Seeadler - Haliaeetus albicilla

Raubseeschwalbe - Sterna caspia

Zwergblässgans - Anser erythropus

Weissrückenspecht - Dendrocopos leucotos


© 1994 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Länder Westeuropas gehören unbestritten zu den zivilisatorisch fortgeschrittensten und wirtschaftlich stärksten der Erde. Dies hat neben vielen positiven leider auch diverse negative Seiten. Zu nennen sind vorab die massiven Beeinträchtigungen der Natur: Auf weiten Flächen sind in Westeuropa die natürlichen Landschaften nach den Bedürfnissen des Menschen umgestaltet und dabei die ursprüngliche Flora und Fauna stark zurückgedrängt worden.

Immerhin sind die Länder Westeuropas auch hinsichtlich ihrer Naturschutzarbeit besonders weit fortgeschritten, denn zum einen zeigte sich die Schädigung und demzufolge die Schutzbedürftigkeit der Wildtiere und Wildpflanzen hier schon früh, und zum anderen fiel es verhältnismässig leicht, grössere finanzielle Mittel für den Schutz der notleidenden Natur bereitzustellen.

Anhand von vier Vogelarten, welche in Schweden, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, heimisch sind, soll im folgenden beispielhaft gezeigt werden, welch vielfältigen Gefahren sich die Tierwelt Westeuropas heute gegenübergestellt sieht und welch aufwendige Massnahmen zu ihrem Schutz getroffen werden müssen. Es handelt sich um den Seeadler (Haliaeetus albicilla), die Raubseeschwalbe (Sterna caspia), die Zwergblässgans (Anser erythropus) und den Weissrückenspecht (Dendrocopos leucotos).

 

Der Seeadler

Mit einer Flügelspannweite von über zwei Metern und einer Länge von bis zu 90 Zentimetern ist der Seeadler ein besonders stattliches Mitglied der etwa 240 Arten umfassenden Familie der Habichtartigen (Accipitridae). Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich über das gesamte nördliche Eurasien - von Skandinavien ostwärts bis zur Pazifikküste Russlands und nach Japan. Innerhalb dieses weiten Areals hält sich der Seeadler stets im Bereich von Flüssen, Seen und Meeresküsten auf und ernährt sich dort hauptsächlich von Fischen, nimmt aber auch Wasservögel und Kleinsäuger und verschmäht selbst tot aufgefundene Tiere nicht.

Im westlichen Europa ist das Vorkommen des Seeadlers heute stark begrenzt. Aus mehreren Ländern ist der grosse Greifvogel sogar ganz verschwunden. Diese Situation geht hauptsächlich auf die massive Verfolgung durch den Menschen während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zurück. Der Seeadler wurde damals - wie alle seine Vettern (und auch die bodenlebenden Beutegreifer) - als gefährliches und schädliches «Raubwild» verketzert und deshalb abgeschossen und vergiftet, wo und wann immer er sich zeigte.

Dank massiver Aufklärungsarbeit seitens der Naturschutzorganisationen hat sich die Haltung des Menschen gegenüber den Greifvögeln im allgemeinen und dem Seeadler im speziellen in der Zwischenzeit massiv gebessert. Heute gilt der prächtige Vogel meistenorts als schützenswerter Teil unserer natürlichen Umwelt. Doch leider sieht er sich nun mit einer anderen, noch heimtückischeren Gefahr konfrontiert: der Befrachtung seiner Umwelt mit nicht abbaubaren Chemikalien aller Art. Als Endglied verschiedener Nahrungsketten reichert er in seinem Körper grosse Mengen solcher Giftstoffe an, und diese bewirken zwangsläufig eine Beeinträchtigung seines Gesundheitszustands, was sich unter anderem in brüchigen Eischalen und missgebildeten Embryonen äussert.

