Pfeifregenpfeifer

Charadrius melodus


© 1999 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Echte Zugvögel haben zwei geografisch weit auseinanderliegende Wohngebiete: ein Brutgebiet und ein Winterquartier. Im allgemeinen schenken wir unsere Aufmerksamkeit hauptsächlich dem Brutgebiet einer Vogelart, da wir die Jungenaufzucht als eine besonders wichtige Phase im Jahreszyklus eines Vogels betrachten. Für die Zugvögel selbst ist jedoch das Winterquartier genauso bedeutungsvoll, denn ohne diesen sicheren Hafen könnten sie überhaupt nicht überleben.

Die grosse Bedeutung des Winterquartiers insbesondere für gefährdete Vogelarten ist in den vergangenen Jahren immer mehr in das Bewusstsein der Naturschützer gerückt. Sie dort vor menschgemachten Schadfaktoren zu schützen, ist allerdings in vielen Fällen eine schier unlösbare Aufgabe. Die Gründe hierfür sollen kurz aufgezeigt werden: Bei manchen Arten wie Enten und anderen Wasservögeln versammeln sich die Bestände im Winter an verhältnismässig wenigen Orten. Das hat zwar zur Folge, dass sie dort sehr anfällig sind auf erhebliche Lebensraumveränderungen oder übermässige Bejagung seitens des Menschen. Andererseits lassen sich Massnahmen zu ihrem Schutz sehr gezielt an wenigen Orten ergreifen und dadurch schnell grössere Teile ihrer Population vor Ungemach bewahren. Bei anderen Arten, darunter vielen Singvögeln, leben hingegen die Bestände im Winterquartier einzelgängerisch oder in kleinen Trupps über grosse Gebiete und oftmals über mehrere Landesgrenzen hinweg verstreut. Sie und ihren Lebensraum im Winterquartier mit vertretbarem Aufwand zu schützen, ist ausserordentlich schwierig.

Ein Vogel, der sich wie die letztgenannten Arten verhält, ist der Pfeifregenpfeifer (Charadrius melodus), einer der seltensten Brutvögel Nordamerikas. Er überwintert in geringer Dichte im ganzen Bereich des Karibischen Meers - entlang der Festlandküste Mexikos und der südlichen USA ebenso wie auf verschiedenen Westindischen Inseln. Von ihm soll hier berichtet werden.

 

Weniger als 2500 Brutpaare insgesamt

Innerhalb der Ordnung der Wat- und Möwenvögel (Charadriiformes) gehört der Pfeifregenpfeifer zur Familie der Regenpfeifer (Chara-dri-idae), welche 67 Arten umfasst. Viele Regenpfeifer - so auch der Pfeifregenpfeifer - leben als echte «Watvögel» an Meeresstränden und entlang von See- und Flussufern und halten sich die meiste Zeit im Grenzbereich zwischen Land und Wasser auf. Eine nicht geringe Anzahl von ihnen bewohnt aber auch Grasländer, Tundren und selbst Halbwüsten, die sich oft in beträchtlicher Entfernung vom nächsten grösseren Gewässer befinden.

Äusserlich ist der Pfeifregenpfeifer ein typisches Mitglied seiner Familie: Er ist ein eher gedrungender Vogel, misst in der Länge etwa 18 Zentimeter und wiegt zwischen 40 und 65 Gramm. Seine Färbung und Zeichnung ähnelt derjenigen mehrerer anderer Regenpfeifer.

In Nordamerika hat der Pfeifregenpfeifer zwei hauptsächliche Brutgebiete: Das erste verläuft entlang der Atlantikküste, vom US-Staat Nordkarolina nordwärts bis zum kanadischen Neufundland. Das zweite bilden die Flusstäler und Feuchtgebiete der Great-Plains-Region im Zentrum des Halbkontinents, vom US-Staat Nebraska nordwärts bis zu den kanadischen Provinzen Alberta, Saskatchewan und Manitoba. Fleckenweise brütet die Art ferner im westlichen Bereich der Great-Lakes-Region in der Grenzregion zwischen den USA und Kanada.

