Okapi

Okapia johnstoni


© 1984 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Das Okapi (Okapia johnstoni) ist im Herzen Afrikas, in den mächtigen Regenwäldern Zaires, zuhause. Sein undurchdringlicher Lebensraum und seine verborgene Lebensweise liessen es zu einem der letzten Grossäugetiere werden, die der Wissenschaft bekannt wurden. Die Entdeckung des auffällig gezeichneten Okapis zu Beginn unseres Jahrhunderts galt weltweit als zoologische Sensation sondergleichen.

 

Eine «Kurzhalsgiraffe»

Das Okapi ist eng verwandt mit der Giraffe (Giraffa cameleopardis). Mit dieser zusammen wird es in die Paarhufer-Familie Giraffidae gestellt. Zwar sehen sich Okapi und Giraffe oberflächlich betrachtet nicht besonders ähnlich. Ein paar auffällige Körpermerkmale, welche beiden Arten gemeinsam sind, bei den übrigen Huftieren hingegen fehlen, lassen ihre Verwandtschaft aber leicht erkennen.

Zu diesen Merkmalen zählen beispielsweise ihre Stirnzapfen, die bei der Giraffe von beiden Geschlechtern, beim Okapi nur vom Männchen getragen werden. Diese knöchernen Schädelfortsätze unterscheiden sich von den Stirnwaffen der Hirsche (Familie Cervidae) dadurch, dass sie nicht jährlich abgestossen und erneuert werden, sondern feste Bildungen darstellen. Sie erinnern damit an die Hörner der Rinder und Antilopen (Familie Bovidae), unterscheiden sich aber von diesen wiederum dadurch, dass sie keine Hornscheide besitzen, sondern mit Haut überzogen sind.

Ein weiteres Kennzeichen der Giraffidae sind ihre niedrigkronigen Backenzähne, die mit kantig gewelltem Schmelz überzogen sind. Bei allen anderen Säugetieren ist die Schmelzhülle der Zähne glatt. Dieses Merkmal ist derart einmalig, dass es keinen Zweifel an der engen Verwandtschaft von Okapi und Giraffe lässt.

Verglichen mit den meisten anderen Säugetier-Familien haben sich die Giraffidae in der Stammesgeschichte verhältnismässig spät herausgebildet. Sie sind erst im frühen Miozän - vor rund 15 Millionen Jahren - aus hirschartigen Tierformen hervorgegangen. Schon bald waren die Giraffen eine formenreiche und weitverbreitete Paarhufer-Familie. Arten mit oft riesigen und absonderlich geformten Hörnern gehörten dazu. Das Sivatherium beispielsweise, das die Grösse eines Elefanten erreichen konnte, hatte vier mächtige Stirnzapfen, von denen die beiden hinteren an ein schaufelförmiges Elchgeweih erinnerten. Bis zum Ende des Pleistozäns - vor rund 20 000 Jahren - kam die Familie nicht nur in Afrika, sondern auch in den gemässigten Zonen Europas und Asiens vor. Heute sind Okapi und Giraffe die beiden letzten Überlebenden dieser einst sehr erfolgreichen Tierfamilie.

Mit einer Schulterhöhe von 160 Zentimetern und einem Gewicht von 250 Kilogramm ist das Okapi wesentlich kleiner und leichter als die Giraffe. Auch ist sein Hals bedeutend kürzer als bei seinem grossen Vetter. Wie bei der Giraffe sind aber beim Okapi die Vorderbeine länger als die Hinterbeine, sodass der Rücken des Tieres nach hinten abfällt. Bei den meisten anderen Wiederkäuern trifft eher das Gegenteil zu. Und wie bei der Giraffe sind die Beine des Okapis im Verhältnis zur Körperlänge sehr lang. Diese überlangen Beine haben bei beiden Arten dieselbe charakteristische Gangart zur Folge, bei der jeweils die Beine einer Seite ungefähr gleichzeitig nach vorne bewegt werden. Durch diesen «Passgang» wird ein Gegeneinanderschlagen der Beine vermieden. Beim Galopp greifen die Hinterbeine aussen an den Vorderbeinen vorbei.

