Niuafo'ou


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)



Am Montag, dem 9. September 1946, bebte kurz nach Sonnenuntergang die Erde auf Niuafo'ou - für die Bewohner dieser vulkanischen, zum Königreich Tonga gehörenden Pazifikinsel keine aufregende, weil recht häufige Sache. Niemand liess sich dadurch in seiner Tätigkeit beirren: Der Kirchenchor übte weiterhin seinen mehrstimmigen Choral ein, der Funker wartete weiterhin in seinem Büro auf etwaige Nachrichten aus dem Äther, und die Frau des Primarlehrers flocht weiterhin an ihrer Matte aus getrockneten Schraubenbaumblättern. Da bebte jedoch die Erde erneut. Und nochmals. Und kurz darauf wieder. Immer schneller folgten die Erschütterungen aufeinander. Bis um 20.12 Uhr ein gewaltiges, eine volle Minute dauerndes Beben und Rumpeln die Inselbewohner aus ihren Hütten und Häusern trieb. Jetzt war klar, dass der Vulkan, auf dem sie lebten, wieder einmal ausbrechen würde. Tatsächlich riss um 20.15 Uhr im Inselnorden, am Rand des Hauptorts Angaha, zischend die Erde auf und spie Feuer und Rauch aus ihrem Schlund.

Um 20.19 Uhr öffnete sich mit einem Beben und Ächzen mitten in Angaha ein neuer Riss im Inselboden und sandte seinerseits Feuer, Rauch und Funken in den dunklen Nachthimmel. Fortwährend bebte und rumpelte die Erde. Immer mehr Feuerschlünde taten sich auf und verwandelten ganz Angaha in ein glutrotes, rauchendes und knisterndes Inferno. Lava trat an mehreren Orten aus dem Boden aus und wälzte sich zäh und zerstörerisch der Küste zu. Dort brachte sie das Meer zum Kochen, liess enorme Dampfsäulen hochsteigen und formte die Küstenlinie neu.

Die Bewohner Niuafo'ous waren angesichts der Eruption ihrer Vulkaninsel nicht in Panik geraten. Seit ungezählten Generationen lebten sie nun schon auf den Schultern des abgeschiedenen Feuerbergs und hatten längst gelernt, mit der Gefahr zu leben. Nach dem ersten Aufreissen des Bodens waren sie sogleich, ihre Babys in den Armen, die Alten stützend, dem Kraterrand zugestrebt. Die Lava, das wussten sie, floss immer nach unten, dem Meer zu, und deshalb war das Aufsuchen eines möglichst hochgelegenen Standorts das Beste, was sie in ihrer Situation tun konnten. Überdies liessen sich von oben die Ereignisse besser überblicken. Glücklicherweise wehte in dieser Nacht ein leichter Wind aus Südost und blies Rauch, Gase, Hitze und Asche von ihnen weg auf das Meer hinaus. So kam es, dass diese letzte grosse Eruption des Niuafo'ou-Vulkans kein einziges Menschenleben forderte, obschon sie fast den gesamten Hauptort in Schutt und Asche legte.

Es war dies bereits die fünfte Eruption auf Niuafo'ou seit der Jahrhundertwende gewesen - alles relativ ruhige Lavaausflüsse aus Rissen an den Aussenhängen des Kraters, welche für die Inselbewohner glimpflich verliefen. Immerhin war aber 1929 das Dorf Futu im Westen der Insel zerstört worden. 1943 hatte der Wind die giftig-heissen Rauchschwaden über die Insel geblasen, wodurch fast alle Nutzpflanzen abstarben und eine Hungersnot ausbrach. Und jetzt, 1946, war der Hauptort mit sämtlichen Regierungsgebäuden, vielen Privathäusern, den beiden Einkaufsläden der Insel und der Kopraproduktion zweier Jahre vernichtet worden. Um dem Drama ein Ende zu bereiten, beschloss im Oktober 1946 die tongaische Regierung auf der fernen Hauptinsel Tongatapu, die gesamte Bevölkerung Niuafo'ous so rasch wie möglich von der rastlosen Insel zu evakuieren und an einem ruhigeren Ort im Archipel anzusiedeln. Zwar hatte eine Befragung der 1366 Inselbewohner am 5. Oktober ergeben, dass ein Fünftel von ihnen (288) ungeachtet der vulkanischen Gefahren weiterhin auf Niuafo'ou bleiben wollte. Dennoch wurden sie im Dezember 1946 allesamt mit Sack und Pack auf dem neuseeländischen Dampfer «Matua» nach Tongatapu verbracht. 23 Niuafo'ouer hatten sich den Anordnungen der Regierung widersetzt und sich bis nach dem Ablegen der «Matua» versteckt gehalten. Im Oktober 1947 wurden aber auch sie - unter Androhung schwerer Gefängnisstrafen - zum Verlassen ihrer Heimatinsel gezwungen. Nun war Niuafo'ou menschenleer.

