Nevis


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)



Schnee in der Karibik

Nevis, im nördlichen Bereich der Kleinen Antillen gelegen, erhielt seinen Namen - wie so manche andere Karibikinsel - im Herbst 1493 vom grossen Seefahrer Christoph Kolumbus. Als die kleine Insel damals, anlässlich seiner zweiten Entdeckungsfahrt in die «Neue Welt», vor dem Bug der «Santa Barbara» auftauchte, da erinnerte ihn die wolkenverschleierte Spitze des zentralen Inselbergs an die schneebedeckten Berggipfel seiner Heimat, worauf er die Insel nach dem spanischen Wort für Schnee «Las Nieves» taufte. Diesen Namen trägt Nevis noch heute, auch wenn sich die Schreibweise in der Zwischenzeit dem englischen Sprachgebrauch angepasst hat.

Nevis weist eine Fläche von 93 Quadratkilometern auf und besteht aus einem einzigen, beinahe vollkommenen Vulkankegel, der sich genau im Zentrum der Insel erhebt und dem Eiland seine fast kreisrunde Form verleiht. Er gipfelt im 985 Meter hohen «Nevis Peak».

Nur drei Kilometer trennen Nevis von seiner nordwestlichen Schwesterinsel St. Kitts. Beide Inseln fussen auf demselben untermeerischen Gesteinssockel, über dem sich seit dem Tertiär ein mächtiges Vulkangebirge aufgebaut hat, dessen höchste Gipfel heute als St. Kitts und Nevis über die Meeresoberfläche hinausragen. Die trennende Meerenge, «The Narrows» genannt, weist eine Wassertiefe von lediglich etwa zehn Metern auf. Ihr Boden ist von ausgedehnten, farben- und formenprächtigen Korallengärten bedeckt.

Wie alle Karibikinseln liegt Nevis in der tropischen Passatzone. Die feuchtig keitsbeladenen Passatwinde wehen das ganze Jahr über konstant aus nordöstlichen Richtungen. Beim Auftreffen auf die gebirgige Insel regnen sie ab. Der meiste Regen fällt dabei in der Gipfelregion. Dies lässt sich von der Küste aus schön beobachten, denn spätestens gegen Mittag ist die Bergspitze in dichte Wolken gehüllt. Mit abnehmender Höhe des Geländes nimmt auch die Niederschlagsmenge rings um den Gebirgsstock ab. Fallen im Bereich des Gipfels über 3000 Millimeter Regen im Jahr, so sind es an der Küste unter 1000 Millimeter.

Die natürliche Vegetation ist der Höhenstufung der Niederschläge angepasst. Oberhalb der 800-Meter-Höhenlinie herrscht montaner Nebelwald vor mit wildwachsenden Orchideen und vielerlei Farnen und Moosen. Weiter abwärts wird dieser von dichtem Buschwald abgelöst, dessen Untergrenze etwa bei der 300-Meter-Höhenlinie liegt. Es handelt sich um niedrigwüchsigen Sekundärwald mit vielen Kletter-, Schling- und Aufsitzerpflanzen; der ursprüngliche, hochwüchsige Tropenwald war in der Frühzeit der Kolonialgeschichte zwecks Beschaffung von Bau- und Brennholz weitgehend zerstört worden. Bis etwa in eine Höhe von 300 Metern über dem Meeresspiegel reicht das Kulturland vom Küstensaum an den Bergflanken empor.

Die Bevölkerung von Nevis, ungefähr 12 000 Personen, ist ebenfalls auf den Küstenraum der Insel beschränkt. Sie setzt sich im wesentlichen aus Nachkommen einstmals aus Afrika eingeführter Sklaven zusammen. Nur etwa zwei Prozent der Inselbewohner sind Weisse. Bevölkerungsschwerpunkt ist die an der Westküste gelegene Hauptstadt Charlestown.

