Netzgiraffe

Giraffa camelopardalis reticulata


© 1989 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Wenn die Giraffe (Giraffa camelopardalis) in der freien afrikanischen Savanne steht, ist sie kaum zu übersehen. Schliesslich ist sie ja das höchste Tier der Welt. Vor allem wegen ihrer Höhe hat die Giraffe den Menschen denn auch seit jeher sehr beeindruckt. Schon vor 4000 Jahren hielt die ägyptische Königin Hatshepsut eines der langhalsigen Tiere in ihrer privaten Menagerie. Im Jahr 46 v. Chr. liess der römische Feldherr Julius Cäsar dann erstmals eine Giraffe nach Rom bringen und dem staunenden Volk vorführen. Aufgrund der Leibesform und der Fellmusterung war man damals der Ansicht, dass die Giraffe aus der Kreuzung einer Kamelstute mit einem männlichen Leopard hervorgegangen sei, und nannte sie darum Cameleopard. Dieser Name hat sich dann später im wissenschaftlichen Artnamen niedergeschlagen.

 

Vom Kopf bis zum Schwanz abschüssig

Erwachsene Giraffenmännchen tragen ihren Kopf etwa 5,5 Meter über dem Boden. Die Weibchen sind im allgemeinen etwa einen Meter kleiner. Rund ein Drittel der Gesamthöhe der Tiere entfällt allerdings auf den Hals; die Schulterhöhe beträgt also bei den Männchen «nur» etwa 3,3 Meter. Erstaunlicherweise weist der Giraffenhals trotz seiner Länge lediglich sieben Wirbel auf, also dieselbe Anzahl wie bei allen Säugetieren. Die Halswirbel der Giraffe sind allerdings enorm verlängert. Ausserdem weisen die beiden untersten beachtliche Fortsätze auf, welche am Widerrist als gut sichtbarer Buckel in Erscheinung treten. An diesen Fortsätzen ist die kräftige Halsmuskulatur verankert.

Auffallend am Körperbau der Giraffe ist ferner, dass die Vorderbeine deutlich länger sind als die Hinterbeine und der Rücken daher nach hinten abfällt. Betrachtet man das Tier von der Seite, so bekommt man den Eindruck, als sei die Giraffe vom Kopf bis zur Schwanzspitze «abschüssig».

Augenfällig ist zweifellos auch das Fellmuster der Giraffe. Es besteht grundsätzlich aus dunklen Flecken, welche plattenartig auf weisslichem Grund verteilt sind, so dass dieser netzförmig hervortritt. Die Musterung der langhalsigen Tiere ist allerdings sehr variabel, und auch die Farbe der Flecken schwankt von hellorange über kastanienbraun bis hin zu schwarz. Dies hat zur Unterscheidung von acht Unterarten geführt. Von diesen sind aber nur die in Kenia, Äthiopien und Somalia beheimatete Netzgiraffe (Giraffa camelopardalis reticulata) und die im südlichen Kenia und Tansania anzutreffende Massai-Giraffe (G. c. tippelskirchi) leicht zu identifizieren: Die Netzgiraffe besitzt zumeist leuchtend rotbraune Flecken, welche durch schmale, scharf abgesetzte weisse «Fugen» getrennt sind, während die Massai-Giraffe besonders «ausgefranste» und weit auseinanderliegende Sternflecken aufweist. Bei den anderen Unterarten ist die Fellmusterung dermassen uneinheitlich, dass eine Identifikation nur aufgrund des geografischen Vorkommens, nicht aber anhand der Fellmusterung vorgenommen werden kann. Der Sinn dieser innerartlichen Gliederung ist darum sehr umstritten.

Auch bei der Netz- und bei der Massai-Giraffe hat im übrigen jedes Individuum seine ganz charakteristische Fellzeichnung, durch die es sich von allen anderen Artgenossen unterscheidet. Feldforscher können darum eine bestimmte Giraffe mühelos über längere Zeiträume hinweg im Auge behalten, ohne sie dazu extra markieren zu müssen.

