Prachtfregattvogel

Fregata magnificens


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Rund um den Erdball herum haben sich zahlreiche Vogelarten darauf spezialisiert, das überreiche Nahrungsangebot der Meere und Ozeane zu nutzen. Viele von ihnen halten sich vornehmlich im Bereich der Küsten auf und stellen sich ihre Mahlzeiten in der Gezeitenzone und in den ufernahen Küstengewässern zusammen. Viele andere jedoch verbringen die meiste Zeit ihres Lebens auf dem offenen Meer und begeben sich nur an Land, um zu brüten und manchmal um zu ruhen. Von diesen «echten» Meeresvögeln gibt es weltweit rund 300 Arten in 14 verschiedenen Familien. Zu ihnen zählen auch die fünf Arten aus der Familie der Fregattvögel (Fregatidae).

 

Warme Gewässer bevorzugt

Alle fünf Mitglieder der Fregattvogelfamilie sind in warmen Ozeanregionen zu Hause: Der Bindenfregattvogel (Fregata minor) ist überaus weit verbreitet; er kommt in vielen tropischen und subtropischen Bereichen des Pazifiks, des Indischen Ozeans und des Südatlantiks vor. Der Kleine Fregattvogel (Fregata ariel) ist ebenfalls in diesen drei Regionen heimisch, hat aber eine etwas engere Verbreitung.

Diesen beiden «Weltbürgern» stehen zwei Arten gegenüber, welche je auf nur einer einzigen Insel zur Brut schreiten: Der Adlerfregattvogel (Fregata aquila) brütet ausschliesslich auf dem winzigen, knapp drei Hektar grossen Boatswainbird-Inselchen vor der Nordostküste der Insel Ascension im Südatlantik. Und der Weissbauch-Fregattvogel (Fregata andrewsi) brütet lediglich auf der südlich von Java im Indischen Ozean liegenden, 137 Quadratkilometer grossen Weihnachtsinsel.

Mittelmässig - jedenfalls hinsichtlich seines Verbreitungsgebiets - verhält sich der Prachtfregattvogel (Fregata magnificens), von dem auf diesen Seiten die Rede sein soll. Er kommt einerseits im Bereich der tropischen und subtropischen Meeresregionen Nord-, Mittel- und Südamerikas vor, und zwar auf der pazifischen wie auf der atlantischen Seite; andererseits findet man ihn im Umfeld der Kapverdischen Inseln vor der Westküste Afrikas. Den Schwerpunkt seines Verbreitungsgebiets bildet die Karibik, und dort wiederum befindet sich die wohl grösste Brutkolonie der Art auf der 162 Quadratkilometer grossen Insel Barbuda, welche zum kleinen Karibikstaat Antigua & Barbuda, Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, gehört.

 

Zwar Flugkünstler, jedoch Nichtschwimmer

Der Prachtfregattvogel ist der grösste seiner Sippe. Seine langen, schmalen Flügel weisen eine Spannweite von bis zu 230 Zentimetern auf, der tiefgegabelte Schwanz misst in der Länge beinahe 50 Zentimeter, und auch der Schnabel ist mit 11 bis 12 Zentimetern ungewöhnlich lang. Überraschenderweise bringt der Prachtfregattvogel dennoch nur 1,4 bis 1,5 Kilogramm auf die Waage. Die Flächenbelastung der überlangen Schwingen ist somit ausserordentlich gering - und dies ist ein wesentlicher Teil des «Geheimnisses», welches den Prachtfregattvogel zu einem der grössten Flugkünstler innerhalb der Vogelwelt macht. Der schlanke Vogel ist nicht nur ein überaus leistungsfähiger Segelflieger, der Albatrossen oder Geiern gleich stundenlang ohne jegliche Anstrengung dahingleiten kann. Er ist auch ein überaus wendiger Jagdflieger, der bei Bedarf mit der Beweglichkeit und Geschwindigkeit eines Habichts oder Sperbers zu manövrieren vermag.

