Orang-Utan

Pongo pygmaeus


© 1989 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Orang-Utan ist ein treffender Name für den grossen, rotzotteligen Menschenaffen, der auf den indomalaiischen Inseln Sumatra und Borneo zu Hause ist. Der indonesische Begriff orang hutan bedeutet nämlich «Waldmensch», und tatsächlich hält sich der menschenverwandte Affe in seiner Heimat ausschliesslich in den tropischen Regenwäldern auf.

Unzählige Legenden umwuchern den Orang-Utan. Eine besonders hübsche befasst sich mit der Herkunft des «Waldmenschen». Sie berichtet von zwei vogelähnlichen Kreaturen, welche die Schöpfer allen Lebens waren. Die beiden schufen alle möglichen Arten von Tieren. Als sie schliesslich den Menschenmann und die Menschenfrau ins Leben gerufen hatten, waren sie auf ihr Werk so stolz, dass sie ein grosses Fest veranstalteten. Tags darauf wollten
sie noch mehr Wesen von dieser Sorte herstellen. Aber nach den Ausschweifungen der vorangegangenen Nacht vergassen sie eine wichtige Zutat - und heraus kam der Orang Utan.

Von den Wissenschaftlern der westlichen Welt wurde der Orang-Utan vor rund 200 Jahren entdeckt. Gesicherte Kenntnisse über sein Leben in freier Wildbahn blieben jedoch bis in die jüngste Zeit hinein Mangelware. Im Verlauf der letzten 20 Jahre wurde allerdings ausgiebige Feldforschung betrieben, weshalb der Orang-Utan heute zu den bekannteren Affenarten zu zählen ist.

 

Das grösste baumlebende Tier

Der Orang-Utan (Pongo pygmaeus) ist der grösste asiatische Affe und weltweit das grösste baumlebende Tier. Erwachsene Männchen erreichen eine Standhöhe bis 137 cm und ein Gewicht von 60 bis 90 kg. Die Weibchen sind deutlich kleiner und wiegen nur etwa halb so viel.

Interessanterweise ist der Orang-Utan der einzige unter den Menschenaffen, der sich überwiegend im Kronenbereich der Bäume aufhält. Seine afrikanischen Vetter, der Gorilla, der Schimpanse und der Zwergschimpanse, sind hauptsächlich bodenlebende Tiere. Mit seinen langen Armen und den hakenförmigen Greifhänden und -füssen ist der Orang-Utan glänzend an die Fortbewegung im Geäst angepasst. Ruhig, fast gemächlich, bewegt er sich als vierfüssiger Schwingkletterer durch das Kronendach des Regenwalds. Um Lücken zwischen zwei Bäumen zu überwinden, setzt er geschickt sein grosses Gewicht ein: Er bringt die Baumkrone, in der er sich befindet, so lange ins Schwanken, bis er schliesslich einen Ast des nächsten Baums zu fassen bekommt. Dann schwingt er sich elegant hinüber. Ausgewachsenen Orang-Utan-Männchen fällt die Fortbewegung mit zunehmendem Alter immer schwerer. Auf den Streifzügen durch ihr Wohngebiet steigen sie darum häufig auf den Waldboden hinunter und legen kurze Strecken zu Fuss zurück.

Jung und alt, Männchen und Weibchen verbringen auch die Nacht im Kronenbereich der Urwaldbäume. Wenn die Dämmerung sich über den Regenwald legt und die Zikaden ihr klagendes Konzert anstimmen, baut sich jeder «Waldmensch» ein Nest: Mit seinen starken Armen biegt und bricht er in luftiger Höhe belaubte Zweige zusammen und bereitet sich so eine federnde Unterlage, auf der er bis zum nächsten Morgen bequem ruht.

