Palmendieb
Birgus latro
© 1999 Markus Kappeler
Als «ozeanische Inseln» bezeichnet man
all jene abgeschiedenen Landstücke im Meer, welche - im
Gegensatz zu den «kontinentalen Inseln» - niemals
eine Verbindung zu einem der Festländer aufwiesen. Irgendwann
in grauer Vorzeit tauchten sie aufgrund untermeerischer vulkanischer
Aktivität über dem Meeresspiegel auf und waren anfangs
bar jeglichen pflanzlichen und tierlichen Lebens. Durch Verwitterung
entstand dann aber allmählich fruchtbarer Boden, der die
Ansiedlung von Pflanzen ermöglichte, welche ihrerseits eine
Lebensgrundlage für anfangs niedere, später höhere
Tiere boten.
Es fällt auf, dass die Artenzusammensetzung der Fauna auf
ozeanischen Inseln stets stark verschieden ist von der auf den
Kontinenten oder auf kontinentalen Inseln. Das hat damit zu tun,
dass die Vorfahren sämtlicher Pflanzen und Tiere, denen
man heute auf Ozeaninseln begegnet, zuerst eine Passage über
das Meer finden mussten - auf dem Wasser- oder auf dem Luftweg,
und oft über Hunderte oder gar Tausende von Kilometern.
Nicht alle Tiergruppen sind gleichermassen erfolgreich bei der
Besiedlung solchen «Neulands». Flugfähigen Tieren
wie Insekten, Vögeln oder Fledertieren fällt die Reise
verständlicherweise leichter als Tieren mit gehender und
kriechender Fortbewegung.
Wenig ausdauernde «Ozeanreisende» sind neben den
Amphibien vor allem die Landsäugetiere, und deshalb fehlen
sie in der Regel auf ozeanischen Inseln vollständig (von
denjenigen abgesehen, die der Mensch willentlich oder unabsichtlich
mitgebracht hat). Das ist nicht unbedingt negativ zu werten.
Gerade der Abwesenheit von räuberischen Säugetieren
ist es nämlich zuzuschreiben, dass sich auf manchen ozeanischen
Inseln höchst interessante Tierformen herausbilden konnten,
die auf den Kontinenten - angesichts der dortigen Vielzahl hochentwickelter
Nahrungswettstreiter und Fressfeinde - niemals eine Entwicklungschance
gehabt hätten. Eines der erstaunlichsten Beispiele einer
solchen Inselkreatur ist zweifellos der Palmendieb (Birgus
latro), ein Krebs, der erstens im Gegensatz zu beinahe dem
gesamten Rest seiner Verwandtschaft ein Landbewohner ist und
zweitens mit einer Spannweite der Beine von bis zu einem Meter
zu den grössten wirbellosen Tieren unseres Planeten zählt.
Einsiedlerkrebs ohne Haus
Der Palmendieb gehört innerhalb der Klasse der
Krebstiere (Crustacea), welche weltweit beinahe 40 000 Arten
umfasst, zur Ordnung der Zehnfusskrebse (Decapoda). Über
8000 Arten von Zehnfusskrebsen sind bisher von der Wissenschaft
beschrieben worden, darunter so bekannte Arten wie der Europäische
Flusskrebs (Astacus astacus), die Ostseegarnele (Palaemon
squilla), die Strandkrabbe (Carcinus maenas), die
Europäische Languste (Palinurus vulgaris) und der
Europäische Hummer (Homarus gammarus). Der Palmendieb
zählt zu einer der kleineren Familien der Zehnfusskrebse,
den Landeinsiedlerkrebsen (Coenobitidae), die sich aus lediglich
zwei Gattungen zusammensetzt: einerseits Birgus, mit dem
Palmendieb als einzigem Vertreter, andererseits Coenobita
mit ungefähr 15 Arten.