Letzteres zeigt sich besonders dann, wenn der Prachtfregattvogel Jagd auf Fliegende Fische, seine Liebelingsbeute, macht. Zielsicher stösst er nach unten und packt mit seinem hakenbewehrten Schnabel blitzschnell die Beute unmittelbar über der Wasseroberfläche - ohne wassern zu müssen oder auch nur das Gefieder zu benetzen. Auf ähnliche Art und Weise fängt er auch oberflächennah schwimmende Fische sowie Tintenfische, pickt nach allerlei essbaren Dingen, die auf der Wasseroberfläche treiben, erbeutet frisch geschlüpfte Meeresschildkröten vom Strand und raubt unbeaufsichtigte Küken mitten aus einer Meeresvogel-Brutkolonie.

Die Ernährungsweise des Prachtfregattvogels erfordert neben ausserordentlicher Flugfertigkeit viel Erfahrung und grosse Geduld. Der schwarze Vogel hat deshalb im Laufe seiner Stammesgeschichte noch eine einfachere Form der Nahrungsbeschaffung entwickelt, die bei erwachsenen Individuen zwischendurch und bei jüngeren, unerfahreneren Vögeln des öfteren zur Anwendung kommt: die «Piraterie». Dabei greift er Tölpel, Pelikane, Kormorane, Möwen und andere Meeresvögel an, welche vom Fischfang zu ihren Nestern oder Ruheplätzen heimkehren, jagt hinter ihnen her und belästigt die flugtechnisch weit unterlegenen Tiere durch allerlei waghalsige Flugmanöver so lang, bis diese verzweifelt ihre Beute fallen lassen bzw. auswürgen, um sich zu erleichtern und dem «Wegelagerer» besser entfliehen zu können. Stets lässt der Prachtfregattvogel daraufhin sofort von seinem Opfer ab, schiesst im Sturzflug der Beute nach und fängt diese zumeist noch im Fall auf.

Interessanterweise kann es sich der Prachtfregattvogel dank seiner meisterhaften Fähigkeiten der Luftakrobatik leisten, praktisch ein Nichtschwimmer zu sein - ein Umstand, der auf den ersten Blick für einen Meeresvogel ein unüberwindbares Hemmnis zu sein scheint. Tatsächlich kann der grossgewachsene Flugkünstler aber weder aktiv schwimmen noch kann er tauchen, denn er besitzt winzige Füsse fast ohne Schwimmhäute und überaus kurze Läufe, und zudem ist sein Gefieder kaum eingefettet, also keineswegs wasserfest. Der Prachtfregattvogel landet deshalb höchst selten auf dem Wasser, und wenn er es doch einmal tut, dann hat er gewöhnlich beträchtliche Schwierigkeiten, sich wieder in die Lüfte zu schwingen. Sein Reich ist allein der Luftraum über dem Wasser.

 

Männchen tragen rote Ballons

Prachtfregattvögel sind - wie viele andere Meeresvögel - gesellige Brüter und bilden im allgemeinen Brutkolonien von einigen Dutzend bis hin zu mehreren hundert Paaren. Da sie - ebenfalls wie die meisten anderen Meeresvögel - gegenüber Raubsäugern wehrlos und somit an Land sehr verwundbar sind, schreiten sie fast ausnahmslos auf kleinen Inselchen zur Brut, auf denen weder Katzen noch Ratten noch irgendwelche anderen bodenlebenden Fressfeinde vorkommen.

Es ist stets das Männchen, welches einen günstigen Nistplatz aussucht und besetzt. Wenn möglich befindet sich dieser auf einem niedrigen Baum oder Strauch, notfalls (wenn Gehölze fehlen) auch auf dem nackten Boden. Gewöhnlich versammeln sich mehrere Männchen an einem geeigneten Ort und buhlen dort in der Gruppe um die Gunst der vorbeifliegenden Weibchen.

