Niuafo'ou-Grossfusshuhn
Megapodius pritchardii
© 1992 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Weit im Norden des Königreichs Tonga, auf halbem
Weg zwischen Fidschi und Samoa, liegt als winziger Fleck Erde
inmitten der blauen Fluten des pazifischen Ozeans die Insel Niuafo'ou.
Sie ist die Spitze eines 2000 Meter hohen Vulkans, der vor einer
knappen Million Jahren aufgrund untermeerischer Eruptionen entstand.
In seiner «Jugend» hatte der Vulkankegel etwa 1300
Meter über die Meeresoberfläche hinausgeragt, doch
irgendwann in grauer Vorzeit stürzte der zentrale «Lavaförderkanal»
des Bergs trichterförmig in sich zusammen. Übrig blieb
das ringförmige, keine 300 Meter hohe Niuafo'ou, das wir
heute kennen. 55 Quadratkilometer beträgt die Gesamtfläche
der Insel; davon entfällt rund ein Drittel auf den zentralen
Kratersee, der sich aus Regenwasser gebildet hat.
Niuafo'ou gilt als besonders rastlose Vulkaninsel.
Unvergessen sind die Ereignisse im Jahr 1946, als sich im Norden
der Insel nach heftigen Erdbeben an mehreren Stellen der Boden
öffnete und glühende Lavaströme austraten, die
den Inselhauptort Angaha zerstörten. Es war dies der neunte
vulkanische Ausbruch innerhalb von 200 Jahren gewesen. Spuren
dieser Eruptionen sind in vielen Bereichen der Insel noch deutlich
zu sehen. So erstrecken sich besonders im Süden und Westen
Niuafo'ous ausgedehnte grauschwarze Lavafelder, die je nach ihrem
Alter eine unterschiedlich weit entwickelte Pflanzendecke tragen.
Das Endstadium der Vegetation ist auf Niuafo'ou üppiger
tropischer Regenwald. Solchen findet man heute aber praktisch
nur noch an den Innenhängen des Kraters und auf den kleinen
Inselchen, die aus dem Kratersee aufragen. Auf der äusseren
«Terrasse» der ringförmigen Insel hat der Mensch
die natürliche Vegetation grossenteils in Kokoswälder
und in Gemüse- und Obstpflanzungen umgewandelt.
Die dichten Regenwälder im Krater der Insel Niua
fo'ou, welche gesamthaft eine Fläche von weniger als 10
Quadratkilometern bedecken, bilden die letzte Zufluchtsstätte
des Niuafo'ou-Grossfusshuhns (Megapodius pritchardii),
das die Polynesier «Malau» nennen und von dem hier
die Rede sein soll.
Vögel mit «Brutofen»
Mit je nach Auffassung zwischen 11 und 20 Arten bilden
die Grossfusshühner (Megapodiidae) eine der kleinsten Vogelfamilien.
Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von den Nikobaren und Andamanen
im Indischen Ozean südwärts bis nach Australien und
ostwärts bis nach Niuafo'ou im Pazifik. Innerhalb der Ordnung
der Hühnervögel (Galliformes) scheinen sie den südamerikanischen
Hokkos (Familie Cracidae) am nächsten zu stehen, während
sie mit den Fasanenartigen (Familie Phasianidae) nur sehr weitläufig
verwandt sind. Sie zeigen eine Anzahl recht ursprünglicher
Merkmale und gelten deshalb als Überbleibsel einer alten,
früher einmal nahezu weltweit verbreiteten Vogelsippe.
Besondere Aufmerksamkeit wurde dem einzigartigen Brutverhalten
der Grossfusshühner zuteil, denn als einzige Vögel
bebrüten sie ihre Eier nicht selbst, sondern nutzen zu diesem
Zweck verschiedenartige externe Wärmequellen. Einige scharren
grosse Haufen von Laub zusammen, legen ihre Eier hinein und benutzen
die Wärme, die sich beim Verrotten des Pflanzenmaterials
entwickelt. Andere vergraben ihr Gelege am Meeresstrand und lassen
es durch die Sonnenwärme ausbrüten. Und nochmals andere
legen ihre Eier an geothermisch erwärmten Orten ab - etwa
in der Nähe heisser Quellen oder an Stellen, wo das Magma
bis dicht an die Erdoberfläche reicht. Zu letzteren gehört
auch der Malau.
