Pitcairninseln


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)



Kaum jemand weiss, wo Pitcairn liegt. Aber fast jedermann kennt jenes spannende Ereignis, das sich 1789 zutrug und untrennbar mit Pitcairn verbunden ist: die Meuterei auf der «Bounty». Berühmt geworden ist dieses historisch verbürgte Abenteuer hauptsächlich durch den Schwarzweissfilm von Regisseur Frank Lloyd aus dem Jahr 1935 mit Clark Gable als tapferem Seeoffizier Fletcher Christian, dem späteren Anführer der Meuterer, und Charles Laughton als grausamem Kapitän William Bligh, der die Mitglieder seiner Mannschaft so lange quälte, bis sie eine Rebellion gegen ihn durchführten - und sich, um dem langen Arm der britischen Admiralität und damit dem Strang zu entkommen, nach längerer Irrfahrt auf ein winziges Eiland am anderen Ende der Welt zu rückzogen: Pitcairn.

 

Abseits in der Südsee

Mit einer Fläche von lediglich 4,5 Quadratkilometern ist Pitcairn auf der Weltkarte nur schwer auszumachen. Es liegt abseits im südöstlichen Pazifik, auf halbem Weg zwischen Neuseeland und Peru. Die nächstgelegene bewohnte Insel ist das 500 Kilometer entfernte Mangareva, ein kleines Eiland, das zu Französisch-Polynesien gehört. Tahiti liegt 2200 Kilometer entfernt, Neuseeland 5300.

Als Rest eines erloschenen Vulkans hat Pitcairn ein ziemlich bergiges Terrain, wobei der höchste Punkt 347 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Einigermassen ebene Landstücke finden sich nur auf acht Prozent der Inselfläche. Diese paar wenigen Plateaus genügen jedoch, um der Inselbevölkerung ein Leben als Selbstversorger zu ermöglichen, denn dank monatlicher Durchschnittstemperaturen zwischen 19 und 24°C, Jahresniederschlagsmengen um 1800 Millimeter und überaus fruchtbarer Bodenbeschaffenheit gedeihen hier Obst und Gemüse üppig.

Die einzige Siedlung auf Pitcairn ist Adamstown. Das Dorf befindet sich oberhalb der Bounty Bay im Nordosten der Insel, ungefähr 120 Meter über dem Meer. Etwa 70 Holzhäuser liegen hier verstreut in einem gartenähnlich bewachsenen Gelände. Allerdings sind nur knapp die Hälfte davon bewohnt, da die Inselbevölkerung in den letzten Jahrzehnten stetig abgenommen hat und heute nur noch rund 50 Personen umfasst.

Pitcairn wird mit den drei unbewohnten Nachbarinselchen Henderson, Ducie und Oeno zur Gruppe der «Pitcairninseln» zusammengefasst. Henderson liegt etwa 150 Kilometer nordöstlich von Pitcairn und weist eine Fläche von ungefähr 30 Quadratkilometern auf. Die Pitcairner besuchen diese Insel hin und wieder, um sich mit Miro-Holz zu versorgen, das sich hervorragend zum Schnitzen eignet. Oeno befindet sich etwa 120 Kilometer nordwestlich von Pitcairn und hat eine Fläche von knapp 1 Quadratkilometer. Von Zeit zu Zeit suchen die Pitcairner dieses Inselchen auf, um Muscheln, Korallen und Pandanusblätter zu sammeln, die sie für die Herstellung von Körben und anderen Kunstgewerbeartikeln benötigen. Ducie liegt rund 500 Kilometer östlich von Pitcairn und ist die kleinste der vier Pitcairninseln. Wegen der grossen Entfernung wird dieses winzige Eiland von den Pitcairnern kaum je besucht.

