Philippinenadler
Pithecophaga jefferyi
© 1991 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Der Philippinen-Adler (Pithecophaga jefferyi),
der früher auch Affenadler genannt wurde, gehört zu
den weltweit mächtigsten Adlerarten. Bis zu 220 Zentimeter
kann seine Flügelspannweite betragen, bis über 100
Zentimeter seine Körperlänge, und vier bis sechs (Männchen)
bzw. fünf bis acht (Weibchen) Kilogramm sein Gewicht. Seine
Heimat sind die vier philippinischen Inseln Luzon, Samar, Leyte
und Mindanao.
Der Philippinen-Adler ist ein Mitglied der Familie
der Habichtartigen (Accipitridae), der vielgestaltigsten Verwandtschaftsgruppe
innerhalb der Ordnung der Greifvögel (Falconiformes). Etwa
217 Arten zählen weltweit zu den Habichtartigen, und man
findet sie von den tropischen Regenwäldern bis zu den arktischen
Tundren in praktisch sämtlichen Lebensräumen. Sie alle
töten ihre Beutetiere mit den grossen, dolchartigen Krallen
ihrer muskulösen Füsse und unterscheiden sich dadurch
deutlich von den Mitgliedern der anderen umfangreichen Greifvogelfamilie,
den Falken (Falconidae), welche ihre Beute mit den Füssen
lediglich packen, sie dann aber mit einem kräftigen Schnabelbiss
in den Hinterkopf töten.
Innerhalb der Habichtartigen wird der Philippinen-Adler
gelegentlich mit der südamerikanischen Harpyie, dem ebenfalls
südamerikanischen Würgadler, dem Harpyienadler Neuguineas
und dem afrikanischen Kronenadler zur Gruppe der «Grossen
Tropenwaldadler» zusammengefasst. Diese imposanten Greifvögel
sind allerdings nicht wirklich miteinander verwandt, sondern
sind lediglich «ökologische Brüder»: Aufgrund
ihrer ähnlichen Lebensweise im Kronenbereich der Tropenwälder
ihrer jeweiligen Heimat haben sich ihr Körper und ihr Verhalten
in vergleichbarer Weise entwickelt. Dazu gehören unter anderem
die breiten, abgerundeten Flügel und der verhältnismässig
lange Schwanz. Beides garantiert den Tropenwaldadlern bei der
Verfolgung ihrer Beutetiere höchste Manövrierfähigkeit.
Stammesgeschichtlich verwandt ist der Philippinen-Adler mit den
Adlern des südostasiatischen Festlands.
Seiner Grösse und auffälligen Erscheinung
zum Trotz wurde der Philippinen-Adler erst 1896 von der westlichen
Wissenschaft entdeckt - und auch da eher zufällig. Nachdem
der englische Naturforscher John Whitehead eine Expedition durch
die Insel Samar zwecks Sammlung der dort heimischen Vogelarten
unternommen hatte, sandte er seine wertvolle Ausbeute per Schiff
nach England, um sie am Britischen Museum genauer untersuchen
zu lassen. Soweit kam sie allerdings nicht, denn kurz nach Singapur
fing der alte deutsche Frachter «Weland», auf dem
sich die Vogelsammlung befand, Feuer, und die gesamte Ladung
wurde vollständig zerstört.
Nachdem sich Whitehead vom ersten Schock erholt hatte,
beschloss er, die Expedition zu wiederholen - und wurde dafür
fürstlich belohnt, denn diesmal entdeckte er den prächtigen
Philippinen-Adler. Da die ihn begleitenden Philippiner erzählten,
der mächtige Vogel würde sich zur Hauptsache von Affen
ernähren, erhielt dieser den wissenschaftlichen Gattungsnamen
Pithecophaga, was soviel wie «Affenesser»
bedeutet, und zu Ehren von Whiteheads Vater Jeffery wurde der
Artnamen jefferyi gewählt. «Affenadler»
war deshalb lange Zeit der gebräuchliche Name des Vogels
im deutschen Sprachraum.
Fest verheiratete Paare
Die Lebensweise des Philippinen-Adlers blieb lange
Zeit unerforscht. Erst in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts
begann sich der philippinische Biologieprofessor Dioscoro Rabor
für die Vogelart zu interessieren, und mit der finanziellen
Hilfe internationaler Organisationen war es ihm möglich,
seine Studenten eine eingehende Feldstudie des Adlers durchführen
zu lassen.
