Riesenmuschel
Tridacna gigas
© 1993 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der UN-Briefmarkensammlung
«Gefährdete Tierarten», Groth AG, Unterägeri)
Zu den eindrucksvollsten Tieren der farbenprächtigen
westpazifischen Korallenriffe gehört sicherlich die Riesenmuschel
(Tridacna gigas). Die gewellte Schale dieser grössten
Muschel der Welt kann bis 140 Zentimeter lang, gegen 10 Zentimeter
dick und weit über 200 Kilogramm schwer werden!
Die Riesenmuschel bewohnt nicht alle Riffbereiche,
sondern kommt stets nur im seichten, warmen und sonnendurchfluteten
Wasser vor. Dort führt sie - mit nach oben geöffneter
Schale zwischen all den bizarren Korallenstöcken eingebettet
- ein ruhiges, sesshaftes Leben.
Wie alle Muscheln ernährt sich die Riesenmuschel
von freischwebenden pflanzlichen und tierlichen Kleinstlebewesen
(«Plankton»), die sie aus dem Meerwasser filtert.
Mit der Hilfe von Millionen winziger Wimpern strudelt
sie ihr Atemwasser mit den darin enthaltenen Mikroorganismen
durch die Einströmöffnung in den Schaleninnenraum und
presst es zwischen ihren netzartig gestalteten Kiemenblättern
hindurch. Dabei bleiben die Planktonteilchen an der äusseren
Kiemenfläche hängen und werden anschliessend zur Mundöffnung
und in den Schlund verfrachtet. Gleichzeitig wird dem Wasserstrom
der für die Atmung notwendige Sauerstoff entnommen. Und
zudem spült das durch die Ausströmöffnung abfliessende
Wasser gleich noch die Abfallstoffe der dort einmündenden
beiden Nieren und des Darms mit sich fort.
Ihre planktonische Nahrung reichert die Riesenmuschel
auf eine eigentümliche Weise an: Der freie, prächtig
gefärbte Muschelrand beherbergt ganze Scharen kleiner, einzelliger
Algen, die mit dem massigen Tier in Symbiose, also in Gemeinschaft
zu gegenseitigem Nutzen, leben. Diese Algen werden von der Riesenmuschel
mit allen lebensnotwendigen Stoffen versorgt. Dafür liefern
sie ihrer Wirtin wertvolle Kohlenhydrate, die sie wie alle grünen
Pflanzen aus Kohlendioxid und Wasser mit Hilfe des Sonnenlichts
aufzubauen vermögen.
Von alters her wird die Riesenmuschel in ungezählten
Schauergeschichten als heimtückische «Mördermuschel»
gebrandmarkt, welche oft und gern Taucher in der Tiefe festklammert
und ertränkt. Wahr an diesen Geschichten ist zwar, dass
sich die beiden Schalenhälften der Riesenmuschel mit enormer
Kraft schliessen, sobald ein Schatten über den lichtempfindlichen
Muschelrand gleitet. Und wahr ist auch, dass ein Gegenstand,
der dabei zwischen die Schalenklappen gerät, selbst nach
Stunden höchstens durch Zertrümmern der Schale wieder
befreit werden kann. Unfälle mit unaufmerksamen Schwimmern
und Tauchern sind daher durchaus möglich und von glaubwürdigen
Augenzeugen auch bestätigt. Die Gefährlichkeit der
Riesenmuschel beruht jedoch nicht auf irgendeiner boshaften («mörderischen»)
Absicht, sondern ist lediglich eine Folge ihres natürlichen
Schutzverhaltens.
Nicht der schlechte Ruf, sondern der in der chinesischen
Küche als Leckerbissen geltende Schliessmuskel der Riesenmuschel
hat leider zur übermässigen Verfolgung des mächtigen
Riffbewohners durch den Menschen geführt. Zu Tausenden wurden
die Tiere während der letzten Jahrzehnte aus dem küstennahen
Wasser ihrer Heimatinseln geholt, um ihr Fleisch nach Taiwan,
Singapur und Hongkong zu verkaufen. Und auch ihre übergrossen
Schalen, welche weltweit sehr begehrt sind (bei uns früher
etwa als Taufbecken), wurden massenhaft exportiert.
Angesichts der rasant schwindenden Bestände sah
sich die Internationale Union fur Naturschutz (IUCN) schon früh
gezwungen, die Riesenmuschel auf die berüchtigte «Rote
Liste» zu setzen und Massnahmen zu ihrem Schutz zu empfehlen.
Überdies wurde die schwergewichtige Muschel in Anhang I
der «Konvention über den internationalen Handel mit
gefährdeten Tier- und Pflanzenarten» (CITES) aufgenommen,
wodurch der fernöstliche Handel weitgehend unterbunden wurde.
So geniesst die Riesenmuschel heute in weiten Bereichen
ihres westpazifischen Verbreitungsgebiets einen recht guten Schutz.
Das zu Amerikanisch-Samoa gehörende Rosa-Atoll steht sogar
hauptsächlich wegen seiner grossen Riesenmuschelpopulation
unter Naturschutz. Mit einem speziellen Riesenmuschel-Zuchtprogramm,
an welchem sich verschiedene Pazifikinselstaaten beteiligen,
soll im übrigen der «Jagddruck» auf die verbleibenden
Bestände freilebender Riesenmuscheln gemildert werden.
Riesenmuschel
Tridacna gigas
Systematik
Klasse: Muscheln
Ordnung: Blattkiemer
Familie: Riesenmuscheln
Körpermasse
Länge: bis 140 cm
Schalendicke: bis 10 cm
Gewicht: bis über 400 kg
Bestandssituation
Bestand: nicht erfasst
Rote Liste: «gefährdet»
CITES: Anhang I
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