Westliches Riesenelen

Taurotragus derianus derbianus


© 1986 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Elenantilopen (Gattung Taurotragus) sind die grössten Antilopen der Welt. Grosse Bullen können bis zu einer Tonne schwer werden. Zusammen mit den Vertretern der Gattung Tragelaphus - dem Bongo, der Sitatunga, dem Buschbock, den Kudus und den Nyalas - werden die Elenantilopen in der Gattungsgruppe der Drehhörner (Tragelaphini) zusammengefasst, welche innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) zur grossen Familie der Hornträger (Bovidae) gehört.

Wie bei allen Drehhörnern weist das Fell der Elenantilopen schmale weisse Querstreifen auf, die vom dunklen Aalstrich - dem Längsstreifen auf dem Rücken - in Richtung der Rippen zum Bauch verlaufen. Die weiblichen Elenantilopen sind weit kleiner und leichter gebaut als die Männchen, tragen aber ebenfalls ein Gehörn. Dieses ist nicht so massiv wie dasjenige der Männchen, jedoch oft länger.

 

«Gewöhnliches» Elen und Riesenelen

Es werden zwei Arten von Elenantilopen unterschieden: die «gewöhnliche» Elenantilope (Taurotragus oryx) und das Riesenelen (Taurotragus derbianus).

Die «gewöhnliche» Elenantilope ist über weite Bereiche des östlichen und des südlichen Afrikas verbreitet. Sie ist ein typischer Bewohner der Halbwüsten. Zwar trinken die mächtigen Tiere gerne täglich Wasser, wenn sie dazu Gelegenheit haben; in wasserlosen Gegenden wie etwa der Kalahari können sie aber auch monatelang ohne Wasser auskommen und decken dann ihren Flüssigkeitsbedarf über die aufgenommene Nahrung.

Das Riesenelen bewohnt einen anderen Lebensraum als die «gewöhnliche» Elenantilope: Es ist ein Waldbewohner. Seine Heimat ist der ausgedehnte Waldgürtel, der sich von Senegal an der afrikanischen Westküste bis in den westlichen Sudan erstreckt. Ob das Riesenelen tatsächlich grössere Körpermasse aufweist als die «gewöhnliche» Elenantilope, ist bis heute ungeklärt. Deutlich mächtiger sind aber auf jeden Fall seine in sich gedrehten Hörner.

 

Östliches und Westliches Riesenelen

Das Riesenelen wird in zwei geografische Rassen unterteilt: das Westliche Riesenelen (Taurotragus derbianus derbianus) und das Östliche Riesenelen (Taurotragus derbianus gigas), welches das grössere der beiden ist. Zwei früher abgetrennte Rassen, das Kamerun-Riesenelen (Taurotragus derbianus cameroonensis) und das Kongo-Riesenelen (Taurotragus derbianus congolanus), werden heute dem Östlichen Riesenelen zugeordnet.

Das Verbreitungsgebiet des Östlichen Riesenelens ist noch heute recht gross: Es erstreckt sich vom westlichen Kamerun über den Tschad, die Zentralafrikanische Republik und das nördliche Zaire bis in den westlichen Sudan und das nördliche Uganda. Das Westliche Riesenelen hingegen findet sich nur noch in geringer Zahl inselartig in einigen Gegenden Westafrikas - zwischen Senegal im Westen und Mali im Osten.

 

1846 entdeckt

1846 wurde die Wissenschaft erstmals auf das Westliche Riesenelen aufmerksam, als ein Mr. Whitfield aus England ein noch unbekanntes Antilopengehörn nach Europa brachte, welches er in Gambia erworben hatte. Danach war es mehrere Jahre lang still um die neu entdeckte Antilope. Erst 1862 hörte der Handelsreisende W. Reade wieder von der riesenhaften Antilope, als er sich in Senegal aufhielt. Die ansässigen Jäger erzählten ihm, dass das geheimnisvolle Tier, welches sie djik-i-djunka nannten, sich immer im Wald aufhalte und niemals Gras fresse. Die Bullen würden bei der Nahrungssuche mit ihren riesigen Hörnern Äste von Bäumen abbrechen, damit die Kühe und die Kälber von deren Laub essen könnten.