 

Kleinbäuerliche Mischkulturen und luxuriöser Individualtourismus

Nevis ist mit der Schwesterinsel St. Kitts nicht nur naturräumlich eng verbunden, sondern auch politisch: Zusammen bilden die beiden Karibikinseln einen unabhängigen Zwergstaat, und zwar - gemäss offizieller Schreibweise - einen «souveränen demokratischen Föderativstaat».

1628 war Nevis von den Briten annektiert worden. Ab 1783 galt es als eine eigenständige britische Kolonie. 1871 wurde es dann dem Verbund der nördlichen britischen Antilleninseln, der «Leeward Island Federation», eingegliedert. Nachdem die anderen Mitglieder dieser Föderation nach und nach in die Unabhängigkeit entlassen worden waren, wurden die übriggebliebenen Inseln Nevis, St. Kitts und Anguilla schliesslich 1952 zur «West Indies Federation» zusammengefasst. Ab 1967 bildeten Nevis, St. Kitts und Anguilla sodann einen mit Grossbritannien assoziierten Staat mit innerer Selbstverwaltung; London war nur noch für die Verteidigung und die Aussenpolitik verantwortlich. Anguilla wurde jedoch - da es die Vorherrschaft durch St. Kitts befürchtete - 1969 de facto und 1980 de jure aus dem Dreierbund herausgelöst. Am 19. September 1983 wurden Nevis und St. Kitts dann als «St. Kitts & Nevis» in die vollständige Unabhängigkeit entlassen. Mit viel Feuerwerk, mit Pauken und Trompeten einer Royal Marine Band, mit farbenfrohen Paraden der Vereine und Jugendgruppen sowie mit einheimischer Steelband- und Calypsomusik wurde damals bis zum Morgengrauen gefeiert. Nach dreieinhalb Jahrhunderten britischer Vormacht wurde der Beginn einer neuen Ära gebührend «eingeläutet».

Wie auf Anguilla gab es seinerzeit auch auf Nevis Bestrebungen, sich vom dominierenden St. Kitts abzuspalten und eigene Wege zu gehen. Der von Nevis verlangten Eigenständigkeit konnte dann aber durch die föderative Struktur des kleinen Inselstaats Rechnung getragen werden. In der neuen Verfassung werden der Minderheit von Nevis weitgehende Autonomierechte zugestanden. So verfügt Nevis über ein eigenes Inselparlament und eine eigene Inselregierung
mit weitreichenden Kompetenzen. Notfalls kann sich Nevis sogar von St. Kitts verfassungsmässig lösen, sofern sich zwei Drittel der Inselbevölkerung bei einer Abstimmung für diesen Schritt aussprechen.

Dass Nevis und St. Kitts eigenständige politische Einheiten darstellen, zeigt sich unter anderem darin, dass in landwirtschaftlicher Hinsicht starke strukturelle Unterschiede zwischen den beiden Schwesterinseln bestehen. Auf St. Kitts herrscht eindeutig der Grossgrundbesitz vor; das Kulturland gehört zu rund 90 Prozent den etwa 30 Grossbetrieben der Insel, welche Zuckerrohr in Monokultur anbauen. Auf Nevis finden sich dagegen fast ausschliesslich bäuerliche Kleinbetriebe. Weder Zucker, der in der Kolonialzeit die Hauptrolle auf der Insel spielte, noch Baumwolle, welche nach dem Niedergang des Zuckers das wichtigste Anbauprodukt war, sind heute noch von grösserer Bedeutung.

Landwirtschaft wird auf Nevis von rund 1200 Farmern betrieben, welche in kleinflächigen Mischkulturen Jams, Süsskartoffeln, Erdnüsse, Rüben, Tomaten, Auberginen, Bohnen, Kürbisse und viele weitere Feldfrüchte produzieren. Was nicht der Versorgung der Farmer selbst dient noch in der unmittelbaren Nachbarschaft Abnahme findet, gelangt jeweils am Samstag auf dem Markt in Charlestown zum Verkauf und dient damit ebenfalls der Deckung des lokalen Nahrungsbedarfs. Exportiert wird kaum etwas. Dasselbe gilt für die rund 3000 Rinder, 3000 Schafe, 1500 Ziegen, 2000 Schweine und ungezählten Hühner auf Nevis, welche zumeist frei umherlaufen und grasen, wühlen und scharren, wo es ihnen gerade gefällt.

