4 Riff-Fische des Indopazifiks:

Malediven-Anemonenfisch - Amphiprion nigripes
Pfauenkaiserfisch - Pygoplites diacanthus
Kaiserfisch - Pomacanthus imperator
Halfterfisch - Zanclus canescens


© 1986 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Mitten im Indischen Ozean, der Südspitze Indiens vorgelagert, liegen die Malediven - ein Archipel aus rund 2000 Koralleninseln, der sich in nordsüdlicher Richtung über eine Länge von etwa 700 Kilometern ausdehnt. Nur wenige der Inseln sind grösser als zwei Quadratkilometer, und keine erhebt sich mehr als drei Meter über die Meeresoberfläche. Viele von ihnen schliessen sich zu kreisförmigen Ringatollen zusammen und lassen dadurch erkennen, dass sie vulkanischen Ursprungs sind.

Rund 200 Inseln des Archipels sind bewohnt. Die Bevölkerung der seit 1965 unabhängigen Republik zählt insgesamt etwa 160 000 Menschen. 45 000 von ihnen leben auf der Hauptinsel Male. Fast alle Bewohner der Malediven leben in Sicht- und Hörweite des Meeres und zeigen denn auch eine starke Verbundenheit mit der See.

Die gesamte Landfläche der Malediven beträgt lediglich 300 Quadratkilometer. Dagegen umfasst der Archipel viele tausend Quadratkilometer lebender Korallenriffe - jener verzauberten Unterwassergärten, die mit ihrer Vielfalt leuchtender Farben und bizarrer Formen zweifellos zu den faszinierendsten Bereichen der Meere gehören. «Korallenriffe und ihre Bewohner zählen zu dem Schönsten des Schönen, was diese Schöpfung für ein begeisterungsfähiges Menschenherz bereitet hat. Keiner, der nicht einen der lebenden Korallengärten gesehen hat, kann sagen, dass er die Naturpracht dieser Erde wirklich kenne», schreibt der berühmte Naturforscher Raoul H. Francé treffend in seinem Buch «Die Welt der Tiere» über diese einzigartigen Unterwasser-Lebensräume.

Aus der überwältigenden Farben- und Formenfülle der maledivischen Korallenriffe sollen im folgenden vier Rifffische herausgegriffen und näher betrachtet werden: 1. der Malediven-Anemonenfisch (Amphiprion nigripes), 2. der Pfauenkaiserfisch (Pygoplites diacanthus), 3. der Kaiserfisch (Pomacanthus imperator) und 4. der Halfterfisch (Zanclus canescens).

 

Der Malediven-Anemonenfisch

«An einem ruhigen Abend bei Ebbe lässt sich das unvergleichliche Einvernehmen zwischen der Seeanemone und dem kleinen Fisch gut beobachten. Statt wegzuschwimmen taucht das erschreckte Fischchen kurzerhand in den Körper seines ungleichen Freundes ein, dessen Tentakel schliessen sich über ihm und bieten ihm so sicheren Schutz vor seinen Verfolgern.» Diese Zeilen, die vor 120 Jahren in einem wissenschaftlichen Journal erschienen sind, zeigen, dass das Verhalten der Anemonenfische schon früh die Aufmerksamkeit des Menschen auf sich gezogen hat.

Tatsächlich ist die Lebensweise der Anemonenfische - auch Clownfische genannt - aus der Familie der Riffbarsche (Pomacentridae) ganz aussergewöhnlich: Sie leben in engster körperlicher Gemeinschaft mit Seeanemonen, deren mit giftigen Nesselzellen ausgestattete Tentakel jedes andere Tier sofort töten. Offensichtlich kennen die Anemonenfische das Geheimnis, wie man den Todfeind zum Beschützer macht. Sie sind nämlich keineswegs immun gegen das nervenlähmende Gift der Anemonen. Ihr Körper ist jedoch von einer dünnen Schleimschicht überzogen, welche die Entladung der Nesselzellen verhindert. Entfernt man diesen Schutzfilm, so werden auch Anemonenfische sofort von ihren Lebensgefährten getötet.

