WWF-Projekt Nr. 6663:

«Kaiman-Populationsstudie im Pantanal»


© 1990 Markus Kappeler



Im Mittelwesten Brasiliens, südlich der Stadt Cuiaba, fällt das Brasilianische Bergland ab in eine riesige Ebene, welche 600 Kilometer in der Länge und 300 Kilometer in der Breite misst und sich auch auf das benachbarte Grenzland von Bolivien und Paraguay erstreckt. Das ausgedehnte Flachland wird in nordsüdlicher Richtung vom Rio Paraguay samt seinen zahlreichen Nebenarmen durchflossen. Deren Gefälle beträgt hier im Durchschnitt lediglich drei Zentimeter je Stromkilometer, und darum erfolgt in der Hauptregenzeit, von Dezember bis März, die Entwässerung derart langsam, dass das Wasser die Niederungen weitflächig überflutet. Bis zu sechs Meter steigt der Wasserspiegel an, und aus der Riesenebene wird dann eine weglose, amphibische Wasserwildnis von der viereinhalbfachen Grösse der Schweiz (180 000 Quadratkilometer) - das grösste Binnenland-Feuchtgebiet der Erde.

Nur die höher gelegenen Wälder und Grasfluren bleiben auch während der Regenzeit trocken und bieten den bodenlebenden Tieren Rückzugs- und Überlebensflächen. Andererseits findet man selbst während des trockenen Südwinters, zwischen Juni und September, im Flachland noch vielerorts fliessende und stehende Gewässer jeglicher Grösse. Sie bieten ihrerseits den wasserlebenden Tieren während der dürren Jahreszeit eine Lebensgrundlage.

«Pantanal», zu deutsch «Sumpfland», ist der treffende Name für diese amphibische Wasserlandschaft mitten im Herzen Südamerikas, eine der letzten grossen Wildnisse der Erde, in welcher gewundene Flussarme, Feuchtsavannen, Riedwiesen, immergrüne Galeriewälder, mit Wasserhyazinthen überwucherte Teiche usw. eine einzigartige Lebensraumfülle bilden, welche ihresgleichen nicht nur in Südamerika sucht.

 

Land der Jacare-Kaimane

Seines überaus bunten, abwechslungsreichen Lebensraummosaiks wegen stellt das Pantanal ein Paradies für die südamerikanische Tierwelt dar - ein Naturwunder, in dem es von Insekten, Fischen, Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugern förmlich wimmelt.

Berühmt ist das Pantanal zuallererst für seine Jacare-Kaimane (Caiman yacare), Mitglieder der Familie der Alligatoren, welche zu Millionen das Sumpf- und Überschwemmungsgebiet besiedeln. Tagsüber dösen diese altertümlichen, bis 2,7 Meter langen Panzerechsen scheinbar träge an den Uferböschungen in der Sonne, gut getarnt zwischen Wasser-, Sumpf- und Gehölzpflanzen. Auf die Jagd gehen sie vorwiegend in der Dunkelheit und schnappen dann mit verblüffender Schnelligkeit und Gewandtheit nach allem, was in ihrem Lebensraum kreucht und fleucht.

Von ganz besonderer Bedeutung ist das Pantanal aber auch für die südamerikanischen Stelz-, Wat-, Sumpf- und Wasservögel. So jagen etwa Jabiru-Riesenstörche auf den Feuchtwiesen nach Fröschen, Schwärme von Rosalöfflern kreisen über ihren Brutkolonien. Amerika-Nimmersatte stochern in den Lagunen mit ihren tastemmpfindlichen Schnäbeln nach unachtsamen Fischen. Und Tschajas, gänsegrosse Vertretrer der Wehrvögel, schwimmen ruhig zwischen den Wasserpflanzen umher. Im Pantanal fliegen aber auch Hyazintharas, der Welt grösste Papageien, von einer Waldinsel zur anderen. Ferner bildet das Pantanal für viele nordamerikanische Zugvögel einen wichtigen Zwischenlandeplatz auf ihrer weiten, kräftezehrenden Wanderung in die südlichen Winterquartiere.

Etwas weniger augenfällig, aber ebenfalls in gesunden Beständen im Pantanal vertreten sind sechs Wildkatzenarten: Puma, Jaguar, Ozelot, Langschwanzkatze, Tigerkatze und die eigentümliche Wieselkatze. Auch Grosse Ameisenbären, Riesengürteltiere, Mähnenwölfe, Sumpfhirsche, Flachlandtapire, Riesenotter und andere vom Aussterben bedrohte Tierarten leben hier in kopfstarken Beständen. Für manche von ihnen ist das Pantanal zu einem der letzten Rückzugsgebiete geworden.

 

Schlimme Wildererplage

Leider wird das Pantanal seit geraumer Zeit in enormem Ausmass von Wilderern geplagt: Rund 5000 der dunklen Gestalten dringen alljährlich, zumeist von Paraguay und Bolivien her, auf verschlungenen Wasserwegen in die grossflächige Wildnis ein, bejagen die gefleckten Katzen, fangen Aras und Anakondas und machen sich vor allem über die Kaimane her. Mehrere Hunderttausend der mittelgrossen Krokodile werden alljährlich abgeschlachtet, ihre begehrten Häute über die «grüne Grenze» ins benachbarte Ausland gebracht.