Der Philippinen-Adler verbringt praktisch sein ganzes
Leben innerhalb des Kronenbereichs des tropischen Regenwalds.
Über die Wipfel erhebt er sich nur, um segelnd, also mit
möglichst wenig Kraftaufwand, innerhalb seines ausgedehnten
Jagdreviers von einem Waldstück zum anderen zu wechseln.
Die dem Philippinen-Adler nachgesagten «Affenessgewohnheiten»
entpuppten sich im Verlauf der Studie als stark übertrieben.
Der Vogel ist hinsichtlich seiner Beutetiere wenig spezialisiert
und erbeutet ein breites Spektrum unterschiedlichster baumlebender
Tiere. Eichhörnchen und die zu den Schleichkatzen zählenden
Musangs gehören dazu, ferner die eigenartigen Riesengleitflieger,
sodann Nashorn- und allerlei andere Vögel, aber auch Schlangen
und Ratten, welche sich im Geäst der Regenwaldbäume
aufhalten. Affen erwiesen sich als eher seltene Opfer des Philippinen-Adlers,
und dasselbe gilt für bodenlebende Tiere, obschon während
der genannten Studie auch die Erbeutung eines 14 Kilogramm schweren
Hirsches festgestellt wurde.
Wie die meisten Adler lebt der Philippinen-Adler monogam.
Das fest verheiratete Paar hält sich ganzjährig in
seinem Jagdrevier von ungefähr 50 Quadratkilometern auf
und benutzt darin immer wieder denselben Horst zum Brüten.
Dieser befindet sich gewöhnlich im Geäst eines besonders
kräftigen Regenwaldbaums, oft 30 oder noch mehr Meter über
dem Boden.
Gewöhnlich zwischen Mitte September und Mitte
Dezember richtet das Philippinen-Adlerpaar seinen Horst für
die Brut her, und das Weibchen legt in der Folge ein einzelnes
Ei. Während der zweimonatigen Brutzeit und den ersten Wochen
nach dem Schlüpfen des Jungvogels obliegen die Pflichten
am Nest hauptsächlich dem Weibchen, während das Männchen
der Jagd nachgeht und seine Familie mit Nahrung versorgt. Später
wechseln sich die beiden Partner regelmässig am Horst bei
der Versorgung und Beaufsichtigung des Nachwuchses ab.
Der Jungadler bleibt etwa vier bis sechs Monate lang
im Nest. Nach dem Flüggewerden hält er sich noch ein
weiteres Jahr im Wohngebiet seiner Eltern auf und lernt in diesem
Lebensabschnitt die schwierige Technik des Jagens im Kronenbereich
des Regenwalds. Erst wenn er sein Handwerk beherrscht, was etwa
zwanzig Monate nach der Eiablage der Fall ist, verlässt
er seine Eltern. Und erst jetzt sind die Altvögel zur nächsten
Brut bereit. So zieht jedes Philippinen-Adlerpaar höchstens
alle zwei Jahre ein Junges auf.
Nur noch 200 bis 400 Individuen sind übrig
Im Jahr 1910 scheinen allein auf der Insel Mindanao
mindestens 1200 Philippinen-Adler gelebt zu haben. Doch bereits
in den sechziger Jahren galt der Philippinen-Adler als ernsthaft
bedroht. Heute (1990) wird seine Gesamtpopulation von offizieller
Seite auf etwa 200 bis 400 Individuen geschätzt. Aufgrund
der massiven Bedrohung des Philippinen-Adlers in seiner Inselheimat
sah sich die Internationale Union für Naturschutz (IUCN)
1988 dazu gezwungen, den eindrucksvollen Greifvogel auf ihre
unrühmliche Liste der zwölf meistgefährdeten Tierarten
unseres Planeten zu setzen.
Wichtige Faktoren für den rasanten Niedergang
des Philippinen-Adlers in unserem Jahrhundert waren lange Zeit
die Bejagung und der Fang durch den Menschen. Nicht nur wurde
er mit der Begründung niedergeschossen, er raube Schweine,
Hühner, Hunde und andere Haustiere. Er war auch eine begehrte
Trophäe für sogenannte «Sportschützen».
Und ausserdem wurden immer wieder Jungadler aus ihrem Horst geholt,
um in Menschenobhut aufgezogen zu werden. Angesichts der geringen
Nachzuchtrate der Vogelart führte diese Verfolgung zu einer
raschen Ausdünnung der Bestände.
