Riff-Fische der Karibik
Schweinsfisch - Anisotremus virginicus
Nassau-Zackenbarsch - Epinephelus striatus
Französischer Kaiserfisch - Pomacanthus paru
Gezäumter Igelfisch - Chilomycterus antennatus
© 1987 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Tropische Wärme, endlose Sandstrände, kristallklares
Wasser - dies sind die vielgepriesenen Merkmale der Kleinen Antillen,
derentwegen Jahr für Jahr Tausende von Touristen diese Eilande
in der Karibik aufsuchen. Einzigartig sind auch die bizarren
Korallenriffe, welche die Antilleninseln umgeben. Sie bilden
nicht nur eine wichtige Nahrungsquelle für die Bewohner
der karibischen Sonneninseln, sondern sie sind auch von grosser
wirtschaftlicher Bedeutung für die Inselbevölkerung,
indem sie Massen ausländischer Schnorchler und Taucher anlocken.
Allerdings unterliegen heute die Korallenriffe der Antillen mancherlei
schädlichen Einflüssen, welche sich der normale Besucher
wohl kaum vergegenwärtigt, die aber das Überleben dieser
einzigartigen ozeanischen Lebensgemeinschaften immer stärker
bedrohen.
Von den unzähligen Lebewesen, deren Bestände
in jüngerer Zeit infolge dieser Störung deutlich zurückgegangen
sind, sollen im folgenden vier Fischarten vorgestellt werden:
der Schweinsfisch (Anisotremus virginicus), der Nassau-Zackenbarsch
(Epinephelus striatus), der Französische Kaiserfisch
(Pomacanthus paru) und der Gezäumte Igelfisch (Chilomycterus
antennatus).
Der Schweinsfisch grunzt wie ein Schwein
Der Schweinsfisch (Anisotremus virginicus)
gehört zur Familie der Süsslippen (Pomadasyidae) -
einer vielgestaltigen Gruppe tropischer Fische, welche die Korallenriffe
in allen Teilen der Erde bevölkern. Im englischsprachigen
Raum heissen die Süsslippen «Grunzer», weil
sie durch das Aufeinanderreiben ihrer Zähne einen Laut zu
erzeugen vermögen, der an das Grunzen der Schweine erinnert.
Der Schweinsfisch verdankt seinen Namen ebenfalls dieser Fähigkeit.
Süsslippen finden sich gern zu umfangreichen
gemischtartigen Schwärmen zusammen, wobei im allgemeinen
jede Art durch viele Individuen vertreten ist. Der Schweinsfisch
bildet hierin eine Ausnahme: Er ist meistens einzeln oder zu
zweit anzutreffen.
Die bunte Färbung der Rifffische, wie sie auch
der Schweinsfisch zeigt, dürfte in erster Linie der Tarnung
vor dem vielfarbigen Hintergrund der Korallenriffe dienen. In
gewissen Fällen mag sie aber auch Fressfeinden gegenüber
als Warnsignal dienen, indem sie die Ungeniessbarkeit einer Fischart
anzeigt. Die arttypische Zeichnung und Färbung dient daneben
dem Erkennen der Artzugehörigkeit und im besonderen der
Partnerfindung.
Viele Rifffische ändern beim Erreichen der Geschlechtsreife
ihr Aussehen. So auch der Schweinsfisch: Junge Schweinsfische
weisen im Gegensatz zu den Erwachsenen noch keine schwarzen Bänder
in der Kopfregion auf, dafür tragen sie einen dunklen Fleck
auf dem Schwanz. Dieser sogenannte «Augenfleck» dient
der Feindvermeidung: Raubfische, die den Schwanz mit dem grossen
«Auge» für den Vorderteil des Fischs halten,
verfehlen oft ihr Opfer, weil dieses scheinbar rückwärts
davonschwimmt.
Der Nassau-Zackenbarsch bildet Laichgemeinschaften
Der Nassau-Zackenbarsch (Epinephelus striatus)
- so benannt nach der Hauptstadt der Bahamas - zählt zur
Familie der Sägebarsche (Serranidae), welche viele recht
grosse Formen umfasst. So kann beispielsweise der Kalifornische
Judenfisch (Stereolepis gigas) bis 310 Kilogramm schwer
werden.
