Riesenrappenantilope

Hippotragus niger variani


© 1990 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Fälschlicherweise auch «Säbelantilope» genannt

Im Englischen heisst die Rappenantilope (Hippotragus niger) «Sable Antelope», was von unbedarften Übersetzern gelegentlich mit «Säbelantilope» wiedergegeben wird. Die Säbelantilope (Oryx dammah) ist aber ein ganz anderes Tier. Und zudem hat das englische Wort «sable» mit dem deutschen «Säbel» überhaupt nichts zu tun, sondern bedeutet «düster, dunkel, schwarz». Der Name «Sable Antelope» läuft also in der Bedeutung genau auf unsere Bezeichnung «Rappenantilope» hinaus.

Innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) gehört die Rappenantilope unübersehbar zur Familie der Hornträger (Bovidae), und da wiederum zur Unterfamilie der Pferdeböcke (Hippotraginae). Diese umfasst neben der Rappenantilope die Pferdeantilope (Hippotragus equinus), vier Arten von Spiessböcken oder Oryxantilopen (Oryx spp.) und die Mendesantilope (Addax nasomaculatus), also insgesamt sieben Arten.

Im Gegensatz zu den anderen Pferdeböcken, bei denen sich Männchen und Weibchen äusserlich kaum unterscheiden, findet man bei der Rappenantilope eine ausgeprägte geschlechtsbezogene Zweigestaltigkeit: Die Weibchen sind oberseits kräftig rot- bis schwarz-braun gefärbt, und dasselbe gilt für die Männchen bis zu ihrem vierten Altersjahr. Dann aber wird das Fell der Männchen zunehmend dunkler, und gleichzeitig wachsen die Hörner über das bei den Weibchen übliche Mass hinaus und krümmen sich stark nach hinten unten. Im Alter von fünf Jahren sind die Männchen schliesslich ausgewachsen und unterscheiden sich fortan deutlich vom «schwachen» Geschlecht.

Die Riesenrappenantilope (Hippotragus niger variani) wurde 1916 als letzte der vier Rappenantilopen-Unterarten beschrieben, nachdem sie 1906 von H.F. Varian, einem englischen Ingenieur, der mit dem Bau der Benguela-Eisenbahn betraut war, entdeckt worden war. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal der Riesenrappenantilope ist die Länge ihrer Hörner. Diese messen im Durchschnitt 30 Zentimeter mehr als bei den Vertretern der drei anderen Unterarten und können bei den Männchen über 150 Zentimeter lang werden. Ferner unterscheidet sich die Riesenrappenantilope von den anderen Rappenantilopen durch das Fehlen eines weissen Wangenstreifens. Keine Unterschiede scheinen hingegen bezüglich der Körpergrösse und des Gewichts zu bestehen, soweit man das aus den wenigen vorhandenen Messungen schliessen kann: Die Schulterhöhe beträgt bei der Riesenrappenantilope wie bei den anderen Rappenantilopen 117 bis 140 Zentimeter, und die Männchen wiegen wie bei jenen 216 bis 263, die Weibchen 204 bis 232 Kilogramm.

 

Im zentralen Angola zu Hause

Die Heimat der Rappenantilopen ist das Miombo-Waldland im südlichen Afrika, ein mässig feuchter Waldsavannentyp, dessen häufigste Bäume 7 bis 15 Meter hohe Hülsenfrüchtler aus der Familie Caesalpiniaceae sind. Die feingefiederten Blätter dieser Bäume, ihre verhältnismässig lichten Kronen und ihre gewöhnlich «lückige» Formation verursachen eine nur geringe Beschattung des Bodens, weshalb zwischen und unter den Bäumen eine dichte Hochgrasflur und vielerlei Kräuter und Sträucher zu gedeihen vermögen. Als der grossflächigste zusammenhängende Vegetationstyp Afrikas erstreckt sich das Miombo-Waldland in einem 1600 Kilometer breiten Gürtel fast von der West- bis zur Ostküste.

Von diesem riesigen Areal bewohnt die Riesenrappenantilope nur einen winzigen Teil, nämlich 25.000 bis 30.000 Quadratkilometer im zentralen Angola, zwischen der Stadt Malanje im Norden und dem Bie-Plateau im Süden. Dies, obschon ungefähr drei Fünftel der Landesfläche, also rund 750.000 Quadratkilometer, mit Miombo-Waldland bedeckt sind. Offensichtlich genügen bei weitem nicht alle Miombo-Varianten den Ansprüchen der Riesenrappenantilope an ihren Lebensraum.