Die letzte umfassende Bestandserhebung wurde für den Pfeifregenpfeifer Anfang der Neunzigerjahre durchgeführt und ergab ein Total von weniger als 2500 Brutpaaren. Die grösste Ansammlung der Vögel befand sich mit nahezu 900 Brutpaaren in der US-amerikanischen Great-Plains-Region. Rund 500 Paare wurden in der kanadischen Great-Plains-Region festgestellt, weitere ungefähr 700 Paare entlang der US-amerikanischen Atlantikküste, etwa 250 Paare entlang der kanadischen Atlantikküste, und weniger als 20 Paare in der Great-Lakes-Region.

Wann die Pfeifregenpfeifer im Frühling in ihren Brutgebieten eintreffen, hängt stark vom jeweiligen Breitengrad und vom örtlichen Klima ab. An der klimatisch verhältnismässig milden Atlantikküste erscheinen die weiss-beige-schwarzen Vögel ab Ende März. In der Great-Plains-Region, wo die Winter lang und streng sind, tauchen sie im allgemeinen nicht vor Ende April auf. Die «Küstenpopula-tion» brütet gewöhnlich an Sandstränden, während die «Binnenlandpopulation» meistens auf Schlick, Sand- und Kieselflächen am Ufer seichter Seen oder träge fliessender Flüsse ihren Nachwuchs aufzieht. Überall halten sich die Pfeifregenpfeifer vorzugsweise an Stellen auf, die unbewachsen oder nur sehr spärlich bewachsen sind.

 

Geisterhaftes Pfeifen

Die Ankunft der Pfeifregenpfeifer in ihren sommerlichen Brutgebieten lässt sich anhand ihres charakteristischen Rufs, dem sie ihren deutschen wie auch wissenschaftlichen Artnamen verdanken, jeweils schnell feststellen - auch wenn die unscheinbaren Vögel selbst nicht zu sehen sind. Es handelt sich um ein weiches, melodiöses, fast geisterhaftes Pfeifen, das etwa wie «piip-lo» oder auch «piip, piip, piip-lo» tönt. Der Ruf ist zwar sanft, aber dennoch erstaunlich durchdringend; selbst bei starkem Wind oder starker Brandung ist er auch in grösserer Entfernung gut zu vernehmen.

Aufgrund der Beobachtung beringter Pfeifregenpfeifer wissen wir, dass die meisten erwachsenen Vögel alljährlich zum selben Brutplatz zurückkehren. Allerdings verbinden sie sich dort selten mit dem Geschlechtspartner vom Vorjahr, sondern bauen meistens eine neue Paarbeziehung auf. Die Männchen zeigen in dieser Phase auffällige Balzflüge, bei denen sie mehrfach einen Kreis oder eine Acht in geringer Höhe über dem Boden ziehen und dabei ein seltsam zitterndes Pfeifen äussern. Sie versuchen ferner, die anwesenden Weibchen für sich zu gewinnen, indem sie ihnen in «imposanter» Haltung, mit ausgebreiteten Flügeln und aufgefächertem Schwanz, zu Fuss folgen.

Die Pfeifregenpfeifer brüten im allgemeinen in kleinen, lockeren Kolonien, in welchen die Nester zwischen fünfzehn und hundert Meter auseinander liegen. Das Nest besteht aus nicht viel mehr als einer ausgescharrten Mulde im Sand oder Schlick. Manchmal sammelt das Paar kleine Kieselsteine, Muschelbruchstücke oder Schwemmholzstückchen und legt diese ins oder zum Nest. Stets befindet sich das Nest klar oberhalb der Hochwassermarke des jeweiligen Strands oder Ufers.

Das Gelege der Pfeifregenpfeifer besteht fast ausnahmslos aus vier Eiern. Diese werden vom Weibchen im Abstand von ein bis zwei Tagen gelegt. Das Bebrüten beginnt, wenn das Gelege vollständig ist, wobei sich Männchen und Weibchen partnerschaftlich ablösen. Die Eier sind auf beigefarbenem Grund braun und grau gesprenkelt und dadurch im Sand und vor allem zwischen Kieselsteinen sehr gut getarnt.