Ein typisches Körpermerkmal aller Einsiedlerkrebse ist ihr
verhältnismässig kurzer, weichhäutiger Hinterleib,
den sie gewöhnlich in einem Schneckenhaus, seltener in einer
Muschelschale oder in einem Korallenstück, bergen. Auch
der Palmendieb benützt in seiner Jugend Schneckenhäuser
zum Schutz seines Hinterleibs. Später jedoch verzichtet
er darauf. Stattdessen bildet er durch Kalk- und Chitineinlagerung
eine oberseits harte Hinterleibsdecke aus und krümmt zudem
den Hinterleib nach vorn unter den grossen, gepanzerten Kopfbrustabschnitt.
Es ist dieser, im Laufe seiner Stammesgeschichte entwickelte
Verzicht auf ein schützendes Gehäuse, der es dem Palmendieb
erlaubt hat, seine Körpergrösse über das bei Einsiedlerkrebsen
übliche Mass hinaus zu steigern. Denn beliebig grosse Schneckenhäuser
lassen sich in der Natur nicht finden - und selbst, wenn solche
vorhanden wären, würde ihr Gewicht die Beweglichkeit
des Krebses gewiss stark einschränken. So aber kann der
Palmendieb bemerkenswerte Ausmasse erreichen: Tiere mit einem
Gewicht von 3 Kilogramm, einer Körperlänge von 40 Zentimetern
und einer Spannweite von 1 Meter sind in gesunden Populationen
keine Seltenheit, wobei die Männchen im Durchschnitt etwas
grösser sind als die Weibchen.
Grob gesehen ist der Körper des Palmendiebs wie bei den
meisten Zehnfusskrebsen in zwei Teile gegliedert: den Kopfbrustabschnitt
einerseits und den gegliederten Hinterleib andererseits. Der
Kopfbrustabschnitt weist fünf Beinpaare auf. Das erste hiervon
trägt massive Scheren, wobei die linke Schere stets grösser
ist als die rechte - ein typisches Merkmal aller Einsiedlerkrebse.
Die nächsten drei Beinpaare, von denen das hinterste an
den Fussspitzen kleine Zangen aufweist, sind die eigentlichen
Schreitbeine. Das fünfte Beinpaar schliesslich ist nur sichtbar,
wenn man den Palmendieb auf den Rücken dreht, denn es verschwindet
sozusagen im Körperinnern. Die einzige Aufgabe dieses umgewandelten
Beinpaars ist es nämlich, den komplizierten Atmungsapparat
des Palmendiebs zu säubern und funktionstüchtig zu
erhalten.
Bei besagtem Atmungsapparat handelt es sich um zwei grosse Kammern,
«Branchiostegiten» genannt, welche flügelartig
über dem hinteren Bereich des Kopfbrustabschnitts liegen.
Die Innenseiten dieser Kammern sind von einer zottigen, blutgefässreichen
Haut bedeckt, durch welche die Blutflüssigkeit den lebenswichtigen
Sauerstoff aus der Umgebungsluft aufzunehmen vermag. Die Branchiostegiten
funktionieren also ähnlich wie die Lungen der Säugetiere
und stellen die wohl bedeutendste Anpassung des Palmendiebs an
das Leben auf dem Land dar.
Zwar verfügt der grosse Krebs wie alle Zehnfusskrebse auch
über Kammern mit Kiemen, also über ein «Unterwasser-Atmungsorgan».
Dabei handelt es sich aber um ein stammesgeschichtliches Relikt,
denn die Kiemen sind dermassen reduziert, dass sie nicht mehr
voll funktionstüchtig sind: Setzt man den Palmendieb unter
Wasser, so ertrinkt er schon nach wenigen Stunden.
Ein verträglicher Einzelgänger
Der Palmendieb führt im Grunde genommen ein einzelgängerisches
Leben. Er ist aber seinen Artgenossen gegenüber ziemlich
verträglich, sofern sie ihm nicht allzu nahe kommen. An
Stellen mit reichem Nahrungsangebot sind deshalb häufig
ganze Ansammlungen der Riesenkrebse anzutreffen.