 

Okapis sind Waldgiraffen

Bei Ausgrabungen in Tansania sind Überreste eines ausgestorbenen Okapis (Okapia stillei) zusammen mit Knochen einer fossilen Giraffe (Giraffa jumae) in zwei Millionen Jahre alten Gesteinsschichten gefunden worden. Diese Funde zeigen, dass die beiden Tierformen einst denselben Lebensraum bewohnten. Für die heutigen beiden Giraffidae-Arten trifft das nicht mehr zu: Die Giraffe ist ein ausgesprochener Bewohner der weiten afrikanischen Savannen. Der Lebensraum des Okapis hingegen ist der tropische Regenwald.

Als eine Anpassung an das Leben im dichten Pflanzenwuchs des Urwalds ist unter anderem die markante Zeichnung des Okapis zu verstehen: Auf dunkel kastanienbraunem Grund weisen seine Vorder- und Hinterbeine eine scharf abgegrenzte, weisse Streifenzeichnung auf. Deren Form ist von Tier zu Tier verschieden. Die Unterschenkel sind weiss mit schwarzen Abzeichen. Und die Kopfseiten sind hellgrau gefärbt. Diese im Freien auffällige Körperzeichnung vermittelt ohne Zweifel eine wirkungsvolle Tarnung im Zwielicht des tropischen Urwalds: Schon auf kurze Entfernung lösen sich die Körperumrisse des Tiers auf. Es verschmilzt regelrecht mit seiner Umgebung.

Eine weitere Anpassung an das Leben im Pflanzengewirr des tropischen Regenwalds ist das gut ausgebildete Gehör des Okapis. Da es am Waldboden praktisch keine Luftströmungen gibt, ist das Witterungsvermögen nicht so wichtig für das Überleben. Auch sind die Augen in dieser Umgebung nur von geringem Nutzen, da das Blickfeld in der Regel sehr beschränkt ist. Das Okapi hat daher zum Schutz vor Feinden ein besonders feines Gehör entwickelt.

 

Blätter sind seine Hauptnahrung

Das Okapi ist in seinem Vorkommen auf ein einziges, allerdings riesenhaftes Land beschränkt: Zaire. Mit einer Fläche von über 2,3 Millionen Quadratkilometern ist Zaire fast zehnmal so gross wie die Bundesrepublik Deutschland. Beinahe die Hälfte dieser Fläche ist mit üppigem tropischem Tiefland-Regenwald bedeckt. Im nördlichen Teil des Lands - zwischen dem Oubangoui Fluss im Westen und der Semliki-Region im Osten - bildet diese reiche Planzengesellschaft die Heimat des Okapis. Früher wurde gelegentlich behauptet, dass Okapis auch im Westteil des benachbarten Ugandas vorkämen. Dies hat sich aber als unrichtig erwiesen.

Über das Leben des Okapis in freier Wildbahn wissen wir nicht sehr viel. Die wenigen Kenntnisse, die wir über seine Gewohnheiten haben, entstammen zur Hauptsache den Berichten eingeborener Jäger und den Beobachtungen an gefangen gehaltenen Tieren.

Das Okapi ernährt sich hauptsächlich von allerlei Blättern, die es im Untergeschoss des Urwalds von Sträuchern, Büschen und Jungbäumen abäst. Selten hält es sich in Waldgebieten mit geschlossenem Kronendach auf, denn dort gedeiht im ewigen Dämmerlicht nur wenig Unterwuchs. Das Okapi bevorzugt Gebiete mit üppigem Jungwuchs, wie es sie im Bereich natürlicher oder allenfalls auch menschbedingter Waldlichtungen sowie in Gewässernähe antrifft. Hier findet die schöne Waldgiraffe ein reiches Nahrungsangebot; hier ist ihre eigentliche Lebensstätte.

