Nilkrokodil
Crocodylus niloticus
© 1984 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die Ordnung der Krokodile (Crocodylia) gliedert sich
in drei Familien und 21 Arten: Die Familie der Alligatoren und
Kaimane (Alligatoridae) umfasst sieben Arten, die - mit Ausnahme
des China-Alligators - alle in der Neuen Welt leben. Die Familie
der Gaviale (Gavialidae) besteht aus nur einem Vertreter: dem
Ganges-Gavial, einem ungewöhnlich langschnauzigen Krokodil,
das auf dem indischen Subkontinent beheimatet ist. In der Familie
der Echten Krokodile (Crocodylidae) werden im allgemeinen 13
Arten unterschieden. Sie kommen in allen tropischen und subtropischen
Gewässern rund um den Erdball vor. Zu den Echten Krokodilen
zählt auch das Nilkrokodil (Crocodylus niloticus).
Es kann im Laufe seines über fünf Jahrzehnte dauernden
Lebens eine Länge von sechs bis sieben Metern und ein Gewicht
von mehr als einer Tonne erreichen. Damit gehört es zu den
grössten und «gewichtigsten» Krokodilen unseres
Planeten - und zugleich zu den mächtigsten Reptilien unserer
Zeit.
Krokodile werden auch «Panzerechsen»
genannt
Krokodile sind eine sehr alte Tiergruppe: Primitive
Urkrokodile traten schon vor 200 Millionen Jahren auf der Erde
in Erscheinung. Bereits in der Kreidezeit - vor etwa 100 Millionen
Jahren - lebten Krokodile von «modernem» Aussehen.
Unbeschadet überdauerten sie das grosse Reptiliensterben
vor 65 Millionen Jahren, dem unter anderem die gewaltigen Dinosaurier
zum Opfer fielen. Krokodile können darum mit Recht als lebende
Zeugnisse aus längst vergangenen Erdepochen betrachtet werden.
Krokodile haben in ihrer Gestalt sehr urtümliche
Züge bewahrt. Zum saurierartigen Aussehen tragen im besonderen
die in der Haut eingebetteten, auf der Körperoberseite verknöcherten
Hornplatten bei. Auf dem Kopf sind diese Platten fest mit dem
Schädel verwachsen. Ihrem Hautpanzer verdanken die Krokodile
ihren deutschen Namen «Panzerechsen».
Ihre volle Beweglichkeit erreichen die Krokodile im
Wasser. Beim Schwimmen legen sie Arme und Beine nach hinten an
den Körper an und treiben sich mit Schlägen des kräftigen,
seitlich abgeflachten Ruderschwanzes vorwärts. Auf dem Land
bewegen sie sich fort, indem sie langsam auf dem Bauch rutschen.
Sie können aber auch ihren Körper vom Boden abheben
und hochbeinig schreiten. Über kürzere Distanzen vermögen
sie gar mit erstaunlicher Geschwindigkeit zu galoppieren.
Von der Wasserschnecke bis zum Büffel
Das Nilkrokodil ist das beherrschende Raubtier in
seinem Lebensraum. Es verzehrt jedes Lebewesen, das es im Wasser
oder am Ufer erwischen und überwältigen kann. Auch
tote Tiere sind ihm recht.
Junge Krokodile verbringen viel Zeit an Land und jagen
dort nach allerlei Kleintieren wie etwa Insekten, Würmern,
Krabben und Fröschen. Erst wenn die Tiere älter werden,
gehen sie dazu über, Fische, Vögel und Säugetiere
zu erbeuten. Als ausgewachsene Tiere jagen sie praktisch nur
noch im Wasser oder vom Wasser aus. Neben Fischen und Aas fallen
ihnen dann vor allem Säugetiere zum Opfer, die zur Tränke
ans Wasser kommen. Das kann mitunter ein afrikanischer Büffel
sein; in der Regel erlegt das Krokodil aber kleinere Säuger
wie Wasserböcke, Zebras und Warzenschweine.