Die Anemonenfische verwenden viel Zeit auf den Erhalt dieses für sie lebenswichtigen Schutzüberzugs. Immer und immer wieder «kuscheln» sie sich in die Fangarme der Anemone ein und regen so ihre Hautdrüsen zur Schleimproduktion an. Diesem verspielt anmutenden Verhalten verdanken die Anemonenfische wohl ihren Übernamen «Clownfische».

Das ganze Leben des Anemonenfischs dreht sich um «seine» Anemone. Sie bildet das Zentrum seines Wohngebiets, in dem er auf Nahrungssuche geht, und ist ein sicherer Hafen, in den er sich bei Gefahr schleunigst zurückzieht. Verfolgt einmal ein unvorsichtiger junger Raubfisch den Anemonenfisch, der in seine Anemone flüchtet, so wird der Fremdling augenblicklich von deren Tentakeln festgehalten, gelähmt und dann langsam in die Mundöffnung hineingezogen.

Die Beziehung zwischen den beiden ungleichen Wesen ist dermassen eng, dass Anemonenfische gar nicht mehr ohne Blumentiere überleben können. Ohne den schützenden Partner werden sie infolge ihrer auffälligen Färbung im Nu Opfer von Raubfischen. Demgegenüber deuten alle bisher durchgeführten Untersuchungen darauf hin, dass die Seeanemonen wenig oder gar keinen Nutzen aus der Anwesenheit von Anemonenfischen ziehen. So findet man durchaus unbewohnte Anemonen, welche prächtig gedeihen.

Es ist seit längerem bekannt, dass Anemonenfische feste Paare bilden. Bisher wurde angenommen, dass Anemonen-besitzende Männchen Weibchen aus der Nachbarschaft zu sich locken. Neuere Studien haben nun aber aufgedeckt, dass die Paarbildung auf eine andere, ganz spezielle Art erfolgt: Jeder Anemonenfisch wird als Zwitter geboren und entwickelt sich zuerst zu einem Männchen, später zu einem Weibchen. Das Weibchen ist jeweils der grössere Fisch des Paares. Seine Anwesenheit verhindert, dass sich das Männchen oder eines der Jungtiere zu einem Weibchen entwickelt. Stirbt das Weibchen, so wandelt sich das Männchen unverzüglich in ein Weibchen um, und das grösste der Jungen wird zu einem Männchen. Durch dieses einzigartige Nachrücksystem ist die Bruteinheit praktisch ununterbrochen gewährleistet.

Der Malediven-Anemonenfisch (Amphiprion nigripes) ist einer von 27 Anemonenfischen des Indopazifiks. Er ist bisher nur auf den Riffen der Malediven und Sri Lankas gefunden worden und lebt hier mit der Anemone Heteractis magnifica zusammen.

 

Der Pfauenkaiserfisch und der «echte» Kaiserfisch

Der Pfauenkaiserfisch (Pygoplites diacanthus) und der «echte» Kaiserfisch (Pomacanthus imperator) gehören beide innerhalb der Ordnung der Barschartigen Fische (Perciformes) zur Familie der Borstenzähner (Chaetodontidae) und da wiederum zur Unterfamilie der Engelfische (Pomacanthinae). «Engelfische» ist eine recht treffende Bezeichnung für diese seitlich stark abgeplatteten Riffbewohner, die scheinbar schwerelos über die Korallen gleiten und an Ort zu schweben vermögen.

Sowohl der Pfauenkaiserfisch als auch der «echte» Kaiserfisch haben eine ziemlich weite Verbreitung, die sich vom Roten Meer bis zum mittleren Pazifik erstreckt. Sie bevorzugen Riffteile mit üppigem Korallenwachstum, wo sie bei Gefahr blitzschnell Zuflucht in den Grotten und Gängen finden können.