Reade wollte ein solches Tier jagen. Die Jäger erklärten ihm aber, dass die Jahreszeit (Dezember) wegen der dichten Vegetation dafür ungeeignet sei. Ein paar Wochen später könne man aber das bis dahin trockene Unterholz niederbrennen und so die Tiere auf die freien Flächen hinaustreiben, wo sie dann leicht zu erlegen seien.

So lange konnte Reade nicht warten. Er liess sich aber von den Jägern versprechen, dass sie ein djik-i-djunka für ihn jagen würden. Tatsächlich hielten die Jäger ihr Versprechen, und so konnte Reade im darauffolgenden Jahr (1863) ein vollständiges Exemplar des Westlichen Riesenelens nach Europa bringen.

Eigenartigerweise entdeckte der australische Naturforscher Theodore von Heuglin noch im selben Jahr in der Bahr-el-Ghazal-Region im Sudan die Existenz des Östlichen Riesenelens.

 

Eine sehr aufmerksame und scheue Antilope

Das Westliche Riesenelen ist hell rotbraun gefärbt und wird im Alter blaugrau. Im Gegensatz zum Östlichen Riesenelen weist es häufig einen schwarzen Hals auf. Ausserdem hat es 13 bis 15 weisse Querstreifen gegenüber 9 bis 14 bei der östlichen Rasse.

Die Schulterhöhe des Westlichen Riesenelens wird mit maximal 168 Zentimetern angegeben, das Gewicht der Männchen mit maximal 690 Kilogramm. Die Männchen des Östlichen Riesenelens können dagegen bis 900 Kilogramm schwer werden.

Die Hörner des Riesenelens sind nicht geschwungen, sondern annähernd gerade. Der «Schraubencharakter» des Gehörns zeigt sich aber auch hier: Jedes Horn ist in seiner unteren Hälfte in scharfen Windungen straff um die Längsachse gedreht. Die Hörner des Westlichen Riesenelens können eine Länge von 90 Zentimetern erreichen, diejenigen des Östlichen werden sogar 113 Zentimeter lang.

Die ausgeprägte «Wamme» des Riesenelens - der Hautlappen, der vom Hals herunterhängt - beginnt bereits am Kinn und nicht erst in der Kehlkopfgegend wie bei der «gewöhnlichen» Elenantilope. Die Wamme trägt wesentlich zur riesenhaften Erscheinung dieser Waldantilope bei und dürfte hauptsächlich beim Imponiergehabe rivalisierender Elenbullen eine Rolle spielen: Während der Brunftzeit stehen sich die Elenbullen breitseits gegenüber, wobei sie den Kopf hochhalten und so ihre Wamme und ihr Gehörn möglichst eindrucksvoll präsentieren. Lässt sich keiner der beiden Rivalen von der Gestalt des Gegners so stark beeindrucken, dass er den Rückzug antritt, so kommt es zum Kampf. Dieser hat rituellen Charakter; das Ziel der Auseinandersetzung ist also nicht die Beschädigung des Gegners, sondern lediglich die Abklärung des Kräfteverhältnisses.

Die beiden Bullen gehen langsam aufeinander zu und «tasten» sich gewissermassen mit dem Gehörn aneinander heran. Dann, wenn sie feste «Hörnerfühlung» haben, drängen sie unter Einsatz aller Körperkräfte nach vorn, und jeder versucht, den anderen von seiner körperlichen Überlegenheit zu überzeugen.