Oft treibt das erwachsene Krokodil während Stunden
bewegungslos unter der Wasseroberfläche. Nur seine Augen,
Ohren und Nasenöffnungen ragen aus dem Wasser heraus. Gut
getarnt überwacht es das Fluss- oder Seeufer, bis es ein
Beutetier erspäht. Sehr langsam und vorsichtig nähert
es sich dann seinem Opfer und schnellt schliesslich mit einem
gezielten Stoss aus dem Wasser heraus. Mit einem Biss seiner
kräftigen Kiefer ergreift es das überraschte Tier,
zerrt es ins Wasser und ertränkt es.
Die Zähne des Nilkrokodils dienen nur dem Ergreifen
und Festhalten der Beute. Zum Zerkleinern sind sie nicht geeignet.
Um «mundgerechte» Fleischstücke aus dem toten
Tier herauszureissen, wendet das Krokodil eine besondere Technik
an: Es beisst sich irgendwo fest und dreht sich dann rasch und
ruckartig um seine eigene Längsachse.
Das Nilkrokodil ist oft als schlimmer Fischschädling
eingestuft worden. Es scheint aber, im Gegenteil, im Ökosystem
der afrikanischen Binnengewässer eine ausgesprochen nützliche
Funktion zu haben: In vielen Gebieten, in denen das Nilkrokodil
ausgerottet worden ist, haben nämlich die Fischbestände
nicht zu- sondern abgenommen. So scheinen gerade die Buntbarschbestände
- vielerorts Haupteiweissquelle der ansässigen Bevölkerung
- in starkem Mass vom Verschwinden der Krokodile betroffen zu
sein. Es ist dringend notwendig, dass man sich durch genaue Untersuchungen
Klarheit über diese noch wenig verstandenen Zusammenhänge
verschafft.
Krokodile schlafen am Tag
Krokodile sind dämmerungs- und nachtaktiv. Tagsüber
liegen sie die meiste Zeit am Ufer an der Sonne. Wenn sich ihre
Körpertemperatur dabei über die bevorzugten 25°
Celsius erwärmt, so sperren sie ihren Rachen weit auf. Dadurch
kann Flüssigkeit aus ihren Mundschleimhäuten verdunsten,
und ihr Körper erfährt eine gewisse Abkühlung.
In der Mittagshitze genügt diese Methode der Temperaturregelung
allerdings nicht. Die Krokodile begeben sich dann in den Schatten
oder kühlen sich für kurze Zeit im seichten Wasser
ab. Am späten Nachmittag nehmen sie oft nochmals ein Sonnenbad,
bevor sie - bei Einbruch der Dunkelheit - auf die Jagd gehen.
Als wechselwarme Tiere haben Krokodile einen geringeren
Stoffwechsel als Warmblüter. Sie müssen daher bedeutend
weniger Nahrung zu sich nehmen als ein Vogel oder Säuger
ähnlicher Körpergrösse. Auch sind sie nicht auf
regelmässige Nahrungszufuhr angewiesen. Ausgewachsene Krokodile
können Tage oder sogar Wochen ohne Nahrung sein. Diese Fähigkeit
zu Fasten ist für das Überdauern von Zeiten mit ungenügendem
Nahrungsangebot - zum Beispiel Dürreperioden - sehr wichtig.
Sie dürfte ein wesentlicher Teil des Erfolgsrezepts dieser
uralten Tiergruppe sein.
Hochentwickelte Brutpflege
Krokodile zeigen sich ausserhalb der Paarungszeit
sehr verträglich untereinander: Wenn nach Trockenzeiten
der Wasserstand von Flüssen und Seen ansteigt, und sich
das Wasser dabei in Senken entlang des Ufers ergiesst, so reihen
sich oft ganze Scharen von Krokodilen im Halbkreis bei der Einmündung
auf und «sieben» die eintretenden Fische förmlich
aus dem Wasser. Auch an Tierleichen, die im Wasser treiben, versammeln
sich oft Dutzende von Krokodilen, ohne dass es zu Beissereien
kommt. An einem toten Flusspferd wurden einmal 120 Nilkrokodile
gezählt.
Ebenso wie ihre Verträglichkeit untereinander
überrascht auch die Brutfürsorge dieser «kaltblütigen»
Echsen. Nilkrokodile vermehren sich - wie alle Krokodile - durch
weisse, hartschalige Eier von der Grösse eines Gänse-Eis.
20 bis 50 Eier legt das Krokodilweibchen jedes Jahr. Es vergräbt
die Eier etwa einen halben Meter tief in feuchter Erde in Wassernähe.
