Nordkorea


© 1990/98 Markus Kappeler
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)



Die Demokratische Volksrepublik Korea, aufgrund ihrer Lage auf der Koreanischen Halbinsel im allgemeinen schlicht «Nordkorea» genannt, wird seit 1948 von Kim Il Sung regiert, der als einer der letzten «hartnäckigen» kommunistischen Führer der Welt gilt. Gemäss seinen Äusserungen ist das sozialistische System, das Nordkorea zugrunde liegt, ein echtes demokratisches System, das die politischen Rechte und Freiheiten der Arbeiter, Bauern und anderen Werktätigen garantiert. In Wirklichkeit unterdrückt aber wohl kein anderes Regime der Erde seine Bürger so total, wie dies in Nordkorea der Fall ist. Und wohl niemand sonst auf der Welt spricht seinen «Untertanen» in solchem Ausmass jegliche Individualität ab und degradiert sie zu roboterhaften Wesen, wie dies Kim Il Sung tut.

Die Ausübung der demokratischen Rechte und Freiheiten darf in Nordkorea nicht im geringsten gegen die Staatsideologie verstossen. Jegliche Kritik wird mit polizeistaatlichen Methoden rigoros unterbunden, öffentliche Opposition keinesfalls geduldet. Zu diesem Zweck wird nicht zuletzt die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung innerhalb des Staats massiv beschränkt. Jedermann ist verpflichtet, ständig seine Identitätskarte auf sich zu tragen. Für jede Reise braucht es eine behördliche Erlaubnis. Und private Motorfahrzeuge sind ohnehin nicht erlaubt.

Für die politische Kontrolle und die innere Sicherheit verfügt Kim Il Sung über die mit rund 800 000 Soldaten fünftgrösste Armee der Welt sowie ausserordentlich umfangreiche Polizeikräfte, zu deren wichtigsten Aufgaben die Überwachung der Bevölkerung gehört. Ferner existieren mehrere Straflager, in denen Zehntausende fehlbarer Bürger als politische Gefangene die ihnen zugedachte «Erziehung» erhalten.

Noch an seiner Neujahrsansprache 1990, in Kenntnis des Sturzes sowohl des ostdeutschen wie des rumänischen Regimes bekräftigte Kim Il Sung die Entschlossenheit seines Landes, am Sozialismus festzuhalten, mit den Worten: «Wir werden zuverlässig den Frieden und den östlichen Posten des Sozialismus verteidigen.» Ob ihm das noch lange gelingen wird, ist allerdings fraglich.

 

Schwülwarme Sommer, bitterkalte Winter

Nordkorea umfasst den nördlichen Bereich der Halbinsel Korea und einen Teil des angrenzenden ostasiatischen Festlands. Im Norden bilden die Flüsse Amnok Kang und Ihman Gang die Grenze zu China sowie (auf 25 Kilometern Länge) zur Sowjetunion. Die Grenze zur Republik Korea («Südkorea») im Süden verläuft etwa in Höhe des 38. Breitengrads quer durch die Halbinsel. Mit einer Fläche von 120 538 Quadratkilometern ist Nordkorea knapp dreimal so gross wie die Schweiz und hat mit rund 22 Millionen Einwohnern ungefähr dreieinhalb mal soviele Einwohner wie diese.

Nordkorea ist überwiegend ein Gebirgsland. Im Norden und Osten steigen die zerklüfteten Bergketten vom Japanischen Meer, auch Ostmeer genannt, steil bis auf über 2500 Meter hoch und bilden teils ausgedehnte Hochplateaus. Die höchste Erhebung ist mit 2744 Metern der Paekdu San, ein alter, stark abgetragener Schildvulkan mit einem bezaubernden, von vielen Legenden umrankten Kratersee namens Chon Ji («Himmlischer See»).

Von den hohen Erhebungen im nordöstlichen Bereich Nordkoreas fällt das Land allmählich nach Westen ab, und an der Küste des Gelben Meers liegen schliesslich ausgedehnte, fruchtbare Schwemmlandebenen, die sich trichterförmig zu den Küsten hin öffnen. Besonders grossflächig ist das Küstentiefland am Unterlauf des Taedong Gang. Hier befindet sich nicht nur die «Reiskammer» des Landes, sondern auch das Zentrum der Industrie und die Hauptstadt Pyongyang. Demgegenüber ist das nördliche und östliche, von dichten Nadelwäldern überzogene Bergland ein recht dünn besiedelter, wenig genutzter Teil Nordkoreas.