Pitcairn erhielt seinen Namen nach jenem jungen Seemann, der im Ausguck der «Swallow» sass, als dieses britische, von Kapitän Philip Carteret befehligte Schiff 1767 an der Insel vorbeifuhr, und der deshalb die Insel als erster gesichtet hatte. Solche Entdeckungen machte man damals im Pazifik häufig, und da das kleine Eiland einerseits unbewohnt schien, andererseits die steilen Felsklippen eine Landung als sehr gefährlich erscheinen liessen, segelte Carteret unbekümmert daran vorüber. Er vermerkte jedoch seine Entdeckung in seinem Reisebericht: «Am Abend des 2. Juli erblickten wir nördlich von uns Land. Am nächsten Tag steuerten wir darauf zu. Das Eiland sah einem riesigen Felsen ähnlich, der aus dem Meer emporragte. Sein Umkreis mass nicht mehr als fünf Meilen, und es schien unbewohnt zu sein. Jedoch war es mit Bäumen bewachsen, und wir sahen an einer Stelle frisches Wasser herablaufen. Ich wäre gern gelandet, aber die Brandung war viel zu heftig, als dass ich es hätte wagen dürfen.»

Carterets Reisebericht erschien 1773 in John Hawkesworths «Geschichte der Seereisen und Entdeckungen im Südmeer», einem Buch, das in England auf grosses Interesse stiess - und von dem sich auch ein Exemplar an Bord der «Bounty» befand, als diese 1787 von England aus in Richtung Südsee aufbrach...

 

Mord und Totschlag im Paradies

Es fehlt hier leider der Platz, um die höchst interessante Geschichte rund um die Meuterei auf der «Bounty» in ihrer ganzen, menschlich erschütternden und zugleich erhebenden Vielschichtigkeit zu erzählen. Es soll aber kurz der Ablauf der Handlung skizziert werden: Die «Bounty», eine 27 Meter lange Dreimastbark, war am 23. Dezember 1787 in See gestochen, um in Tahiti Setzlinge des Brotfruchtbaums an Bord zu nehmen und diese dann zu den britischen Karibikbesitzungen zu fahren. Dort sollten ihre stärkereichen Früchte als Grundnahrungsmittel für die Negersklaven dienen. Die Bounty erreichte Tahiti zehn Monate später während der Regenzeit und musste der ungünstigen Winde wegen ganze fünf Monate lang vor Anker liegen. Während dieser Wartezeit erfreuten sich die Angehörigen der Mannschaft an all den angenehmen Dingen, welche Tahiti bot, insbesondere an den blütenduftenden, freizügigen Mädchen. Als die Bounty schliesslich die Heimreise antreten konnte, fehlte den Männern, welche mehrheitlich aus den nebelfeuchten Slums von Portsmouth und Plymouth stammten, verständlicherweise die Lust, das Paradies aufzugeben. Hinzu kam, dass Kapitän Bligh ein cholerischer Mann war, der seine Matrosen nicht nur unnachgiebig in die arbeitsreiche Bordroutine presste, sondern ihnen auch des öfteren in plötzlichen Wutanfällen beleidigende und ungerechte Worte entgegenschleuderte. So geschah es, dass die Seeleute am 28. April 1789, bereits 2800 Kilometer westlich von Tahiti, unter Anführung von Fletcher Christian gegen ihren Kapitän meuterten und ihn zusammen mit 18 Getreuen in einer offenen Schaluppe aussetzten.

Bligh brachte es anschliessend zu einer Heldentat, die bis heute ihresgleichen sucht: Er legte in seinem lediglich sieben Meter langen, mit Menschen vollgestopften Boot in 41 Tagen 6700 Kilometer zurück, trotzte Stürmen und Riffen, Hunger und Durst, und erreichte schliesslich eine holländische Handelsstation auf der indonesischen Insel Timor. So erfuhr der Rest der Welt von der Meuterei, und alsbald wurde die Verfolgung der Rebellen aufgenommen.

Die Meuterer segelten indessen mit der Bounty nach Tahiti zurück, wo sie ihre Freundinnen und ein paar weitere eingeborene Frauen und Männer an Bord nahmen. Dann machten sie sich auf die Suche nach einer sicheren Heimat. Sie segelten nach Tubuai, zu den Cook-Inseln, nach Tonga und nach Fidschi, ohne fündig zu werden. Da entdeckte Fletcher Christian in der Kabine von Kapitän Bligh das erwähnte Buch von Hawkesworth und darin die Stelle über Pitcairn. Das abgeschiedene, schwer zugängliche Eiland schien wie geschaffen für die Meuterer; sofort änderten sie ihren Kurs in Richtung Pitcairn, wo sie im Januar 1790 ankamen.