Die Wissenschaftler waren sich lange Zeit uneinig
darüber, ob dieses Verhalten stammesgeschichtlich sehr alt
ist - sozusagen ein Relikt aus der Zeit, als die Vögel noch
Reptilien waren - oder ob die Vorfahren der Grossfusshühner
ganz «normale» Hühnervögel waren, welche
erst im Laufe ihrer Stammesgeschichte ihr aussergewöhnliches
Brutverhalten entwickelten. Letzteres wird heute allgemein als
zutreffend angesehen, denn im ersteren Fall müssten die
Grossfusshühner auch hinsichtlich ihres Körperbaus
allen anderen Vögeln als separate Einheit gegenüberstehen.
Sie sind jedoch eindeutig Mitglieder der Ordnung der Hühnervögel.
Leben auf grossem Fuss
Das Niuafo'ou-Grossfusshuhn ist ein ziemlich unscheinbarer
Vogel: Zum einen ist es mit einer Körperlänge von ungefähr
30 Zentimetern das kleinste Mitglied seiner Familie; zum anderen
trägt es ein schlichtes, graubraun gefärbtes Federkleid.
Die Beobachtung des Vogels in freier Wildbahn ist deshalb nicht
einfach. Zwei besondere Merkmale lassen seine Präsenz aber
dennoch leicht erkennen, nämlich seine grossen Füsse
(oder vielmehr deren Spuren) und der melodiöse Duettgesang
der Paare.
Malaus durchstreifen die Regenwälder Niuafo'ous
paarweise. Neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass die
Paare längere Zeit, möglicherweise sogar lebenslang
zusammenbleiben. Der Paarzusammenhalt wird auf dem dicht bewachsenen,
unübersichtlichen Waldboden mit Hilfe eines häufig
geäusserten Duettgesangs aufrechterhalten: Der Hahn beginnt
jeweils mit einem flötenartigen Ruf, die Henne fällt
mit einem glockenartigen Ton ein, worauf der Hahn das Duett mit
einem langgezogenen Triller beendet.
Der Gesang ist gewöhnlich der erste Hinweis auf
das Vorhandensein von Malaus. Will man sich den Vögeln aber
nähern, so muss man sich an ihrer zweiten auffälligen
Lebensäusserung orientieren: den Scharrspuren im Laub. Bei
der Nahrungssuche bewegen die Niuafo'ou-Grossfusshühner
zunächst mit ihren langen Zehen das Laub von vorne seitlich
nach hinten, wobei aber weniger gescharrt, sondern eher gegriffen
und geworfen wird. Anschliessend picken sie nach den dadurch
zu Tage tretenden Insekten, Schnecken, Hundertfüsslern,
Samen und heruntergefallenen Früchten der Urwaldbäume.
Scharren und Picken gehören so fest zusammen, dass der Vogel
selbst dann, wenn das Scharren gar nicht nötig wäre
(beispielsweise beim Picken an einer geöffneten Kokosnuss),
zwischendurch «Beinarbeit» verrichtet. Insgesamt
ist der Speisezettel der Malaus sehr vielfältig, doch macht
eiweissreiche Insektennahrung den deutlich grössten Anteil
aus.
Die Malaus gehen hauptsächlich in den frühen
Morgen- und den späten Nachmittagsstunden auf Nahrungssuche.
Zu diesen Tageszeiten ist auch der Duettgesang am häufigsten
zu hören. Interessanterweise singen die Paare auch nachts,
meistens kurz vor Sonnenaufgang oder bis spät in der Abenddämmerung.
Ob dies bedeutet, dass sie auch bei Dunkelheit auf Nahrungssuche
gehen (und falls ja, aus welchem Grund sie das tun), ist noch
ungeklärt.
Elternunabhängiges Brüten als Verhängnis
Besonders gut ist dagegen das Brutverhalten des Niuafo'ou-Grossfusshuhns
erforscht: Die Henne vergräbt ihr jeweils einzelnes Ei an
sorgfältig ausgewählten Stellen, an denen die Erde
durch oberflächennahes Magma gut erwärmt ist. Dabei
sind ihr die kräftigen, langzehigen Füsse von grosser
Hilfe. Das Ausheben einer Grube bis zum Punkt geeigneter Wärme
(etwa 35°C) kann mehrere Stunden in Anspruch nehmen, denn
gewöhnlich liegt dieser Punkt ein bis zwei Meter unter der
Erdoberfläche. Nach der Ablage des Eis füllt die Henne
die Grube mit dem Aushubmaterial wieder auf - und überlässt
es dann seinem Schicksal, denn weiterreichende Mutterpflichten
hat sie nicht.