Das Klima Nordkoreas ist geprägt durch grosse Unterschiede zwischen schwülwarmen Sommern und frostigen Wintern, ausgelöst durch den jahreszeitlichen Wechsel der Monsunwinde. Im Sommer bringt der Südwestmonsun warme und feuchte Luftmassen vom Gelben Meer her. Sie führen zu ergiebigen Niederschlägen und mittleren Julitemperaturen im Tiefland zwischen 21° und 27° Celsius (Pyongyang: 24°). Die Winter stehen dagegen unter dem Einfluss kalter und trockener Luftmassen, die vom Nordwesten, das heisst vom Kontinent her, wehen, und sind ausserordentlich streng. Die durchschnittlichen Monatstemperaturen liegen von November bis April unter 0° Celsius. So hat Pyongyang ein Januarmittel von -8° Celsius!

Die Nordkoreaner sind von ihrer Abstammung her ein sehr einheitliches Volk, dessen Wurzeln auf Mongolenstämme zurückgehen, welche in vorgeschichtlicher Zeit aus der Mandschurei auf die Koreanische Halbinsel einwanderten. Im Durchschnitt sind die Nordkoreaner etwas kleiner als die Chinesen und etwas grösser als die Japaner.

Vorherrschende Religion war einst der Buddhismus gewesen, der dann später vom Konfuzianismus abgelöst wurde. Letzterer ist im Grunde genommen keine Religion, sondern eine Moral-, Gesellschafts- und Staatslehre, welche auf den chinesischen Philosophen Konfuzius zurückgeht. Besonders wichtige konfuzianische Tugenden sind der Gehorsam des Jüngeren gegenüber dem Älteren, die Loyalität gegenüber den Herrschenden und die Treue unter Freunden. Ein in konfuzianischer Ethik erzogener Asiate ist sich seiner Stellung in der sozialen Hierarchie voll bewusst und nimmt die Demütigungen von oben widerspruchslos hin, um sie genauso selbstverständlich nach unten weiterzugeben.

Zwar besteht heute in Nordkorea offiziell Religionsfreiheit. Die Religionsausübung darf jedoch keinesfalls der kommunistischen Partei und ihrer Ideologie zuwiderlaufen. Die meisten Nordkoreaner haben demzufolge nur geringes Interesse für Religion oder stehen ihr sogar feindlich gegenüber.

 

Vor dem Zweiten Weltkrieg: ein Korea

Als eigener Staat existiert Nordkorea erst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Zuvor, während fast 1300 Jahren, war die Koreanische Halbinsel eine politische Einheit gewesen.

Die ersten koreanischen Staaten entstanden um Christi Geburt: Damals bildeten sich aus drei grossen Stammesgruppen die drei rivalisierenden Reiche Koguryo im Norden, Paekche im Zentrum und Silla im Süden der Halbinsel. Im Jahr 661 gelang es dem Herrscher von Silla, die beiden anderen Reiche zu erobern und die ganze Koreanische Halbinsel zu einem einzigen Staatsgebilde zu vereinen. Über drei Dynastien hinweg (Silla-Dynastie 661-935, Koryo-Dynastie 935-1392, Yi-Dynastie 1392-1910) vermochte nun Korea (trotz wiederholter Einfälle fremder Völkerschaften) seine politische Einheit zu bewahren und eine eigenständige Kultur zu entwickeln, die zu hoher Blüte gelangte. Der Konfuzianismus verdrängte den Buddhismus, die koreanische Schrift wurde erfunden, und Seoul entwickelte sich zum überragenden Machtzentrum.

Zu Beginn unseres Jahrhunderts wurde die kulturelle Entwicklung Koreas jedoch jäh unterbrochen durch den Angriff der expansionsfreudigen Japaner. Nachdem diese 1894/95 China und 1904/05 Russland besiegt hatten, besetzten sie im Handstreich auch Seoul und brachten anschliessend die ganze Halbinsel unter ihre Kontrolle. 1910, nach der erzwungenen Abdankung des letzten Yi-Herrschers, wurde Korea von Japan annektiert.