Wie bei den meisten Antilopen ist die Gesellschaftsstruktur der Rappenantilope durch Geselligkeit einerseits und Territorialität andererseits gekennzeichnet: Weibchen und Jungtiere leben friedlich vereint in Herden, welche in festen Wohngebieten umherstreifen, während jedes Männchen für sich allein ein Stück Land besetzt, aus dem es alle anderen Männchen hartnäckig vertreibt, in welchem es die Weibchen-Jungen-Herden jedoch duldet. Nur Männchen mit Grundbesitz erhalten die Gelegenheit, sich mit den brünftigen Weibchen zu paaren, und jene Männchen, welche besonders hochwertigen (hart umkämpften) Lebensraum erobert haben und darum von den Weibchen-Jungen-Herden am häufigsten besucht werden, vermögen ihr Erbgut an besonders viele Nachkommen weiterzugeben. Das territoriale System der Rappenantilope ist somit keineswegs eine «Laune der Natur», sondern eine sehr zweckmässige Einrichtung zur Erhaltung einer gesunden, starken Art. Die Territorien der männlichen Rappenantilopen messen zwischen 2,5 und 12 Quadratkilometern.

Die Weibchen-Jungen-Herden bestehen gewöhnlich aus 10 bis 25 Tieren, können aber manchmal bis über 100 Individuen umfassen. Grössere Herden spalten sich allerdings oft vorübergehend in kleinere Verbände auf, so besonders während der Regenzeit, wenn sie sich über die dichter bewaldeten Stellen innerhalb ihres Wohngebiets verteilen, wo der Boden trittfester und das Gras kürzer ist. Umfangreichen Herden begegnet man demgegenüber vor allem während der Trockenzeit, wenn sich alle Tiere in der Nähe der verbleibenden Wasserstellen und an den wenigen Orten mit frisch spriessendem Gras innerhalb ihres Wohngebiets versammeln.

Die Nahrung der Rappenantilopen besteht zu 70 bis 80 Prozent aus (vorzugsweise grünen) Gräsern und zu 20 bis 30 Prozent aus Kräutern und Blättern. Daneben benötigen die Tiere für ihr körperliches Wohlbefinden natürlich Wasser sowie Mineralsalze, die sie an «Salzlecken» zu sich nehmen. Vom Angebot und von der räumlichen Verteilung der lebensnotwendigen Güter Nahrung, Wasser und Salz hängt denn auch die Grösse des Wohngebiets der Weibchen-Jungen-Herden ab: 15 bis 25 Quadratkilometer sind typisch, in Extremfällen können es aber auch 2,5 beziehungsweise 37 Quadratkilometer sein.

Daten zur Gesellschaftsstruktur der Riesenrappenantilope hat Richard D. Estes, Vorsitzender der Antilopen-Spezialistengruppe der IUCN (Internationale Union für Naturschutz) im Verlauf einer mehrmonatigen Studie in den Jahren 1969/70 erfasst. Die Grösse der Weibchen-Jungen-Herden schwankte im Studiengebiet zwischen 5 und 69 Tieren und belief sich im Durchschnitt auf 24 Individuen. Die Herden hielten sich 5 bis 10 Kilometer von ihren Nachbarherden entfernt auf, während die Distanzen zwischen den territorialen Männchen lediglich 2 bis 3 Kilometer betrugen. Die Dichte der von Estes untersuchten Riesenrappenantilopen-Population bemass sich auf ungefähr 3 Tiere je Quadratkilometer.

Alle diese Zahlen bezogen sich allerdings auf den qualitativ hochwertigen Lebensraum im zentralen Verbreitungsgebiet der Riesenrappenantilopen. Die durchschnittliche Dichte im gesamten Verbreitungsgebiet dürfte weit geringer gewesen sein. Unter Berücksichtigung aller massgebenden Faktoren ergab eine Schätzung des Riesenrappenantilopen-Gesamtbestands im Jahr 1970 zwischen 1000 und 2000 Individuen.