Der Bounty entstiegen 9 Meuterer, 6 polynesische Männer und 12 tahitische Frauen. Nachdem alles Wertvolle an Land gebracht war, steckten sie die Bounty in Brand, um eine Entdeckung durch vorbeifahrende Schiffe zu verhindern. (Noch heute begeht man auf Pitcairn am 23. Januar eines jeden Jahres den «Bounty Day» als Gedenktag an dieses Ereignis. Im Verlauf dieses Feiertags wird ein Modell der Bounty zu Wasser gelassen und angezündet.)

Es erwies sich jedoch, dass die Meuterer nicht fähig waren, im Paradies zu leben. Ganz Abkömmlinge der britischen Kolonialmacht teilten sie den fruchtbaren Boden allein unter sich auf. Die polynesischen Männer, darunter zwei Häuptlinge und ein Priester, erhielten kein Land, sondern wurden vielmehr gezwungen, wie Sklaven für die Weissen zu arbeiten. Ähnliches geschah im Hinblick auf die tahitischen Frauen: Sie wurden ebenfalls verteilt, und zwar so, dass jeder Weisse eine von ihnen erhielt, während sich die sechs Polynesier mit drei Frauen begnügen mussten. Diese beiden Fakten wurden zum Ausgangspunkt für die schrecklichen Geschehnisse, die sich in der Folge auf dem engen Raum der abgeschiedenen Südseeinsel abspielten.

Es begann damit, dass die Frau eines Meuterers beim Vogeleiersammeln in den Klippen zu Tode stürzte. Als der Betroffene Ersatz forderte und den Polynesiern eine ihrer Frauen wegnehmen wollte, kam es zum Streit, den zwei der Polynesier nicht überlebten, worauf die übrigen Polynesier fünf Briten umbrachten, darunter auch Fletcher Christian. Die restlichen vier Weissen hielten sich versteckt. Nun brach unter den Polynesiern Streit um die Frauen aus. Ein Mann wurde getötet. Der Mörder floh zu den Weissen und wurde seinerseits von diesen umgebracht. Dasselbe Schicksal ereilte wenig später die beiden letzten Polynesier, wobei die Frauen tatkräftig mithalfen.

Ruhe kehrte danach nicht ein. Zunächst versuchten die Frauen, mit einem selbstgebauten Boot zu fliehen. Vergeblich. Dann planten sie, die vier weissen Männer zu beseitigen. Ebenfalls vergeblich. Später stürzte einer der Meurerer, vom selbstgebrannten Schnaps berauscht, von einem Felsen in den Tod. Der nächste wurde mit einer Axt erschlagen, weil er - wieder wegen einer Frau - seine beiden Kumpane bedroht hatte. Der Vorletzte starb dann im Jahr 1800 eines fast natürlichen Todes, nämlich an einem Asthmaanfall. So blieb schliesslich, nur zehn Jahre nach der Ankunft der Bounty auf Pitcairn, als einziger erwachsener Mann der Matrose John Adams übrig, und mit ihm 9 Frauen und 20 Kinder, welche allesamt von den Meuterern stammten.

Und da geschah das Wunderbare: Ob wohl nur von geringer Schulbildung, wuchs Adams an der Aufgabe, die ihm nun als Oberhaupt der kleinen, völlig isolierten Gemeinde zufiel, zu überraschender innerer Grösse. Er organisierte mit viel Umsicht das tägliche Leben. Er sorgte dafür, dass die Mischlingskinder anhand der Bibel, die von der «Bounty» gerettet worden war, Englisch lesen und schreiben lernten. Ja, er brachte ihnen sogar Moral bei und lehrte sie ein gottesfürchtiges Leben. So schaffte er es, die ihm anvertraute Kolonie aus der anfänglichen Verwahrlosung zu Tugend und Friedsamkeit und zu dem bescheidenen Mass an Bildung zu führen, das er selber besass .