 

Sein leistungsfähiges Gehirn dient der Orientierung

Der Orang-Utan ernährt sich überwiegend von Früchten: Etwa 60 Prozent seiner Nahrung bestehen aus diesen nahrhaften, saftigen Pflanzenprodukten. Zu den bevorzugten Waldfrüchten gehören bekannte tropische Sorten wie Mangos, Feigen, Zibetfrüchte, Litschipflaumen und Jackfrüchte, die ja auch dem Menschen sehr gut schmecken. Daneben nimmt der Orang-Utan gerne zarte, junge Blätter und Blattsprossen zu sich. Und er frisst auch regelmässig Insekten, mineralhaltige Erde, Baumrinde und Lianen, gelegentlich sogar Eier und kleine baumlebende Wirbeltiere. Seine Zähne sind recht kräftig und gut geeignet, zähe, stachelige Fruchtschalen, harte Nüsse und Baumrinde aufzubrechen und zu zermalmen.

Wasser trinkt der Orang-Utan aus Baumlöchern. Er taucht seine Hand in ein Loch und saugt dann das Wasser auf, das von seinem behaarten Handgelenk tropft.

Bei der Futtersuche bewegen sich die Orang-Utans langsam durch das Kronendach ihres Wohngebiets. Mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit finden sie dabei die ergiebigsten Fruchtbäume. Ganz offensichtlich kennen sie nicht nur die Standorte der einzelnen Bäume in dem von ihnen bewohnten Waldstück ganz genau, sondern wissen auch über den Reifegrad von deren Früchten Bescheid. Ausserdem vermögen sie das Vorhandensein lohnenswerter Fruchtquellen auch aus dem Verhalten anderer Früchtefresser des Regenwalds - Gibbons, Hornvögeln und Tauben beispielsweise - abzuleiten. John MacKinnon, der Ende der sechziger Jahre eine dreijährige Feldstudie über Orang-Utans durchführte, begegnete einmal beim Kontrollieren der früchtetragenden Zibetbäume in seinem Studiengebiet einem jungen Orang Utan-Mann, der hoch über seinem Kopf in genau dieselbe «Aufgabe» vertieft war wie er und dabei ebenfalls immer den kürzesten Weg von einem Baum zum anderen wählte...

Orang-Utans haben ein ebenso grosses Gehirn wie Schimpansen und Gorillas, und zahme Individuen erreichen bei Intelligenztests ebenso hohe Punktzahlen wie jene. Diese grosse Leistungsfähigkeit des Gehirns ist zweifellos auf den präzisen Orientierungssinn und das gute Gedächtnis für den Fruchtzyklus der verschiedenen Regenwaldbäume zurückzuführen.

Die erstaunliche Intelligenz des Orang-Utans hat den amerikanischen Zoologen Gary Shapiro dazu bewogen, einem jungen, zahmen Orang-Utan-Weibchen namens «Princess», das man auf die Auswilderung vorbereitete, die amerikanische Zeichensprache «Ameslan» beizubringen. In seiner Station verkehrten die auszuwildernden Orang-Utans ungehindert mit ihren wildlebenden Artgenossen, und Shapiro hoffte, Princess könnte ihm später über die Tätigkeiten der freilebenden Orang-Utans berichten. Obschon Princess sich als gelehrige Schülerin erwies und sich einen beachtlichen Wortschatz aneignete, plauderte sie leider nie «aus der Schule». So sind wir denn weiterhin auf die mühselige Kleinarbeit der Feldforscher angewiesen, um Näheres über die Lebensweise der «Roten Affen» zu erfahren.

 

Orang-Utan-Kinder haben keine Spielgefährten

Orang-Utans leben im Gegensatz zu ihren afrikanischen Verwandten überwiegend einzelgängerisch. Nur zum Zweck der Fortpflanzung kommen Männchen und Weibchen von Zeit zu Zeit kurz zusammen. Jedes erwachsene Tier besitzt ein festes Wohngebiet, in welchem es jeden Winkel kennt. Dieses kann mehrere Quadratkilometer gross sein und überlappt oder deckt sich sogar mit den Bezirken mehrerer benachbarter Artgenossen. Während ihrer ersten Lebensjahre besitzen die Orang-Utan-Kinder daher kaum Spielgefährten - abgesehen von ihrer Mutter und allenfalls noch einem älteren Geschwister.