Die Bestandsentwicklung der Seeadler in Schweden spiegelt das Gesagte deutlich wider: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in diesem skandinavischen Land noch eine gesunde Seeadlerpopulation. 1922 waren jedoch nur noch rund zwanzig Paare übrig. Der Bestand wuchs daraufhin zwar langsam wieder an und umfasste in den siebziger Jahren wieder etwa achtzig Paare. Dann ging er jedoch - hauptsächlich wegen zahlreicher Brutmisserfolge - allmählich wieder zurück.

Erfreulicherweise haben die Anstrengungen der schwedischen Vogelschützer diese Entwicklung dank gezielter Artenschutzmassnahmen nun wieder umzukehren vermocht. Zu nennen sind unter anderem die Bewachung von inzwischen über hundert Seeadlerhorsten während der Brutzeit und die Versorgung der brütenden Vögel und ihres Nachwuchses mit schadstofffreiem Fleisch. Derzeit ziehen gewöhnlich mehr als die Hälfte der schwedischen Seeadlerpaare ihre Jungen erfolgreich gross - das sind doppelt soviele wie in den Jahren 1966 bis 1982.

 

Die Raubseeschwalbe

Die Raubseeschwalbe weist eine Flügelspannweite von bis zu 145 Zentimetern und eine Länge von bis über 50 Zentimetern auf und ist damit das grösste Mitglied der ungefähr 50 Arten umfassenden Familie der Seeschwalben (Sternidae).

Man könnte die eindrucksvolle Seeschwalbe als «Weltenbürgerin» bezeichnen, denn man findet ihre Brutkolonien sowohl in Europa, Asien und Afrika als auch in Nordamerika und Australien. Während sie in den wärmeren Regionen der Erde zumeist sesshaft ist, also ihrem Brutgebiet das ganze Jahr über treu bleibt, ist sie in den kälteren Regionen ein ausgeprägter Zugvogel. So verbringen die in Europa brütenden Raubseeschwalben den Winter teils am Mittelmeer, teils in Westafrika.

Die Nahrung der Raubseeschwalbe besteht zur Hauptsache aus 15 bis 30 Zentimeter langen Fischen, wobei die Fanggebiete oftmals ziemlich weit, manchmal zwanzig bis dreissig Kilometer, von den Brutkolonien entfernt liegen. Letztere sind wie bei den meisten Meeresvögeln überaus bewegte «Kinderstuben», in denen ein ständiges Kommen und Gehen herrscht und die Luft von lautstarkem Gekreisch erfüllt ist.

In vielen Teilen ihres riesenhaften Verbreitungsgebiets sind die Bestände der Raubseeschwalbe in jüngerer Zeit deutlich zurückgegangen - besonders ausgeprägt in Europa, wo sich die letzten Brutkolonien heute im Bereich der Ostsee (Schweden, Finnland, Estland) und auf der Krim-Halbinsel im Schwarzen Meer (Ukraine) befinden. So ergab eine erste, 1971 durchgeführte Bestandsaufnahme für die Raubseeschwalben-Population der Ostsee eine Grösse von 2300 Brutpaaren. 1984 war die Population auf 1800 und 1993 sogar auf nurmehr 1500 Paare abgesunken.

Eine konkrete Gefahr für den Fortbestand der westeuropäischen Raubseeschwalben scheint der Amerikanische Nerz (Mustela vison) darzustellen. Dieses flinke, marderartige Raubtier, das vielerorts aus Zuchtfarmen entlaufen ist, hat heute sozusagen sämtliche Küstenstriche rund um die Ostsee besiedelt und richtet offensichtlich in den örtlichen Meeresvogelkolonien arge Schäden an. Daneben scheinen rücksichtslose Hobbyfischer und Bootsausflügler eine unerfreuliche Rolle zu spielen, denn die Raubseeschwalben reagieren besonders in den frühen Phasen des Brutgeschäfts sehr empfindlich auf jede Störung. Oft sieht sich eine ganze Kolonie vorübergehend zum Wegflug veranlasst, was stets zu Eiverlusten führt.