In den meisten Bereichen seines Verbreitungsgebiets ist der Palmendieb
fast ausschliesslich nachts rege und verbringt den Tag in einem
selbstgegrabenen Loch oder in einer Höhlung im Lava- oder
Kalkgestein. Bei trübem, regnerischem Wetter und an feuchten
Stellen seines Lebensraums kann man ihm aber auch regelmässig
am Tag begegnen. Es scheint deshalb, dass sich der grosse Einsiedlerkrebs
hauptsächlich dann in seinen Schlupfwinkel zurückzieht,
wenn die Gefahr der Austrocknung durch starke Sonneneinstrahlung
besteht.
Seine «Wohnung» verteidigt der Palmendieb energisch
gegenüber sämtlichen Artgenossen. Beim Ruhen verwendet
er häufig seine grosse, linke Schere dazu, den Eingang fest
zu verschliessen - ähnlich, wie das die kleinergewachsenen
Einsiedlerkrebse beim Rückzug in ihr Schneckenhaus tun.
Der Verschluss dient dabei nicht nur dem Schutz vor Feinden und
Rivalen, sondern auch dem Erhalt eines feuchten «Mikroklimas»
innerhalb der Höhle.
Hinsichtlich seiner Nahrung ist der Palmendieb keineswegs wählerisch.
Er verzehrt sozusagen alles, was einen gewissen Nährwert
besitzt und für ihn erreichbar ist - darunter Aas, abgeworfene
Panzerteile anderer Krebse, frisch geschlüpfte Meeresschildkröten
und manchmal sogar seinesgleichen. Seine Hauptnahrung bilden
jedoch stets die Früchte der in seinem Lebensraum vorhandenen
Bäume, Sträucher und Palmen. Zu nennen sind vor allem
die Früchte der Feigenbäume (Ficus spp.), Arengapalmen
(Arenga spp.), Schraubenbäume (Pandanus spp.)
und der Kokospalme (Cocos nucifera).
Die «Mär» vom Kokosnussdieb
«Auf den ersten Blick möchte man es für
ganz unmöglich halten, dass ein Krebs eine starke, mit der
äusseren Hülle noch bedeckte Kokosnuss öffnen
könne. Man versicherte mir aber, dass dies wiederholt gesehen
wurde. Der Krebs beginnt damit, die äussere Hülle Faser
für Faser abzuziehen, wobei er allemal bei dem Ende beginnt,
unter welchem sich die drei Keimlöcher befinden. Ist dies
vollendet, fängt der Krebs mit seinen Klauen auf eines der
Keimlöcher zu hämmern an, bis sich eine Öffnung
gebildet hat. Dann dreht er seinen Körper herum und zieht
mit Hilfe seiner hinteren, schmäleren Zangen das weisse
Fruchtfleisch heraus. Ich glaube, dies ist eines der merkwürdigsten
Beispiele von Instinkt, von dem ich je gehört habe.»
Charles Darwin war es, der dies im April 1836 anlässlich
seines Besuchs der Kokosinseln im Indischen Ozean in seinem Reisejournal
festhielt. Ob der Palmendieb die von Darwin zwar beschriebene,
jedoch nicht selbst beobachtete Fähigkeit zum Öffnen
einer reifen Kokosnuss tatsächlich besitzt, blieb in der
Folge sehr umstritten. Einige Fachleute wollten nämlich
bei Experimenten festgestellt haben, dass der grosse Krebs eher
verhungerte, als dass er eine intakte Kokosnuss öffnete.
Erst in den achtziger Jahren unseres Jahrhunderts gelang es dem
deutschen Biologen Holger Rumpff anlässlich seiner Freilandstudien
über Palmendiebe auf der Weihnachtsinsel im Indischen Ozean
nachzuweisen, dass Darwins Bericht wirklich den Tatsachen entspricht.
