Netzgiraffe

Giraffa camelopardalis reticulata


© 1999 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Numisbriefe Kollektion)



Die Giraffe (Giraffa camelopardalis) ist das höchste Tier der Erde. Ausgewachsene Männchen tragen ihren Kopf etwa 5,5 Meter, die Weibchen ungefähr 4,5 Meter über dem Boden. Rund ein Drittel der Gesamthöhe der Tiere entfällt allerdings auf den Hals weshalb die Schulterhöhe bei den Männchen «nur» etwa 3,5 Meter beträgt. Erstaunlicherweise weist der Giraffenhals trotz seiner Länge lediglich sieben Wirbel auf, also dieselbe Anzahl wie bei allen Säugetieren.

Die Heimat der Giraffe ist die mir lichten Gehölzen durchsetzte afrikanische Savanne. Bevorzugt hält sie sich in Gegenden auf, in denen reichlich Akazien und Myrrhen vorkommen. Früher war die Savanne der typische Vegetationstyp des afrikanischen Kontinents südlich der Sahara, und entsprechend gross war die Verbreitung der Giraffe. Seit aber der Mensch die Savanne Stück für Stück für sich und sein Vieh beansprucht, werden die Giraffen immer weiter zurückgedrängt. Die meisten der heutigen Giraffen leben in Ostafrika und im zentralen Afrika nördlich des Kongobeckens. Eine separate Giraffenpopulation befindet sich im südlichen Afrika.

Innerhalb des weiten Verbreitungsgebiets der Giraffe ist das Fellmuster sehr variabel, und auch die Farbe der Flecken variiert von hellorange über kastanienbraun bis hin zu schwarz. Dies hat zur Unterscheidung von acht Giraffen-Unterarten geführt. Als schönste Giraffen-Unterart gilt die in Kenia, Äthiopien und Somalia beheimatete Netzgiraffe (Giraffa camelopardalis reticulata) mit ihren klar abgegrenzten und nur durch dünne weisse «Fugen» voneinander getrennten Plattenflecken.

Ihrer Umgebung ist die Giraffe ausgezeichnet angepasst. Die Errungenschaft, welche ihr «im Kampf ums Überleben» enorme Vorteile bringt, ist - wen wunderts - ihr langer Hals. Der hoch über dem Erdboden getragene Kopf verschafft eine bessere Übersicht und befähigt zum frühen Erkennen etwaiger Fressfeinde. Vor allem aber ermöglicht er der Giraffe, an Nahrung heranzukommen, welche für die meisten anderen Pflanzen essenden Säugetiere unerreichbar ist. Die einzigen Tiere, die gelegentlich im selben «Stockwerk» Blätter, Triebe, Früchte und Blüten verspeisen wie die Giraffe, sind - vermittels seines Rüssels - der Afrikanische Elefant und ein paar kleine baumlebende Tiere wie Hörnchen und Affen.

Im Alter von etwa fünf Jahren können Giraffenweibchen erstmals trächtig werden. Nach einer Tragzeit von fünfzehn Monaten bringen sie dann gewöhnlich ein einzelnes Junges zur Welt; Zwillingsgeburten sind sehr selten. Da die Weibchen schon zwei bis drei Monate nach der Geburt wieder paarungsbereit sind, vermögen sie bei günstigen Verhältnissen etwa alle anderthalb Jahre ein Junges zur Welt zu bringen. Bei einer Lebenserwartung von ungefähr fünfundzwanzig Jahren könnte also jedes Weibchen rechnerisch zwölf bis vierzehn Junge gebären. Durchschnittlich dürften es aber in freier Wildbahn nur etwa die Hälfte hiervon sein.

Giraffenweibchen sind sehr liebevolle Mütter, welche ihre Jungen mutig gegen Feinde aller Art verteidigen. Als solche kommen in erster Linie Löwen, dann aber auch Leoparden, Hyänen und Afrikanische Wildhunde in Frage. Löwen sind im Übrigen die einzigen ernsthaften natürlichen Feinde der ausgewachsenen Giraffen, doch ziehen sie im allgemeinen weniger wehrhafte Beutetiere vor. Mit gutem Grund: Es gibt diverse verbürgte Augenzeugenberichte darüber, dass Giraffen angreifende Löwen durch Tritte ihrer Hinterhufe getötet haben.

Ein weiterer gefährlicher Feind der Giraffen ist zweifellos der Mensch. Felszeichnungen früher Buschmänner in Simbabwe zeigen, dass die Giraffen seit Jahrtausenden ein begehrtes Jagdwild des Menschen sind. Obschon einige lokale Bestände stark unter der Bejagung gelitten haben, hat sie doch nie das Überleben der weit verbreiteten Art ernsthaft in Frage gestellt. Eine grosse Gefahr auf lange Sicht stellt jedoch heute der enorme Landhunger der rasch anwachsenden afrikanischen Bevölkerung dar. Die Giraffen werden dadurch mehr und mehr aus ihren angestammten Lebensräumen verdrängt und vermögen gebietsweise nur noch in Schutzgebieten zu überleben.

Das wäre vermeidbar. Denn schliesslich stellen die im «Dachgeschoss» Nahrung suchenden Giraffen für das Vieh des Menschen keine Nahrungskonkurrenz dar. Liesse man sie in denselben Gebieten, in denen der Mensch seine Nutztiere weidet, in Frieden weiterleben, so könnten sie - eine nachhaltige Nutzung vorausgesetzt - durchaus als zusätzliche Eiweissquelle dienen.




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