Der Nassau-Zackenbarsch lebt die meiste Zeit des Jahres
als Einzelgänger. Während der jährlichen Laichperiode
aber, welche etwa drei Monate lang dauert, versammeln sich Hunderte
von Nassau-Zackenbarschen in ihren angestammten Laichgebieten
zu grossen Laichgemeinschaften.
Zackenbarsche vermögen die Intensität ihrer
Färbung der Umgebung anzupassen und sind daher vor jedem
Hintergrund bestens getarnt. Dies trägt wesentlich zu ihrem
Jagderfolg bei, denn wenn sie regungslos auf Beute lauern, sind
sie trotz ihrer Grösse beinahe unsichtbar.
Zackenbarsche erfahren im Verlauf ihres Lebens eine
Geschlechtsumwandlung: Sie beginnen ihr Erwachsenenleben als
Weibchen und wandeln sich später - bei Erreichen einer bestimmten
Grösse - zu Männchen um. Dieses eigenartige Phänomen
findet man noch bei manchen anderen Rifffischen.
Zackenbarsche sind beliebte Speisefische. Bei einigen
Arten können sich aber Giftstoffe, welche natürlicherweise
im Gewebe ihrer Beutefische enthalten sind, dermassen stark anreichern,
dass ihr Genuss für den Menschen tödliche Folgen haben
kann. Tatsächlich sterben auch in der Karibik immer wieder
Leute an ciguatera, wie sie diese Vergiftungsart nennen.
Der Französische Kaiserfisch ernährt
sich von Schwämmen
Der Französische Kaiserfisch (Pomacanthus
paru) gehört zu den Engelfischen (Familie Pomacanthidae),
von denen insgesamt sieben Arten in der Karibik vorkommen. Er
hat ein riesiges Verbreitungsgebiet, das sich im Norden bis zu
den Bermudainseln erstreckt.
Mit einer Länge von bis zu 50 Zentimetern zählt
der Französische Kaiserfisch zu den grösseren Vertretern
der Engelfische. Jungtiere weisen auf schwarzem Grund fünf
hellgelbe Vertikalstreifen auf. Den Schwanz ziert ein dunkler
ovaler oder runder Fleck. Mit zunehmendem Alter verlieren sich
die Streifen, und die Schuppen des Leibes bilden gelbe Ränder
aus, während diejenigen des Kopfes vollständig schwarz
bleiben.
Französische Kaiserfische picken als Jungtiere
gerne Parasiten vom Körper anderer Fische. Als erwachsene
Tiere ernähren sie sich hauptsächlich von Schwämmen,
die sie an der Basis der Riffe in grosser Zahl und Artenvielfalt
finden.
Der Gezäumte Igelfisch bläht sich bei
Gefahr auf
Der Gezäumte Igelfisch (Chilomycterus antennatus)
gehört zur Familie der Igelfische (Diodontidae), welche
mit vier Arten in der Karibik vertreten ist. Charakteristisches
Körpermerkmal dieser Fischgruppe sind die harten Stacheln,
mit denen der gesamte Körper bedeckt ist. Im Gegensatz zu
den Stacheln der nahe verwandten Kugelfische (Familie Tetraodontidae)
sind diejenigen der Igelfische dauernd aufgerichtet.
Igelfische ernähren sich von einer Vielzahl wirbelloser
Tiere. Im Unterschied zu anderen Rifffischen fällt es ihnen
dank ihrer kräftigen, schnabelartigen Kiefer leicht, die
harten Aussenskelette und Schalen der riffbewohnenden Wirbellosen
aufzubrechen.
Der Gezäumte Igelfisch erreicht eine Länge
von etwa 30 Zentimetern. Obschon er kein sehr gewandter Schwimmer
ist, braucht er sich vor Fressfeinden kaum zu fürchten.