Er konnte sogar beobachten, dass die Krebse nach dem Öffnen
eines der Keimlöcher ihre überaus kräftigen Scheren
zum Einsatz bringen und mit ihnen die harte Schale der Kokosnuss
zu sprengen vermögen, was ihnen den Zugang zum Fruchtfleisch
wesentlich erleichtert. Das Aufbrechen der Schale scheinen allerdings
nur die grösseren, kräftigeren Tiere bewerkstelligen
zu können.
Rumpff räumte dagegen mit einer anderen «Mär»
auf, die von alters her über den Palmendieb erzählt
wird und ihm seinen ungewöhnlichen Namen beschert hat. Lange
Zeit hiess es nämlich, der Palmendieb erklimme, wenn er
einmal keine Kokosnuss am Boden finde, kurzerhand eine nicht
allzu hohe Palme, zwicke dort mit seinen Scheren ein paar Fruchtstiele
durch und klettere dann wieder hinunter, um die so «geernteten»
Früchte in aller Ruhe am Boden zu verspeisen. Zwar sind
Palmendiebe erstaunlich klettertüchtig und können häufig
dabei beobachtet werden, wie sie sich hoch oben auf Kokos- oder
Arengapalmen an den Früchten gütlich tun. Dass dabei
hin und wieder eine Frucht hinunterfällt, ist ebenfalls
unbestritten. Und dass die Tiere die Fähigkeit zum Öffnen
derselben besitzen, ist nunmehr auch nachgewiesen. Alle diese
Schritte können in der Tat beobachtet werden, doch sind
sie keinesfalls Teil eines vom Palmendieb so geplanten Handlungsablaufs.
«Die Intelligenz und Lernfähigkeit von Krebstieren
darf nicht überschätzt werden», meint Rumpff
hierzu. «Ein Palmendieb erklimmt bestimmt keine Kokospalme
in der Absicht, eine Nuss abzuschneiden, damit er dieselbe
dann verspeisen kann, nachdem er auf den Boden zurückgekehrt
ist.»
In der Jugend meeresbewohnend
Werbung und Paarung sind beim Palmendieb eine wenig
romantische Angelegenheit. Nach einem kurzen, erbitterten Ringkampf
zwischen Männchen und Weibchen (bei dem das Männchen
das Weibchen auf den Rücken wirft und ihm damit beweist,
dass es ein gesunder, kräftiger Vater für die gemeinsamen
Nachkommen ist) folgt eine ebenso kurze Begattung, worauf beide
Tiere wieder ihres Wegs ziehen. Die ganze Begegnung dauert nur
etwa eine Viertelstunde.
Das Weibchen presst wenig später die befruchteten Eier aus
der Geschlechtsöffnung aus und heftet sie an die Unterseite
seines Hinterleibs, wobei spezielle, dem Männchen fehlende
Hinterleibsbeine dem Festhalten der Eier dienen. Anschliessend
machen die Keimlinge ihre erste Entwicklung durch. Nach drei
bis vier Wochen begeben sich die Weibchen dann zur Küste
und übergeben die Eier dem Meer. Dort schlüpfen sogleich
winzige Larven aus den Eiern, welche in den kommenden Wochen
mehrere verschiedene Entwicklungsstadien durchlaufen. Anfänglich
sind die Palmendieb-Larven vollständig wasserlebend, später
führen sie ein amphibisches Leben in der Gezeitenzone. Nach
insgesamt rund sieben Wochen verwandeln sie sich zu winzigen
Krebschen, die sich alsbald auf die Suche nach einem geeigneten
Häuschen machen und sich fortan ständig an Land aufhalten.
Ihre Körperlänge bemisst sich zu diesem Zeitpunkt auf
lediglich drei Millimeter.