Etwa 300 Nevisianer arbeiten - voll oder teilzeitlich - als Fischer. Ihre zumeist etwa fünf Meter langen Aussenbordmotor-Boote sind lokal gebaut. Ganze Trauben davon kann man etwa in der Newcastle Bay, der Long Haul Bay oder der White Bay sehen. Neben hochwertigen Speisefischen wie Makrelen, Bonitos und Schnappern werden auch Hummer und Fechterschnecken gefangen. Wie bei der Landwirtschaft dienen die Fänge hauptsächlich der Ernährung der nevisianischen Bevölkerung selbst.

Zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor hat sich in den vergangenen 25 Jahren der Tourismus - zur Hauptsache in Form von luxuriösem Individualtourismus - entwickelt. Er bildet mittlerweile die Haupteinnahmequelle von Nevis und bietet besonders der jüngeren, bessergeschulten Generation vielfältige Arbeitsmöglichkeiten. Dennoch hat der Geburtenüberschuss auf Nevis ebenso wie auf anderen Karibikinseln in jüngerer Zeit zu gewissen Problemen geführt. Der lokale Arbeitsmarkt kann das rasche Bevölkerungswachstum nicht verkraften, so dass jährlich mehrere Dutzend Arbeitskräfte im Ausland eine neue Heimat suchen müssen. Die meisten von ihnen zieht es nicht etwa ins ehemalige «Mutterland» Grossbritannien, sondern in die USA, wo die Arbeits- und Lebensbedingungen besser sind.

Noch gehört Nevis zu den ärmeren Inseln im karibischen Raum. Die Regierung versucht aber, einerseits den Lebensstandard durch die weitere Entwicklung des Fremdenverkehrs zu erhöhen, andererseits die Landwirtschaft durch staatliche Förderung lebensfähig zu erhalten, damit die Selbstversorgung der Insel auch in Zukunft gewährleistet ist. Im übrigen erhält Nevis weiterhin finanzielle Unterstützung durch die einstige Kolonialmacht Grossbritannien - was sicher gerechtfertigt ist, wenn man etwas in der Geschichte zurückblättert.

 

Zucker und Sklaven

Spanien machte zwar nach 1493 als Entdeckerland und beherrschende Macht in der Karibik Besitzansprüche auf Nevis geltend. Es kam jedoch nie zu einer Kolonisierung, da man sich auf die Ausbeutung der Gold- und Silberschätze in Süd- und Mittelamerika konzentrierte. Im frühen 17. Jahrhundert annektierte dann Grossbritannien kurzerhand die kleine Antilleninsel: 1628 schickte Thomas Warner, seines Zeichens Gouverneur von St. Kitts, Kapitän Anthony Hilton mit einer Gruppe von 80 siedlungswilligen Briten aus, um die nahegelegene Insel Nevis zu kolonisieren - und ernannte den Kapitän gleich zum ersten Gouverneur von Nevis.

Anfänglich widmeten sich die Inselsiedler hauptsächlich dem Anbau von Tabak sowie von Gewürzen und Indigo. Der Export dieser Produkte nach Europa entwickelte sich kurzfristig zu einem einträglichen Geschäft. Nachdem dann aber die britischen Nordamerika-Kolonien, allen voran Virginia, Europa mit qualitativ hochwertigem Tabak förmlich überschwemmten und so einen massiven Preiszerfall für dieses Produkt herbeiführten, begann man auf Nevis, sich dem Zuckerrohranbau zu widmen.