 

Maniokpflanzungen zerstören Lebensraum

Das «Herz» des Verbreitungsgebiets der Riesenrappenantilope, eine zwischen den beiden Flüssen Luando und Cuanza gelegene Landschaft mit einer Fläche von 8280 Quadratkilometern, ist 1936 von Portugal, der damaligen Kolonialmacht in Angola, zum Riesenrappenantilopen-Reservat erklärt worden. Die Ausweisung dieses für die Riesenrappenantilopen sehr bedeutsamen Schutzgebiets geschah als konkrete Antwort auf die «London International Convention» von 1933, ein internationales Abkommen, welches Portugal wie auch die anderen europäischen Kolonialmächte dazu verpflichtete, in ihren Besitzungen aktiven Naturschutz zu betreiben. Zuvor war das Luando-Reservat ein von Grosswildjägern gern besuchtes Jagdgebiet gewesen, denn die mächtigen Hörner der männlichen Riesenrappenantilopen galten als besonders begehrte Jagdtrophäen.

Ein zweites Riesenrappenantilopen-Reservat mit einer Fläche von 600 Quadratkilometern wurde 1963 geschaffen, um eine Population von Riesenrappenantilopen unter Schutz zu stellen, welche erst in den fünfziger Jahren entdeckt worden war, und zwar bei der Ortschaft Cangandala, 35 Kilometer südlich von Malanje. Die ansässige Bevölkerung musste damals das neugeschaffene Schutzgebiet verlassen und sich irgendwo ausserhalb der Reservatsgrenzen ansiedeln. Viele dieser Ausgewiesenen kehrten aber später wieder in das Schutzgebiet zurück und liessen sich entlang der Hauptstrasse nach Malanje nieder, welche durch den Ostteil des Reservats führt. Man trifft darum heute auf eine ganze Reihe von Dörfern innerhalb des Antilopenschutzgebiets.

Auch das Luando-Reservat ist nicht menschenleer. Bei einer Zählung im Jahr 1972 wurden über 17.000 Personen innerhalb der Reservatsgrenzen festgestellt; das waren 41 Prozent mehr als 1960. Die meisten von ihnen, gut 12.000, gehörten dem Volk der Songos an. Ursprünglich hatten sie in ungezählten kleinen Weilern über die Reservatsfläche verstreut gelebt. Ab 1968 wurden die Bewohner der meisten ländlichen Gebiete Angolas aber dazu gezwungen, sich in kompakten Dörfern entlang von Strassen niederzulassen. Dies sollte die schwarze Bevölkerung für die weissen Kolonialherren leichter überblickbar machen. Als Folge dieser Sicherheitsmassnahme sind heute weite Teile des Luando-Reservats menschenleer, während die nördliche Parkregion, wo Strassen durchführen, ziemlich dicht besiedelt ist.

Als eines der ärmsten Völker Angolas ernähren sich die Songos hauptsächlich von Maniok und reichern ihre Mahlzeiten lediglich noch mit etwas Fisch, Wild, Gemüse und Obst an. Für die Maniokpflanzungen sind die dichter bewaldeten Stellen des Miombo-Waldlands mit ihren verhältnismässig festen, humusreichen Böden besonders geeignet, also genau diejenigen Bereiche, welche von den Riesenrappenantilopen während der Regenzeit hauptsächlich genutzt werden.

Die Maniokpflanzungen sind jeweils etwa 18 Monate lang produktiv, dann ist der Boden derart ausgelaugt, dass er erst nach ungefähr dreissig Jahren wieder bebaut werden kann. So legen die Songos alle anderthalb Jahre neue Pflanzungen an und lassen praktisch unfruchtbares Land zurück. Bereits sind aufgrund dieses Wanderfeldbaus grosse Flächen des Miombo-Waldlands sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Reservatsgrenzen für die Riesenrappenantilopen unbewohnbar geworden. Kommt hinzu, dass aufgrund der rasch anwachsenden angolanischen Bevölkerung Jahr für Jahr mehr Maniok angepflanzt wird. Die Gefahr wird darum immer grösser, dass die Riesenrappenantilopen-Population allmählich in eine Anzahl kleiner Teilpopulationen zerfällt, welche den Kontakt untereinander verlieren. Leider zeigt die Erfahrung, dass solche isolierten Teilpopulationen - unter anderem mangels ausreichenden Genaustauschs - weit stärker vom Aussterben bedroht sind als zusammenhängende Grosspopulationen.