Bis zum Schlüpfen der Jungen - nach rund 90 Tagen - bleibt
das Weibchen in der Nähe des Nests und bewacht die Eier
vor Nestplünderern. Mit gutem Grund, denn für Nilwaran,
Pavian, Marabu und viele andere Tiere sind Krokodileier ein Leckerbissen.
In günstigen Brutgebieten liegen die Nester mehrerer
Weibchen oft dicht beieinander. Jedes Weibchen bleibt über
Jahre hinweg seinem speziellen Brutplatz treu und verteidigt
diese Stelle gegen andere Krokodilweibchen. Meistens handelt
es sich um den Ort, an dem es zum ersten Mal erfolgreich Junge
aufgezogen hat. Sind die Jungen zum Schlüpfen bereit, so
geben sie - noch im Ei - quäkende Laute von sich, sobald
sie die Schritte der Mutter wahrnehmen. Diese Laute bedeuten
dem Weibchen, dass es Zeit ist, das Gelege wieder auszugraben
und die Jungen zu befreien. Tatsächlich könnten sich
die Kleinen niemals allein durch die schwere Erde hocharbeiten.
Die Mutter nimmt die geschlüpften Jungtiere mit
dem Maul auf und trägt sie ins nahe Wasser. Einzelnen Jungen
hilft sie beim Schlüpfen, indem sie das Ei sanft zwischen
Munddach und Zunge hin und her rollt, bis die Schale bricht.
Es scheint unglaublich, dass Kiefer, die mühelos einen ausgewachsenen
Büffel festzuhalten vermögen, mit solcher Behutsamkeit
bewegt werden können. Diese erstaunliche Feinfühligkeit
ist dank druckempfindlicher Nerven an den Zahnwurzeln möglich,
wie sie auch die Säugetiere, nicht aber die übrigen
Reptilien besitzen.
Im Wasser bleiben die Jungen die ersten Wochen in
Gruppen beisammen. Bei Gefahr geben sie einen durchdringenden
Quäklaut von sich, worauf ihnen erwachsene Krokodile zu
Hilfe kommen. Wenn sich die Jungen später verteilen, so
werden grosse Krokodile eher zu Fressfeinden als zu Beschützern.
Junge Krokodile meiden dann die Nähe grosser Artgenossen.
Die Sterblichkeitsrate der Jungtiere ist recht hoch.
Nur ein Bruchteil der geschlüpften Tiere erreicht die Geschlechtsreife
mit 12 bis 15 Jahren. Dank der ausgeprägten Brutfürsorge
und der Tatsache, dass sich Krokodilweibchen bis 40 Jahre lang
fortpflanzen, kommt es aber im ganzen doch zu einem beträchtlichen
Jungenüberschuss. Reduzierte Krokodilpopulationen können
sich darum verhältnismässig schnell erholen, wenn sie
nicht mehr bejagt werden. Auch neue Gebiete vermögen sie
rasch zu besiedeln. So war beispielsweise der vom Assuan-Damm
aufgestaute Nasser-See in Ägypten innert kürzester
Zeit so dicht mit Kokodilen bevölkert, dass sie eine ernste
Gefahr für die ansässigen Fischer bildeten.
Die hochentwickelte Brutfürsorge der Krokodile,
durch die sich diese altertümlichen Echsen deutlich von
den übrigen Reptilien unterscheiden, ist zweifellos ein
weiterer wichtiger Grund für den Erfolg dieser Tiergruppe.
Geheimnisumwittert und sagenumwoben
Wie die meisten Raubtiere hat auch das Nilkrokodil
seit jeher die Phantasie des Menschen angeregt. Von göttlicher
Verehrung bis zu Abscheu und Hass reicht die Einstellung des
Menschen dem Krokodil gegenüber.
Der griechische Geschichtsschreiber Herodot, der um
450 v.Chr. die Aufmerksamkeit der westlichen Welt auf das Nilkrokodil
lenkte, berichtete von der sonderbaren Beziehung zwischen Mensch
und Krokodil in der ägyptischen Stadt Crocodopolis, dem
späteren Arsinoe. Die Bewohner der Stadt ehrten das Nilkrokodil
als heiliges Tier. Sie verwöhnten zahme Krokodile mit Wein
und auserlesenen Speisen und schmückten sie mit Edelsteinen
und Gold. Starb ein solches Tier, so wurde es einbalsamiert und
in einer geweihten Gruft beigesetzt. Tatsächlich sind bei
Ausgrabungen Hunderte solch mumifizierter Krokodile gefunden
worden.