Etwa im Alter von sieben Jahren lösen sich die heranwachsenden Jungtiere von ihrer Mutter und gehen dann ihre eigenen Wege. Solche Halbwüchsigen verbinden sich oftmals mit Gleichaltrigen, um ausgiebig miteinander zu spielen und zeitweilig zusammen umherzuziehen. Nach der Geschlechtsreife, die mit etwa zehn Jahren eintritt, werden sie dann aber zunehmend ungeselliger und entwickeln sich allmählich zu strikten Einzelgängern. Selbst wenn sich mehrere ausgewachsene Orang-Utans auf demselben Nahrungsbaum begegnen, so kümmern sie sich nicht umeinander. Jeder frisst für sich allein und zieht, wenn er gesättigt ist, wieder seines Wegs.

Trotz dieses offensichtlichen Desinteresses füreinander kennen freilebende Orang-Utans jedoch alle Artgenossen, deren Wohngebiete sich mit dem ihrigen überschneiden, persönlich und wissen über deren Aufenthaltsort recht genau Bescheid.

Besonders die hochrangigen Männchen sind gegenseitig gut über ihren jeweiligen Aufenthaltsort informiert, denn sie machen sich von Zeit zu Zeit mit dem sogenannten «langen Ruf» bemerkbar. Es handelt sich dabei um ein lautes Gebrüll, das zu einem bellenden Crescendo ansteigt und mit einem sanften Grunzen ausklingt. Die ganze Lautfolge dauert ein bis zwei Minuten. Die Wissenschaftler streiten sich noch um die genaue Funktion dieses Rufs. Vertreibt der Orang Utan-Mann damit andere Männchen aus seinem Revier? Will er damit empfängnisbereite Weibchen anlocken? Oder will er einfach die anderen Mitglieder der Gemeinschaft über den Aufenthaltsort des «Paschas» informieren? Vermutlich hat der lange Ruf alle drei Funktionen zusammen.

Die hochrangigen Männchen gehen einander nach Möglichkeit aus dem Weg. Wenn aber doch einmal zwei der imposanten «Waldmänner» aufeinandertreffen, so erfolgt vorerst ein gegenseitiger Einschüchterungsversuch auf Distanz: Die beiden Tiere starren einander «böse» an, blähen ihren Kehlsack, rütteln im Gezweig, brechen Aeste ab und schreien manchmal. Auf diesen «Nervenkrieg» hin zieht sich in der Regel eines der beiden Männchen unvermittelt zurück und macht sich zu Fuss via Waldboden aus dem Staub. Manchmal kommt es aber auch zum Kampf. Dabei packen und beissen die Rivalen einander solange, bis einer von ihnen genug hat und das Weite sucht. Als Folge solcher Kämpfe weisen die meisten ausgewachsenen Männchen Narben im Gesicht oder gebrochene Finger auf.

Orang-Utans haben in freier Wildbahn eine Lebenserwartung von etwa 35 Jahren. In Menschenhand sind einzelne Tiere aber schon 50 Jahre alt geworden. Die Weibchen sind etwa bis zum 30. Altersjahr fortpflanzungsfähig. Da sie - nach Eintritt der Geschlechtsreife - durchschnittlich nur alle sechs Jahre ein einzelnes Junges zur Welt bringen, vermag jedes Weibchen im Laufe seines Lebens höchstens vier bis fünf Kinder grosszuziehen.

 

Etwa 5000 Orang-Utans sind alljährlich dem Untergang geweiht

Orang-Utans haben nur wenige natürliche Feinde. Junge Tiere scheinen mitunter einem Nebelparder oder einem Python zum Opfer zu fallen, und es gibt Hinweise darauf, dass ältere, gebrechliche und darum hauptsächlich bodenlebende Männchen manchmal von Rothund- oder Wildschweinrudeln angefallen, getötet und gefressen werden. Davon abgesehen haben die «Waldmenschen» in ihrem Reich hoch über dem Urwaldboden kaum etwas zu befürchten...

...wenn der Mensch nicht wäre! Von alters her wird der «Rote Affe» von den Eingeborenen seines Fleischs wegen oder zum Beweis der Männlichkeit bejagt. In jüngerer Zeit wurden zudem vielfach Orang-Utan-Mütter erschossen, um an ihre Jungen zu gelangen und diese dann als Heimtiere anzubieten. Das strikte Verbot des fatalen Babyfangs und -handels in Indonesien wie in Malaysia haben diese Unsitte erfreulicherweise stark eingeschränkt. Und auch die überhandnehmende Bejagung des Orang-Utans konnte dank wirksamem Vollzug der Naturschutzgesetze wesentlich eingedämmt werden.