Erwachsene Pfauenkaiserfische wie auch «echte» Kaiserfische werden meistens einzeln angetroffen, und es wird im allgemeinen angenommen, dass sie ausserhalb der Fortpflanzungszeit solitäre Fische sind.

Wenn die Fortpflanzungszeit gekommen ist, so werben die männlichen Kaiserfische heftig um die Weibchen. Das Ablaichen erfolgt jeweils kurz vor Sonnenuntergang: Das Männchen schwimmt dicht an der Seite des Weibchens und «fächelt» andauernd mit seinen Flossen. Schliesslich geben die beiden Partner kurz nacheinander Eier und Samen ins Wasser ab. Elternpflichten kennen die bunten Fische nicht; sie überlassen die befruchteten Eier von Anfang an sich selbst.

Nach dem Schlüpfen im offenen Meer suchen die jungen Kaiserfische schon bald das Schutz bietende Riff auf. Sie leben aber vorerst in tiefergelegenen Riffteilen als ihre Eltern. Da sich ausserdem ihre Färbung stark von derjenigen der erwachsenen Tiere unterscheidet, wurden die jungen Kaiserfische bis 1933 als eine eigene Art angesehen.

Junge Pfauenkaiserfische tragen ebenfalls ein vom Erwachsenenkleid deutlich verschiedenes Jugendkleid: Ihnen fehlt jegliches Blau, und die Spitze ihrer Rückenflosse weist einen auffälligen Augenfleck auf, welcher bei der Feindvermeidung eine wichtige Rolle spielt.

 

Der Halfterfisch

Der Halfterfisch (Zanclus canescens) wird oft für einen Vertreter der mit den Engelfischen eng verwandten Gaukler (Unterfamilie Chaetodontinae) gehalten. Jene haben eine ähnliche Körperform und besitzen zum Teil ebenfalls eine verlängerte Rückenflosse sowie eine schwarz-gelb-weisse Körperzeichnung. Der Halfterfisch wird aber von den Biologen in eine eigene Familie (Zanclidae) gestellt und steht den Doktorfischen (Familie Acanthuridae) nahe. Seine Heimat sind die Riffe des gesamten Indo-Pazifiks.

Über das Verhalten des Halfterfisches ist fast nichts bekannt. In den Malediven hält er sich immer dicht über und zwischen den Korallen auf, von denen er mit seinem spitzen Mund Algen und andere Kleinstlebewesen abpickt. Er ist ausschliesslich tags rege und ruht nachts in Spalten und Nischen des Riffs.

Auch über die Form der Vergesellschaftung des Halfterfisches sind sich die Wissenschaftler bislang nicht im klaren. Manchmal werden kleine Schwärme der prächtigen Tiere angetroffen; zu anderen Zeiten wandern sie einzeln über das Riff. Einige Fachleute sind der Ansicht, dass sich die Halfterfische zeitweilig zu Schwärmen zusammenschliessen, um sich gemeinsam gegen die zahlreichen territorialen Riffbewohner durchsetzen zu können und so, im Verband, einen Platz im Riff für die Nahrungssuche zu erobern. Möglicherweise dient die Schwarmbildung aber auch dem Schutz vor Fressfeinden.

 

Ein Paradies, das es zu erhalten gilt

Für die Bewohner der Malediven sind die Korallenriffe mit ihrer vielgestaltigen Lebewelt das wertvollste natürliche Gut ihrer Heimat. Die Riffe und die inselnahen Gewässer liefern einen Grossteil ihrer Nahrung, und sie sind gleichzeitig eine Hauptattraktion für den einträglichen Tourismus. Entsprechend gross sollte eigentlich das Interesse der Maledivenbewohner sein, ihre Korallenriffe vor schädlichen Einflüssen zu bewahren. Leider ist dies gegenwärtig kaum der Fall.

