Komoren-Quastenflosser
Latimeria chalumnae
© 1999 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Ein «lebendes Fossil»
Am 22. Dezember 1938 wurde Marjorie Courtenay-Latimer,
die junge Kuratorin des kleinen Naturhistorischen Museums von
East London an der Südostküste Südafrikas, darüber
verständigt, dass Kapitän Hendrik Goosen mit seinem
Trawler «Nerine» angedockt habe und wie üblich
einige interessante Fische beiseite gelegt habe, die vielleicht
für das Museum interessant wären.
Als sich Courtenay-Latimer daraufhin die Ausbeute anschaute,
entdeckte sie einen ganz merkwürdigen Fisch: einen anderthalb
Meter langen und über fünfzig Kilogramm schweren, stahlblau
schimmernden Fisch mit grossen, verknöcherten Schuppen,
einem mächtigen Unterkiefer und vor allem höchst ungewöhnlichen
Flossen: Die übergrosse, fächerförmige Schwanzflosse
trug an ihrem Ende einen kleinen «Extralappen»; auf
dem Rücken befand sich hinter der für die meisten Knochenfische
typischen segelartigen Rückenflosse noch eine zusätzliche
Flosse mit einem fleischigen, beschuppten und sehr beweglichen
«Stiel»; und auch die beiden Brust- und die beiden
Bauchflossen sowie die einzelne Afterflosse wiesen einen quastenartigen
Bau auf und standen gewissermassen wie kurze Stummelbeine vom
Körper ab.
Einen derartigen Fisch hatte Courtenay-Latimer noch
nie gesehen, und es gelang ihr auch nicht, ihn mit Hilfe ihrer
Bestimmungsbücher im Museum zu identifizieren. Da sie dem
Fund grössere Bedeutung beimass, fertigte sie eine Skizze
an und schickte diese an den Fischexperten James L.B. Smith von
der Rhodes-Universität im südafrikanischen Grahamstown.
Als dieser die Zeichnung in Händen hielt, traute er seinen
Augen nicht. «Ich wäre kaum erstaunter gewesen, wenn
ich auf der Strasse einem Dinosaurier begegnet wäre»,
hielt er später fest. Denn die Skizze zeigte ganz offensichtlich
einen Vertreter aus der Ordnung der Quastenflosser (Coelacanthini),
einer Fischsippe, welche den Zoologen bislang nur aus versteinerten
Abdrücken bekannt war und von denen man glaubte, dass sie
im Devon, vor über 350 Millionen Jahren, entstanden und
gegen Ende der Kreidezeit, vor rund 70 Millionen Jahren, vollständig
ausgestorben wären.
Smith reiste umgehend nach East London, wo er zweifelsfrei
feststellen konnte, dass es sich tatsächlich um einen Quastenflosser
und damit um ein «lebendes Fossil» handelte, das
sich auf rätselhafte Weise in die Neuzeit hatte herüberretten
können. Er fertigte eine wissenschaftliche Beschreibung
des Fischs an und gab ihm - zu Ehren von Courtenay-Latimer und
nach dem Fluss Chalumna, in dessen Nähe er ins Schleppnetz
gegangen war - Latimeria chalumnae.
Die Entdeckung des Urfischs war nicht nur für
die Fachwelt eine Sensation, sondern stiess auch in der breiten
Öffentlichkeit auf grösstes Interesse. Man dachte damals
nämlich allgemein, dass die Quastenflosser die direkten
Vorfahren der landlebenden Wirbeltiere - und damit letztlich
auch des Menschen - seien. Denn im Devon, das war bekannt, hatte
sich ein entscheidender Schritt in der Stammesgeschichte der
Wirbeltiere vollzogen: der Übergang vom Wasser- zum Landleben.
Aus Fischen hatten sich in jener grauen Vorzeit Lurche herausgebildet,
mit denen die Entwicklung aller vierbeinigen Landwirbeltiere
begann. Bei der Suche nach den Fischahnen der Lurche war man
zur Ansicht gelangt, diese seien unter den im Devon in mehreren
Arten über die ganze Welt verbreiteten Quastenflossern mit
ihren gestielten, gliedmassenähnlichen Flossen zu finden.