Im Gegensatz zu den meisten Antilopen beisst das Okapi selten ganze Zweige ab, sondern streift mithilfe seiner spezialisierten Zähne lediglich die Blätter und Knospen von den Zweigen. Wie die Giraffe besitzt das Okapi eine besonders lange Zunge von ausserordentlicher Beweglichkeit. Mit ihr kann es bei gestrecktem Hals Zweige bis in drei Metern Höhe erfassen und zu sich heranziehen.

Wie die meisten waldbewohnenden Tiere leben Okapis die meiste Zeit des Jahres als Einzelgänger. Nur zur Paarung vergesellschaftet sich das Weibchen für zwei bis drei Wochen mit einem Bullen. Nach einer Tragzeit von 425 bis 491 Tagen bringt es im allgemeinen ein einzelnes Kalb zur Welt. Das Neugeborene wiegt bei der Geburt 20 bis 24 Kilogramm und trägt eine schmale, schwarze Nackenmähne, die nach kurzer Zeit verschwindet. In freier Wildbahn scheinen die Jungen vorwiegend während der Regenzeit - zwischen August und Oktober - zur Welt zu kommen.

 

Erst 1901 entdeckt

Erste unbestimmte Berichte über ein grosses, wissenschaftlich noch nicht beschriebenes Säugetier, welches in den unerforschten Kongo-Urwäldern lebt, erreichten Europa gegen Ende des 19. Jahrhunderts. So hatte beispielsweise der berühmte Entdecker Henry Stanley auf seiner Kongoexpedition im Jahre 1883 mit Verwunderung zur Kenntnis genommen, dass die waldbewohnenden Pygmäen über seine Pferde nicht erstaunt waren, sondern erzählten, ähnliche Tiere kämen auch in ihren Wäldern vor. Etwa zur selben Zeit hatte Stanleys Zeitgenosse Colmant festgestellt, dass die Eingeborenen der Ibembo-Region ungewöhnliche Gürtel trugen, die von einem noch unbekannten Tier stammen mussten. Und ein Oberst Marchand hatte sogar ein lebendes Individuum einer ihm rätselhaft erscheinenden, gestreiften Tierart gesehen.

Alle diese Berichte liessen die Naturwissenschaftler in Afrika aufhorchen. Sir Harry Johnston gelang es schliesslich im Jahre 1900 nach beträchtlichen Anstrengungen, zwei Hautstreifen des geheimnisvollen Tieres zu beschaffen. Er schickte die Fellstücke dem Säugetierfachmann Dr. P. Sclater von der Königlichen Zoologischen Gesellschaft in London. Worauf dieser - noch im Dezember desselben Jahres - eine neue Tierart bekanntgab mit dem wissenschaftlichen Namen "Equus (?) johnstoni" was wörtlich "Pferd des Johnston" bedeutet. Mit dem Fragezeichen nach dem Gattungsnamen drückte er seine Zweifel darüber aus, ob das Tier wirklich in die Verwandtschaft der Pferde, Zebras und Esel gehöre.

Seine Zweifel wurden schon ein halbes Jahr später geklärt. Johnston war es inzwischen gelungen, ein vollständiges Fell und zwei Schädel des Tiers nach London zu schicken. Und die Kopfknochen verrieten, dass das Tier nicht mit den Pferdeartigen, sondern mit der Giraffe verwandt war. Aus «Johnstons Pferd» wurde - vom Eingeborenennamen "Okhapi" abgeleitet - Okapia johnstoni.

Dass ein Grossäugetier, welches noch dazu auffällig gezeichnet und ungewöhnlich geformt ist, der westlichen Welt so lange verborgen geblieben war, bildete weltweit eine der ganz grossen Sensationen der Jahrhundertwende.

 

Allgegenwärtiger Räuber: der Mensch

Als einziger natürlicher Feind des Okapis kommt allenfalls der Leopard (Panthera pardus) in Frage. Es scheint aber, dass sich die gefleckte Grosskatze in den äquatorialen Regenwäldern Afrikas im allgemeinen von kleineren Beutetieren wie Affen, Duckern usw. ernährt.

