4 Papageifische der Karibik:

Grüner Papageifisch - Sparisoma viride
Gelbschwanz-Papageifisch - Sparisoma rubripinne
Königspapageifisch - Scarus vetula
Gestreifter Papageifisch - Scarus taeniopterus


© 2001 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Wohl nirgendwo sonst auf unserem Planeten ist das Leben so überschäumend, so vielgestaltig, so bunt wie in den Korallengärten der tropischen Meere. Wer jemals das Glück hatte, in eine dieser untermeerischen Fabelwelten einzutauchen, wird die Erinnerung daran zeitlebens mit sich tragen. In aller Regel ist er bei seinem Ausflug auch Papageifischen (Familie Scaridae) begegnet, denn jede Erdregion beherbergt ein paar dieser auffälligen Korallenriffbewohner. 80 bis 90 Arten gibt es weltweit. 4 von ihnen, welche in der Karibik vorkommen, sind der Grüne Papageifisch (Sparisoma viride), der Gelbschwanz-Papageifisch (Sparisoma rubripinne), der Königspapageifisch (Scarus vetula) und der Gestreifte Papageifisch (Scarus taeniopterus). Von ihnen soll hier berichtet werden.

 

Papageifische sind «Folgezwitter»

Die Gliederung der Papageifischfamilie in Arten hat sich in der Vergangenheit als recht tückische Aufgabe erwiesen. Das hat damit zu tun, dass die Papageifische nicht nach dem im Tierreich allgemein üblichen Schema heranwachsen: Sie werden nach Abschluss ihrer Jugendzeit nicht einfach zu geschlechtsreifen Männchen oder geschlechtsreifen Weibchen, sondern zu «Folgezwittern». Das heisst: Nach der Geschlechtsreife - welche meistens einhergeht mit einem markanten Farbwechsel - sind alle Papageifische Weibchen und tragen ein weibchentypisches, verhältnismässig schlichtes Kleid. Nach einer gewissen Zeit macht jedes Individuum einen Geschlechtswandel durch, wird also vom fortpflanzungsfähigen Weibchen zum fortpflanzungsfähigen Männchen. Dabei erfolgt jedoch weder ein nennenswerter Wechsel der Färbung noch eine merkliche Änderung der Körpergrösse. Letzteres geschieht erst bei einem späteren Entwicklungsschritt, wenn sich das einzelne Individuum nochmals verwandelt und vom «Primärmännchen» zum «Sekundärmännchen» oder «Supermännchen» wird. Dann vollzieht sich stets ein auffälliger Wachstumsschub, verbunden mit einem dramatischen Farbwechsel.

Supermännchen führen - im Unterschied zu den oft in kleinen Verbänden lebenden Weibchen und Primärmännchen - in der Regel eine einzelgängerische und territoriale Lebensweise: Sie halten ein Stück Riff besetzt, in welchem sie keine anderen Supermännchen, wohl aber Weibchen und Primärmännchen dulden und in dem sie das Vorrecht zur Paarung mit den ansässigen Weibchen haben.

Geschlechtswandel ohne nennenswerten Farbwechsel (vom Weibchen zum Primärmännchen), drastischer Farbwechsel ohne Geschlechtswandel (vom Primärmännchen zum Supermännchen), die Existenz zweier verschiedenartig aussehender und unterschiedlich lebender Männchenformen - die eigenwillige Entwicklungsweise und Gesellschaftsstruktur der Papageifische hat die Fischforscher lange Zeit genarrt und sie unter anderem dazu verleitet, ganze 350 verschiedene Arten von Papageifischen wissenschaftlich zu beschreiben. Erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts, als die Naturwissenschaftler allgemein begannen, ihre Arbeitsräume in Museen und Instituten zeitweilig zu verlassen und Feldforschung in den natürlichen Lebensräumen der Tiere zu betreiben, wurden die vielen Irrtümer in Bezug auf die Papageifisch-Systematik erkannt. Beispielsweise entdeckten die britischen Biologen Howard Winn und John Bardach im Jahr 1960 bei ihren Tauchgängen vor Bermuda, dass es sich bei den Vertretern der angeblichen Art Scarus croicensis um die Weibchen und Primärmännchen von Scarus taeniopterus handelte. Sie bewiesen dies, indem sie Vertretern von Scarus croicensis männliche Hormone einspritzten und dadurch Scarus-taeniopterus-Tiere erhielten. Nach und nach konnte so die vermeintlich enorme Zahl von Papageifischarten auf die eingangs erwähnte tatsächliche Zahl von 80 bis 90 gesenkt werden.