Mit dem in Europa sehr begehrten Rohrzucker brachten die britischen Kolonisten die Wirtschaft auf Nevis innerhalb kurzer Zeit zum Erblühen. Grosse Plantagen entstanden, deren Besitzer bald sehr vermögend waren und sich gerne elegante Herrschaftshäuser errichten liessen. Im ganzen 18. Jahrhundert war Nevis wohlhabender als alle umliegenden Nachbarinseln und gefiel als «Königin der Karibik» besonders der englischen Oberschicht. Die Inselbevölkerung stieg von etwa 5000 Personen im Jahr 1650 auf 7000 im Jahr 1678 und auf rund 11 000 im Jahr 1774.

Allerdings verdankten die Briten ihren Reichtum nicht der eigenen Hände Arbeit, sondern erwarben ihn auf dem Rücken afrikanischer Sklaven, die sie zur Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern und in den Zuckermühlen ebenso wie beim Strassenbau und in den Herrschaftshäusern zwangen. Die Zahl der Sklaven erhöhte sich von 3800 im Jahr 1678 auf rund 10 000 im Jahr 1778. Sie verhalfen den weissen Kolonialherren zu einem Leben in Saus und Braus.

Das Ende kam plötzlich, und zwar 1834 mit der Abschaffung der Sklaverei in sämtlichen britischen Kolonien. Sie setzte der Blütezeit der Plantagenwirtschaft ein abruptes Ende, denn ohne Sklavenarbeit liessen sich die grossflächigen Plantagen nicht mehr rentabel bewirtschaften. Am 1. August 1834 trat der vom britischen Parlament auf Druck der Öffentlichkeit hin erlassene «Emancipation Act» in Kraft. Insgesamt 7225 Sklaven wurden damals auf Nevis «emanzipiert»: 4636 davon waren Feldarbeiter gewesen, 1207 Haussklaven, 1382 hatten spezielle Aufgaben erfüllt. 40 Plantagen hatten mehr als 100 Sklaven gehabt, 60 Plantagen zwischen 11 und 100, 200 Plantagen weniger als 10.

Nun hatten die befreiten Schwarzen dieselben Rechte wie die weissen Siedler. Sie legten sich einen Nachnamen zu, zogen von den Zuckerplantagen ihrer ehemaligen Besitzer weg, errichteten irgendwo ein kleines Haus und legten einen Gemüsegarten an. Einige eröffneten einen Krämerladen, andere widmeten sich der Fischerei, nochmals andere betätigten sich als Handwerker. Viele wanderten auch aus - beispielsweise nach Trinidad als Kontraktarbeiter auf den Zuckerrohrplantagen, nach Panama, wo dreissig Jahre lang am Kanal gebaut wurde, oder auch in die USA mit ihren unbegrenzten Möglichkeiten.

Da sich auch der Grossteil der britischen Kolonialherren zurückzog, ergab sich auf Nevis bald dieselbe Situation wie in manch anderer britischen Kolonie nach der Sklavenbefreiung: Die Insel verarmte vollständig, und ein Hauch des Zerfalls legte sich über das ganze Eiland. Die verbleibenden Schwarzen führten ein einfaches, ruhiges Leben als Selbstversorger: Sie produzierten etwas Obst und Gemüse, hielten sich ein paar Hühner, Ziegen und Schafe und gingen in den küstennahen Gewässern auf Fischfang. Sporadische Geldsendungen von im Ausland erwerbstätigen Verwandten bildeten vielfach eine wichtige zusätzliche Einnahmequelle.