Die evakuierten Niuafo'ouer waren an fänglich im Vaikeli-Militärcamp auf Tongatapu untergebracht, später wurden sie auf der Insel 'Eua angesiedelt. Einem grossen Teil von ihnen gefiel jedoch das Leben fern ihrer angestammten Heimat keineswegs. Schon 1948 reichten sie deshalb bei der Regierung eine Petition mit 609 Unterschriften ein, um wieder nach Niuafo'ou zurückkehren zu dürfen. Dem wurde jedoch nicht stattgegeben. Es waren ein halbes Dutzend weiterer Petitionen und ein ganzes Dutzend langer Jahre nötig, bis endlich, Mitte 1958, die lang ersehnte Genehmigung zur Rückkehr erteilt wurde.

Im September 1958 kehrten die ersten 39 Familien nach Niuafo'ou zurück. 1960 lebten bereits wieder 345, 1976 678 und 1990 über 1000 Personen auf Niuafo'ou. Hier, auf ihrem Vulkan, wollen sie leben, auch wenn vielleicht das Leben anderswo einfacher, weniger isoliert und ungefährlicher wäre. Denn hier, so sagen sie, lebten ihre Vorväter und hier liegen sie begraben. Hier ist somit ihre Heimat.

 

Die nördlichste der 171 Tongainseln

Niuafo'ou ist die nördlichste Insel des Königreichs Tonga, das im südwestlichen Pazifik liegt und aus insgesamt 171 Inseln besteht. Fast 600 Kilometer trennen Niuafo'ou von Tongas Hauptinsel Tongatapu; näher liegen Westsamoa mit 350 Kilometern und Fidschi mit 450 Kilometern Entfernung.

Niuafo'ou ist die Spitze eines 2000 Meter hohen Vulkans, der vor einer knappen Million Jahren aufgrund untermeerischer Eruptionen entstand. In seiner «Jugend» hatte der Vulkankegel etwa 1300 Meter über die Fluten des Pazifiks hinausgeragt, doch irgendwann in grauer Vorzeit stürzte der zentrale «Lavaförderkanal» des Bergs trichterförmig in sich zusammen. Übrig blieb das ringförmige, maximal 265 Meter hohe Niuafo'ou, das wir heute kennen. 55 Quadratkilometer beträgt die Gesamtfläche der Insel; davon entfällt rund ein Drittel auf den zentralen Kratersee «Vai Lahi» («Grosser See»), der aus Regenwasser entstanden ist und eine Tiefe von etwa 80 Metern aufweist.

Die Küste Niuafo'ous ist rauh. Auf weiten Strecken besteht sie aus 10 bis 20 Meter hohen Klippen, welche durch die nimmermüde Brandung im Lauf der Jahrtausende aus dem Vulkangestein genagt worden sind. Nur dort, wo jüngere Lavaströme in das Meer hinausreichen, ist der Übergang zwischen Land und Meer weniger abrupt. Hinter den Klippen steigt das Land auf dem ersten Kilometer verhältnismässig sanft an, dann klettert es auf dem nächsten halben Kilometer rasch zum zumeist 100 bis 200 Meter hohen Kraterrand hoch, und fällt dann auf der Innenseite des Kraters jäh zum See hin ab.