Die maledivischen Riffe sind zwar grösstenteils bis heute von den verheerenden Auswirkungen der Gewässerverschmutzung verschont geblieben, welche in vielen anderen tropischen Regionen für den Untergang ganzer Riffe verantwortlich sind. Die geringe Besiedlungsdichte der Malediven sowie das Fehlen von Grossindustrie und grossflächigen landwirtschaftlichen Projekten haben sich positiv ausgewirkt. Nun strömen aber Jahr für Jahr grössere Massen erholungssuchender Touristen auf den paradiesischen Archipel. Und wo immer der Mensch in Massen auftritt und den modernen westlichen Lebensstil mit sich bringt, da folgen ihm Umweltprobleme auf dem Fuss. Früher, als die Bewohner der Malediven das Riff nur für ihren Lebensunterhalt nutzten, da sorgten überlieferte Sitten und Gebräuche dafür, dass das Riff in seinem Bestand erhalten und damit langfristig nutzbar blieb. Heute aber - im Zeichen des «Fortschritts» - gerät dieses alte, kostbare Wissen allmählich in Vergessenheit.

So bauten die Bewohner der Malediven beispielsweise von alters her ihre Häuser aus speziellen Inselpflanzen, welche rasch wieder nachwuchsen. Einzig Moscheen, Altare und Grabsteine wurden aus festem Material - Korallenblöcken - errichtet. In neuerer Zeit ist man jedoch dazu übergegangen, auch die Wohnhäuser aus Korallenblöcken zu bauen. Und da seit Mitte der siebziger Jahre ein eigentlicher Bauboom auf den Malediven wütet, hat dies bereits zur Zerstörung ganzer Riffabschnitte geführt, die sich in absehbarer Zeit wohl kaum mehr erholen dürften.

Ferner werden heute - zur Förderung des Touristengeschäfts - unzählige Landungsstege und Uferstützmauern selbst auf abgelegenen Malediveninseln gebaut. Dabei werden nicht allein enorme Mengen von Korallenblöcken benötigt, sondern es werden auch die örtlichen Wasserströmungen verändert und damit das ganze komplexe System ökologischer Abhängigkeiten im Riff nachhaltig beeinflusst.

Der Tourismus brachte auch eine rege Nachfrage nach Meeresfrüchten sowie nach Souvenir-Artikeln aus Muscheln, Schwarzen Korallen und Schneckengehäusen mit sich. Zwar darf der Tourist auf den Malediven weder selbst Muscheln sammeln noch Fische harpunieren. Für die Riffe macht es jedoch wenig Unterschied, ob sie von den Touristen direkt oder auf dem Umweg über die lokalen Souvenir-Hersteller geplündert werden. Die Auswirkungen sind dieselben.

Des weiteren blüht heute auf den Malediven auch der Handel mit farbenprächtigen Rifflebewesen für die Aquarienfreunde hauptsächlich der westlichen Welt. Auch die vier vorgestellten Riff-Fische sind begehrte Zierfische. Leider sind die meisten dieser tropischen Geschöpfe sehr empfindliche Pfleglinge und müssen von ihren stolzen Besitzern über kurz oder lang durch neue Tiere ersetzt werden.

Alle diese, in den letzten Jahren enorm gesteigerten Nutzungsformen der Malediven-Riffe stellen eine starke Gefährdung dieser reichen ozeanischen Lebensgemeinschaften dar. Noch sind zwar grosse Bereiche der Riffe weitgehend unversehrt. Es gibt aber auf den Malediven keine Naturschutzbehörde, die sich für deren langfristige Erhaltung einsetzen könnte. Aus diesem Grund hat die UNESCO die Regierung der Malediven bei der Erarbeitung eines Massnahmenpakets beraten, welches die Erhaltung, Pflege und sanfte Nutzung dieses kostbaren Guts zum Ziel hat. Unter anderem ist die Errichtung streng geschützter, jedoch zum Beispiel geführten Touristengruppen zugänglicher Unterwasser-Parks vorgesehen. Es bestehen damit gute Aussichten, dass die unvergleichlichen Riffe dieses Inselparadieses im Indischen Ozean auch für die Nachwelt erhalten bleiben.




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