Der britischen Admiralität war es trotz aufwendiger Suche nicht gelungen, das Versteck der Meuterer ausfindig zu machen. Licht in die Sache kam erst, als im Jahr 1808 das amerikanische Walfang schiff «Topaz» zufällig bei Pitcairn vor Anker ging, um Wasser zu bunkern. Überrascht stellte die Besatzung fest, dass die Insel bewohnt war - und so wurde das Geheimnis um die Bounty und ihre meuternde Mannschaft schliesslich doch noch gelüftet. Die zurückgebrachte Kunde vom glücklichen Zustand, in welchem sich die Kolonie befand, und die Bewunderung dessen, was Adams dort leistete, veranlasste die britische Regierung - fast wie im Märchen - von Vergeltungsmassnahmen gegen diesen letzten der Aufrührer abzusehen und die kleine Siedlerkolonie auf ihrer abgeschiedenen Insel in Ruhe zu lassen. John Adams lebte glücklich und zufrieden bis zu seinem Tod im Jahr 1829 auf Pitcairn und wurde 65 Jahre alt.

 

Gläubige Adventisten

Wenn heute jemand auf Pitcairn Geburtstag hat, dann feiert die ganze Insel. Denn auf der isolierten Insel haben die Menschen während zwei Jahrhunderten praktisch nur untereinander geheiratet, und so sind die Pitcairner heute sozusagen alle miteinander verwandt. Nur ein paar wenige Male kam neues Blut hinzu, so etwa durch den Matrosen Samuel Warren, der sich gegen Ende des letzten Jahrhunderts hier niederliess. In der Tat sind über 90 Prozent der Pitcairner direkte Nachfahren der Meuterer und ihrer tahitischen Frauen, gut erkennbar an ihren Namen wie Christian, Adams, Young und Quintal.

Ethnologisch gesehen sind die Pitcairner eine Besonderheit: Sie sind weder reine Europäer noch reine Polynesier, und dennoch sind sie die Ureinwohner ihres Inselchens. Ihre Hautfarbe variiert zwischen polynesischem Braun und europäischem Weiss. Und ihre Sprache ist eine für europäische Ohren schwer verständliche Mischung aus Englisch und Tahitisch.

Interessanterweise hat die ständige Vettern- und Kusinenheirat der Gesundheit und Vitalität der Pitcairner offensichtlich keinen Schaden getan. 1985 veröffentlichte eine Gruppe deutscher Ärzte eine wissenschaftliche Studie hierüber. Bei einem längeren Aufenthalt auf Pitcairn hatten sie festgestellt, dass eine ganze Anzahl von Allgemeinkrankheiten bei der Inselbevölkerung seltener vorkommt als bei anderen Völkern. Auch das Auftreten von Erbkrankheiten war weit unterdurchschnittlich. Und erstaunlich war ferner die seelische Gesundheit des Mischlingsvolks: Es konnten keinerlei Psychosen festgestellt werden; Selbstmord war ebenso unbekannt wie Kriminalität. Ja, selbst Eifersucht, Neid usw. fehlten weitestgehend. «Es herrscht dort ein unglaublicher Geist der Grosszügigkeit. Keine Tür wird je zugesperrt. Jeder kann jederzeit bei jedem anderen ein- und ausgehen. Gewiss gibt es mitunter auch auf Pitcairn Streit, aber der wird immer schnell wieder aus der winzigen Welt geschafft», meinte einer der Expeditionsteilnehmer. Dies sei «besonders bemerkenswert, wenn man den Ursprung und die frühe Geschichte dieses Inselvolks in Betracht zieht.»

Mutmasslich besteht ein Zusammenhang zwischen dem geringen - körperlichen wie seelischen - Krankheitsvorkommen und der Religion der Pitcairner. 1887 liessen sich die ohnehin gottesfürchtigen Inselbewohner nämlich von amerikanischen Siebenten-Tags-Adventisten bekehren. Seither ist das adventistische Bewusstsein für eine gesunde Lebensweise und eine vorbeugende Medizin auf Pitcairn sehr ausgeprägt. Unter anderem ist der Genuss von Schweinefleisch, Alkohol und Tabak verpönt.