Etwa ein Viertel der Fläche Niuafo'ous ist mit grauschwarzen Lavafeldern bedeckt, welche weniger als 150 Jahre alt sind und eine entsprechend dürftige Pflanzendecke tragen. Diese Lavabereiche befinden sich hauptsächlich im Westen und Süden der Insel. Der Osten und der Norden Niuafo'ous gleichen hingegen einem überquellenden grünen Garten, denn das milde, tropisch-maritime Klima dieser Breiten (mit durchschnittlichen Monatstemperaturen zwischen 25 und 28°C sowie durchschnittlichen Jahresniederschlagsmengen um 2700 Millimeter) sorgt zusammen mit dem nährstoffreichen vulkanischen Untergrund für beste Pflanzenwuchsbedingungen.

Mit üppigem Tropenwald war Niuafo'ou vor der Ankunft des Menschen denn auch bewachsen gewesen. Man findet diese Vegetationsform noch immer an den steilen, unzugänglichen Kraterhängen sowie auf den drei kleinen Inselchen im Kratersee. In den flacheren Inselpartien hat der Mensch jedoch von alters her die natürliche Pflanzendecke durch verschiedenste Nutz- und Zierpflanzen ersetzt. Weite Bereiche des kultivierten Lands sind mit Kokospalmen bestanden. Dazwischen finden sich verstreut die Gemüse- und Obstgärten der Insulaner, welche zum Schutz vor den freilaufenden, nimmersatten Schweinen, Ziegen und Rindern mit Mauern aus Lavabrocken umfriedet sind. Neben Jams, Taro, Maniok, Bataten, Wassermelonen, Tomaten und anderen Gemüsesorten wachsen darin Bananen, Papayas, Orangen, Ananas und viele weitere tropische Fruchtsorten. In grosser Zahl erblickt man ferner stattliche, schattenspendende Mango- und Brotfruchtbäume.

Die Dörfer der Inselbewohner befanden sich einst rund um Niuafo'ou herum auf der sanft geneigten äusseren «Terrasse» der ringförmigen Insel. Aufgrund der Lavaausflüsse während der letzten Eruptionen ist der Westen und Süden der Insel aber heute unbewohnt. Die Niuafo'ouer leben in jetzt noch neun Dörfern im Norden und Osten Niuafo'ous und führen ein ruhiges, zeitloses Leben als Selbstversorger.

Jede Familie verfügt über ein Stück Land, auf dem ihr einfaches, selbstgebautes Haus steht. Hier bestellt sie ihren Garten und erntet, was gerade reift. Hier laufen ihre Hühner, Schweine und Ziegen umher, von denen hin und wieder eines auf den Tisch kommt. Und hier unterhält sie ihre Kokospalmen, deren getrocknetes Fruchtfleisch («Kopra») zum nötigen Kleingeld verhilft, das für den Kauf von Kleidern, Werkzeug, Tabak, Kaffee und anderen «Luxusartikeln» benötigt wird. Kopra ist der einzige Exportartikel der Insel.

Niuafo'ou verfügt von alters her über keinen Hafen. Fracht und Passagiere der in Abständen von mehreren Wochen hier vorbeikommenden Fährschiffe müssen deshalb mit Leichtern zu einer der bei Futu oder Angaha ins Meer hinausragenden Lavazungen gefahren werden, was bei schwerem Seegang nicht ungefährlich, manchmal gar unmöglich ist. Die Isolation der Inselbevölkerung war daher bis in jüngster Zeit sehr gross gewesen. 1980 wurde aber westlich von Angaha ein kleiner Flugplatz eröffnet, der jetzt von der tongaischen Fluglinie «Friendly Islands Airways» zweiwöchentlich mit einem 19plätzigen «Twin Otter»-Flugzeug von Tongatapu aus angeflogen wird. Auch wenn sich die «gewöhnlichen» Inselbewohner niemals ein Flugticket leisten können, so ist jetzt immerhin ihre regelmässige Versorgung beispielsweise mit Medikamenten und Post gewährleistet.