Seit Jahrhunderten aber werden Okapis durch den Menschen bejagt. Die waldbewohnenden Pygmäen schätzen nicht nur das Fleisch der Tiere. Auch das samtene Fell der Waldgiraffe ist für allerlei Ziergegenstände sehr begehrt.

Da es schwierig ist, die scheuen Tiere in ihrem undurchdringlichen Lebensraum mit Pfeil und Bogen zu jagen, werden Okapis hauptsächlich in Fallgruben oder in Schlingen gefangen, die auf vielbegangenen Wechseln ausgelegt werden. Herbert Lang beschrieb im Jahre 1918 eine weitere Jagdmethode, bei der Okapis in Netze getrieben wurden, welche zwischen Bäumen aufgespannt waren. Diese Jagdart war mächtigen Häuptlingen vorbehalten, da eine grosse Zahl von Treibern erforderlich war. Lang berichtete, wie der einflussreiche Mangbetu-Häuptling Zebandra auf diese Weise - von 800 Treibern unterstützt - innerhalb einer Woche elf Okapis erlegte.

Obwohl das Okapi seit 1933 unter gesetzlichem Schutz steht, wird es auch heute noch bejagt. Mitte der siebziger Jahre stellte der belgische Zoologe Jacques Verschuren fest, dass in der Wamba-Region im Nordosten Zaires, wo das Okapi ziemlich häufig vorkommt, regelmässig Fleisch und Fell des schönen Tiers auf den Markt gelangen. Welche Auswirkungen die Bejagung des Okapis durch die ansässige Bevölkerung hat, ist nicht bekannt. Seit der Entdeckung der eleganten Waldgiraffe zu Beginn unseres Jahrhunderts scheint sich ihre Verbreitung allerdings kaum verändert zu haben. Wie gross der Bestand des Okapis insgesamt sein mag, kann niemand schätzen. Es dürfte sich aber um mehrere tausend Tiere handeln und nicht - wie früher angenommen wurde - nur um 500 bis 600 Tiere.

 

Die Zukunft des Okapis

Auf lange Sicht ist die Zukunft des Okapis untrennbar mit der Zukunft des Regenwalds, in dem es lebt, verknüpft. Wird der Wald in Zaire gerodet, so ist das Schicksal der Kurzhalsgiraffe besiegelt. Glücklicherweise sind grosse Teile ihres Verbreitungsgebiets vorderhand noch nicht von der Abholzung bedroht. Auch ist der Druck der menschlichen Bevölkerung auf die Wälder Zaires noch sehr gering. Die Vorliebe des Okapis für Waldgebiete mit dichtem Unterwuchs bedeutet im übrigen, dass geringfügige Störungen seines Lebensraums sogar zu seinem Vorteil sein können. Aus Gebieten, in denen die Störungen durch den Menschen gross sind, scheint es allerdings abzuwandern.

Soll das Überleben des Okapis langfristig gesichert werden, so müssen Waldgebiete als Reservate oder Nationalparks unter Schutz gestellt werden. Zaire besitzt bereits mehrere gut ausgebaute Nationalparks, von denen mindestens zwei - der Maiko- und der Virunga-Nationalpark - Okapis beherbergen. Eine kleine Forschungsstation bei Epulu hält mehrere Okapis, die aus der näheren Umgebung stammen, in grossen Freigehegen. In dieser Region soll ein spezielles Okapi-Schutzgebiet geschaffen werden.

Der World Wildlife Fund (WWF) und die Internationale Union für Naturschutz (IUCN) haben zur Erhaltung des Okapis und anderer einzigartiger Bewohner der Regenwälder Zaires sowohl fachlich als auch finanziell beigetragen. Durch das Bereitstellen von Geländefahrzeugen und Funkgeräten beispielsweise konnte der Schutz des Maiko- und des Virunga-Nationalparks entscheidend verbessert werden.




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