Ein zumeist wenig beachtetes Körpermerkmal der Giraffe sind ihre Hörner, die als hautbedeckte Knochenzapfen ausgebildet sind und von beiden Geschlechtern getragen werden. Bei den Männchen sind sie im allgemeinen etwas länger als bei den Weibchen, messen aber selten über 25 Zentimeter. Viele erwachsene Männchen und auch einige erwachsene Weibchen bilden im Alter zusätzlich zu diesen «echten» Hörnern ein bis drei weitere Schädelfortsätze aus, die zum Teil ebenfalls wie Hörner aussehen. Viele ältere Tiere besitzen darum drei bis fünf Hörner, nicht nur zwei.

 

Letzte Überlebende eines alten Geschlechts

Die Giraffe besitzt weltweit lediglich einen nahen Verwandten: das scheue Okapi (Okapia johnstoni), das in den dichten Regenwäldern des Kongobeckens lebt. Sie sind die beiden letzten Überlebenden einer einstmals formenreichen Paarhufer-Sippe, deren Ursprünge 20 bis 26 Millionen Jahre zurückreichen. Unter den frühen Giraffen gab es eine ganze Reihe von Tieren, welche den beiden «modernen» Giraffen gar nicht ähnlich sahen. Zu nennen wäre im besonderen das Sivatherium, ein riesenhaftes, stämmiges, kurzhalsiges Geschöpf mit enormem, flächig verbreitertem Schaufelgeweih ähnlich dem der heutigen Elche. Leider starb dieses eigenartige Tier zu Beginn des Eiszeitalters, vor etwa einer Million Jahren, aus.

Die Heimat der Giraffe ist die mit lichten Gehölzen durchsetzte afrikanische Savanne. Bevorzugt hält sie sich in Gegenden auf, in denen reichlich Akazien (Acacia) und Myrrhen (Commiphora) vorkommen. Früher war die Savanne der typische Vegetationstyp des afrikanischen Kontinents südlich der Sahara, und entsprechend gross war die Verbreitung der Giraffe. Seit aber der Mensch die Savanne Stück für Stück für sich und sein Vieh beansprucht, werden die Giraffen immer weiter zurückgedrängt. Die meisten der heutigen Giraffen leben in Ostafrika (Kenia, Tansania, südliches Somalia, Äthiopien) und im zentralen Afrika nördlich des Kongobeckens (südlicher Sudan, südlicher Tschad, nördliches Zentralafrika). Eine separate, kleinere Giraffenpopulation befindet sich im südlichen Afrika.

 

Essen im Dachgeschoss

Der Umstand, dass Giraffe und Okapi die letzten Überlebenden ihres Geschlechts sind, darf nicht zur Ansicht verleiten, es handle sich um altertümliche, sozusagen «veraltete» Tierformen. Beide sind ihrer Umgebung ausgezeichnet angepasst und darum sehr erfolgreiche Lebewesen.

Die Errungenschaft, welche der Giraffe gegenüber den unzähligen anderen Pflanzenfressern der afrikanischen Savanne Vorteile bringt, ist - wen wundert's - ihr langer Hals. Der hoch über dem Erdboden getragene Kopf verschafft eine bessere Übersicht und befähigt damit zum frühen Erkennen etwaiger Fressfeinde. Vor allem aber ermöglicht er der Giraffe, an Nahrung heranzukommen, welche für die meisten anderen pflanzenfressenden Säugetiere unerreichbar ist. Die einzigen Säuger, die gelegentlich im selben «Stockwerk» speisen wie die Giraffe, sind - vermittels seines Rüssels - der Afrikanische Elefant (Loxodonta africana) und ein paar kleine baumlebende Wesen wie Hörnchen und Affen.

Da den Giraffen somit ein riesiges Nahrungsangebot fast zur alleinigen Nutzung offensteht, können sie es sich erlauben, bei der Nahrungsaufnahme wählerisch zu sein und sich auf zarte, nährstoffreiche Pflanzenteile zu beschränken: Dazu gehören die schmackhaften jungen Blätter und Triebe diverser Baum-, Strauch- und Kletterpflanzenarten sowie allerlei Blüten und Früchte, wenn solche vorhanden sind. Mit ihren empfindlichen und sehr beweglichen Lippen sowie der überaus langen, beinahe greiffähigen Zunge vermögen sie die ihnen passenden Pflanzenteile mühelos auszusuchen und in ihren Mund zu befördern.