Heute bildet die Zerstörung der tropischen Regenwälder
auf den Philippinen und damit der Entzug der Lebensgrundlage
den Hauptfaktor für den Rückgang des Philippinen-Adlers.
Zwischen 50 und 70 Prozent der Philippinen waren vor dem Zweiten
Weltkrieg mit Wald bedeckt gewesen. Heute (1990) sind es höchstens
noch 20 Prozent, und die Vernichtung der Wälder schreitet
rasant voran. Zwar besteht schon seit Beginn der siebziger Jahre
eine ganze Reihe von Waldschutzverordnungen, welche beispielsweise
in den verbleibenden Regenwäldern nur noch die selektive,
nachhaltige Edelholznutzung durch lizenzierte Unternehmen zulassen.
Sobald aber die Holzfällerfirmen die Edelhölzer in
den ihnen vom Staat zugeteilten Regenwaldstücken gefällt
und über eigens angelegte Waldstrassen abtransportiert haben,
wandert vielfach die landhungrige philippinische Bevölkerung
über eben diese Strassen in die vordem schwer zugänglichen
Wälder ein und vollendet dort die Waldzerstörung durch
Brandrodung, um Platz für neue Pflanzungen zu schaffen.
Dies ist zwar illegal, wird aber mangels wirksamen Gesetzesvollzugs
praktisch ungehindert praktiziert.
Charles Lindbergh: «Mann vom Fach»
In den späten sechziger Jahren wurde die erschreckende
Situation des Philippinen-Adlers erstmals einer breiten Öffentlichkeit
bewusst gemacht, und zwar durch den amerikanischen Piloten Charles
Lindbergh, der 1927 erstmals den Atlantik überquert hatte
und der später von dem herrlichen Greifvogel sehr angetan
war. Als Repräsentant des Welt Natur Fonds (WWF) bereiste
Lindbergh zwischen 1969 und 1972 mehrfach das Inselreich und
setzte sich auf allen Ebenen für den Naturschutz im allgemeinen
und die Erhaltung des Philippinen-Adlers im speziellen ein.
Bereits 1970 wurde aufgrund seiner Vorschläge
ein Gesetz erlassen, das die Tiere selber sowie ihre Nistplätze
unter strikten Schutz stellt. Überdies wurde in Betracht
gezogen, den Philippinen-Adler zum Nationalvogel der Philippinen
zu ernennen. Da aber sein damaliger Name «Affenadler»
als für ein nationales Symbol unpassend gehalten wurde,
musste er zuerst umgetauft werden. Das geschah 1978, und noch
heute dürfte der Philippinen-Adler weltweit der einzige
Vogel sein, der seinen Namen dem Erlass eines Staatsoberhaupts
verdankt. Obschon die Pläne, ihn zum Nationalvogel zu erklären,
später fallengelassen wurden, behielt der Philippinen-Adler
seinen Namen. Und der ganze Wirbel um seine «Person»
liessen ihn letztlich auch so zu einem Objekt des Nationalstolzes
werden.
Schon 1969 war von der philippinischen Regierung mit
der Unterstützung des WWF und anderer internationaler Naturschutzorganisationen
ein «Programm zur Rettung des Philippinen-Adlers»
gestartet worden. Ein wichtiges Ziel dieses Programms ist die
Sicherung möglichst grossflächiger Regenwaldgebiete,
denn wie bei vielen anderen bedrohten Tierarten hängt das
Überleben des Philippinen-Adlers weitgehend davon ab, ob
noch rechtzeitig genügend Lebensraum vor dem Zugriff des
Menschen bewahrt werden kann. Naturschutzgebiete bestehen auf
den Philippinen zwar eine ganze Reihe. Die heute 66 Nationalparks
und 8 Wild- bzw. Vogelreservate sind aber verhältnismässig
kleinflächig, und ihr Schutz ist ungenügend. Ausserdem
kommt der Philippinen-Adler nur in zwei dieser Schutzgebiete
vor, nämlich dem Mount-Apo-Nationalpark und dem Mount-Malindang-Nationalpark,
welche beide auf der Insel Mindanao liegen. (Immerhin ist der
Mount-Apo-Nationalpark im nordöstlichen Mindanao mit 728
Quadratkilometern das grösste Naturschutzgebiet der Philippinen.)
