4 Delphine des Pazifiks:

Rundkopfdelphin - Grampus griseus
Kurzschnabeldelphin - Lagenodelphis hosei
Pantropischer Fleckendelphin - Stenella attenuata
Rauhzahndelphin - Steno bredanensis


© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Jahrtausendelang galten Wale und Delphine als Fische. 1758 erkannte dann aber der schwedische Biologe Carl von Linné, dass diese grossen Meeresbewohner Säugetiere sind. Heute gehört es zum Allgemeinwissen, dass Wale und Delphine zwar oberflächlich betrachtet grossen Fischen ähneln und wie diese im Wasser leben, ansonsten jedoch alle kennzeichnenden Merkmale der Säugetiere besitzen: Sie sind Warmblüter, atmen durch Lungen und bringen lebende Junge zur Welt, die mit Muttermilch ernährt werden. Mit ihrem stromlinienförmigen Körper, den zu Flossen umgewandelten Gliedmassen und all den sonstigen Anpassungen an das Leben im nassen Element bewegen sie sich allerdings mit einer Leichtigkeit durch das Wasser, die uns immer wieder in Erstaunen versetzt - und dazu verführt, von «Walfischen» zu sprechen.

Die Ordnung der Waltiere (Cetacea), zu welcher die eigentlichen Wale, die Delphine und die Tümmler gehören, umfasst weltweit rund 80 Arten. Sie werden gemäss neuerer wissenschaftlicher Erkenntnis in zwölf verschiedene Familien gegliedert. Die formenreichste derselben ist die Familie der Delphine (Delphinidae) mit ungefähr 32 Arten, welche über sämtliche Meere und Ozeane unseres Planeten verbreitet sind und teils sogar in Süssgewässern, etwa im Amazonas-Flusssystem, vorkommen.

Selbstverständlich hat auch das grösste der drei Weltmeere, der Pazifische Ozean, welcher sich über eine Fläche von nahezu 180 Millionen Quadratkilometern erstreckt, seinen «gerechten» Anteil am Artenspektrum der Delphine. Vier davon, nämlich der Rundkopfdelphin (Grampus griseus), der Kurzschnabeldelphin (Lagenodelphis hosei), der Pantropische Fleckendelphin (Stenella attenuata) und der Rauhzahndelphin (Steno bredanensis), sollen im folgenden vorgestellt werden.

 

Genannt «Fettfisch»: der Rundkopfdelphin

Der Rundkopfdelphin (Grampus griseus), der seinen deutschen Namen dem für Delphine untypischen schnabellos-rundlichen Kopf verdankt, ist eines der grössten Mitglieder der Delphinfamilie: Erwachsene Tiere erreichen eine Länge von etwa 3,5 Metern und ein Gewicht von 350 bis 400 Kilogramm, wobei die Männchen etwas grösser und kräftiger sind als die Weibchen. Wegen seines gedrungenen Körperbaus einerseits und seines hohen Gewichts andererseits wird er mitunter auch «Grampus» genannt, was vom altfranzösischen graspeis herstammt und übersetzt «Fettfisch» bedeutet. Ein typisches Merkmal des Rundkopfdelphins sind im übrigen die kreuz- und quer verlaufenden «Schmisse», mit denen sein Körper übersät ist. Es handelt sich um die vernarbten Spuren der kräftigen Zähne an der Unterkieferspitze, mit denen sich die Tiere bei Rivalenkämpfen und auch während des Paarungsspiels zu bearbeiten scheinen. Je älter ein Rundkopfdelphin ist, desto «zerkratzter» ist sein Körper.

Der Rundkopfdelphin ist in allen Meeren der tropischen, subtropischen und gemässigt-warmen Zonen weit verbreitet. Gewöhnlich hält er sich auf hoher See auf, das heisst in Gewässern, die tiefer sind als 1000 Meter. In einigen Regionen, so etwa bei den Britischen Inseln, kann man ihm jedoch auch regelmässig in Küstennähe begegnen. Er ernährt sich hauptsächlich von freischwimmenden Tintenfischen (Kalmaren), nimmt aber gelegentlich auch Fische.