 

Neuseeland lockt die Jugend fort

Die meisten Einwohner hatte Pitcairn im Jahr 1937, als ihre Zahl auf 233 Personen anstieg. Danach ging der Bestand nach und nach zurück bis auf die heutigen ungefähr 50 Inselbewohner, dies hauptsächlich durch Auswanderung nach Neuseeland, von wo aus Pitcairn politisch verwaltet wird. Die Abwanderung ist zum einen darauf zurückzuführen, dass sich manche Inselbewohner auf Pitcairn medizinisch nicht genügend betreut fühlen. Ein Arzt reist nämlich nur hin und wieder über den Ozean an. Die restliche Zeit ist eine Krankenschwester für die medizinische Betreuung der Inselbewohner zuständig, und die muss schon mal bei einem Notfall eine Operation durchführen, bei der sie ihre Instruktionen per Telefon aus Neuseeland erhält. In den meisten Fällen trug jedoch die Notwendigkeit einer guten Schulbildung zum besagten Bevölkerungsschwund bei. Pitcairn hat lediglich eine Grundschule; danach müssen alle Kinder, welche eine weiterführende Schule besuchen wollen, nach Neuseeland. Das bedeutet, dass sie jeweils mehrere Jahre lang von ihrem Elternhaus g trennt sind. Viele von ihnen lassen sich während dieser Zeit vom modernen Lebensstil auf Neuseeland fesseln und finden schliesslich nicht wieder heim.

Dabei ist das Leben auf Pitcairn keineswegs «altmodisch». Längst sind die Fischerboote mit Motoren ausgerüstet. Auf den Inselstrassen verkehren Motorräder und Traktoren. Die Häuser sind mit Warmwasserduschen, Kühlschränken und Videorecordern ausgerüstet, denn der Inselgenerator liefert zehn Stunden am Tag Strom für ganz Adamstown. Ein Telefonnetz verbindet die Häuser nicht nur untereinander, sondern auch mit Neuseeland. Und sogar einen kleinen Laden gibt es, der immerhin an zwei Nachmittagen der Woche all das verkauft, was die Pitcairner brauchen und nicht selbst erzeugen.

Eine gewisse Isolation ist aber dennoch spürbar, denn keine Schiffahrtslinie fährt das abgeschiedene Pitcairn regelmässig an. Selbst zur nächstgelegenen bewohnten und per Flugzeug erreichbaren Insel Mangareva wird keine Fährschiffverbindung unterhalten. Das offizielle Versorgungsschiff, das die nach Katalog bestellten Kleider, den Treibstoff für die Motorräder und natürlich die Post von den Verwandten in Neuseeland bringt, tutet nur viermal im Jahr. Auch Kreuzfahrtschiffe oder Frachter - auf dem Weg vom Panamakanal nach Neuseeland und zurück - machen höchst selten Zwischenstopp bei Pitcairn. Und an den Bau einer Flugzeuglandebahn ist wegen der schwierigen Topografie der Insel schon gar nicht zu denken. So gehört Pitcairn weiterhin zu den abgelegensten aller besiedelten Inseln der Südsee.

Tom Christian, der grossgewachsene Inselfunker, meint zu diesem Thema: «Es gibt schon Momente, da mir die Insel zu klein wird. Etwa wenn ich meine Familie einmal zum Abendessen ausführen möchte, was hier mangels Restaurants nicht geht. Und wenn man ganz oben auf der Insel steht und ringsum nichts als Meer sieht, dann wird einem die Abgelegenheit ebenfalls deutlich. Das stört mich allerdings selten. Wir haben ja alles auf der Insel, was wir brauchen, das Klima ist gut, und wir haben keine Gefahren zu fürchten.»

Meralda Warren, eine Frau mit polynesischer Leibesfülle, geht noch weiter. Sie möchte nicht nur an keiner anderen Stelle der Welt leben, sondern möchte die «äussere Welt» auch weiterhin ferngehalten wissen von Pitcairn: «Wenn die Touristen kämen, und mit ihnen die Hotels und die ganze Hektik, dann würden wir unsere Art zu leben verlieren. Dann wäre es hier nicht besser als irgendwo auf der Welt: Wir müssten das, was wir heute aus freien Stücken machen, nämlich Fischen und Gartenbau, kommerziell organisieren. Die ganze Lebensfreude wäre dahin.»