Ohne Zweifel gehört die Gemeinschaftsbalz der männlichen Prachtfregattvögel zu den spektakulärsten und lärmigsten «Vorstellungen» in der ganzen Vogelwelt: Segelt ein Weibchen langsam und offenbar partnersuchend über die Köpfe der «heiratswilligen» Männchen hinweg, so breiten diese die Flügel aus, schütteln sich heftig, rasseln mit dem Schnabel, äussern laut knarrende Rufe und werfen den Kopf in den Nacken, um ihren zu einem roten Ballon aufgeblasenen Kehlsack in seiner vollen Grösse vorzuzeigen.

Hat sich ein Weibchen von einem der balzenden Männchen beeindrucken lassen, so gesellt es sich zu ihm, paart sich mit ihm, und alsbald beginnen die beiden mit dem Nestbau. Dem Männchen kommt die Aufgabe zu, die dafür benötigten Zweige herbeizuschaffen, während das Weibchen den Nistplatz besetzt hält und das Nistmaterial zu einem Nest verbaut. Ausserdem muss es ständig vor Nistmaterialdieben auf der Hut sein, denn die «kleptomanischen» Neigungen, welche die Prachtfregattvögel bei der Nahrungssuche offenbaren, zeigen sie durchaus auch bei der Nistmaterialbeschaffung.

Das plattformartige Nest der Prachtfregattvögel misst lediglich etwa 20 Zentimeter im Durchmesser, ist also für die grossgewachsenen Vögel überraschend klein. Ausserdem ist es nur sehr locker und hinfällig gebaut. Der Nestbau ist deshalb bald abgeschlossen. Wenig später legt das Weibchen ein einzelnes weisses Ei, welches in der Folge von beiden Partnern abwechslungsweise in etwa eintägigen Schichten bebrütet wird.

Die Brutdauer beträgt ungefähr fünfzig Tage. Das Junge ist beim Schlüpfen nackt und völlig hilflos, und es wächst überraschend langsam heran. Mindestens fünf Monate verweilt es im Nest und muss in dieser langen Zeit fürsorglich von seinen Eltern betreut werden. Selbst nachdem es endlich flügge geworden ist und das Nest verlassen hat, ist es noch während mehrerer Monate von der Versorgung durch seine Eltern angewiesen. Alles in allem beschäftigt also die Aufzucht eines einzigen Nachkommen das Prachtfregattvogel-Paar über ein Jahr lang. Gewöhnlich schreiten die erwachsenen Vögel deshalb nur alle zwei Jahre zur Brut. (Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass die Männchen jeweils ihre Partnerin und das Kind vorzeitig verlassen und so die Gelegenheit erhalten, alljährlich ein Junges zu zeugen.)

Auch wenn sich der junge Prachtfregattvogel schliesslich von seinen Eltern löst und auf eigene Faust loszieht, ist er noch längst kein Meisterflieger. Bis er die grossartige Flugfähigkeit, die für seine Art so kennzeichnend ist, in all ihren Feinheiten beherrscht, können Jahre vergehen, und in dieser Zeit gilt sein Augenmerk fast ausschliesslich der Nahrungsbeschaffung, das heisst dem schieren Überleben. Zusätzliche Zeit und Energie für die arbeitsintensive Aufzucht eigener Jungen zu verwenden, ist ihm anfangs schlicht unmöglich. Die meisten Prachtfregattvögel pflanzen sich darum erst im Alter von etwa sieben Jahren erstmals fort. Immerhin sind sie mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von mindestens 25 Jahren recht langlebige Vögel, können sich also gewissermassen diesen «Zeitverlust» in der Jugend erlauben.

 

Viele Kolonien sind verwaist

Weil sie sehr augenfällige Vögel sind und weil sie ausserhalb der Brutzeit überaus weit umherstreifen, erhält der menschliche Beobachter leicht den Eindruck, dass es sich bei den Prachtfregattvögeln um eine häufige Vogelart handelt - dies besonders in der Karibik, wo der Schwerpunkt ihres Vorkommens liegt. Der Schein aber trügt. In der gesamten Karibik - zwischen Französisch-Guayana im Süden und Florida im Norden - gibt es gegenwärtig nur etwa 25 Brutplätze. Und von diesen werden weniger als zehn von mehr als hundert Paaren jährlich aufgesucht.