Das «lebende Fossil» schien also von unschätzbarem
Wert, da sein Studium gewiss dazu betragen würde, die Stammesgeschichte
der Wirbeltiere weiter zu erhellen.
Moderne molekularbiologische Untersuchungen haben
mittlerweile zwar gezeigt, dass die ersten Lurche aus frühen
Lungenfischen (Ordnung Dipnoi) hervorgegangen sind und dass die
Quastenflosser lediglich einen Seitenzweig dieses zu den vierbeinigen
Wirbeltieren hinführenden Entwicklungsasts bilden. Dessen
ungeachtet hat Latimeria chalumnae bis heute nichts von
seiner Faszination eingebüsst.
Im Komoren-Archipel zu Hause
Nach der Entdeckung dieses ersten neuzeitlichen Quastenflossers
begann eine aufwendige Suche nach weiteren Exemplaren der Urfische.
Smith war davon überzeugt, dass sich die Heimat der Tiere
nicht in den Küstengewässern Südafrikas befinden
könne, sondern dass das dort gefangene Individuum ein «Irrgast»
gewesen sein müsse, der durch den starken Mosambik-Strom
abgetrieben worden war, welcher zwischen der östlichen Küste
Afrikas und der Insel Madagaskar nach Süden fliesst. Er
liess überall entlang der ostafrikanischen Küste «Steckbriefe»
verteilen und setzte eine hohe Belohnung für weitere Quastenflosser
aus. Dennoch dauerte es genau 14 Jahre, bis seine Bemühungen
Erfolg zeigten: Erst vor Weihnachten 1952 erhielt er die telegrafische
Nachricht, dass bei der im Norden der Mosambik-Strasse gelegenen
Inselgruppe der Komoren - also rund 3000 Kilometer nördlich
der ersten Fundstelle - am 20. Dezember ein Quastenflosser gefangen
wurde.
Tatsächlich war damit die Heimat der urtümlichen
Fische gefunden: Abgesehen von zwei Quastenflossern, welche 1992
vor Mosambik und 1995 vor Madagaskar zum Vorschein kamen (und
wahrscheinlich auch abgetrieben worden waren), stammen sämtliche
inzwischen aufgetauchten Quastenflosser aus dem Komoren-Archipel,
und zwar allesamt aus den Küstengewässern der beiden
Inseln Grande Comore und Anjouan.
Bis 1997 ist dies wenigstens so gewesen. Als jedoch
Arnaz Mehta Erdmann, die Frau des US-amerikanischen Riff-Ökologen
Mark V. Erdmann, am 18. September 1997 (anlässlich ihrer
Hochzeitsreise) auf der indonesischen Insel Sulawesi über
den Fischmarkt von Manado spazierte, sah sie zufällig einen
grossen Fisch, der auf einem Handkarren transportiert wurde -
und erkannte ihn sofort als Quastenflosser.
Die Nachforschungen des Ehepaars unter den lokalen
Fischern ergaben, dass diese schon mehrfach Quastenflosser, die
sie «Raja laut» («Könige des Meeres»)
nannten, gefangen hatten. Alles deutete also darauf hin, dass
hier, rund 10 000 Kilometer östlich der Komoren, eine weitere
Quastenflosser-Population lebte. Die Sensation war perfekt, als
es den Erdmanns am 30. Juli 1998 gelang, einen weiteren, sogar
noch lebenden Manado-Quastenflosser zu erhalten und diesen im
Wasser schwimmend zu fotografieren.