Wählerisches Fressverhalten ist allerdings eine zeitraubende Angelegenheit, weshalb die Giraffen einen Grossteil ihrer Zeit auf die Nahrungsaufnahme verwenden müssen. Untersuchungen haben gezeigt, dass Giraffenbullen sich durchschnittlich etwa zehn Stunden, Giraffenkühe sogar 13 bis 14 Stunden je Tag dem Essen widmen. Ausgewachsene Bullen nehmen dabei ungefähr 85 Kilogramm Nahrung auf, Kühe etwa 75 Kilogramm.

Der Nahrungsaufnahme frönen die Giraffen hauptsächlich in den frühen Morgenstunden und dann wieder abends und nachts. Während der heissen Mittagszeit kauen sie zumeist ihre Nahrung wieder. Wie die Hirsche, Rinder und Antilopen sind die Giraffen nämlich Wiederkäuer, welche ihre Nahrung erst nach bakterieller Gärung im mehrkammerigen Magen und anschliessender mechanischer Bearbeitung mit den Zähnen richtig verwerten können.

 

«Halsringkämpfe» entscheiden über den Fortpflanzungserfolg

Giraffen sind sehr wanderfreudige Tiere und besitzen dementsprechend grosse Wohngebiete. In der Serengeti beispielsweise betragen die durchschnittlichen Wohngebiete der Giraffenweibchen etwa 120 Quadratkilometer, wobei sie allerdings nur etwa ein Drittel davon regelmässig besuchen. Erwachsene Männchen besitzen kleinere Wohngebiete, während diejenigen halbwüchsiger Männchen beträchtlich grösser sind, da sie halbnomadisch weite Gebiete durchstreifen.

Die Wohngebiete mehrerer Giraffen überlappen im allgemeinen stark oder überdecken einander sogar ganz, und da die Tiere sich gerne zusammenschliessen, trifft man Giraffen gewöhnlich in Gruppen von sechs bis sieben Tieren an. Diese Gruppen sind allerdings keine stabilen Verbände, sondern lose Ansammlungen. Immer wieder verlassen einzelne Tiere «ihre» Gruppe, andere stossen neu dazu. Man hat jedoch festgestellt, dass jede Giraffe mit bestimmten Nachbarn öfter und länger beisammen ist als mit anderen. Dies deutet darauf hin, dass die Tiere einander persönlich kennen und gewisse «Freundschaften» pflegen.

Die Giraffenmännchen eines bestimmten Gebiets haben unter sich eine Rangordnung, die, ist sie einmal ausgefochten, nur noch durch gelegentliches Imponieren gefestigt wird. Meistens leben die Männchen darum so friedlich beisammen, dass für den Beobachter kaum zu erkennen ist, wer jeweils der Höherstehende und wer der Rangtiefere ist.

Die Stellung innerhalb der örtlichen Hierarchie wird für gewöhnlich mittels eines ritualisierten «Halsringkampfs» festgelegt: Die beiden Rivalen stellen sich dicht nebeneinander. Dann versucht jeder, den Hals des Gegners seitlich wegzudrücken. Auf diese Weise messen sie ihre Kräfte und stellen fest, wer der Stärkere - und damit Ranghöhere - ist. Fühlt sich einer der beiden unterlegen, so entfernt er sich ein paar Schritte. Der Sieger folgt ihm mit «stolz» erhobenem Kopf, aber nicht weit. Mitunter weiden sie nach dem Kampf sogleich wieder friedlich nebeneinander weiter.

Nur selten geht solches «Halsringen» über zu richtigem Kampf. Meistens geschieht dies, wenn sich ein Neuling zu einer bestehenden Giraffengruppe gesellt. Die beiden rivalisierenden Männchen holen dann mit dem Kopf weit aus und schlagen ihr hornbewehrtes Schädeldach heftig gegen Hals und Körper des Gegners. Die dumpfen Schläge sind jeweils weit hörbar. Solche Rangordnungs-Kämpfe können eine Viertelstunde und länger dauern. Aber auch bei diesen Prügeleien gibt es selten ernstliche Verletzungen oder gar Todesfälle.