Da der Palmendieb seine früheste Jugend als freischwimmender
Meeresbewohner verbringt, ist er ein sehr erfolgreicher Besiedler
ozeanischer Inseln. Mit den Meeresströmungen treibend erreicht
er auch das kleinste, abgeschiedenste Eiland. Tatsächlich
hat der grosse Landkrebs ein enorm weites Verbreitungsgebiet
im Indopazifik: Im Indischen Ozean kommt er auf ein paar küstennahen
Inseln vor Tansania (Ostafrika) vor, ferner auf Aldabra, dem
Chagos-Archipel, den Kokosinseln, der Weihnachtsinsel sowie ein
paar Inseln im Bereich der Andamanen und Nikobaren. Im Malaiischen
Archipel findet man ihn auf einigen der kleineren Inseln Indonesiens
und der Philippinen sowie auf ein paar Eilanden vor der Küste
Sabahs (Nordborneo) und Papua-Neuguineas. Im Pazifik ist er auf
den Marianen und den Marshallinseln heimisch, ferner auf Fidschi,
Vanuatu, Tuvalu, Kiribati und Tuamotu (Französisch-Polynesien).
Eigenartigerweise weist die Verbreitung des Palmendiebs erhebliche
«Lücken» auf. Er fehlt auf zahlreichen Inseln
und sogar ganzen Inselgruppen innerhalb seines weiten Verbreitungsgebiets,
obschon nicht anzunehmen ist, dass er diese nie erreicht hat.
Es deutet vielmehr alles darauf hin, dass die Art einst auch
auf den meisten dieser Inseln vorkam, irgendwann nach der Kolonisierung
derselben durch den Menschen aber ausgerottet wurde. Die frühen
Inselsiedler malaiischer Abstammung hatten nämlich ebenso
wie die später eintref-fenden Europäer rasch herausgefunden,
dass der Palmendieb sowohl sehr nahrhaft als auch sehr schmackhaft
ist. Davon zeugt unter anderem eine Passage im Bericht von Sir
Francis Drake über seine Weltumsegelung, die er im Jahr
1579 während seines Aufenthalts auf einer kleinen, unbewohnten
Insel südlich von Sulawesi (Indonesien) niederschrieb: «Und
wir dürfen nicht vergessen, von der gewaltigen Menge einer
gewissen Krebsart zu sprechen, die von einer solchen Grösse
war, dass ein Krebs ausreichte, um bei einem Essen vier hungrige
Männer zu sättigen. Sie haben ein sehr gutes und stärkendes
Fleisch. Als wir uns ihnen näherten, kletterten sie aus
Mangel an anderen Zufluchtsorten die Bäume hinauf, um sich
zu verstecken. Um sie zu fangen, waren wir gezwungen, hinter
ihnen her zu klettern - was wir taten, um sie auf jeden Fall
zu bekommen.»
Es war genau diese unnachgiebige Form der Verfolgung, die dem
auffälligen und praktisch wehrlosen Palmendieb zum Verhängnis
wurde. Man kann davon ausgehen, dass die Bejagung durch den Menschen
vielerorts rasch zum Verschwinden der erwachsenen, fortpflanzungsfähigen
Individuen führte, während die vom Menschen eingeführten
Hunde, Katzen, Schweine und Ratten den Rest besorgten, indem
sie sich über die jüngeren Individuen hermachten.
Zwei sichere Häfen im Indischen Ozean
Glücklicherweise gibt es ein paar Inseln, auf
denen noch immer gesunde Populationen des Palmendiebs vorkommen
und auf denen sie auch den nötigen Schutz erhalten. Hierzu
zählt sicherlich die zu Australien gehörende Weihnachtsinsel
im östlichen Bereich des Indischen Ozeans, wo nahezu achtzig
Prozent der Inselfläche als Nationalpark ausgewiesen sind.
Ab 1897 war auf der Weihnachtsinsel Kalziumphosphat abgebaut
worden. Diese Stickstoffverbindung, welche auf die Ausscheidungen
unzähliger Generationen brütender Meeresvögel
zurückgeht, findet in der Düngemittelproduktion Verwendung.