 

«Blechbüchseninsel»

Niuafo'ou dürfte neueren Erkenntnissen zufolge schon um 800 v.Chr. von den Polynesiern entdeckt und besiedelt worden sein. Bemerkenswerterweise scheinen die niuafo'ouischen Nachfahren dieser begnadeten Seefahrer schon bald ihr Interesse am Bootsbau, an der Navigation und am Fischfang verloren zu haben. Zu rauh war wohl die See im Umfeld ihrer Insel, und zu reichlich flossen wohl die Nahrungsquellen an Land, als dass sich der stets risikoreiche Fischfang von Booten aus gelohnt hätte.

So beschränkte sich die Nutzung des Meers durch die Niuafo'ouer - vom Sammeln von Meeresschnecken und Krustentieren in der Brandungszone abgesehen - seit langer Zeit auf eine sehr einfache Art des Küstenfischfangs. Dabei schwammen die Fischer mit Unterstützung einer Bambus- oder Leichtholzstange oft stundenlang im Wasser umher, liessen eine Leine mit Angelhaken und Köder unter sich herabhängen und fingen auf diese Weise allerlei räuberische Küstenfische. In jedem Dorf gab es ein paar Männer, die sich auf diese «Fakalukuluku»-Technik verstanden und tüchtige Schwimmer waren. Das stellte sich später als segensreiche Fähigkeit heraus - und verhalf Niuafo'ou zu seinem Übernamen «Tin Can Island» («Blechbüchseninsel»), auf den die Niuafo'ouer noch heute stolz sind. Hier die Hintergründe:

Ende des 19. Jahrhunderts wurde auf Niuafo'ou ein einzigartiges Postsystem mit schwimmenden «Zustellbeamten» eingerichtet. Damals verkehrten die ersten Dampfschiffe zwischen Tonga, Samoa und Fidschi und kamen dabei mitunter auch an Niuafo'ou vorbei. 1 bis 2 Kilometer vor der Nordküste stoppten sie jeweils kurz ihre Maschinen, und dann kamen die niuafo'ouischen Küstenfischer zum Einsatz: Von ihren Bambus oder Holzstangen unterstützt schwammen sie zum Schiff hinaus und hielten dabei in der einen Hand einen Stock über das Wasser, an dessen oberem Ende die abgehenden Briefe in Bündeln befestigt waren. Die Matrosen der Dampfer liessen einen Kessel hinunter und sammelten die Briefbündel ein. Dann warfen sie die eintreffende Post in wasserdichten Biskuitbüchsen verschlossen den im Wasser wartenden «Postmännern» zu, die damit zur Küste zurückschwammen. Alsbald trug Niuafo'ou den Übernamen «Tin Can Island», und auf «Tin Can Island» abgestempelte Briefe wurden rasch zu gesuchten Raritäten unter den Philatelisten.

Nachdem 1931 einer der athletischen Postbeamten sozusagen im Dienst von einem Hai angefallen und getötet worden war, wurde die schwimmende Zustellung zwar aufgegeben und die Post fortan mit einem Ausleger-Kanu befördert. Die Tradition mit den Biskuitbüchsen wurde aber beibehalten. In den fünfziger und sechziger Jahren entwickelte der damalige «Posthalter» Niuafo'ous in Absprache mit den Kapitänen der verschiedenen Dampfer sogar ein Geschäft aus der Blechbüchsenpost. Diese belieferten Niuafo'ou mit Hunderten vorfrankierter Briefe von Händlern aus der ganzen Welt. Hier erhielten sie nun den begehrten Tin Can Island-Stempel aufgedrückt, und jeweils mit dem nächsten Schiff wurden sie weiterspediert. Für diese Dienstleistung erhielten die Inselbewohner wunschgemäss Kleider, Nahrungsmittel und andere Dinge, die ihnen die Kapitäne besorgten.

1980, mit der Eröffnung des Flugplatzes auf Niuafo'ou, musste die Blechbüchsenpost leider mangels Nachfrage eingestellt werden. Dafür hat die abgeschiedene Insel seit 1983 eigene Briefmarken, welche die Erinnerung an dieses einzigartige Postsystem wachhalten und nun ihrerseits Philatelisten auf der ganzen Welt erfreuen.