Auf einigen Inseln im Victoria-See sahen die Menschen
im Krokodil den Hohepriester eines Gottes. Im Rahmen von Zeremonien
wurden den Krokodilen Menschen zum Opfer vorgeworfen, die von
den Tieren zerrissen wurden.
Noch heute spielt im Brauchtum vieler afrikanischer
Völker das Krokodil eine wichtige Rolle. Vermutlich hat
der Mensch auf diese Weise seine Angst vor den Tieren überwunden.
Denn ohne Zweifel sind den Panzerechsen schon immer mehr Menschen
zum Opfer gefallen als den afrikanischen Grosskatzen Löwe
und Leopard zusammen.
Gefährdung durch die Mode
Das Nilkrokodil hatte einst ein enormes Verbreitungsgebiet:
Es bewohnte praktisch sämtliche afrikanischen Flussläufe,
Seen und Sumpfgebiete südlich der Sahara. Im Nordosten fand
man es bis nach Palästina. Und da das Nilkrokodil - wie
das Leistenkrokodil (Crocodylus porosus) - das offene
Meer nicht scheut, hatte es selbst die Komoren, die Seychellen
und Madagaskar besiedelt. Nur in einigen Gebieten Südwestafrikas
(Südafrika, Botswana, Namibia) und Nordostafrikas (Äthiopien,
Somalia, Djibouti) scheint es nie heimisch gewesen zu sein.
Alle diese Populationen sind heute - infolge übermässiger
Bejagung - stark zurückgegangen. Zwar sind Krokodile seit
jeher bejagt worden, weil ihnen immer wieder Haustiere und Menschen
zum Opfer fielen. Das hatte aber ihre Bestände nie ernsthaft
gefährdet. Erst seit in unserem Jahrhundert Krokodilledertaschen,
-gürtel und -schuhe in den reichen Ländern als Luxusartikel
begehrt sind und damit die Jagd auf die Tiere zu einem einträglichen
Geschäft geworden ist, sind ihre Bestände auf dem ganzen
Kontinent schnell geschwunden.
Heute ist das Nilkrokodil in Palästina, am Unterlauf
des Nils und auf den Komoren und Seychellen vollständig
ausgerottet. Im übrigen Verbreitungsgebiet kommt es in stark
verminderter Zahl vor. Nennenswerte Bestände leben nur noch
in unzugänglichen Sumpfgebieten und in gesetzlich geschützten
Naturlandschaften.
Verschiedene, in jüngerer Zeit getroffene Massnahmen
lassen aber die berechtigte Hoffnung aufkommen, dass die altertümlichen
Panzerechsen auch diese Krise überleben werden: So sind
in vielen afrikanischen Ländern Gesetze zum Schutz der Krokodile
erlassen worden. Das Nilkrokodil ist im weiteren in Anhang I
des «Washingtoner Artenschutzübereinkommens»,
das den internationalen Handel mit gefährdeten Tier- und
Pflanzenarten regelt, aufgeführt. Demzufolge dürfen
die Staaten, die dem Übereinkommen beigetreten sind, nur
noch mit Nilkrokodil-Häuten von in Farmen gezüchteten
Tieren handeln. Leider können aber Häute von im Wildleben
geschossenen Tieren weiterhin ungestraft von Ländern importiert
und verarbeitet werden, die das Übereinkommen nicht unterzeichnet
haben.
In jüngster Zeit haben im übrigen mehrere
afrikanische Nationen - zum Beispiel Zimbabwe und Mozambique
- bewiesen, dass sich Nilkrokodil-Bestände durch biologisch
ausgewogene Nutzungsprogramme durchaus nutzen und schützen
lassen. Der Erfolg dieser Projekte spornt hoffentlich weitere
Nationen an, das Nilkrokodil und seine natürlichen Lebensräume
wenigstens als langfristig nutzbare Einnahmequelle zu erhalten.
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