Przewalski-Pferd
Equus przewalskii
© 2000 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die Abstammung unseres Hauspferds ist keineswegs abschliessend
geklärt. Vieles deutet heute aber darauf hin, dass es aus
drei urtümlichen Pferdeformen hervorgegangen ist: erstens
dem mittel- und osteuropäischen Waldtarpan (Equus caballus
silvaticus), welcher unter kräftiger «Nachhilfe»
des Menschen um 1805 ausstarb, zweitens dem im Bereich
des Schwarzen Meers heimischen Steppentarpan (Equus caballus
gmelini), welcher um 1875 ausgerottet wurde, und drittens
dem in Zentralasien beheimateten Przewalski-Pferd (Equus przewalskii),
welches um 1970 ausstarb, in Menschenobhut jedoch überlebte
und inzwischen in der Mongolei sogar wiedereingebürgert
werden konnte. Von allen echten Wildpferden, welche noch vor
10 000 Jahren über die ganze nördliche Erdhalbkugel
verbreitet gewesen waren, ist also einzig das Przewalski-Pferd
übrig geblieben. Alle anderen «Wildpferde»
beispielsweise die Mustangs in Nordamerika, die Brumbys in Australien
und die Wüstenpferde in Namibia sind Nachkommen von
Pferden, die einst domestiziert waren, jedoch irgendwann
absichtlich oder unabsichtlich die Freiheit erlangten und
verwilderten.
Nach Oberst Przewalski benannt
Die Familie der Pferde (Equidae) gehört innerhalb
der Klasse der Säugetiere (Mammalia) zur Ordnung der Unpaarhufer
(Perissodactyla), zu welcher auch die Familie der Tapire (Tapiridae)
und die der Nashörner (Rhinocerotidae) zählen. Sie
bildet eine der kleinsten Familien von Grosssäugetieren,
denn sie umfasst lediglich drei Arten von Wildeseln, drei Arten
von Zebras und eine Art von Wildpferden. Allerdings reicht die
Stammesgeschichte der Pferdefamilie weit zurück: Schon im
Alteozän, vor rund sechzig Millionen Jahren, streifte das
Urpferdchen (Hyracotherium oder «Eohippus»)
in Nordamerika und Europa umher. Es war mit einer Schulterhöhe
von etwa 35 Zentimetern und einem Gewicht von 5 bis 6 Kilogramm
ein nur knapp fuchsgrosses Tier, ähnelte in seiner
Gestalt den afrikanischen Duckerantilopen und ernährte sich
nicht weidend von Gräsern im Offenland wie die heutigen
Wildpferde, sondern lebte im Wald und nahm dort allerlei Blätter,
Knospen und Zweige zu sich.
Das Przewalski-Pferd ist ein gedrungen gebautes Pferd
mit verhältnismässig kurzen Beinen, dickem Hals und
grossem Kopf. Seine Schulterhöhe bemisst sich im allgemeinen
auf 130 bis 140 Zentimeter, sein Gewicht beträgt 200 bis
300 Kilogramm. In prähistorischer Zeit scheint die Art in
den Steppengebieten Zentralasiens vom Ural im Westen bis
zur Mongolei im Osten weit verbreitet gewesen zu sein.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war sie jedoch
in ihrem Vorkommen bereits stark beschränkt, und zwar auf
die Trockensteppen- und Halbwüstengebiete der Mongolei und
Nordwestchinas.
Benannt ist das Przewalski-Pferd nach dem russischen
Forschungsreisenden Oberst Nikolai Przewalski, der 1878 von seinen
Reisen nach Zentralasien einen Schädel und ein Fell nach
Moskau zurück brachte und so die Art der westlichen Wissenschaft
bekannt machte. Der eigentliche Entdecker der asiatischen Wildpferde
ist er allerdings nicht: Schon 1427 berichtete nämlich der
weitgereiste Bayer Hans Schiltberger in einem unveröffentlichten
Manuskript über Wildpferde, die er in den Bergen der Mongolei
beobachtet hatte. Und auch der schottische Arzt John Bell, der
von 1719 bis 1722 im Geleit von Zar Peter dem Grossen durch Ostasien
reiste, erwähnt in seinem Reisebericht Wildpferde, die er
in China sah.
Hierarchie in der Haremsgruppe
Przewalski-Pferde sind wie alle Mitglieder der
Pferdefamilie gesellige Tiere. Sie leben gewöhnlich
in Haremsgruppen, die sich aus einem erwachsenen Männchen
und zumeist drei bis vier Weibchen sowie deren Nachwuchs zusammensetzen.
Unter den Stuten eines Harems besteht eine feste Rangordnung.