Dieser Ansicht ist auch Trend Quintal, ein braungebrannter Jugendlicher in farbigen Bermudas: «In Neuseeland und auch anderswo wird alles geplant. Auf Pitcairn dagegen gibt es keine Pläne. Wenn das Wetter gut ist, gehe ich fischen oder arbeite im Gemüsegarten. Und wenn es schlecht ist, schnitze ich oder ruhe mich aus.» Er liebt das Leben, bei dem er jeweils am Morgen spontan entscheiden kann, ob er mit seinem Motorrad hinunterfährt zur Bounty Bay und am Fischzug teilnimmt - oder ob er es einfach bleiben lässt.

Die Aussagen zeigen, dass Pitcairn keineswegs ein sterbendes Gemeinwesen ist. Zwar ist die wirtschaftliche Situation der Insel eher prekär. Die beiden Eckpfeiler der Inselwirtschaft, der Briefmarkenverkauf und der Verkauf von Souvenirs (hauptsächlich Schnitzereien und Flechtarbeiten) an vorüberfahrende Schiffe, reichen bei weitem nicht aus, um den heutigen Lebensstandard der Bevölkerung zu finanzieren. Solange aber Grossbritannien weiterhin gewillt ist, Pitcairn zu subventionieren und jährlich über eine halbe Million US-Dollar in die kleine Überseebesitzung zu pumpen, kümmert das die Pitcairner wenig.

 

 

 

Legenden

Die nur 4,5 Quadratkilometer grosse, im südöstlichen Pazifik gelegene Insel Pitcairn ist seit 1838 eine Überseebesitzung Grossbritanniens. Politisch verwaltet wird sie vom britischen Generalgouverneur in Neuseeland. Auf dem Bild ist der steile Klippenweg gut sichtbar, der von der Bounty Bay nach Adamstown, der einzigen Siedlung der Insel, hinaufführt.

Die Eigenschaften, welche Pitcairn einst als Versteck für die vielgesuchten Meuterer der «Bounty» so attraktiv machten, treffen auch heute noch auf die Insel zu: Der klippenreichen, brandungsumspülten Küstenlinie wegen ist der Zugang vom Meer nur an wenigen Stellen und auch dort nur unter erheblichen Schwierigkeiten möglich. Von alters her wagen es nur die geübten Pitcairner selbst, die tückische Brandung mit ihren Booten zu durchfahren.

Im Zentrum von Adamstown befindet sich «The Square», ein kleiner Platz, der auf drei Seiten von öffentlichen Gebäuden eingerahmt ist: der Kirche (links), der Post und Bücherei (Mitte) und dem Bürgerhaus (rechts). Die Glocke im Vordergrund ruft die Pitcairner jeweils zum Gottesdienst oder kündigt die Ankunft eines Schiffs an.

Gärtnern und Fischen spielen eine wichtige Rolle im Alltag der Pitcairner und Pitcairnerinnen. Hier erntet Bett Christian, Nachfahrin des berühmten Anführers der «Bounty»-Meuterer Fletcher Christian, gerade saftige Ananasfrüchte.

Starke Gläubigkeit kennzeichnet die Pitcairner, die sich 1887 zum Siebenten-Tags-Adventismus bekehren liessen. Einer Reliquie gleich wird in der Kirche von Adamstown die Originalbibel von der «Bounty» aufbewahrt, mit deren Hilfe die Kinder der Meuterer seinerzeit lesen und schreiben lernten.

Der Verkauf von kunsthandwerklichen Arbeiten, hauptsächlich Flechtwaren und Holzschnitzereien, stellt eine wichtige Einnahmequelle für die ungefähr fünfzig Pitcairnbewohner dar. Kommt ein Kreuzfahrtschiff vorbei, so fahren sie jeweils hinaus und bauen für die Passagiere einen «fliegenden Markt» auf. Hier fertigt Vula Young mit geschickten Händen einen Korb aus Kokospalmblättern.




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