Es folgten 35 Jahre der japanischen Kolonialherrschaft (1910-1945), während der Korea zum militärischen Aufmarschgebiet für Japans Grossmachtpläne ausgebaut wurde. Mit der Errichtung einer neuzeitlichen Infrastruktur, der Realisierung grosser Landnutzungsprojekte und der Erschliessung der Minerallagerstätten sowie der Wasserkraftreserven vollbrachten die Japaner enorme Leistungen, welche Korea praktisch vom Mittelalter in die Neuzeit führten (und die nicht zu verleugnende Basis für die moderne Entwicklung der Halbinsel bildeten). Tiefe, bis heute nicht voll verheilte Wunden hinterliess jedoch die nationale und kulturelle Unterdrückung des koreanischen Volks durch die Japaner. Obschon der Schulunterricht nurmehr in japanischer Sprache stattfand und die Benutzung der koreanischen Schrift verboten war, ja die Koreaner sogar gezwungen wurden, ihre eigenen Namen zugunsten japanischer aufzugeben, blieb die koreanische Kultur im Untergrund lebendig.

Die Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg und seine Kapitulation im August 1945 brachte den Koreanern dann endlich das lang herbeigesehnte Ende der demütigenden Unterjochung.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg: zwei Korea

Leider brachte das Kriegsende den Koreanern aber nicht die erhoffte Selbständigkeit in nationaler Einheit, sondern eine krasse politische, wirtschaftliche und ideologische Teilung des Landes, die bis heute fortbesteht. Das von Japan auf der Koreanischen Halbinsel hinterlassene «Machtvakuum» wurde nämlich nicht von einer einzelnen Siegernation ausgefüllt, sondern von sowjetischen Streitkräften im Norden und von amerikanischen Truppen im Süden. Als provisorische Grenze zwischen den beiden Besatzungszonen wurde der 38. Breitengrad festgelegt.

Nachdem sich die beiden Grossmächte, zwischen denen ein ziemlich gespanntes Verhältnis bestand, über die Einrichtung einer Zentralregierung für die gesamte Halbinsel nicht einigen konnten, wurde die Angelegenheit den Vereinten Nationen unterbreitet, welche sich bereit erklärten, vorgeschlagene freie Wahlen in beiden Besatzungszonen zu überwachen.

1948 war dann tatsächlich eine UN-Kommission bei den Wahlen in der amerikanischen Besatzungszone anwesend, welche zur Gründung der unabhängigen Republik Korea («Südkorea») führten. Die Sowjetunion verweigerte dann jedoch den UN-Gesandten die Einreise in das von ihnen besetzte Gebiet und errichtete eigenmächtig am 9. September 1948 nach sowjetischem Vorbild die Demokratische Volksrepublik Korea mit einem kommunistischen Regime.

Die Spannungen zwischen den beiden Korea, welche beide für sich die Souveränität über die gesamte Halbinsel forderten, nahmen massiv zu, nachdem 1949 die amerikanischen und die sowjetischen Truppen von der Halbinsel abgezogen worden waren. 1950 fielen schliesslich nordkoreanische Truppen in Südkorea ein und versuchten, das Land mit Gewalt zu vereinigen. Der Koreakrieg nahm seinen Lauf, bei dem UN-Truppen aus 16 Ländern, hauptsächlich aber aus den USA, die südkoreanische Armee unterstützten, während auf der Seite Nordkoreas schweres sowjetisches Kriegsgerät und 200 000 chinesische «Freiwillige» zur Schlagkraft der Armee beitrugen.

Die Kämpfe hielten bis Mitte 1953 an und endeten letztlich ergebnislos mit einem Waffenstillstand und dem 38. Breitengrad als neuerlicher innerkoreanischer Grenze. Der unsinnige Krieg hatte über eine Millionen Menschenleben gefordert und den grössten Teil der Halbinsel zerstört. Ausserdem kam nun zu der territorialen Trennung noch eine tiefe ideologische Spaltung der beiden koreanischen Nationen hinzu. Die Kluft mitten durch die Koreanische Halbinsel teilt seither das Land und sein Volk in einer Schärfe, wie dies an kaum einem anderen Punkt der Erde der Fall ist.