Die Schädigung der Inselnatur durch den Phosphatabbau war
lange Zeit minimal gewesen, da weitgehend von Hand abgebaut worden
war. Nach 1965 war der Abbau jedoch im grossen Stil, unter Einsatz
von Bulldozzern und anderen Maschinen, betrieben worden. Und
diese industrielle Nutzung der Phosphatablagerungen hatte es
erforderlich gemacht, dass der Inselregenwald Stück für
Stück abgeholzt worden war.
Schon zu Beginn der siebziger Jahre wurde die Gefährdung
der Inselfauna durch den Phosphatabbau von aufmerksamen Naturschützern
erkannt und den zuständigen australischen Behörden
zur Kenntnis gebracht. Doch obschon wissenschaftliche Untersuchungen
in der Folge unmissverständlich zeigten, dass sich die Erhaltung
der einzigartigen Fauna und Flora der Insel mit der maschinellen
Phosphatgewinnung nicht verträgt, waren noch lange und zähe
Verhandlungen nötig, bis schliesslich die Interessen der
Natur stärker gewichtet wurden als die wirtschaftlichen
Interessen der Phosphatabbauer: Per Ende 1987 wurde jeglicher
Phosphatabbau auf der Weihnachtsinsel eingestellt. Und inzwischen
hat die australische Regierung auch zwingend festgelegt, dass
zukünftig keinerlei Abholzung des Regenwalds mehr erfolgen
darf. Bereits sind auch Methoden erarbeitet worden, wie auf den
ausgebeuteten Flächen das Aufkommen einer natürlichen
Pflanzendecke gefördert werden kann. Dies ist erfahrungsgemäss
in tropischen Regionen eine äusserst schwierige und aufwendige
Angelegenheit, soll aber trotzdem - zumindest gebietsweise -
durchgeführt werden. Im übrigen wurde ein Grossteil
der Insel wie erwähnt in einen Nationalpark umgewandelt.
Ein sicherer Hafen für den Palmendieb ist ferner der mitten
im Indischen Ozean gelegene Chagos-Archipel, eine britische Aussenbesitzung
mit offiziellem Namen «Britisches Territorium im Indischen
Ozean». Auf dem aus einem grossen und fünf kleineren
Atollen bestehenden Archipel wurden seit dem späten 18.
Jahrhundert Kokosplantagen angelegt zwecks Gewinnung von Kopra
bzw. Kokosöl. Zwischen 1967 und 1973 wurden die Kokosplantagen
aber aufgegeben, und die ansässige Bevölkerung, mehrheitlich
Nachfahren der einst für die Arbeit in den Plantagen hergebrachten
Negersklaven, wurde evakuiert, um den Archipel zu einem Militärstützpunkt
der USA auszubauen (der unter anderem 1991 im Golfkrieg eine
bedeutende Rolle spielte).
Sämtliche menschlichen Aktivitäten sind heute auf Diego
Garcia, das südlichste und grösste der Chagos-Atolle,
beschränkt. Auf den anderen Atollen kann sich die Tier-
und Pflanzenwelt hingegen ungestört entwickeln. So finden
sich heute auf den unbewohnten Chagos-Atollen unter anderem wieder
umfangreiche Palmendieb-Populationen mit zahlreichen riesenhaften
Individuen, denn die verlassenen Kokosplantagen sorgen für
ein überreiches Nahrungsangebot. Im übrigen gewährleistet
die militärische Bedeutung des Chagos-Archipels auch in
Zukunft Schutz vor Touristen und anderen menschlichen «Störenfrieden».
Wie auf der Weihnachtsinsel - aber im Gegensatz zur Situation
auf den meisten anderen indopazifischen Inseln - sieht die Zukunft
des riesenhaften Landeinsiedlerkrebses hier also recht vielversprechend
aus.
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