 

Der Grüne Papageifisch

Der Grüne Papageifisch gehört zu den grösseren Mitgliedern der Papageifischfamilie: Supermännchen können eine Länge von etwa 65 Zentimetern und ein Gewicht von bis zu 1,6 Kilogramm erreichen. Das Artverbreitungsgebiet erstreckt sich von Florida (USA) im Norden über Bermuda, die Bahamas sowie die Grossen und die Kleinen Antillen bis nach Brasilien im Süden. Innerhalb dieses weiten Areals bewohnen die erwachsenen Individuen Korallenriffe in Tiefen von 3 bis 50 Metern.

Wie alle seine Verwandten ist der Grüne Papageifisch ausschliesslich bei Tageslicht unterwegs. Die Nacht verbringt er schlafend an einer geschützten Stelle am Meeresboden. Bei der Nahrungssuche bewegt er sich in einem Wohngebiet umher, das im Allgemeinen ein paar hundert Quadratmeter gross ist. Seine Kost ist - wie bei den meisten Papageifischen - vegetarisch und besteht zur Hauptsache aus Kleinalgen und Blaubakterien («Blaualgen»). Solche bilden insbesondere im Bereich absterbender oder abgestorbener Korallenblöcke dichte, fest am Untergrund haftende «Rasen». Um seine Nahrung möglichst effizient aufzunehmen, beweidet der Grüne Papageifisch sie nicht einfach, sondern raspelt sie gleich mitsamt der äusseren Schicht des kalksteinartigen Korallenskeletts, auf dem sie wuchern, ab. Er hinterlässt dabei nicht nur gut sichtbare Essspuren, sondern verursacht auch ein gut hörbares Geräusch.

Das Gebiss der Papageifische ist an das «Korallenraspeln» gut angepasst. Zum einen sind die Zähne im Ober- und im Unterkiefer zu je einer kräftigen, scharfkantigen Platte verschmolzen. Diese Zahnplatten ragen auch bei geschlossenem Mund schnabelartig über die Lippen hinaus. Der Mund der Papageifische erinnert darum an einen Papageienschnabel, was - in Verbindung mit der prächtigen Färbung insbesondere der Supermännchen - zum Namen dieser Fischsippe geführt hat. Zum anderen wachsen die Zähne zeitlebens nach. Dadurch ist gewährleistet, dass dieses lebenswichtige Werkzeug, das bei der Nahrungsaufnahme stark abgewetzt wird, stets einsatzfähig ist.

Um die aufgenommene Nahrung zu zerkleinern, verfügen die Papageifische in ihrem Rachen über grosse «Mahlplatten», welche aus bestimmten Schlundknochen hervorgegangen sind. Mit ihrer Hilfe werden die aus Pflanzenteilen und Korallenkalk bestehenden Bissen gründlich zerrieben. Dabei wird das pflanzliche Gewebe mechanisch aufgebrochen, so dass der Magendarmtrakt die darin enthaltenen Nährstoffe optimal zu verwerten vermag. Was von der Nahrung als nicht verwertbarer «Abfall» übrigbleibt und ausgeschieden wird, ist feinster Sand, der jeweils in einer kleinen Wolke auf den Meeresboden rieselt. So tragen die Papageifische neben der immerwährenden Brandung wesentlich zum Abbau der absterbenden und abgestorbenden Riffteile bei.

Man begegnet den Grünen Papageifischen gewöhnlich einzeln (Supermännchen) oder in kleinen Gruppen (Weibchen und Primärmännchen). Das Fortpflanzungsgeschehen findet - soweit wir das wissen - stets zwischen einem Supermännchen und einem einzelnen Weibchen statt. Während des «Liebesspiels» drehen die Partner, Wange an Wange, kleine Kreise im Wasser. Nachdem sie sich eingestimmt haben, gibt das Weibchen seine Eier im selben Moment ins Wasser ab wie das Männchen seinen Samen. Die Befruchtung der Eier findet also nicht im Körper des Weibchens, sondern im Wasser statt, wie dies bei den meisten Fischen der Fall ist.

Brutfürsorge betreiben die Papageifische keine: Die frei schwebenden Eier werden sich selbst bzw. den Strömungen des Meers überlassen. Viele von ihnen fallen in der Folge anderen Meereslebewesen zum Opfer, und dasselbe gilt für die später aus den Eiern schlüpfenden Jungen. Die Eizahl ist aber an diese Verluste angepasst: Sie ist dermassen gross, dass stets ein paar Nachkommen bis zur Geschlechtsreife überleben und den Fortbestand der Art sicherstellen können.

Die frisch geschlüpften Grünen Papageifische bewohnen zunächst einen anderen Lebensraum als ihre Eltern: Sie halten sich in möglichst dichten Seegrasbeständen in küstennahem Seichtwasser auf, wo sie vor den Blicken und Angriffen hungriger Raubfische einigermassen geschützt sind. Im Alter von ungefähr einem Jahr erreichen sie die Geschlechtsreife und suchen sich dann ein geeignetes Wohngebiet auf einem nahe gelegenen Korallenriff. Dort verbringen sie den Rest ihres etwa fünf Jahre dauernden Lebens.