Bis zum heutigen Tag sind Millionen koreanischer Familien getrennt, ohne auch nur den geringsten Kontakt zu ihren Angehörigen auf der anderen Seite der Grenze zu haben. Es gibt weder Post noch Telefonverbindungen und schon gar keinen Personenverkehr zwischen den beiden Korea. Während in Europa Stacheldraht und Wachtürme des «Eisernen Vorhangs» offenen Grenzen Platz machen, ist die vier Kilometer breite entmilitarisierte Zone entlang des 38. Breitengrads auf der Koreanischen Halbinsel noch immer die undurchdringlichste und tödlichste Grenzregion der Welt.

Politische Beobachter sind allerdings der Ansicht, dass die beiden koreanischen Staaten angesichts der politischen Umwälzungen im restlichen Eurasien nicht mehr länger so tun könnten, als ob der «Kalte Krieg» noch andauere. Tatsächlich gibt es zur Zeit der Drucklegung dieses Berichts gewisse Zeichen, die darauf hindeuten, dass vielleicht schon bald auch auf der Koreanischen Halbinsel etwas in Fluss geraten könnte. Beide Seiten haben jedenfalls in jüngerer Zeit davon gesprochen, durch eine Öffnung der entmilitarisierten Zone bei Panmunjom den Reiseverkehr koreanischer Zivilisten zwischen Nord- und Südkorea zu ermöglichen. Sogar von der «vollkommenen Aussöhnung» zwischen den beiden Korea war die Rede.

«Wenn sich die Worte in Taten verwandelten, könnte die Trennung der Koreanischen Halbinsel schon demnächst der Geschichte angehören. Grosse Worte und Versprechen hat es in der langen und wirren Geschichte zwischen den beiden Korea aber leider schon allzu oft gegeben.» So kommentierte kürzlich ein Journalist wenig optimistisch die gegenwärtige Entwicklung zwischen Pyongyang und Seoul. Hoffen wir mit dem koreanischen Volk, dass es diesmal ernst gilt!

 

Kim Il Sung - «die grosser Sonne der Nation»

Die zentrale Figur des 1948 von der Sowjetunion eingesetzten Regimes hiess Kim Il Sung (korean. «Il Sung» - «die künftige Sonne»). 1912 als Sohn eines Lehrers bei Pyongyang geboren und im Alter von vierzehn Jahren mit seinen Eltern in die Mandschurei ausgewandert, hatte er in den dreissiger Jahren das Kommando über eine kleine Guerillaeinheit und führte diverse, militärisch allerdings wenig bedeutsame Operationen gegen die Japaner im mandschurisch-koreanischen Grenzgebiet durch. Später kämpfte er in der sowjetischen Armee an der europäischen Front, darunter auch in der Schlacht um Stalingrad. 1945 kehrte er dann als Major der Roten Armee nach Korea zurück, und 1948 wurde er zum Premierminister der neu ausgerufenen Demokratischen Volksrepublik Korea erkoren.

Als 1972 eine neue Verfassung verabschiedet wurde und das Amt des Staatspräsidenten zu besetzen war, gab es wiederum nur einen ernsthaften Kandidaten für dieses Amt: Kim Il Sung. Als erster und bisher einziger Staatspräsident Nordkoreas verfügt Kim Il Sung über eine praktisch unbegrenzte Machtfülle: Er ist nicht nur Vorsitzender der Obersten Volksversammlung (der höchsten legislativen Körperschaft), sondern leitet auch die Sitzungen des Staatsrats (der obersten exekutiven Körperschaft) und verfügt als Oberkommandierender aller Streitkräfte über die oberste militärische Befehlsgewalt. Überdies ist er der Generalsekretär der kommunistischen Partei («Arbeiterpartei Koreas»), welche die politische Macht im Hintergrund verkörpert. Kim Il Sungs Wort ist in Nordkorea Gesetz.