Das Riesenelen ist ein sehr wachsames und scheues Tier. Mit seinen grossen Ohren und dem gut entwickelten Geruchssinn bemerkt es jeden Feind schon auf grosse Distanz und setzt sich bei der geringsten Beunruhigung sofort in Bewegung. Oft leiten einige Hoch- und Weitsprünge die Flucht der Riesenelens ein, wie man sie diesen schwergewichtigen Tieren gar nicht zutrauen würde. Nicht selten setzt ein Tier bei diesen kapriolenartigen Sprüngen über den Rücken eines anderen hinweg.

 

Heikle Kostgänger

Über die Lebensgewohnheiten der Westlichen Riesenelens ist nur sehr wenig bekannt. Die mächtigen Antilopen scheinen im allgemeinen in Gruppen von fünf bis zwölf Tieren zu leben. Auf ihren Fresswanderungen ziehen sie immer im dichten Gänsemarsch und legen so bis zu 100 Kilometer je Tag zurück. Wasserläufe scheinen für die Riesenelens keine Hindernisse darzustellen; jedenfalls wurde in Guinea-Bissau eine Gruppe der Tiere beobachtet, die den 300 Meter breiten Koli-Fluss durchquerte, um am anderen Ufer günstige Nahrungsgründe aufzusuchen. Im Gegensatz zu vielen Huftieren der Steppe und der Savanne unternehmen die Riesenelens keine jahreszeitlich gebundenen Wanderungen, sondern halten sich ganzjährig in einem ihnen vertrauten, etwa 100 Quadratkilometer grossen Gebiet auf.

Reade's Informanten hatten recht mit ihrer Behauptung, dass Riesenelens kein Gras essen. Tatsächlich sind die majestätischen Tiere recht wählerische Kostgänger. Am liebsten nehmen sie die Schösslinge von Isoberlinia doka zu sich - eines ziemlich hohen Baumes, der in den feuchten Regionen des westlichen Afrikas recht häufig vorkommt. Ebenfalls richtig war die Beobachtung der senegalesischen Jäger, dass die Elens ihre Hörner ausser zum Kämpfen auch dazu benützen, um Zweige von Bäumen abzuknicken und so an das Laub derselben zu gelangen. Äste von bis zu 8 Zentimetern Durchmesser und bis zu 2,5 Meter über dem Boden vermögen die muskulösen Bullen abzubrechen.

Weitere bevorzugte Nahrung des Riesenelens sind das Laub des Schibutterbaums (Vitellaria paradoxum), die malvenfarbigen Blüten des Baumes Lonchocarpus laxiflorus sowie die zarten Schosse und stark riechenden Blüten eines Gardenia-Strauches. Wie wählerisch das Riesenelen bei der Futtersuche ist, zeigt sich darin, dass es von insgesamt drei Gardenia-Arten, welche in seinem Verbreitungsgebiet wachsen, deren zwei verschmäht.

Da die Tiere auch in Gefangenschaft praktisch jedes Futter zurückweisen, sind sie nur äusserst selten in Zoologischen Gärten zu sehen. Dies im Gegensatz zur «gewöhnlichen» Elenantilope, welche ein recht häufiges und leicht zu haltendes Zootier ist.

Wie bei der «gewöhnlichen» Elenantilope bringt die Riesenelenkuh nach einer Tragzeit von neun Monaten ein einzelnes Kalb zur Welt. Dieses wiegt bei der Geburt etwa 35 Kilogramm. Schon nach wenigen Stunden kann das Neugeborene laufen und neigt von Anfang an da zu, im Gänsemarsch zu gehen. In Senegal häufen sich die Geburten im Dezember, also zu Beginn der Regenzeit, wenn die Mütter ein gutes Nahrungsangebot vorfinden und reichlich Milch geben können.