 

Der Gelbschwanz-Papageifisch

Der Gelbschwanz-Papageifisch ist etwas kleiner als der Grüne Papageifisch: Die Supermännchen erreichen eine Länge von bis zu 45 Zentimetern; die Weibchen und Primärmännchen werden gewöhnlich etwa 16 Zentimeter lang.

Von den vier hier vorgestellten Papageifischen hat der Gelbschwanz-Papageifisch das weiteste Verbreitungsgebiet: Er kommt einerseits im östlichen Atlantik von den Kapverdischen Inseln und Senegal südwärts bis zum Golf von Guinea vor, andererseits im westlichen Atlantik von Massachussets (USA) im Norden quer durch die Karibik bis Rio de Janeiro (Brasilien) im Süden.

In seinem Vorkommen ist der Gelbschwanz-Papageifisch weniger stark an Korallenriffe gebunden als der Grüne Papageifisch: Man kann ihm auch in Regionen begegnen, wo Riffe selten sind oder sogar ganz fehlen. Kaum je taucht er tiefer als etwa 15 Meter, hingegen hält er sich mitunter in Seichtgewässern von weniger als einem Meter Tiefe auf. Nebst Algen und Blaubakterien ernährt er sich zu einem recht grossen Teil von Seegräsern, also «echten» Gefässpflanzen.

Die Gelbschwanz-Papageifische scheinen zwei verschiedene Fortpflanzungsformen zu haben. Oftmals paart sich wie beim Grünen Papageifisch ein Supermännchen mit einem einzelnen Weibchen. Gelegentlich kommt aber auch gruppenweises Ablaichen vor. Dabei geben mehrere Weibchen und mehrere Primärmännchen gemeinsam Eier und Samen ins Wasser ab. Diese zweite Fortpflanzungsform, die auch bei anderen Papageifischen auftritt, wurde 1959 im Bereich der Jungferninseln am Beispiel des Gelbflossen-Papageifischs entdeckt, und zwar vom US-amerikanischen Marinbiologen John E. Randall, von dem die meisten Fotos in dieser Ausgabe stammen.

 

Der Königspapageifisch

Der Königspapageifisch weist eine ähnliche Grösse auf wie der Grüne Papageifisch: Supermännchen können mehr als 60 Zentimeter lang werden. Auch sein Artverbreitungsgebiet entspricht demjenigen des Grünen Papageifischs: Es erstreckt sich von Florida und Bermuda südwärts durch die Karibik bis zur Nordküste Südamerikas.

Der Königspapageifisch ist eng an den Lebensraum Korallenriff gebunden. Er bewegt sich dort in Tiefen zwischen 3 und 25 Metern umher. Wie der Grüne Papageifisch ernährt er sich hauptsächlich von Algen, welche auf toten Korallen wachsen. Allerdings bevorzugt er die grösseren Formen der Meeresalgen, die wir gewöhnlich als «Tang» bezeichnen, und verschmäht die rasenartig wachsenden Kleinalgenarten. Er erzeugt darum selten Raspelspuren und Raspelgeräusche.

Der Königspapageifisch lebt gewöhnlich in kleinen Verbänden, die sich aus einem Supermännchen und mehreren Weibchen sowie Primärmännchen zusammensetzen. Interessant ist sein Schlafverhalten: Jeweils in der Abenddämmerung sucht er einen Unterschlupf am Meeresboden auf und sondert dort aus speziellen Drüsen seiner Kiemenhöhle eine Schleimhülle ab. Etwa dreissig Minuten dauert die Anfertigung dieses «Schlafsacks», dem er erst am anderen Morgen bei Sonnenaufgang wieder entsteigt. Die Marinbiologen vermuten, dass dieser «Schleimkokon» den Eigengeruch des Papageifischs zurückhält und ihn so vor nachtaktiven Fressfeinden wie den aalartigen Muränen (Familie Muraenidae) schützt. Die Hülle scheint ferner vor Parasiten, insbesondere gewissen Arten blutsaugender Meeresschnecken, zu schützen. Papageifischarten, welche keinen Schleimkokon aufbauen, werden jedenfalls von solchen belästigt, Arten mit Kokon hingegen nicht.

 

Der Gestreifte Papageifisch

Der Gestreifte Papageifisch ist der kleinste der vier vorgestellten «Meerespapageien»: Supermännchen werden maximal 35 Zentimeter lang. Das Artverbreitungsgebiet ist auf den westlichen Atlantik beschränkt und scheint eine ähnliche Ausdehnung zu haben wie das des Grünen Papageifischs und des Königspapageifischs.