Obschon keine detaillierten historischen Aufzeichnungen über die Bestandsentwicklung der Prachtfregattvögel im karibischen Raum vorliegen, ist unbestritten, dass sowohl die Individuenzahl als auch die Kolonienzahl im Verlauf der letzten fünf Jahrhunderte beträchtlich gesunken ist. Allein in unserem Jahrhundert sind nachweislich vier Nistplätze auf den Bahamas und vier weitere im Bereich der Jungferninseln vollständig verlassen worden.

Der Grossteil dieser Bestandsabnahme ist direkt oder indirekt auf die Tätigkeiten des Menschen zurückzuführen. Prachtfregattvögel wurden in der gesamten karibischen Inselwelt seit deren Besiedlung zuerst durch indianische, später auch europäische Einwanderer massiv verfolgt. Zur Bereicherung des Speisezettels wurden Eier und Nestlinge eingesammelt und Erwachsene abgeschossen. Begehrt war mancherorts auch das Unterhautfett der noch fluguntüchtigen Jungvögel, welches in der Volksmedizin als Heilmittel gegen Gicht, Ischias und allerlei andere Leiden zum Einsatz kam. Die Bestände der schmalflügeligen Meeresvögel erlitten dadurch rasch grössere Einbussen, denn aufgrund ihrer sehr geringen Fortpflanzungsrate konnten sie sich - wenn überhaupt - nur sehr langsam wieder von den zugefügten Schäden erholen.

Grosse Verluste verursachten ferner vielerorts die vom Menschen eingeschleppten Katzen, Ratten, Hunde und Schweine, für welche insbesondere die Eier und Nestlinge eine leichte Beute darstellten. Vereinzelt wurden die Prachtfregattvogel-Kolonien auch durch die Errichtung von Hotels und anderen touristischen Anlagen in ihrer Nähe empfindlich gestört.

 

2500 Brutpaare auf Barbuda

Es überrascht nicht, dass der Prachtfregattvogel heute zu den karibischen Meeresvogelarten mit höchster Schutzwürdigkeit gerechnet wird. In diesem Zusammenhang erhält die Prachtfregattvogel-Kolonie auf der Insel Barbuda grösste Bedeutung. Hier wurden bei der letzten Zählung 2500 Brutpaare festgestellt - womit Barbuda die mit Abstand grösste Prachtfregattvogel-Brutkolonie der ganzen Karibik, ja sehr wahrscheinlich sogar des gesamten Artverbreitungsgebiets beherbergt.

Die besagte Kolonie befand sich früher auf einer kleinen Mangroveninsel in der nordwestlichen Ecke der Codrington-Lagune, die sich entlang der Westseite von Barbuda hinzieht. Vor ein paar Jahren haben die Vögel jedoch ihren Brutplatz verlegt, und zwar in einen küstennahen Mangrovenbestand im äussersten Nordwesten der Insel. Ob dieser Umzug eine Reaktion auf die vielen Störungen durch ornithologisch interessierte Besucher war (der ursprüngliche Brutplatz war leicht zugänglich), oder ob natürliche Einflüsse hierfür massgebend waren, ist nicht bekannt.

Gewiss - und unbefriedigend - ist hingegen die Tatsache, dass die Kolonie an ihrem neuen Standort bislang nicht unter Schutz steht und dort auch keinerlei Massnahmen gegenüber möglichen Schadeinflüssen getroffen worden sind. Es ist dringend erforderlich, dass die Regierung von Antigua & Barbuda den Schutz sowohl des Brutplatzes als auch der Prachtfregattvögel selbst erstens gesetzlich verankert und zweitens vor Ort durchsetzt - damit der kleine Karibikstaat auch in Zukunft stolz sein kann auf das, was Kenner als eines der faszinierendsten Naturschauspiele im gesamten karibischen Raum bezeichnen.




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