Das zeigt sich augenfällig daran, dass stets dasselbe
ranghöchste Weibchen die Gruppe bei ihren Streifzügen
anführt und so deren Richtung bestimmt, während die
übrigen Weibchen ihrem Rang entsprechend nachfolgen. Der
Hengst steht zwar in der Gruppenhierarchie an erster Stelle,
geht aber gewöhnlich am Ende der Gruppe und bildet gewissermassen
die sichernde Nachhut.
Während bei vielen anderen geselligen Säugetieren
die Töchter zeitlebens in ihrer Geburtsgruppe verbleiben
und darum die erwachsenen Weibchen innerhalb eines Verbands eng
miteinander verwandt sind, verlassen bei den Wildpferden sowohl
die Söhne als auch die Töchter als Halbwüchsige
ihre Geburtsgruppe. Die jungen Männchen werden gewöhnlich
vom dominanten Hengst im Alter von anderthalb bis drei Jahren
aus der Gruppe verjagt. Die jungen Weibchen verlassen ihre Gruppe
aus eigenem Antrieb in etwas fortgeschrittenerem
Alter. Die jungen Männchen verbünden sich in der Folge
mit ihresgleichen zu Junggesellengruppen, während sich die
jungen Weibchen entweder einer anderen Haremsgruppe anschliessen
oder aber mit einem Junggesellen eine Verbindung eingehen und
mit diesem den Kern einer neuen Gruppe bilden.
Jede Wildpferdegruppe verfügt über ein grosses
Wohngebiet, in welchem sie das ganze Jahr über umherstreift
und das mit den Wohngebieten benachbarter Gruppen mehr oder weniger
stark überlappt. Der dominante Hengst gibt seine Anwesenheit
und seinen Anspruch auf die ihn begleitenden Weibchen immer wieder
durch Kot- und Harnabgabe an markanten Geländepunkten kund.
Er warnt dadurch mögliche Rivalen davor, seinem Harem zu
nahe zu kommen. Begegnen sich zwei sesshafte Gruppen im Überlappungsgebiet
ihrer Streifgebiete, so zeigen die beiden Hengste allerlei Droh-
und Imponierverhalten, kämpfen jedoch selten gegeneinander.
Die beiden Gruppen ziehen gelegentlich einfach wieder ihres Wegs.
Dringt hingegen ein Junggeselle in das Wohngebiet einer Gruppe
vor, so wird er vom ansässigen Hengst sofort gestellt und
recht aggressiv unter Einsatz von Zähnen und Hufen
aus der Nähe seiner Stuten vertrieben. Das gelingt
letzterem allerdings nicht immer. Ist er schon älter oder
krank, so kann es geschehen, dass er seinerseits vom jugendlichen
Herausforderer verdrängt wird und dieser sich die Weibchengruppe
aneignet.
Die Fohlen kommen als Einzelkinder nach einer Tragzeit
von durchschnittlich 335 Tagen zur Welt, und zwar im allgemeinen
im April oder Mai, wenn das Nahrungsangebot besonders reichhaltig
ist. Sie wiegen bei der Geburt 25 bis 30 Kilogramm und vermögen
schon innerhalb der ersten Stunde ihres Lebens auf ihren Beinen
zu stehen. Schon nach wenigen Wochen beginnen sie, feste Nahrung
in Form von Gräsern zu sich zu nehmen, doch werden sie erst
im Alter von acht bis zehn Monaten von der Muttermilch entwöhnt.
Die Stuten werden jeweils kurz nach der Geburt eines
Fohlens wieder rossig und lassen sich vom Hengst decken, so dass
sie also trotz der elfmonatigen Tragzeit alljährlich ein
Junges zur Welt zu bringen vermögen. Die Lebenserwartung
der Przewalski-Pferde liegt bei ungefähr zwanzig Jahren.
Nur 13 Individuen als Zuchtbasis
In den Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts gab es
nur noch wenige vereinzelte Augenzeugenberichte über kleine
Gruppen von Przewalski-Pferden aus der mongolisch-chinesischen
Grenzregion im Südwesten der Wüste Gobi. Die wilden
Verwandten unserer Hauspferde waren durch die massive Bejagung
einerseits und durch die Ausweitung der Weidewirtschaft andererseits
immer weiter an den Rand ihrer Lebensräume gedrängt
worden, und sie wurden schliesslich selbst dort ausgerottet.
Die letzte verlässliche Sichtung eines Przewalski-Pferds
stammt aus dem Jahr 1968.