Nicht nur die Eier sind ausgezeichnet getarnt, sondern auch die brütenden Altvögel sind erstaunlich schwer zu erkennen, wenn sie reglos auf dem Nest sitzen. Nähert sich ein Mensch oder ein grösseres Tier dem Nest, so schleicht sich der brütende Vogel frühzeitig und unauffällig davon. So vermeidet er es, die Aufmerksamkeit des Störenfrieds auf das Nest zu lenken. Nähert sich der Eindringling dem Nest weiter, so versucht der Altvogel oftmals, ihn durch auffälliges Verhalten auf sich und vom Nest weg zu lenken. Zunächst fliegt er etwas auf und äussert dabei ein lautes «Ka-ka-ka». Dann lässt er sich auf den Boden fallen und läuft «torkelnd» und schein-bar flügellahm dahin. So erweckt er den Anschein, als sei er krank oder verletzt, und vielfach gelingt es ihm mit diesem Trick, seine Nachkommenschaft vor dem Feind zu schützen.

 

Die Jungen werden nicht gefüttert

Bei erfolgreicher Brut schlüpfen die Daunenjungen nach 25 bis 28 Tagen aus den Eiern. Sie können als echte Nestflüchter bereits wenige Stunden später laufen, und sie suchen auch sofort selbständig nach Nahrung. Tatsächlich werden sie von ihren Eltern zu keiner Zeit gefüttert. Letztere begleiten und beaufsichtigen ihre lebhaften Kinder aber ständig. Droht Gefahr, während diese sich an offenen, feuchten Stellen aufhalten, wo das helle Daunenkleid nicht optimal tarnt, werden sie von den Altvögeln unverzüglich den Strand oder das Ufer hinauf an trockene, mit Kieseln übersäte Stellen geführt. Dort angekommen, legen sich die Jungen sofort hin und verharren bewegungslos, so dass sich ihre Gestalt von einem Augenblick zum nächsten «auflöst».

Bis sie im Alter von etwa vier Wochen flugfähig sind, bewegen sich die jungen Pfeifregenpfeifer im näheren Umfeld ihres Nestplatzes umher. Sobald aber ihre Schwungfedern vollständig gewachsen sind, verhalten sie sich bei der Nahrungssuche wie die Erwachsenen: Im typischen Fall ziehen kleine Trupps von drei oder vier Individuen in geringer Höhe einen Strand oder ein Ufer entlang. Hier und dort landen sie, verteilen sich dann zu Fuss in unterschiedlicher Richtung und suchen individuell nach Nahrung. Jeder Vogel rennt jeweils ein Stück weit, stoppt dann unvermittelt und beobachtet aufmerksam den Boden vor ihm. Entdeckt er ein mögliches Beutetier, etwa einen Wurm, ein Insekt oder eine kleine Krabbe, so eilt er darauf zu, packt und verschluckt sein Opfer - und rennt wieder ein paar Meter weiter.

 

Ohne Halt in die Karibik

Die ersten Pfeifregenpfeifer der «Binnen-land-population» begeben sich mitunter schon im Juni und Juli auf die Reise in ihr Winterquartier; der Hauptteil der Population macht sich im August und September auf den Weg. Die Vögel der «Küstenpopulation» beginnen gewöhnlich im August mit dem Herbstzug; die letzten von ihnen ziehen im Oktober in den Süden. Im allgemeinen reisen zuerst die Weibchen ab, danach die Männchen, und zuletzt folgen die Jungvögel.

In den meisten Fällen scheinen die Pfeifregenpfeifer auf direktem Weg in ihr Winterquartier zu ziehen und unterwegs nur selten bis gar nicht Rast zu machen. Sie sind ihrem winterlichen Lebensgebiet ausgesprochen treu, suchen also Jahr für Jahr denselben Ort auf. Den ganzen Winter über halten sie sich an «ihrem» Küstenabschnitt auf und gehen dort in unmittelbarer Nähe der anbrandenden Wellen auf Nahrungssuche. Wie die meisten ihrer Vettern sind sie ebenso oft nachtsüber wie tagsüber unterwegs, was ein klares Zeugnis für ihre leistungsfähigen Augen ist.