Ein wichtiges Projekt, das im Rahmen des Rettungsprogramms
verfolgt wird, ist deshalb die Schaffung eines neuen Nationalparks
im Sierra-Madre-Gebirge auf Luzon mit einer Fläche von mindestens
500 Quadratkilometern. Ein weiterer Park soll beim Mount Katanglad
entstehen, wo ebenfalls Philippinen-Adler vorkommen. Und zudem
soll die Fläche des Mount-Apo-Nationalparks auf Mindanao
weiter ausgedehnt werden.
Im Rahmen des Rettungsprogramms zugunsten des Philippinen-Adlers
wurde im übrigen schon früh eine Wiederausbürgerungsstation
innerhalb des Mount-Apo-Nationalparks errichtet. Dort wurde anfänglich
versucht, beschlagnahmte Philippinen-Adler an das Leben in der
freien Wildbahn zurückzugewöhnen. Viele dieser Vögel
waren aber durch Fang und schlechte Haltung derart geschädigt,
dass ihre Freisetzung misslang. Die Wiederausgliederungsstation
wurde daher in eine Zuchtstation umgewandelt. Erschwert wurde
ihre Arbeit in der Folge jedoch durch die politischen Unruhen
im Land. Die Station lag mitten im Rebellengebiet und wurde mehrfach
überfallen und ausgeraubt. Dies machte schliesslich den
Umzug an einen sichereren Ort in der Nähe der Stadt Davao
unerlässlich und warf die Zuchtbemühungen weit zurück.
Immerhin hat sich inzwischen ein Adlerpaar, «Mister
Tsai» und «Girlie», zusammengefunden und hat
im Dezember 1989 auch erstmals ein befruchtetes Ei gelegt und
mit Brüten angefangen. Leider starb der Embryo in einem
frühen Entwicklungsstadium ab. Dieser erste Teilerfolg hat
die Projektmitarbeiter jedoch zur Weiterführung ihrer schwierigen
Aufgabe ermuntert. Bei anderen Adlerweibchen der Station, welche
von Hand aufgezogen worden sind und sexuell mit Artgenossen nichts
anzufangen wissen, wird gegenwärtig die künstliche
Befruchtung versucht.
«Flaggschiff» des philippinischen Naturschutzes
Ein sehr erfolgreicher Aspekt des Programms zur Rettung
des Philippinen-Adlers ist im übrigen die breit angelegte
Kampagne zur Information der philippinischen Bevölkerung.
1977 verbrachte ein amerikanisches Filmteam zwei Jahre damit,
das Leben des Philippinen-Adlers zu filmen. Sein prächtiger
Film «Leben und Freisein» wurde in englischer und
philippinischer Sprache produziert und überall in den Dörfern
und Städten im Bereich der Adlergebiete gezeigt. Er fand
enormen Anklang und eröffnete das Gespräch der Naturschützer
mit den Jägern, illegalen Siedlern und anderen Betroffenen.
Auch eine Broschüre mit dem Titel «Ich
bin ein Philippinen-Adler» wurde produziert und weit gestreut.
Die Programmverantwortlichen sind sehr bestrebt, die lokale Bevölkerung
in die Naturschutzarbeit einzubeziehen und ihr Bewusstsein dafür
zu wecken, dass die Erhaltung des Lebensraums des Philippinen-Adlers
wesentlich zur Stabilisierung des lokalen ökologischen Gleichgewichts
beiträgt, von dem unter anderem die ganzjährige Trinkwasserversorgung
der einheimischen Bevölkerung abhängt. Und es wird
auch nicht verheimlicht, dass mit der Erhaltung des «Flaggschiffs»
Philippinen-Adler all die ungezählten anderen Vertreter
der reichen philippinischen Regenwaldflora und -fauna jene Überlebenschance
erhalten, die ihnen genauso zusteht wie dem Menschen selbst.
Nachwort Mai 2002:
1. Es sind mittlerweile drei Jungadler im Zuchtcamp
bei Davao ausgebrütet und grossgezogen worden (2 mal 1994,
1 mal 1999).
2. Die Bestände auf Samar sind heute sehr gering
(vielleicht 3 Paare). Auf Luzon sind sie ebenfalls nahezu erloschen.
Mindanao beherbergt etwa 200 Paare.
(Mitgeteilt von Dr. Richard David Precht, Köln)
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