 

"...dass es gar kein besseres Fleisch gäbe"

Einige Wissenschaftler sind der Meinung, dass die Verbreitungsgebiete der westlichen und der östlichen Riesenelen-Rasse noch in neuerer Zeit in Nigeria zusammenliefen. Es gibt jedoch keine stichhaltigen Beweise dafür, dass das Westliche Riesenelen jemals in historischer Zeit östlich von Mali vorkam. Die Verbreitung des Riesenelens scheint somit schon seit Jahrhunderten zweigeteilt gewesen zu sein - also auch schon vor der verheerenden Rinderpest-Epidemie, welche Ende des letzten Jahrhunderts ausgebrochen war und oft für die Seltenheit des Riesenelens verantwortlich gemacht wird.

Zweifellos hat die Rinderpest, welche bis heute nicht ausgerottet ist, zum Rückgang des Riesenelens beigetragen. Die starke Bejagung der Tiere durch die ansässige Bevölkerung wie auch durch die diversen Kolonialherren dürfte aber eine weit grössere Rolle gespielt haben. Alfred Brehm schreibt in seiner Enzyklopädie von 1864 hierzu: «Die Engländer, welche man hierin als gute Richter anerkennen muss, behaupten, dass es gar kein besseres Fleisch gäbe als Elenfleisch. Sie bestätigen hierdurch die Berichte früherer Reisender in Südafrika, welche einstimmig sind im Lobe des Wildprets der Elenantilope. Kein Wunder also, dass man das grossen Gewinn bringende Thier überall, wo es vorkommt, eifrig jagt.»

Reade hatte 1862 erfahren, dass das Westliche Riesenelen in den Wäldern von Bambunda im zentralen Gambia ziemlich häufig sei. Aber bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts berichtete der Gouverneur von Gambia, dass es in jener Region selten geworden sei. 1937 wurde der Gesamtbestand der Rasse für Gambia auf höchstens noch 1000 Tiere geschätzt. Heute gibt es in Gambia keine Riesenelens mehr.

Im benachbarten Guinea-Bissau galt das Riesenelen 1906 als «nicht sehr häufig». 1938 wurde es als «selten» eingestuft. Heute ist es ziemlich sicher auch hier ausgestorben.

Ebenfalls vollständig verschwunden sein dürfte das Riesenelen aus Guinea.

Die grösste zusammenhängende Population des Westlichen Riesenelens scheint heute im Niokolo-Koba-Nationalpark im südöstlichen Senegal zu leben. 1981 schätzte man den Bestand, der seit den fünfziger Jahren stetig angewachsen war, auf etwa 1000 Tiere. Kleinere Herden leben beim Falémé-Fluss an der Grenze zu Mali und bei Kolda in Grenznähe zu Gambia.

In Mali, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, wurden 1975 im Südosten des Fina-Reservats Herden von 50 bis 70 Tieren beobachtet. Doch bereits zwei Jahre später, 1977, konnten diese Tiere nicht mehr gefunden werden. Ein paar wenige Riesenelens leben heute wahrscheinlich noch in einem Waldschutzgebiet in den Mandingue-Bergen.

Trotz der ausserordentlichen Seltenheit des Riesenelens ist es in Mali leider noch immer erlaubt, diese Tierart zu jagen. Und dies, obschon das Riesenelen in Kategorie A der Afrikanischen Konvention von 1969 aufgeführt ist und damit nur in begründeten Ausnahmefällen erlegt werden dürfte. Leider ist das Riesenelen bis heute auch nicht im Internationalen Abkommen über den Handel mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten (CITES) enthalten. Somit dürfen Trophäen der stark gefährdeten Tierart nicht nur legal aus Mali ausgeführt, sondern auch in jedes andere Land der Erde eingeführt werden.

Leider wird es für Mali schon bald zu spät sein, diese mehr als unbefriedigende Situation zu ändern. Dies stimmt umso betrüblicher, als die letzte grössere Population des Westlichen Riesenelens im senegalesischen Niokolo-Koba-Park keineswegs eine Garantie für das Überleben der Rasse auf lange Sicht darstellt. Sollte dort jemals die Rinderpest ausbrechen, so wäre wohl das rasche und unwiderrufliche Ende dieser faszinierenden Tiere gekommen.




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