Die jungen Pfeifregenpfeifer können bereits in ihrem zweiten Lebensjahr, also nach ihrer ersten Rückkehr ins Sommerquartier, zur Fortpflanzung schreiten. Interessanterweise suchen sie für die eigene Brut kaum je das Gebiet auf, in dem sie selbst zur Welt kamen, sondern wählen sich in aller Regel eine neue Gegend. Dieser bleiben sie hernach ihr Leben lang treu.

In freier Wildbahn können die Pfeifregenpfeifer nachweislich ein Alter von vierzehn Jahren erreichen. Die obere Altersgrenze der Art dürfte allerdings noch deutlich höher liegen.

 

Mangel an natürlichen Küstenstrichen

Soweit wir wissen, war der Pfeifregenpfeifer bis zu der Zeit, als die Europäer mit der Erkundung und Besiedlung Nordamerikas begannen, eine weit verbreitete und recht häufige Vogelart gewesen. In der Folge wurde er jedoch von den weissen Einwanderern für den Verzehr massiv bejagt, so dass seine Bestände allmählich immer dünner wurden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand sich die Art schliesslich unmittelbar am Rand der Ausrottung. Gerade noch rechtzeitig wurden damals in den USA und in Kanada verschiedene gesetzliche Massnahmen zum Schutz des Pfeifregenpfeifers getroffen, wodurch sich seine Bestände etwas zu erholen vermochten.

Seit ein paar Jahrzehnten hat sich der Trend leider wieder umgekehrt: Die Bestände des Pfeifregenpfeifers sind erneut in vielen Gebieten rückläufig. Als Hauptursachen werden für die «Binnenland-population» gehäuft auftretende Dürrejahre und übermässige Wassernutzung, für die «Küstenpopu-lation» die anhaltende bauliche Erschliessung der Küstenbereiche, und für beide Populationen häufige menschliche Störungen an den Brutplätzen und die Tötung von Jungvögeln durch freilaufende Hunde und Katzen betrachtet.

Während die «Binnenlandpopulation» offenbar jährlich um rund sieben Prozent schrumpft, scheint die «Küstenpopulation» einigermassen stabil zu sein - und zwar dank aufwändiger Artenschutzmassnahmen. Dazu zählen vor allem die Aussperrung des Menschen aus den Brutgebieten während der Hauptbrutzeit, um die Störungen in dieser empfindlichen Phase zu verringern, der Bau von Schutzgittern rund um die Nester, um Hunde, Katzen und andere tierliche Nestplünderer fernzuhalten, ferner das gezielte Entbuschen der Brutplätze, um optimale Brutbedingungen zu schaffen.

Die Tatsache, dass sich trotz all dieser - vielfach von Vogelliebhabern in ihrer Freizeit geleisteten - Schutzanstrengungen die Bestände des Pfeifregenpfeifers nicht weiter erholen, sondern lediglich stabil bleiben, lässt auf eine Verschlechterung der Lebenssituation der «melodiösen» Watvögel in ihren Winterquartieren schliessen.

Zweifellos ist durch die überall in der Karibik auf breiter Front erfolgte Inanspruchnahme der Küstenstreifen durch den Menschen - vor allem für touristische Zwecke - ein Grossteil der natürlichen Küstenlebensräume des Pfeifregenpfeifers unwiderruflich zerstört worden. Und da karibikweit die touristische Entwicklung ungebremst fortschreitet, dürfte die Art auch zukünftig aus immer weiteren Bereichen ihres Winterquartiers verdrängt werden. Ob sich angesichts der ungezählten politischen Einheiten, in welche die Karibik gegliedert ist, jemals einigermassen wirksame Schutzmassnahmen zugunsten des Pfeifregenpfeifers an die Hand nehmen lassen, ist leider fraglich.




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