Zum einen bietet sein stacheliges Kleid einen guten Schutz vor
Raubfischen. Zum anderen hat er - wie alle Igel- und Kugelfische
- die Fähigkeit entwickelt, sich aufzublähen und damit
wesentlich grösser zu erscheinen, als er tatsächlich
ist. Fühlt sich der Gezäumte Igelfisch bedroht und
kann er sich nicht mehr rechtzeitig in ein Versteck zurückziehen,
so nimmt er grosse Mengen Wasser in sich auf und bläht sich
so förmlich zu einem Ballon auf. Dies lässt seine Fressfeinde
im allgemeinen nach einem «mundgerechteren» Opfer
Ausschau halten. Hat sich die Gefahr abgewendet, so lässt
der Igelfisch das aufgenommene Wasser allmählich ausströmen
und erreicht schon bald wieder seine ursprüngliche Grösse.
Igelfische gehen nachts auf Futtersuche. Ihre grossen
Augen sind gut dazu geeignet, im Dunkeln Beute aufzuspüren.
Während des Tages ruhen sie in Höhlen und Nischen des
Korallenriffs oder verbergen sich in Seegrasbeständen. Dies
dürfte der Grund dafür sein, dass Igelfische von Tauchern
nur selten gesehen werden.
Korallenriffe sind stark gefährdete Lebensgemeinschaften
Die farbenprächtigen karibischen Korallenriffe
mit ihren vielgestaltigen Bewohnern werden von einer Vielzahl
von Gefahren bedroht. Fatale Auswirkungen hat vor allem die Verschmutzung
der Küstengewässer durch Bodenpartikel, welche infolge
ökologisch unvernünftiger Land- und Forstwirtschaft
ins Meer geschwemmt werden, sowie durch Abwässer aus Siedlung
und Industrie. Daneben wirken sich besonders die mechanischen
Beschädigungen der Riffe durch unangebrachte Fischfangmethoden,
Bauten im Küstenbereich, das Verankern von Booten und mancherlei
touristische Aktivitäten schädlich auf diese empfindlichen
Lebensgemeinschaften aus.
Nicht zuletzt spielt aber auch die Übernutzung
der Fischbestände für die Verarmung der Riffe eine
wesentliche Rolle. Durch den stetig anwachsenden Nahrungsbedarf
der einheimischen Bevölkerung und die immer ausgefeilteren
Fischfangmethoden gehen die Bestände vieler Fischarten immer
stärker zurück. So haben alle vier oben beschriebenen
Arten in den letzten Jahrzehnten empfindliche Bestandseinbussen
erlitten.
Die in kopfstarken Schwärmen lebenden Süsslippen,
zu denen der Schweinsfisch zählt, gehören zu
den grösseren Fischen der karibischen Riffe und sind daher
eine beliebte Beute der Fischer. Sie werden vor allem durch die
karibische Netzfallenfischerei nachhaltig geschädigt. Diese
Fischfangmethode ist auch verantwortlich für den massiven
Rückgang anderer Fischgruppen wie etwa der Papageifische
(Familie Scaridae) und der kleineren Zackenbarsche. Dieser masslosen
Ausbeutung der Korallenfischbestände müsste durch gesetzliche
Bestimmungen über minimale Maschengrössen und die maximale
Anzahl Netzfallen pro Riff endlich ein Riegel vorgeschoben werden.
Der Nassau-Zackenbarsch ist aufgrund seiner
Grösse und seiner ausgesprochenen Zutraulichkeit besonders
anfällig auf Harpunfischer. Leider ist der Fischfang mit
Harpunen in neuerer Zeit sehr in Mode gekommen - sowohl als Freizeitvergnügen
bei den Inselbesuchern als auch zum Zweck der Nahrungsbeschaffung
bei den Inselbewohnern. Ferner ist diese Fischart dadurch besonderer
Gefahr ausgesetzt, dass die Tiere saisonal zu Laichgemeinschaften
zusammenfinden. Ist nämlich ein solches Laichgebiet erst
einmal von den ansässigen Fischern entdeckt, so kann innerhalb
kurzer Zeit die Zackenbarsch-Population eines ganzen Riffs völlig
ausgerottet werden. Durch strikte Bestimmungen sollten diese
Tiere zumindest während ihrer Laichperiode unter Schutz
gestellt werden.