Der Rang eines Giraffenbullen ist entscheidend für seine Fortpflanzungschancen: Innerhalb jeder lokalen Giraffenpopulation darf sich nämlich nur das ranghöchste - und damit kräftigste - Männchen mit den brünftigen Weibchen paaren. So dient also die Hierarchie der Giraffenmännchen der Erhaltung einer gesunden Art.

 

Fürchtet das Giraffenjunge seine Mutter?

Giraffenweibchen können im Alter von etwa fünf Jahren erstmals trächtig werden. Nach einer Tragzeit von 15 Monaten bringen sie dann ein einzelnes Junges zur Welt. Zwillingsgeburten sind sehr selten. Da die Weibchen schon zwei bis drei Monate nach der Geburt wieder paarungsbereit sind, können sie bei günstigen Verhältnissen alle 17 bis 18 Monate ein Junges zur Welt bringen. Bei einer Lebenserwartung von ungefähr 25 Jahren könnte also jedes Weibchen rechnerisch zwölf bis vierzehn Junge gebären. Durchschnittlich dürften es aber in freier Wildbahn nur etwa die Hälfte davon sein.

Schon eine halbe bis eine Stunde nach der Geburt vermögen die Giraffenkinder auf wackligen Beinen zu stehen, und nach wenigen Stunden können sie bereits mit beachtlicher Geschwindigkeit umherrennen. In den ersten Lebenstagen tollen sie oft übermütig umher und spurten manchmal völlig unvermittelt von der Mutter weg. Dieses Verhalten dürfte wohl der eigentümlichen Vorstellung der Gelehrten des Mittelalters zugrunde gelegen haben, dass Giraffenkinder nach der Geburt sofort von ihren Müttern wegflüchteten, weil diese mit ihrer überlangen, rauhen Zunge Löcher in ihre Haut lecken würden. Erst nach drei bis vier Tagen würden sich die Jungen schliesslich in die Nähe ihrer Mütter wagen.

Dies ist natürlich Unsinn. Giraffenmütter sind im Gegenteil sehr liebevolle Mütter, welche ihre Jungen mutig gegen etwaige Feinde verteidigen. Als solche kommen in erster Linie Löwen, dann aber auch Leoparden, Hyänen und Afrikanische Wildhunde in Frage. Löwen sind im übrigen die einzigen ernsthaften natürlichen Feinde der ausgewachsenen Giraffen, doch ziehen auch sie im allgemeinen weniger wehrhafte Beutetiere den Giraffen vor. Tatsächlich gibt es mehrere verbürgte Augenzeugenberichte, denen zufolge Giraffen angreifende Löwen durch Tritte ihrer Hinterhufe getötet haben.

 

Erhaltung durch schonende Nutzung

Ein weitaus gefährlicherer Feind der Giraffen ist zweifellos der Mensch. Primitive Felszeichnungen früher Buschmänner in Simbabwe zeigen, dass die Giraffen seit Jahrtausenden begehrtes Jagdwild des Menschen sind. Obschon einige lokale Bestände stark unter der Bejagung gelitten haben, hat sie - selbst nach dem Eintreffen der Europäer mit ihren weitreichenden Schusswaffen - das Überleben der Art nie ernsthaft in Frage gestellt. Eine weit grössere Gefahr auf lange Sicht stellt heute der enorme Landhunger der rasch anwachsenden afrikanischen Bevölkerung dar. Die Giraffen werden dadurch mehr und mehr aus ihrem angestammten Lebensraum verdrängt. Noch ist ihre Lage nicht prekär. Die Fachleute sind sich aber darüber einig, dass die Tiere langfristig in ihrem Fortbestand gefährdet sind.

Das wäre vermeidbar. Denn schliesslich stellen die im «Dachgeschoss» Nahrung suchenden Giraffen für die Haustiere des Menschen keine Nahrungskonkurrenz dar. Liesse man sie in denselben Gebieten, in denen der Mensch sein Vieh weidet, in Frieden weiterleben, so könnten sie - eine haushälterische Nutzung vorausgesetzt - sogar als zusätzliche Eiweissquelle dienen. «Erhaltung durch schonende Nutzung» würde sich zweifellos auch bei dieser im wörtlichen Sinn herausragenden Tierart als Patentrezept erweisen.




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