Zum Glück war es aber im ausklingenden 19. Jahrhundert
in ganz Europa Mode, dass sich wohlhabende Besitzer grosser Ländereien
Gehege einrichteten und darin seltene Hirsche und andere Tierarten
hielten. Einer von ihnen, der deutschstämmige Baron Friedrich
von Falz-Fein, der ein Gut bei Askania Nova in der Ukraine besass,
hatte sich damals in den Kopf gesetzt, seinen bereits reichhaltigen
privaten «Zoopark» zusätzlich mit Przewalski-Pferden
zu bestücken und organisierte zu diesem Zweck mehrere Fangexpeditionen.
Anfangs mit wenig Erfolg: Zum einen gelang es nicht, der überaus
wachsamen, schnellen und ausdauernden erwachsenen Tiere habhaft
zu werden; zum anderen starben die meisten der erbeuteten Fohlen
innerhalb kurzer Zeit mangels geeigneter Milch. Mit der Unterstützung
von Hauspferdstuten als Ammen trafen aber schliesslich 1899 fünf
Fohlen wohlerhalten in Askania Nova ein. 1901 wurden in einer
grossen Fangaktion nochmals 52 Fohlen gefangen von denen 28 die
Fang- und Reisestrapazen überlebten. Sie wurden vom deutschen
Tierhändler Carl Hagenbeck aufgekauft und gelangten durch
ihn an verschiedene Orte im westlichen Europa. Weitere Fangexpeditionen
fanden in den Jahren 1902 und 1903 statt, wodurch nochmals 19
Individuen nach Europa kamen.
Da die Przewalski-Pferde gewissen Hauspferderassen
sehr ähnlich sahen, stiessen sie bei den Tierpark- und Zoobesuchern
allerdings auf geringes Interesse, und da der Fang und der Transport
der grossen Huftiere sehr teuer waren, wurden in der Folge keine
weiteren Individuen mehr der freien Wildbahn entnommen. Einzig
1947 kam nochmals eine einzelne Stute aus der Mongolei nach Europa.
Viele der eingefangenen Tiere überlebten in Menschenobhut
nicht lange und starben noch vor Erreichen der Geschlechtsreife.
Andere pflanzten sich nie fort. So kommt es, dass alle heutigen
Przewalski-Pferde von lediglich dreizehn Individuen abstammen.
Schon früh, wurde befürchtet, dass sich aufgrund dieser
geringen genetischen Vielfalt Inzuchterscheinungen in der Gefangenschaftspopulation
einstellen könnten. Deshalb wurde für die Wildpferdeart
im Jahr 1960 eines der ersten internationalen Zuchtbücher
angelegt, in welchem sämtliche in Menschenobhut gehaltenen
Individuen und ihre verwandtschaftlichen Beziehungen untereinander
verzeichnet sind. Auf dieser Grundlage wurde alsdann ein «Weltzuchtprogramm»
erarbeitet: Durch den steten Austausch geschlechtsreifer Tiere
zwischen den verschiedenen Haltern von Przewalski-Pferden wurde
dafür gesorgt, dass das Erbgut der Tiere möglichst
gut durchmischt blieb.
Bejubelte Heimkehr der «Tachi»
Das Fernziel all dieser Bemühungen war stets,
das Przewalski-Pferd dereinst wieder in die freie Wildbahn zurückzuführen.
Ab 1980 wurden deshalb in einem ersten Schritt so genannte «Halbreservate»
(Semi Reserves) in Askania Nova, Kanada, China, den Niederlanden,
Deutschland und Frankreich eingerichtet. Dort konnten sich die
grossenteils in engen Zoogehegen aufgewachsenen Przewalski-Pferde
in einem umzäunten Gelände an eine grössere Fläche,
ein natürlicheres Nahrungsangebot und eine artgemässe
Gesellschaftsstruktur gewöhnen bei angemessener Überwachung
und nötigenfalls Betreuung durch den Menschen. Erst wenn
sie sich hier bewährt und ihre Lebensfähigkeit unter
Beweis gestellt haben würden, sollten sie in einem zweiten
Schritt in die freie Wildbahn entlassen werden.
1990 wurde beschlossen, die ersten Wiedereinbürgerungen
im bergigen Schutzgebiet Hustain Nuru in der zentralen Mongolei
vorzunehmen. Das 600 Quadratkilometer grosse Reservat erschien
für das Vorhaben besonders geeignet, denn nebst typischer
Steppenvegetation gibt es in diesem Gebiet auch mehrere natürliche
Tränken. Die Schneefälle sind örtlich eher bescheiden,
und zudem sorgen verhältnismässig starke Winde dafür,
dass stets grössere Weideflächen schneefrei sind. Im
Übrigen ist das Gebiet zwar von alters her von mongolischen
Wanderhirten als Weide für ihr Vieh genutzt worden, doch
hat es zu keiner Zeit permanente Siedlungen darin gegeben. (Die
Zahl der im Reservat weidenden Haustiere konnte inzwischen von
rund 45 000 auf etwa 5000 vermindert werden, wobei die Hirten
grossenteils als Wildhüter oder in anderer Funktion eingestellt
wurden.)