Kim Il Sungs Person, sein Leben und sein Wirken wurden schon früh in mythologischer Verklärung zur Legende aufgebaut. Das Staatsoberhaupt wird heute als «verehrter und geliebter Führer», als «die grosse Sonne der Nation» und als «wohltätiger Vater des koreanischen Volkes» gepriesen. Im übersteigerten Personenkult um King Il Sung, dessen Erscheinen als «die grösste Freude und das höchste Glück für das koreanische Volk in seiner fünftausendjährigen Geschichte» gefeiert wird, verbindet sich konfuzianisches Hierarchiedenken mit buddistischen Erleuchtungsthesen und christlichem Erlöserglauben.

Es ist nicht zuletzt diese Verherrlichung Kim Il Sungs, welche dafür sorgt, dass der mittlerweile 79-Jährige das Leben «seiner» Bürger beherrscht wie wohl kein zweites Staatsoberhaupt der Erde. Ehe und Familie, Kindererziehung und Ausbildung, Arbeit und Freizeit, Wissenschaft und Kultur - alles ist den Normen und Regeln des Regimes unterworfen. Disziplin und Sauberkeit, Unterordnung und Arbeitswille sind die höchsten Ziele der «Volkserziehung», welche in Nordkorea als eine der wichtigsten Staatsaufgaben gilt.

Die «Erziehung» beginnt schon mit dem 77. Lebenstag eines Kindes in der staatlichen Kinderkrippe und setzt sich über den Kindergarten und die obligatorische elfjährige Grundschule fort. Nach dem Verlassen der Schule bestimmt der Staat den weiteren Weg des Schulabgängers gemäss seinen Qualifikationen und den Anforderungen des staatlichen Wirtschaftsplans. Entweder geht er in die Landwirtschaft oder in die Industrie, um als Facharbeiter ausgebildet zu werden. Oder er geht auf die Hochschule - sofern er nicht zuerst seine drei- bis vierjährige Militärzeit absolvieren muss.

An der Kim Il Sung-Universität in Pyongyang, welche 1946 vom Staatspräsidenten an einem persönlich ausgewählten Platz gegründet wurde, studieren an 12 Fakultäten mit 80 hervorragend ausgerüsteten Instituten gleichzeitig etwa 40 000 Studenten. Das Ziel dieser Universität sei es, so Kim Il Sung, «hervorragende Kader der Nation auszubilden, die neben einem hohen Mass an wissenschaftlichen Fähigkeiten auch über ein grosses politisches Bewusstsein verfügen und dadurch in der Lage sind, sich hingebungsvoll für das Wohlergehen und die Entwicklung der Nation einzusetzen».

Neben Schule und Hochschule spielen zahlreiche grosse Massenorganisationen eine wichtige Rolle in der «Erziehung» des Volks. Das beginnt mit der Pfadfinderorganisation, der alle Kinder vom 8. bis zum 14. Lebensjahr angehören, und setzt sich über verschiedene Jugendorganisationen fort bis zu den Gewerkschaften, den Frauenorganisationen und den Zirkeln zum Studium der Schriften Kim Il Sungs. In diesen Massenorganisationen, welche vollständig die Richtlinien der kommunistischen Partei vertreten, sollen die Mitglieder lernen, die ihnen vom Staat gestellten Aufgaben freiwillig und mit Begeisterung zu erfüllen.

Im übrigen steht die gesamte Presse, das Radio und das Fernsehen unter der Aufsicht des Staats, und nur die staatliche Zentrale Pressestelle darf innerhalb des Lands Nachrichten verbreiten. So spielen auch die Massenmedien bei der «Erziehung» der Bevölkerung eine äusserst wichtige Rolle.

Kim Il Sung hat es ausgezeichnet verstanden, die traditionelle, auf konfuzianischer Lehre fussende Gesellschaftshierarchie durch seine Parteihierarchie zu ersetzen. So kommt es, dass die Bevölkerung heute - zu ehrerbietiger Zurückhaltung gegenüber allen höhergestellten Personen erzogen - widerspruchslos die enorme Kluft akzeptiert zwischen dem «normalen» Volk und den höheren Parteifunktionären, die sich nur in staatseigenen Limousinen bewegen, in speziellen «Diplomatenläden» einkaufen und im Theater eigene Eingänge benutzen. Auch für das Phänomen des übersteiger ten Personenkults um Kim Il Sung scheint der Schlüssel im Nachwirken der jahrtausendealten konfuzianischen Ethik zu liegen.