Im September 1983 hatten es die Wilddiebe im Pantanal dermassen bunt getrieben, dass sich die brasilianische Bundespolizei zum Eingrifen veranlasst sah. Ein ganzes Regiment der Policia Militaria war damals im Einsatz, unterstützt von Marineinfanterie und Helikoptern der Luftwaffe. Die Bilanz des «Feldzugs» war beachtlich: 22 tote Wilderer, 150 Gefangene, 4000 Kaimanhäute, 270 Grosskatzenfelle und ein riesiges Arsenal von Schusswaffen aller Art.

Kurzfristig war der erwünschte Abschreckungseffekt der Aktion gross. Doch heute ist die Lage kaum besser als zuvor: Wiederum steht die Forstpolizei, welche für die gesetzliche Ordnung im Pantanal zuständig ist und mittlerweile auf 180 Mann aufgestockt wurde, den mit besten Schnellfeuerwaffen und modernsten Transportmitteln ausgerüsteten Wildererbanden ziemlich hilflos gegenüber.

 

Schonende Bewirtschaftung geplant

Der brasilianischen Regierung ist die Wilddieberei im Pantanal nicht allein aus naturschützerischen, sondern auch aus wirtschaftlichen Erwägungen ein Dorn im Auge: Anstelle der paraguayischen und bolivianischen Wilderer und Schmuggler möchte sie lieber selbst die kommerzielle Nutzung der nationalen Kaimanbestände vornehmen und so am internationalen, zig Millionen US-Dollar «schweren» Geschäft mit Kaimanleder teilhaben.

Unbestreitbar stellt die volkreiche Jacare-Kaimanpopulation im Pantanal ein beträchtliches wirtschaftliches Potential dar, welches dem Land - eine schonende Nutzung vorausgesetzt - zu stetig fliessenden, erheblichen Deviseneinnahmen verhelfen kann. Für die Einführung eines naturschützerisch vertretbaren Nutzungsprogramms müssen aber vorab zwei Bedingungen erfüllt sein: Zum einen muss der illegale, unkontrollierte Fang der Kaimane gestoppt werden; Brasilien will dieses alte Problem in naher Zukunft durch eine effiziente Wildererbekämpfung endlich aus der Welt schaffen oder zumindest massiv vermindern. Zum anderen bedarf es fundierter Kenntnisse der Biologie der Tiere, um vernünftige Abschussquoten festlegen zu können, durch welche die Bestände nicht leergeschossen werden. Diese Grundlagen werden derzeit im Rahmen eines Projekts des Welt Natur Fonds (WWF) erarbeitet.

«Kaiman-Populationsstudie im Pantanal» heisst das WWF-Projekt, das im Sommer 1989 angelaufen ist. Projektleiterin ist die brasilianische Biologin Zilca Campos. Sie arbeitet eng mit sechs Angestellten des Brasilianischen Nutztier- und Landwirtschaftszentrums im Pantanal (EMBRAPA-CPAP) mit Sitz in Coumba zusammen.

Das Team untersucht während aller Jahreszeiten Ökologie und Verhalten der bisher kaum erforschten Jacare-Kaimane. Mittels Radiotelemetrie werden die Bewegungen einzelner Individuen untersucht, und anhand markierter Tiere wird das jährliche Wachstum der Kaimane gemessen. Besonderes Augenmerk wird auf all die Faktoren gerichtet, welche einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit haben, dass ein Kaiman von einem Jäger erlegt werden kann. Denn nur so lassen sich variable, auf Vegetationstyp, Jahreszeit usw. abgestimmte Abschussquoten ermitteln, welche verhindern, dass die Vertreter eines Geschlechts, einer Altersklasse oder einer Region unverhältnismässig oft zum Abschuss gelangen.

Ziel der WWF-Studie ist es letztlich, der brasilianischen Regierung einen detaillierten und vor allem brauchbaren «Leitfaden» in die Hand zu geben, der sie einerseits zur optimalen Bewirtschaftung der Jacare-Kaimanpopulation im Pantanal befähigt, andererseits den langfristigen Fortbestand der Art sichert. Daneben soll abgeklärt werden, ob als zusätzliche Einnahmequelle der Aufbau von Kaiman-Zuchfarmen sinnvoll und machbar wäre.

 

 

Kasten

Der Welt Natur Fonds (WWF) setzt sich seit 1971 für die Natur und Umwelt in Brasilien ein. Er ist die aktivste und populärste internationale Naturschutzorganisation in diesem grossen südamerikanischen Land. Sein gutes Ansehen verdankt er der Tatsache, dass er von Anfang an immer eng mit den lokalen Naturschützern und Naturforschern zusammengearbeitet hat, um Lösungen für Brasiliens Natur- und Umweltschutzprobleme zu finden.

Seit 1971 hat der WWF in Brasilien über 180 Projekte durchgeführt und dafür 12,7 Millionen US-Dollar aufgewendet. In den letzten Jahren ist das Brasilien-Programm des WWF stark angewachsen: 51 verschiedene Projekte werden derzeit ausgeführt, 32 sollen in den nächsten Jahren anlaufen, und weitere 31 Projekte sind in Vorbereitung. Das Budget 1990 weist 700 000 US-Dollar aus, wovon 150 000 US-Dollar für Projekte im Pantanal eingesetzt werden.




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