An dieser Situation hat sich im Grunde genommen bis heute wenig geändert. Allerdings setzte um die Mitte unseres Jahrhunderts ein gewisser Wirtschaftsaufschwung ein, der hauptsächlich auf dem Tourismus basiert. Der Fremdenverkehr konzentriert sich auf Nevis im wesentlichen auf die ehemaligen herrschaftlichen Plantagenhäuser, beispielsweise das «Old Manor Hotel», das «Montpelier Plantation Inn» und das «Golden Rock Estate». Von vielen der eleganten Herrschaftshäuser sind heute zwar nur noch Ruinen übrig; manche von ihnen wurden durch Hurrikane zerstört, einige fielen Bränden zum Opfer, andere wurden von ihren Besitzern einfach dem Zerfall überlassen. Ein paar aber blieben in ihrem alten Glanz erhalten und wurden zu stimmungsvollen Gasthäusern umgebaut, die heute gutbetuchten Inselbesuchern offenstehen. Ob es von gutem Geschmack zeugt, wenn Farbprospekte im Zusammenhang mit diesen Nobelherbergen vom «Hauch der guten alten Zeit» und vom «alten karibischen Kolonialcharme» sprechen, erscheint allerdings fraglich.

 

Karibischer Kurort

Als der englische Kapitän John Smith 1607 anlässlich seiner Fahrt nach Virginia einen Zwischenhalt auf Nevis machte, um Trinkwasser an Bord zu nehmen, da entdeckte seine Mannschaft an der Westküste eine munter sprudelnde Quelle mit angenehm warmem Wasser. «Wir fanden einen grossen Teich, in dem wir mit Vergnügen badeten», hielt Smith in seinem Logbuch fest. Die besagte Quelle entpuppte sich später als schwefelhaltige Thermalquelle, von der man sich Heilung von Krankheiten wie Rheuma und Gicht erhoffen durfte. Schon 1745 betonte Reverend Paton in einem Brief, wie oft er in dem Bach gebadet habe und wie grossen Nutzen seine Gesundheit daraus gezogen habe. 1778 baute dann der finanzkräftige John Huggins das «Bath Hotel», ein imposantes Gästehaus mit Thermalbad hoch auf einem Hügel im Süden von Charlestown, um Profit aus dem heissen Mineralwasser zu ziehen.

Sein Hotel war sehr geräumig gebaut und bot insgesamt 50 Gästen Platz. Es verfügte über einen Ballsaal sowie einen riesenhaften Speisesaal und war von üppigen Gärten mit blütenreichen Sträuchern, Statuen aus Marmor und Goldfischteichen umgeben. Die «Medizinalbäder» - mit unterschiedlich warmem Wasser zwischen 12 und 42°C - wurden in separaten Badehäusern angeboten; weitere Becken befanden sich im Freien auf verschiedenen Terrassen.

Der Ruf des exklusiven Hotels verbreitete sich rasch. Bald wurde es zum bedeutendsten Kurbad der Karibik und zog jährlich mehr als 4000 Besucher an - eine bemerkenswerte Zahl für jene Zeit. Plantagenbesitzer aus ganz Westindien kamen ebenso nach Nevis wie Vertreter der High Society Grossbritanniens. Charlestown entwickelte sich zum ersten Fremdenverkehrszentrum im ostkaribischen Raum.

Der Niedergang der kolonialen Plantagenwirtschaft und mit ihr des grossartigen Lebensstils, den die weissen Pflanzer pflegten, brachte dann auch das Aus für das Bath Hotel. In einem Reisebericht aus dem Jahr 1890 heisst es: «Die Gärten waren vernachlässigt, das Gebäude glich einer Ruine. Das Dach und die Verandas waren eingestürzt. Farne und Moose sprossen aus den Rissen im Gemäuer. Das Hotel bot ein Bild der Verzweiflung und des Zerfalls.»

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Bath Hotel zwar nochmals restauriert und vorübergehend wieder in Betrieb gesetzt. Ein schweres Erdbeben fügte dem Gebäude jedoch einige Jahre später schwere Schäden zu, so dass das Hotel erneut geschlossen werden musste. 1983 kaufte die Regierung von Nevis das Hotel mit den Bädern in der Absicht, es noch einmal zu renovieren und erneut Heilbäder anzubieten. Tatsächlich kann man heute für wenig Geld wieder ein Bad im schwefelheissen Wasser nehmen. Noch stehen aber von dem mächtigen Bath Hotel nur Ruinen, und die heruntergekommene Umgebung macht ein Bad nicht unbedingt zum Vergnügen. Ob das Bath Hotel jemals wieder Treffpunkt für Jung und Alt sein wird, ist ungewiss.