Der Rückgang des Französischen Kaiserfischs
wiederum ist in erster Linie eine Folge der Beliebtheit der Engelfische
als Aquarientiere. Besonders die Bestände der auffällig
gefärbten Jungfische, die sich gern in den seichteren Küstengewässern
aufhalten, werden rücksichtslos leergefischt.
Beim Gezäumten Igelfisch schliesslich
ist es seine Beliebtheit als touristisches Andenken, die ihm
zum Verhängnis geworden ist: Igelfische werden in aufgeblähter
Form getrocknet, lackiert und dann zu Lampenschirmen und anderen
kitschigen Gegenständen verarbeitet. Zur Erhaltung dieser
beiden hübschen Fischarten wären Beschränkungen
des Fangs und des Handels dringend erforderlich.
Schliesslich gilt es ganz allgemein durch Klärung
der Abwässer aus Siedlung und Industrie sowie den Schutz
der land- und forstwirtschaftlichen Böden vor Ausschwemmung
die Reinheit der Küstengewässer zu erhalten. Denn nur
so lässt sich das Überleben der karibischen Korallenriffe
auf lange Sicht gewährleisten. Anderenfalls würden
nicht nur unzählige tierliche und pflanzliche Geschöpfe
ihren natürlichen Lebensraum verlieren, sondern es würde
auch eine für die menschlichen Inselbewohner lebenswichtige
Nahrungs- und Einnahmequelle über kurz oder lang für
immer verloren gehen.
Bisherige Schutzanstrengungen
1973 hat die Regierung von Antigua ein Gebiet, welches
fünf Kilometer nordwestlich der Insel liegt, zum Salt-Fish-Tail-Riffpark
erklärt. Seither ist innerhalb dieses Parks jegliches Fischen
und Einsammeln von Lebewesen verboten. Leider wird aber das Gebiet
infolge mangelhafter Bewachung von den lokalen Fischern weiterhin
ausgebeutet.
Es ist vorgesehen, weitere Gebiete von besonderem
marinbiologischem Wert in der näheren Umgebung von Antigua
unter Schutz zu stellen, so besonders die Great-Bird-Insel mit
ihren reichen Korallenriffen. Ferner werden möglicherweise
in naher Zukunft die beiden ganzen Inseln Antigua und Barbuda
in das sogenannte «Biosphären-Reservat Kleine Antillen»
eingeschlossen werden.
Bereits in den siebziger Jahren wurde im ganzen Bereich
des Karibischen Meers die Übernutzung der Fischbestände
als grosses Problem erkannt. In der Folge haben viele Länder
Gesetze erlassen, welche besonders zerstörerische Fischfangmethoden
verbieten. So ist heute zum Beispiel das Harpunieren bestimmter
Fischarten unter Verwendung einer Taucherausrüstung mit
Atemgerät untersagt. Wiederum sind aber diese Schutzbestimmungen
wenig wirksam, da die Überwachung ihrer Einhaltung weitgehend
fehlt.
Dasselbe dürfte auch für die Gesetze gelten,
welche kürzlich von der Organisation der Ostkaribischen
Staaten (OECS) verabschiedet worden sind und nach welchen der
Argus-Languste (Panulirus argus), der Fechterschnecke
(Strombus gigas) sowie allen Meeresschildkröten ein
gewisser Schutz zukommt.
Die reichen Lebensgemeinschaften des Karibischen Meers
werden den allzu starken und ständig weiter zunehmenden
Schädigungen durch den Menschen wohl kaum mehr lange standzuhalten
vermögen. Daher muss dringend eine Einigung zwischen den
wirtschaftlichen und den naturschützerischen Interessen
gefunden werden. Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Information
der Inselbevölkerung über den Sinn des Naturschutzes.
Sie ist ein sehr wesentlicher Schritt zur langfristigen Erhaltung
der einzigartigen karibischen Korallenriffe mitsamt der bunten
Palette von Geschöpfen, die hier ihr Zuhause haben.
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