Eine mächtige Gefahr für den Orang-Utan stellt aber der Verlust seines natürlichen Lebensraums dar. Sowohl auf Sumatra als auch auf Borneo werden Jahr für Jahr weite Flächen tropischen Regenwalds gerodet, um den Hunger der westlichen Welt nach Edelhölzern und denjenigen der ansässigen Bevölkerung nach landwirtschaftlichen Anbauflächen zu stillen. Im Norden und im Osten Borneos fielen zudem ausgedehnte Waldgebiete den verheerenden Waldbränden während der Dürrejahre 1983 und 1987 zum Opfer.

Neueren Forschungsergebnissen zufolge sind die Orang-Utans glücklicherweise nicht ganz so selten, wie früher angenommen wurde. Die Bestandsdichten liegen - je nach Lebensraumqualität - zwischen ein und fünf Tieren je Quadratkilometer, und der Gesamtbestand in freier Wildbahn dürfte mehr als 100 000 Tiere umfassen. Trotzdem bleibt aber die Zukunft der «Waldmenschen» ungewiss, denn man schätzt, dass infolge der ungebremsten Zerstörung ihres Lebensraums etwa 5000 von ihnen jährlich dem Untergang geweiht sind. In Naturschutzkreisen ist man sich seit geraumer Zeit bewusst, dass - solange der Regenwald nicht vernünftiger genutzt und behandelt wird - die einzige Chance zur Erhaltung der Orang-Utans darin besteht, möglichst grosse Teile ihres Lebensraums als Reservate unter Schutz zu stellen.

Mehrere solcher Naturschutzgebiete konnten sowohl in Indonesien als auch in Malaysia bereits eingerichtet werden. Schätzungsweise 20 000 Tiere leben heute innerhalb geschützter Waldgebiete. Grössere Orang-Utan-Populationen finden sich vor allem im Gunung Leuser-Nationalpark auf Sumatra, ferner in den Reservaten Gunung Palung, Tanjung Puting, Bukit Raya und Kutai im indonesischen Teil Borneos. Im malaysischen Teil Borneos bieten hauptsächlich das Lanjak-Entimau-Reservat und der Kinabalu-Nationalpark den örtlichen Orang-Utan-Beständen sichere Zuflucht.

In Malaysia und in Indonesien wurden im Verlauf der letzten 20 Jahre mehrere Wiederausbürgerungs-Stationen errichtet, um junge Orang-Utans, die illegal als Heimtiere gehalten worden waren, wieder an das Leben in freier Wildbahn zu gewöhnen. Diese Stationen, welche gleichzeitig als Zentren für Umwelterziehung dienen, haben sehr erfolgreich die Aufmerksamkeit der Einheimischen auf die Schutzbedürftigkeit dieser prächtigen Menschenaffen gelenkt. Die wenigsten der Tiere auf den Stationen schafften aber den «Sprung» zurück in die Wildnis.

Bereits seit den sechziger Jahren unterstützt der Welt Natur Fonds (WWF) die Anstrengungen Indonesiens und Malaysias zur Erhaltung ihrer Orang-Utan-Bestände. Mit seiner fachlichen und finanziellen Hilfe wurden Feldstudien unternommen, Rehabilitationsstationen aufgebaut und neue Reservate eingerichtet. Unter anderem trug der WWF wesentlich zur Langzeituntersuchung der Tiere im Tanjung-Puting-Reservat im südlichen Borneo bei, die nunmehr ins 19. Jahr geht! Hier sammelt ein Team von Feldbiologen unter der Leitung von Birute Galdikas mittlerweile Daten über die Grosskinder der zu Beginn der Studie beobachteten Individuen. Dieses aufwendige Projekt lässt uns nicht nur den Roten Affen besser verstehen, sondern liefert uns nicht zuletzt wichtige Erkenntnisse über unsere eigene Stellung in der Ordnung der Primaten.




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