Im Rahmen eines Artenschutzprojekts arbeiten die schwedischen Vogelschützer derzeit daran, die genauen Gründe für den Rückgang des rund 500 Brutpaare zählenden Raubseeschwalben-Bestands in Schweden zu ermitteln, um alsbald geeignete Schutzmassnahmen treffen zu können. Bereits heute wird versucht, den Bestand des Amerikanischen Nerzes durch Jagd und Fang zu vermindern und die weitere Ausbreitung des «exotischen» Raubtiers zu unterbinden.

 

Die Zwergblässgans

Die Zwergblässgans, eines von rund 150 Mitgliedern der Familie der Entenartigen (Anatidae), ist eine verhältnismässig kleine Gans: Sie weist eine Flügelspannweite von 120 bis 130 Zentimetern und eine Länge um 60 Zentimeter auf. Wie die meisten Gänse ernährt sie sich vorwiegend vegetarisch: An Land, oft in Gewässernähe, einherschreitend pickt sie nach jungen Grasschösslingen und anderen zarten Teilen niedrigwüchsiger Pflanzen.

Die sommerlichen Brutgebiete der Zwergblässgans befinden sich in den hochnordischen Tundragebieten Skandinaviens und Sibiriens, wobei das «Zentrum» des Brutvorkommens im Bereich der nordrussischen Jamal-Halbinsel und des Ob-Unterlaufs zu liegen scheint. Die hübschen Gänse sind ausgeprägte Zugvögel und treffen jeweils erst gegen Ende Mai, Anfang Juni in ihren Brutgebieten ein. Schon im August, spätestens aber im September fliegen sie dann wieder in ihre südlichen Winterquartiere zurück.

Die Zwergblässgans hat in den letzten paar Jahrzehnten enorme Bestandseinbussen erlitten: Im nördlichen Skandinavien ist ihre Population um 95 Prozent geschrumpft! Man nimmt an, dass für diesen besorgniserregenden Rückgang hauptsächlich die Bejagung der Vögel in ihren Winterquartieren verantwortlich ist: Die Zwergblässgänse, welche im nördlichen Europa brüten, verbringen den Winter an den Küsten des Schwarzen Meers, des Kaspischen Meers und des östlichen Mittelmeers. Dort aber stellt fast überall der unkontrollierte Abschuss sämtlicher Wildtiere ein altes und noch immer ungelöstes Problem dar.

Angesichts der verheerenden Situation der Zwergblaessgans in Schweden wurde vor kurzem ein Rettungsprojekt in die Wege geleitet, dessen ungewöhnliches Ziel es ist, die Vögel in ein sichereres Winterquartier umzuleiten. Zu diesem Zweck werden jeweils während der Brutzeit die Eier von zahmen, aber freifliegenden Weisswangengänsen (Branta leucopsis), welche auf dem Gelände des Naturhistorischen Museum von Stockholm brüten, durch Eier von gefangengehaltenen Zwergblässgänsen ersetzt (was die Weisswangengänse bereitwillig geschehen lassen). Kurz nach dem Schlüpfen der jungen Zwergblässgänse werden die «gemischten» Gänsefamilien in die traditionellen Brutgebiete der Zwergblässgänse im schwedischen Lappland gebracht. Im Spätsommer folgen die jungen Zwergblässgänse dann ihren Adoptiveltern in deren Winterquartiere, welche auf den Friesischen Inseln vor der niederländischen Küste liegen, wo die Vögel vom Menschen in keiner Weise behelligt werden. So lernen die jungen Zwergblässgänse eine andere Zugroute - und werden hoffentlich nach der Geschlechtsreife nach Lappland zurückkehren, um dort zu brüten. Denn Zwergblässgänse - so hat man festegstellt - kehren zum Brüten stets dorthin zurück, wo sie einst fliegen gelernt haben, und sie verbringen den Winter stets dort, wo sie von ihren Eltern das erste Mal hingeführt wurden. Ob dem einfallsreichen Schutzprojekt Erfolg beschieden sein wird, muss sich in den nächsten Jahren weisen.