Der Gestreifte Papageifisch kommt auf Korallenriffen ebenso wie in anderen Bereichen der Meeresküsten vor. Selten taucht er tiefer als etwa 25 Meter. Man glaubt, dass er sich von Seegräsern einerseits und marinen Algen andererseits ernährt. Die frisch geschlüpften Jungfische halten sich wie beim Grünen Papageifisch gern in Seegrasbeständen auf. Gestreifte Papageifische bilden oftmals grössere Verbände. Die Nacht verbringen sie am Meeresboden in selbst gemachten Schleimkokons.

 

Korallenriffe in Gefahr

Alle vier vorgestellten Papageifische haben ein grosses Verbreitungsgebiet und scheinen überall gesunde Bestände aufzuweisen. Sie gelten darum gegenwärtig nicht als in ihrem Fortbestand gefährdet. Doch das könnte sich bald ändern, denn in jüngerer Zeit geschieht etwas Unfassbares: Weltweit - von den Bahamas über die Malediven bis nach Hawaii - bleichen ganze Korallenriffe aus. Die Korallenpolypen stossen ohne ersichtlichen Grund die mit ihnen in Symbiose lebenden, farbgebenden Algen (Zooxanthellen) ab - und begehen damit praktisch Selbstmord, weil sie ohne ihre pflanzlichen Partner nicht lange überleben können.

Die Marinbiologen stehen vor einem Rätsel - und können nur mutmassen, dass es sich bei diesem fatalen Verhalten der Korallenpolypen um eine «Stressreaktion» handelt, welche wohl vor allem durch zwei Schadfaktoren ausgelöst wird: erstens die vielfältigen chemischen Schadstoffe, die im Wasser gelöst sind, und zweitens die weltweite Erwärmung der Meere. Möglicherweise spielt auch die verstärkte UV-Einstrahlung eine Rolle. Welche Konsequenzen dieses globale Ausbleichen der Korallenriffe nicht allein für die direkt betroffenen Geschöpfe, darunter die Papageifische, sondern letztlich für das gesamte marine Ökosystem - und mithin für die Menschheit - haben wird, ist im Moment völlig unklar.

 


 

 

Legenden

Der Grüne Papageifisch (Sparisoma viride) gehört zu den grösseren Mitgliedern der Papageifischfamilie: Supermännchen (links) können eine Länge von etwa 65 Zentimetern und ein Gewicht von bis zu 1,6 Kilogramm erreichen. Die übrigen Erwachsenen (Weibchen und Primärmännchen; unten) werden allerdings kaum halb so gross. Die Kost des Grünen Papageifischs besteht zur Hauptsache aus Kleinalgen und Blaubakterien («Blaualgen»), die er mit seinem scharfkantigen Gebiss von Korallenblöcken abraspelt.

Beim Gelbschwanz-Papageifisch (Sparisoma rubripinne) erreichen die Supermännchen (oben) eine Länge von bis zu 45 Zentimetern, die übrigen Erwachsenen (Weibchen und Primärmännchen; Mitte) werden gewöhnlich etwa 16 Zentimeter lang, und die jugendlichen Tiere (unten) sind nochmals erheblich kleiner. Bevor die ungewöhnliche, von markanten Farbwechseln begleitete Entwicklungsweise der Papageifische bekannt war, wurden die Supermännchen von Sparisoma rubripinne als eine separate Art namens Sparisoma axillare betrachtet.

Der Königspapageifisch (Scarus vetula) kann mehr als 60 Zentimeter lang werden. Wie bei den meisten Papageifischarten erinnern die Supermännchen (links) mit ihrem schnabelartigen Gebiss und ihrer bunten Färbung an Papageien - daher der Name dieser Fischsippe. Die übrigen Erwachsenen (Weibchen und Primärmännchen; unten) sind schlichter gefärbt.

Wie alle seine Verwandten ist der Königspapageifisch ausschliesslich bei Tageslicht unterwegs. In der Abenddämmerung sucht er jeweils einen Unterschlupf am Meeresboden auf und fertigt sich einen «Schlafsack» aus Schleim an, dem er erst am anderen Morgen wieder entsteigt. Die Schleimhülle schützt ihn vermutlich vor nachtaktiven Fressfeinden und Parasiten.

Der Gestreifte Papageifisch (Scarus taeniopterus) ist ein verhältnismässig kleines Mitglied seiner Familie: Supermännchen (oben) werden maximal 35 Zentimeter lang. Soviel wir wissen, ernährt sich der Gestreifte Papageifisch im Gegensatz zu vielen seiner Vettern nicht allein von Algen, sondern verzehrt auch Seegräser, also «echte» Gefässpflanzen. (Bild unten: Weibchen oder Primärmännchen)




ZurHauptseite