 

Malau: Vogel mit Brutapparat

Die Tierwelt Niuafo'ous ist verhältnismässig artenarm. Das hat für einmal weniger mit den «Machenschaften» des Menschen zu tun: Weite Teile der Insel - so besonders das Innere des Kraters - sind nämlich für die landwirtschaftliche Nutzung ungeeignet bzw. für den Menschen unzugänglich und weisen deshalb auch heute noch eine ziemlich ursprüngliche Pflanzendecke auf. Für die Artenarmut dürften vielmehr die enorme Isolation und die vulkanische Rastlosigkeit Niuafo'ous verantwortlich sein.

An Säugetieren begegnet man - von den Haustieren des Menschen natürlich abgesehen - einzig dem fruchtessenden Tonga-Flughund, einer insektenessenden Freischwanz-Fledermaus und der eingeschleppten Polynesischen Ratte. An Kriechtieren finden sich ein paar Skinke und Geckos, welche teils ebenfalls als «blinde Passagiere» auf Booten des Menschen hierhergelangten. Und an Brutvögeln gibt es etwa acht meeres- und zwölf land- bzw. süsswasserlebende Arten.

Die meisten Brutvögel Niuafo'ous sind im pazifischen Raum weitverbreitet. Eine Art stellt jedoch eine ornithologische Rarität dar, denn sie kommt weltweit einzig auf Niuafo'ou vor: das Pritchard-Huhn (Megapodius pritchardii), das die Polynesier «Malau» nennen. 1862 wurde der hübsche, nur etwa 30 Zentimeter lange Hühnervogel erstmals wissenschaftlich beschrieben; 1864 erhielt er dann seinen wissenschaftlichen Namen, und zwar nach W.T. Pritchard, dem damaligen britischen Konsul auf Fidschi, der das erste Exemplar für das Londoner Naturmuseum beschafft hatte.

Der Malau gehört mit 16 weiteren Arten einer Gruppe von Hühnervögeln an, die ihre Eier nicht selbst ausbrüten, sondern sie mit der Hilfe externer Wärme erbrüten lassen. Diese sogenannten «Grossfusshühner», die im indomalaiischen, australischen und polynesischen Raum heimisch sind, haben also lange vor dem Menschen Brutapparate erfunden. Einige scharren grosse Haufen von Laub zusammen, legen ihre Eier hinein und benutzen die Wärme, die sich beim Verrotten des Pflanzenmaterials entwickelt. Andere vergraben ihr Gelege am Meeresstrand und lassen es durch die Sonnenwärme ausbrüten. Wieder andere legen ihre Eier an geothermisch erwärmten Orten ab - etwa in der Nähe heisser Quellen oder an Stellen, wo das Magma bis dicht an die Erdoberfläche reicht. Zu letzteren gehört auch der Malau.

1 bis 2 Meter tief vergräbt das Malauweibchen sein jeweils einzelnes, dafür erstaunlich grosses Ei an sorgfältig ausgewählten Orten auf der Kraterinnenseite in der warmen Vulkanasche. 2 bis 3 Stunden dauert diese Schwerarbeit, bei der oft mehr als ein Kubikmeter vulkanisches Material beiseite geschafft werden muss. Dann deckt es das Ei sorgfältig wieder zu - und überlässt es seinem Schicksal.

Nach etwa 50 Tagen schlüpft das Küken, das zu diesem Zeitpunkt bereits ein vollständiges Federkleid trägt. Rund drei Tage braucht es, um sich zur Oberfläche freizugraben. Dort angelangt, rennt es unverzüglich in dichtes Gebüsch, wo es mit seinem braun gesprenkelten Gefieder vorzüglich getarnt ist. Vom ersten Tag an ist es auf sich selbst gestellt und muss sich besonders vor den überall herumstreunenden Hauskatzen und den nächtlich jagenden Schleiereulen in acht nehmen.