Nachtaktive Langsamschwimmer
Noch ist über den Manado-Quastenflosser, der
den wissenschaftlichen Namen Latimeria minadoensis erhalten
hat, so gut wie nichts bekannt. Anders schaut die Situation beim
Komoren-Quastenflosser aus: Zwar ist es bislang nicht gelungen,
gefangene Tiere über längere Zeit am Leben zu erhalten
und zu beobachten. Aufgrund der anatomischen Untersuchung der
toten Individuen, welche in Menschenhand gelangt sind, sowie
der Tauchgänge der deutschen Meeresbiologen Hans Fricke
und Jürgen Schauer mit Forschungs-U-Booten können wir
uns aber ein recht gutes Bild der Lebensweise dieser aussergewöhnlichen
Fische machen.
Die Komoren-Quastenflosser bewohnen die untermeerischen
- sandlosen und von vielen Schluchten zerfurchten - Flanken der
Vulkane, aus denen die Komoren-Inselgruppe besteht. Vorzugsweise
scheinen sie sich in einer Tiefe von rund 200 Metern aufzuhalten,
wo die Wassertemperatur lediglich 15 bis 18 Grad Celsius beträgt.
Ihre Fortbewegung erfolgt im allgemeinen sehr gemächlich:
Während die Rückenflossen, die Afterflosse und die
Schwanzflosse zum Ausbalancieren der Körperlage und als
Steuerruder dienen, sorgen die paarigen Brust- und Bauchflossen
langsam «paddelnd» für Vorschub.
Aktiv sind die Quastenflosser hauptsächlich nachts.
Den Tag verbringen sie - oft in kleinen Gruppen - in zwei bis
drei Meter tiefen Lavahöhlen. Kurz nach Sonnenuntergang
kommen sie aus ihren Tagesverstecken hervor und lassen sich in
der Folge einzelgängerisch und mehr oder weniger passiv
dem Fels entlang treiben. Erst kurz vor dem Morgengrauen kehren
sie dann wieder zu einem ihrer Unterschlupfe zurück.
Bei der Nahrungsaufnahme konnten die Quastenflosser
bisher noch nie beobachtet werden. Die Untersuchung des Mageninhalts
gefangener Individuen deutet jedoch darauf hin, dass sie reine
Fleischesser sind und sich von einem breiten Spektrum kleinerer
Fische sowie von Tintenfischen ernähren. Ihre Körperform
sowie die Struktur ihrer Muskulatur lassen darauf schliessen,
dass sie sich ähnlich wie die grossgewachsenen Zackenbarsche
der Gattung Epinephelus als Stossräuber betätigen:
Sie bewegen sich vermutlich die meiste Zeit langsam und unauffällig
fort, stossen dann aber unter Einsatz ihres kräftigen Flossenschwanzes
unvermittelt und mit überraschender Geschwindigkeit zu,
wenn ein Beutetier in ihre Reichweite gerät.
Unser Wissen über die Fortpflanzung der Quastenflosser
beruht allein auf der Untersuchung gefangener Weibchen. Diese
sind offensichtlich «ovovivipar»: Sie erzeugen Eier,
die sie nicht ablegen, sondern über ein Jahr lang im Eileiter
austragen, bis die Embryos geschlüpft sind, so dass schliesslich
lebende Junge geboren werden. Mit einem Durchmesser von etwa
9 Zentimetern und einem Gewicht von über 300 Gramm sind
die Quastenflosser-Eier die grössten im ganzen Fischreich.
Die Zahl der Eier, die sich gleichzeitig im Körper eines
Weibchens entwickeln, schwankt zwischen einem halben und zwei
Dutzend. Die Jungfische weisen bei der Geburt eine Länge
von etwa 35 Zentimetern und ein Gewicht von ungefähr 500
Gramm auf.
In welchem Alter die Urfische die Geschlechtsreife
erreichen und welches Höchstalter sie erreichen können,
wissen wir bislang nicht.
Opfer ihrer Berühmtheit
Die eingeborenen Fischer der Komoren reagierten seinerzeit
gelassen auf die sensationelle «Entdeckung» der Quastenflosser.
Die massigen Fische, die sie «Gombessa» nennen,
gingen ihnen zwar selten, aber schon von alters her an die Angel.