All dies soll keinesfalls heissen, dass es der nordkoreanischen Bevölkerung materiell schlecht geht. Unter Kim Il Sungs Führung erzielte Nordkorea rasche Fortschritte beim Wiederaufbau des Lands nach dem Koreakrieg und bei der Um wandlung des einstigen Agrarlands in einen Industriestaat (was bereits mit der japanischen Besetzung begonnen hatte). Der Staat, der laut Verfassung die Verantwortung für das materielle Wohlbefinden seiner Bürger trägt, erfüllt diese Aufgabe sehr gut. So sorgt er für billigen Wohnraum, gewährt massive Nahrungssubventionen und leistet Zuschüsse für Bekleidung an Studenten und Kinder. Die werktätige Bevölkerung hat alljährlich Anrecht auf einen mehrwöchigen bezahlten Urlaub. Arbeitende Mütter erhalten einen Mutterschaftsurlaub von 77 Tagen. Bei Krankheit oder Unfall ist Lohnfortzahlung die Regel. Der bezahlte Ruhestand ist bei Männern nach dem 60., bei Frauen nach dem 55. Lebensjahr möglich. Der Staat sorgt für Waisenhäuser und Altenheime. Und die Benutzung des Gesundheitsdienstes ist ebenso kostenlos wie der gesamte Schulbesuch.

Der Preis, den die Nordkoreaner für diesen nicht unbeachtlichen materiellen Wohlstand bezahlen müssen, ist jedoch ausserordentlich hoch und heisst Verlust jeglicher Individualität und persönlichen Freiheit.

 

 

 

Nachtrag 1998:


Um sein Lebenswerk über den eigenen Tod hinaus zu bewahren, bestimmte Kim Il Sung 1992 seinen erstgeborenen Sohn, Kim Jong Il, zum «Thronfolger». Die Revolution, so liess er verlauten, werde frühestens nach einer weiteren Generation vollendet sein. Und wer könnte besser mit seinen Gedanken vertraut sein, wer könnte vertrauenswürdiger und loyaler sein als sein leibhaftiger Sohn?

Tatsächlich trat diese erste dynastische Erbfolge in der Geschichte des Kommunismus auch ein: Nach dem Tod seines Vaters Kim Il Sung im Jahr 1994 hatte der öffentlichkeitsscheue Kim Jong Il, über dessen Eigenschaften so gut wie nichts bekannt ist, zunächst den Oberbefehl über Nordkoreas Armee übernommen. Dann hörte man drei Jahre lang kaum mehr etwas von ihm. Kim Jong Il wolle eine dreijährige Trauer für seinen Vater befolgen, hiess es aus offiziellen nordkoreanischen Kreisen. Die westlichen Nordkorea-Experten waren hingegen der Ansicht, dass «der junge Kim das Denkmal seines Vaters nicht so schnell vom Sockel stossen konnte, ohne seine eigene Legitimation zu gefährden». Wie auch immer: Im Herbst 1997 wurde Kim Jong Il zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei ernannt, und es dauert wohl nicht mehr lange, bis er auch den Titel des Staatspräsidenten tragen wird. Damit wäre dann der von Kim Il Sung rechtzeitig in die Wege geleitete Machttransfer komplett ­ und die Chance auf eine politische Erneuerung Nordkoreas vorerst vertan.

Ein unvorhersehbares «Hindernis» konnte Kim Il Sung seinem Sohn Kim Jong Il allerdings nicht aus dem Weg räumen: Obschon der Staat laut Verfassung die Verantwortung für das materielle Wohlbefinden seiner Bürger trägt ­ und dies während der Amtszeit von Kim Il Sung auch umfänglich tat ­ geht es der nordkoreanischen Bevölkerung heute materiell miserabel. Hunger geht um. Die täglichen Reisrationen, welche die Nordkoreaner seit Jahrzehnten zweimal monatlich bei den Behörden abholen, sind von 800 Gramm auf 200 gekürzt worden. Fleisch gibt es nicht, Gemüse selten. Wer Grünzeug essen möchte, muss in die Wälder gehen und Wurzeln sammeln. Erst suchten 1995 und 1996 Flutkatastrophen, ausgelöst durch verheerende Regenfälle, das Land heim und vernichteten fast die gesamte Reisernte. Dann bewirkte 1997 eine ungewöhnliche Dürre schlimme Missernten auf den Feldern.