Rundkopfdelphine bewegen sich im allgemeinen in Gruppen von 20 bis 40 Individuen umher. Es scheint sich hierbei um «Haremsgruppen» zu handeln, die aus ein paar Weibchen mit ihren Jungen und einem erwachsenen Männchen bestehen. Über das Fortpflanzungsverhalten des Rundkopfdelphins ist noch kaum etwas bekannt - abgesehen davon, dass die Weibchen jeweils ein einzelnes Junges zur Welt bringen, welches bei der Geburt 1,3 bis 1,7 Meter lang ist.

 

Eine «Neuentdeckung»: der Kurzschnabeldelphin

Der Kurzschnabeldelphin (Lagenodelphis hosei) wurde erstaunlicherweise erst 1956 «entdeckt». Anlässlich der Durchmusterung von Skelettmaterial im Britischen Naturhistorischen Museum in London stiess man auf einen Delphinschädel, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Sarawak (Ost-Malaysia) gesammelt worden war und mit Bestimmtheit von keiner der bekannten Delphinarten stammte. Weitere zwanzig Jahre lang blieb dieser Schädel der einzige Hinweis auf die Existenz des Kurzschnabeldelphins. Es wurde deshalb angenommen, dass die Art überaus selten ist. Nachdem nun aber in den letzten zwei Jahrzehnten vielfältige Delphinforschung auf allen Weltmeeren betrieben worden ist, hat sich herausgestellt, dass dem keineswegs so ist. Der Kurzschnabeldelphin ist in den tropischen Gewässern rund um den Erdball herum weit verbreitet und gilt keineswegs als selten. Die Tiere meiden jedoch strikt die Nähe von Küsten und sie stranden auch kaum je an flachen Meeresküsten, wie dies bei anderen Arten immer wieder vorkommt. Deshalb wohl blieb die Art so lange Zeit unbekannt.

Der Kurzschnabeldelphin ist ein mittelgrosses Mitglied der Delphinfamilie: Erwachsene Tiere weisen eine Länge von ungefähr 2,5 Metern und ein Gewicht von 160 bis 210 Kilogramm auf. Ein augenfälliges Kennzeichen des Kurzschnabeldelphins ist seine für Delphine auffallend kurze «Schnauze», daher der Artname. Neueren Beobachtungen zufolge geht dieser ausgeprägte Hochseebewohner sowohl in oberflächennahem Wasser als auch in grösserer Tiefe auf Jagd und scheint dabei neben Fischen aller Art auch Garnelen und Tintenfische zu erbeuten.

Man begegnet dem Kurzschnabeldelphin gewöhnlich in kopfstarken Schulen von 100 bis 1000 Tieren. Über die Zusammensetzung dieser Verbände ist nichts bekannt. Ihr innerer Zusammenhalt scheint jedoch stark und dauerhaft zu sein, denn selbst bei der Verfolgung durch Schiffe, vor denen Kurzschnabeldelphine stets die Flucht ergreifen, trennen sie sich höchst ungern auf.

Über die Fortpflanzungsgewohnheiten des Kurzschnabeldelphins wissen wir so gut wie nichts. Es gibt lediglich Hinweise darauf, dass die Art keine ausgeprägte Fortpflanzungszeit aufweist und dass die als Einzelkinder zur Welt kommenden Jungen bei der Geburt etwa einen Meter lang sind.

 

Variabel im Aussehen: der Pantropische Fleckendelphin

Lange Zeit waren sich die Wissenschaftler uneinig darüber, wieviele Arten von Fleckendelphinen insgesamt zu unterscheiden sind, wobei die Vorstellungen zwischen einer Art und vier Arten schwankten. Vor kurzem konnte nun endlich der Nachweis erbracht werden, dass es weltweit zwei Fleckendelphin-Arten gibt, nämlich erstens den Pantropischen Fleckendelphin (Stenella attenuata), der in sämtlichen tropischen und subtropischen Meeren der Erde vorkommt, und zweitens den Atlantischen Fleckendelphin (Stenella frontalis), der die wärmeren Teile des Atlantiks bewohnt. Die Verbreitungsgebiete der beiden Fleckendelphine überlappen somit im Atlantik auf einer weiten Fläche.