Nach etwa 50 Tagen schlüpft das Küken, das
zu diesem Zeitpunkt bereits vollständig befiedert und flugfähig
ist und vom ersten Augenblick an für sich selbst sorgen
kann. Bis zu zwei Tage braucht es, um sich aus dem unterirdischen
«Brutofen» zur Oberfläche freizugraben. Dort
angelangt, eilt es sofort in dichtes Unterholz, wo es mit seinem
braun gesprenkelten Gefieder vorzüglich getarnt ist.
Der grosse Vorteil, nicht selbst brüten zu müssen,
ist für die Malaus auch mit Nachteilen verbunden. Zum einen
muss die Henne ein ungewöhnlich grosses, energiereiches
Ei produzieren, damit darin ein vollständig entwickeltes,
flugfähiges Küken heranzureifen vermag. Das Malau-Küken
durchläuft gewissermassen innerhalb des Eis auch gleich
noch jene rund dreiwöchige Entwicklungsphase, die ein Haushuhnküken
ausserhalb des Eis in Gesellschaft seiner Mutter verbringt. Das
Ei des Niuafo'ou-Grosfusshuhns wiegt durchschnittlich 70 Gramm,
was rund einem Fünftel des Gewichts der Henne entspricht.
Das kommt beinahe den Werten bei den neuseeländischen Kiwis
(Apteryx spp.) gleich, deren Hennen proportional die grössten
Eier im Vogelreich legen. Die Malau-Henne benötigt denn
auch 10 bis 12 Tage, um ein derart voluminöses Ei zu produzieren,
während ein Haushuhn bekanntlich fast jeden Tag ein Ei legen
kann. Die durch die aufwendige Eiproduktion bedingte körperliche
Belastung der Malaus wird teilweise allerdings dadurch ausgeglichen,
dass die Vögel weder zu brüten noch ihren Nachwuchs
zu betreuen brauchen.
Ein schwerwiegender Nachteil des Malau-Brutverhaltens
ergibt sich ferner daraus, dass sämtliche arttypischen Verhaltensweisen
genetisch fixiert sein müssen, da die Jungvögel ja
ohne Anleitung durch die Eltern aufwachsen. Sie benötigen
also von Anfang an ein festes, angeborenes «Wissen»
bezüglich den Erwerb von Nahrung, das Erkennen von Artgenossen,
die Vermeidung von Fressfeinden usw. Die bittere Folge davon
ist, dass es den Malaus nicht gelingt, rasch und flexibel auf
grössere Umweltveränderungen zu reagieren. Während
zum Beispiel die Bindenralle (Rallus philippensis) auf
Niuafo'ou gelernt hat, in den Dörfern gemeinsam mit den
freilaufenden Haushühnern nach Nahrung zu suchen, und sich
so einen neuen, sehr ergiebigen Lebensraum erschlossen hat, verbringen
die Malaus ihr Leben weiterhin - wie seit Urzeiten - eifrig im
Laub scharrend in den Regenwäldern der Insel. Jeder Malau
kann zwar individuell lernen, neue Nahrungsquellen zu nutzen,
doch eine Weitergabe solcher Erfahrungswerte an die Nachkommen
entfällt. Bei der Bindenralle hingegen wird erworbenes Wissen
stets an die nächste Generation weitergegeben, und jede
Generation fügt diesem «Erfahrungsschatz» wieder
etwas Neues hinzu.
Damit wird verständlich, warum der Malau und
viele andere Grossfusshuhnarten heute in ihrer Existenz bedroht
sind: Die Ankunft des Menschen in der pazifischen Inselwelt und
die durch ihn verursachten rapiden Lebensraumveränderungen
bedeuteten für die kaum anpassungsfähigen Vögel
eine Katastrophe.
Mensch, Katze, Schwein
Mit der Besiedlung der südwestpazifischen Inselwelt
durch die Polynesier zwischen 3000 und 500 v.Chr. begann auch
die Bejagung der Grossfusshühner sowie die Nutzung ihrer
Eier als leicht erreichbare, hochwertige und schmackhafte Nahrung.