Allerdings galten sie als wertloser Fang, da ihr öliges
und stark harnstoffhaltiges Fleisch unangenehm schmeckt. In der
Regel wurden die Tiere deshalb gleich wieder über Bord geworfen,
wenn sie an einer der Langleinen angebissen hatten, mit denen
die Komorer nachtsüber in der Tiefe nach den wertvollen
Ölfischen (Ruvettus pretiosus) angelten.
Diese Situation änderte sich schlagartig, nachdem
die Weltöffentlichkeit auf die Quastenflosser aufmerksam
geworden war und Dutzende von Museen auf der ganzen Welt Beträge
für einen der Urfische zu zahlen gewillt waren, die einem
Vielfachen eines Fischerjahreslohns entsprachen. Kein Quastenflosser
wurde in der Folge mehr dem Meer zurückgegeben, und obschon
bis heute nur rund 200 Individuen gefangen worden sind, scheint
inzwischen eine erhebliche Ausdünnung der Komoren-Population
stattgefunden zu haben. Das hat vor allem damit zu tun, dass
der Gesamtbestand wahrscheinlich schon immer nur wenige hundert
Individuen umfasst hat und dass die Fortpflanzungsrate der Tiere
überaus gering ist.
Aufgrund der besorgniserregenden Situation der Komoren-Quastenflosser
ist die Art als «vom Aussterben bedroht» auf die
Rote Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) gesetzt worden ist.
Anhang I der Internationalen Konvention über den Handel
mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten (CITES) verbietet
ferner jeglichen kommerziellen Handel mit toten wie lebenden
Komoren-Quastenflossern. Ausserdem hat der Präsident der
Komoren ein Dekret erlassen, das den Export lebender Quastenflosser
für Schauaquarien verbietet.
Keines dieser Verbote vermag jedoch zu verhindern,
dass die komorischen Küstenfischer jene drei bis fünf
Exemplare, die ihnen in einem durchschnittlichen Jahr unabsichtlich
an die Angel gehen, für gutes Geld an Museen und Institute
im Ausland verkaufen. Die Weltbank hat deshalb Mitte der neunziger
Jahre im Rahmen ihres Umweltschutzprogramms ein Projekt gestartet,
welches darauf abzielt, die komorischen Küstenfischer durch
Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit für den Schutz
ihres «Nationaltiers» zu gewinnen und ihnen gleichzeitig
attraktive Verdienstmöglichkeiten durch alternative Formen
des Küstenfischfangs - ausserhalb der Verbreitungsgebiete
der Quastenflosser - zu bieten.
Das Weltbankprojekt ist gut angelaufen, denn die Fischer
haben die neuen Fischfangtechniken akzeptiert und wollen fortan
bewusst auf den Fang von Quastenflossern verzichten. Die Aussichten
für die Zukunft der Komoren-Quastenflosser sind also nicht
schlecht.
Im übrigen hat die Entdeckung der Manado-Quastenflosser
die Einschätzung des Gefährdungsgrads dieser altertümlichen
Fische stark geändert. War noch vor kurzem befürchtet
worden, dass die Quastenflosser direkt am Rand der Ausrottung
stehen, so gilt ihr Fortbestand jetzt - zum einen dank dieser
zweiten Population und zum anderen wegen der berechtigten Hoffnung
auf weitere noch unentdeckte Bestände - als vorerst einigermassen
gesichert. Dies darf jedoch nicht dazu verleiten, mit den Schutzbestrebungen
zugunsten der faszinierenden Tiere nachzulassen. Denn auch die
indonesische Population scheint klein, in ihrer Verbreitung stark
beschränkt und damit empfindlich für jegliche Änderung
ihrer Lebensumstände zu sein. Handelsverbote und das Angebot
alternativer Verdienstmöglichkeiten für «quastenflosserschonende»
Fischer sind hier wie auf den Komoren unabdingbar, wenn die jahrmillionenalten
Urfische auch in unserer modernen, vom Menschen dominierten Welt
eine Überlebenschance haben sollen.
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Auf der Website von Jerome F. Hamlin erfahren Sie mehr
über die aktuelle Situation des Quastenflossers.
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