Die Grösse des Pantropischen Fleckendelphins schwankt innerhalb seines riesenhaften Verbreitungsgebiets beträchtlich, wobei die grössten Vertreter der Art in den küstennahen Bereichen des Ostpazifiks leben. Dort weisen die Männchen eine durchschnittliche Körperlänge von 2,2 und die Weibchen von 2,1 Metern auf, während das Gewicht ungefähr 100 Kilogramm beträgt.

Wie sein Name besagt, weist der Pantropische Fleckendelphin auf seinem Körper ein Fleckenmuster auf. Es erinnert an die Fellzeichnung des Seehunds und ist bei keinen zwei Tieren «tupfengleich». Zum einen verändert sich das Muster mit dem Alter: Die Flecken fehlen bei der Geburt und werden gewöhnlich mit zunehmendem Alter immer grösser. Zum anderen sind Vertreter küstennaher Populationen im allgemeinen weit stärker gefleckt als solche hochseebewohnender Populationen. Häufig scheinen bei letzteren die Flecken auf den ersten Blick sogar vollständig zu fehlen.

Pantropische Fleckendelphine betätigen sich ausschliesslich als Oberflächenjäger und erbeuten hauptsächlich kleinere Schwarmfische und freischwimmende Tintenfische. Sie erweisen sich als überaus bewegliche Waltiere, welche bei der Verfolgung ihrer Beute regelmässig 50 bis 100 Kilometer am Tag zurücklegen. Häufig jagen die Pantropischen Fleckendelphine im Verband mit Gelbflossen-Thunfischen (Thunnus albacares). Es scheint sich hierbei um «Zweckgemeinschaften» zu handeln, bei denen die Thunfische von den hervorragenden Fähigkeiten der Delphine bei der Beutetierortung profitieren und die Delphine ihrerseits von den tieferschwimmenden Thunfischen frühzeitig vor Hochseehaien und anderen Fressfeinden gewarnt werden.

Wie das Aussehen ist auch die Form der Vergesellschaftung beim Pantropischen Fleckendelphin sehr variabel: Von Kleingruppen mit ein paar wenigen Individuen bis hin zu riesigen Schulen von mehreren tausend Individuen finden sich alle möglichen Gruppierungen. Geburten finden zu allen Jahreszeiten statt, gehäuft jedoch im Frühling und im Herbst. Die Weibchen bringen jeweils ein einzelnes Junges zur Welt, das bei der Geburt eine Länge von 0,85 Metern aufweist. Wie bei anderen Waltieren tritt die Geschlechtsreife erst in «fortgeschrittenem» Alter ein - bei den Männchen mit etwa 15, bei den Weibchen mit 10 bis 12 Jahren. Dafür können die Pantropischen Fleckendelphine ein für Säugetiere recht hohes Alter von manchmal über 45 Jahren erreichen.

 

Hat gefurchte Zahnkronen: der Rauhzahndelphin

Der Rauhzahndelphin (Steno bredanensis) weist als erwachsenes Tier eine Körperlänge von ungefähr 2,3 Metern und ein Gewicht um 120 Kilogramm auf, wobei die Männchen und die Weibchen etwa gleich gross sind. Sein Name bezieht sich auf die Tatsache, dass die Kronen seiner Zähne fein gekerbt sind. Im Gegensatz zu den meisten anderen Mitgliedern der Delphinfamilie besitzt der Rauhzahndelphin im übrigen kein ausgeprägtes Polster aus Fett und Bindegewebe im Stirnbereich, von dem man glaubt, dass es als «akustische Linse» im Dienst der Ultraschallpeilung steht; sein weit vorgezogener «Schnabel» geht praktisch ohne Absatz in die flache Stirn über und verleiht ihm ein eher delphinuntypisches Aussehen.

Rauhzahndelphine sind über alle wärmeren Meere rund um den Erdball herum verbreitet, scheinen jedoch nirgendwo besonders häufig zu sein. Es sind ausgesprochene Hochseebewohner; ihre Lebensweise ist deshalb noch kaum bekannt. Sie scheinen sich hauptsächlich von Tintenfischen zu ernähren, aber auch Fische nicht zu verschmähen. Und sie scheinen gewöhnlich in Gruppen von 20 bis 30 Individuen durch die Fluten zu ziehen.

