zusammenbruch der Europäischen Nerzbestände in weiten
Regionen Europas gut verstehen.
Wären «nur» die Lebensraumzerstörung,
der Schwund der Beutetierbestände und die Bejagung seitens
des Menschen die Ursachen für den schnellen Bestandszerfall
des Europäischen Nerzes, könnte man darauf hoffen,
dass er zumindest in grösseren Schutzgebieten zu überleben
vermag. Da aber mit grosser Wahrscheinlichkeit der Amerikanische
Nerz erheblich zu seinem Niedergang beiträgt und dieser
vor Schutzgebieten gewiss nicht Halt macht, findet er auch dort
keine sichere Zuflucht. Eine wirksame Bekämpfung oder gar
Ausmerzung des Amerikanischen Nerzes - wie dies schon vorgeschlagen
wurde - ist angesichts der Lebenstüchtigkeit dieser Marderart
völlig aussichtslos. Alles in allem sieht die Zukunft des
Europäischen Nerzes darum sehr düster aus.
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