 

Die aktuelle Bestandssituation ist unklar

Die Schutzsituation der Riesenrappenantilopen verschlimmerte sich im Jahr 1975 beträchtlich, als es den Angolanern gelang, sich von der vierhundertjährigen Unterjochung durch die Portugiesen zu befreien und diese aus dem Land zu weisen. Denn in der Folge dieses grundsätzlich positiven Ereignisses entbrannte ein Bürgerkrieg zwischen den Anhängern der sozialistischen MPLA (Volksbewegung zur Befreiung Angolas), welche die Regierungsmacht übernommen hatte, und den Anhängern der pro-westlichen Rebellenorganisation UNITA (Nationale Union für die völlige Unabhängigkeit Angolas). Wiederholt wurde nun das Niemandsland des Luando-Reservats von bewaffneten Truppen - einmal der MPLA, ein andermal der UNITA - durchkämmt, und dabei wurde auf alles geschossen, was sich bewegte. Gerüchten zufolge sollen Ende der siebziger Jahre auch Riesenrappenantilopen mit Maschinengewehren erlegt worden sein, namentlich die Herden bei Quimbango, welche an Motorfahrzeuge gewöhnt waren. Wildhüter des Luando-Reservats, welche 1982 von Richard D. Estes befragt werden konnten, bezeichneten diese Gerüchte jedoch als falsch. Die Riesenrappenantilopen bei Quimbango seien immer noch wohlauf und würden auch weiterhin von ihnen beschützt. Leider hielten sich aber in anderen Reservatsteilen schwer bewaffnete Verbrecherbanden versteckt, weshalb es ihnen unmöglich sei, die dort lebenden Riesenrappenantilopen zu überwachen.

Estes verzichtete 1982 sicherheitshalber auf einen Besuch des Luando-Reservats, besah sich aber das Cangandala-Reservat, welches vollständig unter der Kontrolle der regierungstreuen Truppen stand und inzwischen den Status eines Nationalparks erhalten hatte. Der Schutz des Gebiets erwies sich dank eines umsichtigen Wildhüters und seiner Helfer als ausgezeichnet. Innerhalb von fünf Tagen vermochte Estes 45 Riesenrappenantilopen zu beobachten und schloss daraus, dass der Park wahrscheinlich noch immer rund 100 der prächtigen Antilopen beherbergte, wie dies 1970 der Fall gewesen war.

Leider hat sich diese Situation zwischenzeitlich wesentlich verschlechtert: Der gewissenhafte Wildhüter des Cangandala-Nationalparks kam bei einem Unfall ums Leben, und 1987 fiel das gesamte Gebiet den UNITA-Truppen in die Hände. Der Wildhüter-Posten wurde niedergebrannt, und neben vielen anderen Wildtieren wurden nachweislich Riesenrappenantilopen abgeschossen. So erzählten beispielsweise entflohene Gefangene, dass sie in den Feldlagern der UNITA-Truppen Hörner und Felle von Riesenrappenantilopen gesehen hätten.

Bis endlich wieder Ruhe und Ordnung in Angola eingekehrt sind, ist es leider nicht möglich, Genaueres über die aktuelle Situation der Riesenrappenantilopen zu erfahren, geschweige denn konkrete Schritte zum Schutz der stark bedrohten Tiere zu unternehmen. Im Augenblick hängt ihr Schicksal zum einen davon ab, wie gut sie sich ihren menschlichen Verfolgern zu entziehen vermögen, und zum anderen, wie stark sich die angolanischen Jäger selber beschränken. Denn immerhin ist die Riesenrappenantilope seit 1975 das Wappentier Angolas und damit für alle Angolaner ein Symbol der nationalen Unabhängigkeit. Es besteht daher eine gewisse Hoffnung, dass die Führer aller politischen Lager die Erhaltung dieser einzigartigen Tiere wünschen und selbst während der Wirren des Bürgerkriegs um ihren Schutz besorgt sind.

Wird der Frieden dereinst wieder in Angola einkehren, und überleben die Riesenrappenantilopen bis zu diesem hoffentlich nicht allzu fernen Tag, so sieht ihre Zukunft gar nicht allzu düster aus: Der von Naturschutzkreisen gemachte Vorschlag, das Luando-Reservat und den Cangandala-Park zu einem einzigen, grossen Schutzgebiet zu vereinen, ist nämlich von der angolanischen Regierung gutgeheissen worden und könnte nach dem Friedensschluss alsbald realisiert werden.




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