1992 wurden die ersten 16 Przewalski-Pferde aus ihren
Halbreservaten in Askania Nova und den Niederlanden in die Mongolei
geflogen, wo sie von der lokalen Bevölkerung mit Begeisterung
empfangen wurden. Die Mongolen sind bei vielen ihrer alltäglichen
Verrichtungen auf die Mithilfe von Pferden angewiesen, und deshalb
hiessen sie die «Tachi», wie sie die Urahnen ihrer
tierlichen Helfer nennen, herzlich willkommen. Im Juni 1994 wurden
die ersten zwei Haremsgruppen unter dem lautstarken Jubel einer
begeisterten Menschenmenge aus ihren Eingewöhnungsgehegen
in die Freiheit entlassen. Rund sechzig weitere Individuen haben
sich ihnen in den vergangenen sechs Jahren angeschlossen. Praktisch
alle haben sich gut an das Klima und die verfügbare Nahrung
angepasst, und es hat auch schon mehrfach Nachwuchs gegeben.
Abgeschlossen ist das Projekt damit noch lange nicht.
Die nunmehr frei lebenden Przewalski-Pferde bedürfen weiterhin
der Überwachung. Insbesondere muss unbedingt vermieden werden,
dass freilaufende Hauspferde sich ihnen anschliessen und sich
mit ihnen kreuzen. Die Fachleute schätzen im Übrigen,
dass mindestens fünf geografisch getrennte Bestände
von je etwa 500 Individuen nötig sind, bis die Wildpopulation
des Przewalski-Pferds als längerfristig überlebensfähig
eingestuft werden kann. Dass sowohl die mongolische Regierung
als auch das mongolische Volk stolz sind auf die Rückkehr
der wilden Vorfahren ihrer Hauspferde und dass sie das Wiedereinbürgerungsprogramm
im Rahmen ihrer Möglichkeiten freudig unterstützen,
lässt jedoch allgemein auf ein gutes Gelingen des aufwändigen
Projekts hoffen.
Bildlegenden
Das Przewalski-Pferd (Equus przewalskii) ist weltweit
das einzige überlebende Wildpferd. Es weist eine Schulterhöhe
von zumeist 130 bis 140 Zentimetern und ein Gewicht zwischen
200 und 300 Kilogramm auf. Seine Fellfärbung ist im Sommer
rotbraun (links), im Winter gelbbraun (unten). Wie die Zebras
und Wildesel, jedoch im Unterschied zu unserem Hauspferd besitzt
es eine Stehmähne.
Die ursprüngliche Heimat des Przewalski-Pferds
sind die Steppengebiete Zentralasiens vom Ural ostwärts
bis zur Mongolei. Das gedrungen gebaute Wildpferd verwendet etwa
fünfzig Prozent seiner Zeit auf die Nahrungsaufnahme. Grashalme
bilden seine Hauptkost; in Notzeiten nimmt es aber auch Blätter
und Rinde zu sich.
Przewalski-Pferde leben gewöhnlich in Haremsgruppen,
die sich aus einem erwachsenen Männchen und zumeist drei
bis vier Weibchen sowie deren Nachwuchs zusammensetzen. Der Hengst
(oben) ist das dominante Tier der Gruppe, doch besteht auch unter
den Stuten eine Rangordnung. Sie wird in der Regel durch Drohen
mit Zähnen und Hufen klargemacht (unten).
Die jungen Przewalski-Pferde kommen als Einzelkinder
nach einer Tragzeit von ungefähr elf Monaten zur Welt. Sie
wiegen bei der Geburt 25 bis 30 Kilogramm und vermögen schon
innerhalb der ersten Stunde ihres Lebens auf den Beinen zu stehen.
Die Entwöhnung von der Muttermilch erfolgt im Alter von
acht bis zehn Monaten.
Es existieren heute weltweit wieder mehr als 1500
Przewalski-Pferde viele von ihnen in Zoos und Tierparks,
manche in Halbreservaten und wenige frei in ihrem natürlichen
Lebensraum (Bild: Mongolei). Es sieht so aus, als habe der Mensch
das Aussterben dieses einzigartigen Grosssäugetiers und
Vorfahrs unseres Hauspferds gerade noch rechtzeitig zu verhindern
vermocht.
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