 

Der Weissrückenspecht

Der Weissrückenspecht ist mit einer Flügelspannweite von 40 Zentimetern und einer Länge von 25 Zentimetern ein recht grosser Vertreter der rund 200 Arten umfassenden Familie der Spechte (Picidae). Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich über das gesamte nördliche Eurasien - von Skandinavien im Westen bis Kamtschatka, Japan, Korea und Taiwan im Osten.

Im westlichen Bereich des Verbreitungsgebiets haben die Bestände des Weissrückenspechts in den letzten Jahrzehnten teils massiv abgenommen. So war der hübsche Vogel in Schweden noch um die Mitte unseres Jahrhunderts ein weitverbreiteter und keineswegs seltener Vogel gewesen; heute findet man ihn nur noch in drei begrenzten Gebieten. Man schätzt, dass mittlerweile keine hundert Brutpaare mehr in Schweden leben.

Diese beunruhigende Situation dürfte hauptsächlich auf die in der modernen Forstwirtschaft angewandten Praktiken zurückzuführen sein. Der Weissrueckenspecht benötigt als Lebensraum Laubwälder mit einer verhältnismässig grossen Anzahl toter oder sterbender Bäume. Denn zum einen baut er in morschem Holz seine Nisthöhle, und zum anderen ernährt sich vorwiegend von Insektenlarven, die sich in abgestorbenem Holz entwickeln. Die Wälder, die er vorzugsweise bewohnt, befinden sich in Sumpfgebieten oder in der Nachbarschaft von Seen und Flüssen, welche periodisch über die Ufer treten. Solche Wälder weisen naturgemäss einen ziemlich hohen Anteil sterbender und toter Bäume auf. Leider entsprechen sie aber nicht den Richtlinien der modernen, profitorientierten Forstwirtschaft. Sie werden deshalb seit vielen Jahren systematisch trockengelegt bzw. vor Überflutung geschützt und gleichzeitig durch schnellwüchsige Nadelwälder ersetzt. Der Weissrückenspecht verliert dadurch Stück für Stück seines natürlichen Lebensraums.

Seit geraumer Zeit existiert in Schweden ein Projekt, durch welches der Fortbestand des Weissrückenspechts gesichert werden soll. Im Rahmen dieses Projekts will man vor allem verhindern, dass die verbleibenden Reststücke morastigen oder saisonal überfluteten Waldes in reinen Nutzwald umgewandelt werden. Zu diesem Zweck werden die betreffenden Waldbesitzer persönlich auf den grossen Wert dieses aussterbenden Lebensraumtypus für ein grosses Spektrum von Tieren und Pflanzen hingewiesen und zur Erhaltung desselben angespornt - mit bislang beachtlichem Erfolg. Wo es notwendig ist, werden solche Waldstücke auch angekauft oder gepachtet, um sie in ihrem natürlichen Zustand zu erhalten.


Noch sind der Seeadler, die Raubseeschwalbe, die Zwergblässgans und der Weissrückenspecht recht weitverbreitete Vogelarten, und noch ist ihr Fortbestand in den östlichen Bereichen ihrer Verbreitungsgebiete kaum gefährdet. Man könnte deshalb versucht sein, den in Skandinavien betriebenen Aufwand zur Rettung der vier Vögel als unverhältnismässig einzustufen. Man muss sich jedoch bewusst sein, dass das Schicksal, welches heute die Vogelwelt in Westeuropa ereilt, ohne Zweifel über kurz oder lang auch das Schicksal der Vogelwelt im östlichen Europa und nördlichen Asien sein wird. Spätestens dann wird man froh sein, auf die Erfahrungen zurückgreifen zu können, die bei der Naturschutzarbeit in Ländern wie Schweden gewonnen wurden. Alle genannten und viele weitere Massnahmen zum Schutz der skandinavischen Vogelfauna werden deshalb vom WWF seit Jahren massgeblich unterstützt.




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