Ohne Vorräte, ohne Devisen für Importe und ohne Rückendeckung durch den einstigen «Ostblock» hat Nordkorea nun erstmals in seiner Geschichte den Westen um Hilfe bitten müssen. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union wie auch Japan und Südkorea, ja selbst der Klassenfeind USA, helfen. Pyongyang ist tief gedemütigt ­ umsomehr, als es mangels moderner Maschinen, Energie und Mineraldünger zur Wiederherstellung der Agrarproduktion zweifellos noch geraume Zeit auf ausländische Unterstützung angewiesen sein wird. Nordkorea vermag seine Abschottungspolitik nicht weiter fortzuführen ­ was manche jetzt auf die überfällige Öffnung des Regimes hoffen lässt.

 

 

 

Bildlegenden

Nordkoreas Hauptstadt Pyongyang (deutsch auch «Pjöngjang»), am Unterlauf des Taedong Gang gelegen, ist eine moderne Stadt, welche nach den schweren Zerstörungen im Koreakrieg vollständig neu aufgebaut wurde. Das Monument mit der roten Flamme an der Spitze, welches das Stadtbild Pyongyangs beherrscht, ist 170 Meter hoch und symbolisiert die «Juche» genannte nordkoreanische Parteiideologie, welche die feste Entschlossenheit zur politischen Unabhängigkeit und zur wirtschaftlichen Eigenständigkeit beinhaltet.

Um nicht durch den Zwang zu Treibstoffimporten in eine alzu starke Abhängigkeit vom Ausland zu geraten, erlaubt die nordkoreanische Regierung den Privatbesitz von Autos ausser für hochgestellte Parteifunktionäre nicht. Die grosszügig angelegten Strassen Pyongyangs sind darum nur schwach und hauptsächlich von Militärfahrzeugen, öffentlichen Bussen und Staatskarossen befahren.

Arbeitende Nordkoreaner haben Anrecht auf zwei bis vier Wochen Ferien pro Jahr. Viele von ihnen verbringen ihren Urlaub in den reizvollen Berglandschaften des Nordostens, wo mancherorts grosse Feriendörfer erstellt wurden. Beliebt ist aber auch ein Aufenthalt am Meer, so etwa in Wonsan, einem bekannten Badeort mit langem Sandstrand an Nordkoreas Ostküste.

Disziplin, Sauberkeit, Unterordnung und Arbeitswille sind die höchsten Ziele der «Volkserziehung», welche die nordkoreanischen Bürger von klein auf und ihr Leben lang erhalten. Massenveranstaltungen und Uniformen spielen im Rahmen dieser sozialistischen Schulung eine wichtige Rolle: Sie tragen wesentlich zur Unterdrückung etwaiger Individualitäet im Denken und Handeln des Einzelnen bei.

Nordkoreas Staatschef heisst seit 1948 Kim Il Sung, dessen Leben und Wirken bereits zu Lebzeiten zu einer grossartigen Legende aufgebaut worden sind. Zum Ritual des Personenkults, der um Kim Il Sung getrieben wird, gehören nicht zuletzt auch Verbeugungen vor seinem Bildnis wie etwa dieser aus weissem Marmor geschaffenen, überlebensgrossen Statue im «Museum der Völkerfreundschaft».

Der «Ort der Begegnung» Panmunjom liegt direkt an der Grenzlinie zwischen Nord und Südkorea. Mitten durch die vier Baracken, in denen seit 1971 regelmässig ergebnislose Verhandlungen zwischen den beiden verfeindeten Korea stattfinden, verläuft als niedriger Betonsockel die Grenzlinie. Die im Bild vordere Seite der Baracken ist nordkoreanisches Territorium; die hintere Seite gehört zu Südkorea.




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