 

Gefahren auf hoher See

Obschon die vorgestellten vier Delphinarten noch in grösseren Beständen im Pazifik wie auch im Atlantik und im Indischen Ozean vorkommen, sind ihre Zukunftsaussichten keineswegs ungetrübt. Mehrere Faktoren spielen hierbei eine Rolle:

Hier und dort werden Delphine durch den Menschen bejagt - teils zur Nahrungsbeschaffung, teils zur Vernichtung der gebietsweise als «Fischräuber» verrufenen Meeressäuger. Diese gezielte Bejagung, die zumeist in Küstennähe erfolgt, hält sich jedoch in kleinem Rahmen und dürfte keine nennenswerten Auswirkungen auf die Gesamtpopulationen der Delphine haben. Dasselbe gilt für den Fang einzelner Delphine für Zoos und Delphinarien.

Eine weit schlimmere Gefahr für die Delphine bilden heute Fischernetze, welche paradoxerweise gar nicht für sie ausgelegt werden. Da sind zum einen die kilometerlangen Stell- oder Wandnetze, welche etwa für den Fang von Lachsen und Tintenfischen verwendet werden und in denen sich Delphine in grosser Zahl verfangen - als unerwünschter, wertloser «Beifang». Zum anderen verlieren viele Delphine ihr Leben in den riesenhaften Kescher- oder Beutelnetzen, welche zum Fang von Thunfischen eingesetzt werden. Dies betrifft im besonderen den Pantropischen Fleckendelphin, der sich häufig mit Thunfischen vergesellschaftet. In den achtziger Jahren wurden zwar - auf Druck aus Naturschutzkreisen - verschiedene Verfahren entwickelt, um die Delphinverluste beim Thunfischfang zu vermindern, darunter eine Art fernbedienter «Notausgang» im Netz, der es mit Glück und Geschick erlaubt, den Grossteil der an der Oberfläche schwimmenden Delphine wieder freizulassen. Seither verlieren nicht mehr Hunderttausende, sondern «nur» noch Zehntausende von Delphinen im Jahr auf diese Weise ihr Leben. Das sind aber immer noch zu viele. Es wäre sehr wünschenswert, wenn der Konsument durch den Kauf «delphinunschädlicher» Thunfischkonserven einen zusätzlichen Beitrag zur Verminderung dieser unsinnigen Delphinverluste leisten würde. Solche Produkte sind durch das «Dolphin Safe»-Signet gekennzeichnet.

Die unbestritten schlimmste Gefahr geht für die Delphine allerdings von der heimtückischen, durch den Menschen verursachten Verschmutzung der Meere mit Schadstoffen aller Art aus. Der Mensch benützt die Meere seit Jahrhunderten unbekümmert als «Abfalleimer», welche scheinbar alles schlucken. Untersuchungen beispielsweise im Mittelmeer und in der Ostsee zeigen jedoch eindeutig, wie verheerend die Folgen dieses rücksichtslosen Tuns sind und wie weitgehend das marine Leben hier bereits geschädigt ist. Dass sich Schadstoffe aller Art in den Geweben höherer Wasserraubtiere wie der Delphine in hoher Konzentration ansammeln und dass diese Endglieder vieler Nahrungsketten gebietsweise regelrecht verseucht sind, ist heute durch Studien ebenfalls erwiesen.

Die enormen Ausmasse, die der Pazifik aufweist, führen dazu, dass dieses Weltmeer bedeutend grössere Mengen von Schadstoffen zu verkraften vermag als die erwähnten Randmeere. Doch auch für den Pazifik gibt es zweifellos eine obere Grenze in bezug auf seine Schadstoffverträglichkeit. Ist diese Grenze einmal erreicht oder überschritten, so werden die Folgen katastrophal sein - relativ früh für die Delphine, etwas später für die Gesamtheit der vielgestaltigen Meereslebewesen - und nicht zuletzt für den Menschen, der sich ja zu einem guten Teil von ihnen ernährt. Es ist höchste Zeit, dass endlich umfassende Massnahmen zur Gesunderhaltung der marinen Ökosysteme auf unserem Planeten getroffen werden.




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