Schnell verschwanden die Grossfusshühner - zusammen mit
anderen leicht erbeutbaren Vogelarten - von vielen Inseln. Die
Untersuchung altpolynesischer Abfallhaufen, die bei archäologischen
Grabungen zum Vorschein kamen, hat gezeigt, dass Grossfusshühner
einst auf nahezu allen Inseln des Südwestpazifiks, ostwärts
bis zum Tonga-Archipel, vorkamen. Heute sind sie jedoch auf Fidschi,
Neukaledonien und den restlichen Tongainseln vollständig
verschwunden, so dass jetzt die nächsten Verwandten des
Niuafo'ou-Grossfusshuhns auf dem etwa 1700 Kilometer weiter westlich
gelegenen Vanuatu leben.
Zwischen den Menschen und den Grossfusshühnern,
welche die erste Phase der Ausbeutung überlebten, bildete
sich eine Art Gleichgewicht. Dieses entstand teils zufällig,
so auf Niuafo'ou, wo einige der Brutareale für den Menschen
nicht zugänglich sind, teils auch durch aktives «Management»
der Brutareale, so etwa auf den Salomonen. Dieses harmonische
Zusammenleben wurde dann aber vielerorts empfindlich gestört,
als die Europäer in die pazifische Inselwelt eindrangen.
Sie verursachten noch tiefgreifendere und grossflächigere
Umweltveränderungen als die Polynesier und führten
willentlich oder unabsichtlich eine Anzahl von Säugetieren
ein, darunter Katzen, Ziegen und Ratten, welche ihrerseits den
einheimischen Wildtieren zu schaffen machten.
Das Niuafo'ou-Grossfusshuhn scheint zum einen unter
der Bejagung durch eingeschleppte Hauskatzen zu leiden; zum anderen
wird es durch verwilderte Schweine geschädigt, welche den
Waldboden zerwühlen und ihm die Nahrung streitig machen.
Als Folge der «Machenschaften» des Menschen und seiner
Heim- und Nutztiere ist der Malau auf Niuafo'ou stark zurückgedrängt
worden: Seine Verbreitung ist heute auf die Innenhänge des
Kraters und die Inselchen im Kratersee beschränkt; sein
Gesamtbestand ist auf etwa 800 Individuen abgesunken.
Zukunft auf unbewohnten Vulkaninseln?
1990 begann im Rahmen der «Brehm-Fonds Südsee-Expedition»
ein umfangreiches Forschungs- und Schutzprogramm zugunsten des
Malaus. Dabei hat sich gezeigt, dass Schutzmassnahmen auf Niuafo'ou
erstens wegen der Abgeschiedenheit der Insel kaum durchführbar
sind und zweitens auch niemals genügen würden, da schon
geringfügige Änderungen der Umweltbedingungen - seien
sie natürlicher (z.B. vulkanischer) oder menschlicher Ursache
- schnell zum unwiderruflichen Erlöschen der Art führen
könnten. Es wird deshalb der Aufbau neuer Populationen auf
anderen geeigneten Inseln in Erwägung gezogen. Dies lässt
sich damit rechtfertigen, dass Grossfusshühner einst im
südwestpazifischen Raum bedeutend weiter verbreitet waren
als heute. Es handelt sich also im Grunde genommen nicht um Neuansiedlungen,
sondern um einen Schritt in Richtung Wiederherstellung des Urzustands
der Vogelwelt auf den betreffenden Inseln.
Für das Umsiedlungsprojekt besonders geeignet
erscheint derzeit die unbewohnte Vulkaninsel Late im Tonga-Archipel.
Um den Malaus den Schock des Fangens und des Transports zu ersparen,
sollen lediglich Eier umgesiedelt werden: Sie werden auf Niuafo'ou
ausgegraben und auf der neuen Heimatinsel an ähnlichen,
sorgfältig ausgewählten Stellen wieder eingegraben.
Dieter Rinke, der aus Deutschland stammende Projektleiter, ist
davon überzeugt, dass die sorgfältige Planung des Vorhabens
zu den erhofften Erfolgen führen wird und dass der Malau
schon in wenigen Jahren von der Liste der bedrohten Vogelarten
gestrichen werden kann.
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