Heute dreht sich das Leben in Charlestown hauptsächlich um die Ankunft der Fähre, welche Nevis mit St. Kitts verbindet. Wenn sie anlegt, trifft sich die Bevölkerung der Stadt am Pier. Hier wird geplaudert, gehandelt oder einfach nur geschaut, was vor sich geht. Und das ist nicht wenig: Alte Männer stossen Karren mit Mangos vor sich her. Fischer reinigen ihr Gerät. Minibusse vom Land lassen ihre Passagiere aussteigen. Frauen verkaufen an Holzständen allerlei Kleinkram. Freilaufende Schafe und Hühner werden weggescheucht. Calypsomusik tönt aus dem Lautsprecher des nahen T-Shirt-Ladens. Und jeder begrüsst den anderen und wünscht ihm einen guten Tag.

 

 

 

Legenden

Nevis, im nördlichen Bereich der Kleinen Antillen gelegen, ist bislang vom Massentourismus verschont geblieben - und deshalb heute noch so, wie die Karibik früher einmal war: klein, grün und gemütlich. Das gilt auch für den Hauptort der Insel, die 1660 gegründete Siedlung Charlestown, die sich zu Fuss mühelos in einer Stunde erkunden lässt.

Etwa 400 Hektar Land sind auf Nevis mit Kokospalmen bewachsen, weshalb Kopra - das getrocknete Fruchtfleisch der Kokosnuss - nicht nur den Eigenbedarf der Inselbevölkerung deckt, sondern auch nach St. Kitts und Dominica ausgeführt werden kann. Das Bild zeigt Pinney's Beach, einen feinsandigen Badestrand an der Westküste der Insel; im Hintergrund ist die «Schwesterinsel» St. Kitts erkennbar.

Alexander Hamilton (1757-1804), seines Zeichens berühmter amerikanischer Staatsmann (u.a. Finanzminister unter George Washington, dem ersten Präsidenten der USA), erblickte in Charlestown das Licht der Welt. Sein Geburtshaus steht zwar nicht mehr, doch wurde an derselben Stelle ein originalgetreuer Nachbau erstellt, dessen Untergeschoss das Historische Museum von Nevis beherbergt und dessen Obergeschoss dem Inselparlament als Tagungsort dient.

Die Nevisianer sind zum weit überwiegenden Teil Nachfahren der einst von den Engländern hierher verschleppten westafrikanischen Negersklaven und demzufolge dunkelhäutig. Viele von ihnen sind einfache, sich selbst versorgende Farmer, welche in kleinflächigen Mischkulturen allerlei Feldfrüchte anbauen und daneben ein paar Nutztiere halten. Zuckerrohr, das einstige Haupterzeugnis der Insel, dient heute höchstens noch als Viehfutter.

Die britischen Kolonialherren liessen sich seinerzeit auf ihren grossflächigen Besitzungen gerne prunkvolle Herrenhäuser erbauen. Die meisten davon sind zwar inzwischen zerfallen. Einige aber blieben erhalten und dienen heute, von herrlichen tropischen Gärten umgeben, als stimmungsvolle Gästehäuser für gutbetuchte Inselbesucher. Das obere Bild zeigt eine Zuckermühlen-Ruine auf dem Areal des «Montpelier Plantation Inn», das sich im Inselsüden in prächtiger Aussichtslage am Hang des Mount Nevis befindet. Das untere Bild zeigt das weitläufige, parkähnliche Gelände des «Cliffdwellers Plantation Inn» an der malerischen Nordküste der Insel.




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