Die Malauweibchen benützen immer wieder dieselben Brutplätze, da geeignete Stellen mit lockerem Ascheboden und genügender Erdwärme nur in beschränkter Zahl vorhanden sind. Viele dieser Stellen sind den Niuafo'ouern wohl bekannt; schliesslich gelten Malaueier als grosse Delikatesse und dürfen hartgekocht auf keiner Festtafel fehlen. Zahlreiche Eier werden deshalb von den Inselbewohnern ausgegraben, was stets von Hand geschieht und mit grösseren Strapazen verbunden ist. Der Fortbestand der Art wird durch diese traditionelle Nutzung kaum gefährdet, umsomehr als manche Eiablagestellen sehr schwer zu erreichen sind und deshalb von den Inselbewohnern höchst selten aufgesucht werden. Seit 1989 ein Niuafo'ouer beim Ausgraben eines Malaueis unter den nachrutschenden Erdmassen lebendig begraben wurde, hat der Appetit auf Malaueier ohnehin etwas nachgelassen.

 

 

 

Legenden

Niuafo'ou ist eine Insel von grosser natürlicher Schönheit. In ihrem Zentrum befindet sich der Kratersee Vai Lahi («Grosser See»), der einen Durchmesser von fast fünf Kilometern aufweist und aus dem sich drei kleine Inselchen erheben. Hier fällt der Blick vom nordöstlichen Kraterrand über den Nebenkratersee Vai Si'i («Kleiner See») auf den Vai Lahi im Hintergrund.

Seit bald fünfzig Jahren ruht Niuafo'ou. Das war nicht immer so. Besonders im Süden und Westen der Insel zeugen ausgedehnte, grauschwarze Lavafelder von der vulkanisch bewegten Geschichte Niuafo'ous. Die jüngeren Eruptionen fanden mehrheitlich an den Aussenhängen des Kraters statt und zerstörten 1853 das Dorf Ahau im Süden, 1929 das Dorf Futu im Westen und 1946 den Hauptort Angaha im Norden.

Niuafo'ou verfügt von alters her weder über einen Hafen noch über einen sicheren Landungssteg. Fracht und Passagiere müssen deshalb mit kleinen Booten von den Fährschiffen zu einer ins Meer hinausragenden Lavazunge gebracht werden, wo das Anlanden nicht immer ungefährlich ist.

Personentransportmittel sind auf Niuafo'ou Traktoren mit Anhängern. Die sind zwar nicht sonderlich bequem, aber eine Fahrt ist allemal reizvoller als ein Fussmarsch. Über 1000 Personen leben heute auf Niuafo'ou. Trotz der Rastlosigkeit ihrer Vulkaninsel wollen sie sichn irgendwo sonst im Archipel niederlassen. Denn hier, so sagen sie, lebten ihre Vorfahren, hier liegen ihre Ahnen begraben, und nur hier kann deshalb ihre Heimat sein.

Niuafo'ou hat weder Quellen noch Grundwasser. Und das Wasser des Kratersees ist brackig und schweflig und deshalb ungeniessbar. Zum Trinken und Kochen sind die Niuafo'ouer auf das Regenwasser angewiesen, das sie in Zisternen und Tanks unterschiedlichster Grösse sammeln. Das Bild zeigt ein Auslegerkanu auf dem Vai Lahi der einst fischlos war, heute aber einen grösseren Bestand «brackwassertauglicher», aus Afrika stammender Buntbarsche auf weist.

Die Wohnhäuser der Niuafo'ouer haben typischerweise einen elliptischen Grundriss. Sie bestehen aus einem Stützgerüst aus Holz und einem Dach sowie Seitenwänden aus Kokospalmblättern. Nie ist es in diesen Häusern stickig heiss oder modrig feucht, da stets der Wind durch die «perforierten» Wände streichen und für eine natürliche Klimatisierung des Innenraums sorgen kann.

Geschafft! Das Malau-Küken hat eine tolle Leistung vollbracht: Nach dem Durchbrechen der Eischale musste es sich durch 1 bis 2 Meter Asche und Sand hindurch an die Erdoberfläche wühlen, was rund drei Tage dauerte. Erst jetzt erblickt es das Licht der Welt, und im nächsten Augenblick wird es ins dichte Unterholz rennen und dort Unterschlupf suchen. Malaus, Mitglieder der Familie der Grossfusshühner, sind endemische Vögel Niuafo'ous, kommen also weltweit einzig auf dieser abgeschiedenen Pazifikinsel vor.




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