Rohrkatze

Felis chaus


© 2002 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Manche Mitglieder der Katzenfamilie (Felidae) - so natürlich die Hauskatze (Felis f. catus), aber auch die Wildkatze (Felis silvestris), der Eurasische Luchs (Lynx lynx), der Ozelot (Leopardus pardalis), der Puma (Puma concolor), der Leopard (Panthera pardus), der Gepard (Acinonyx jubatus), der Schneeleopard (Uncia uncia), der Löwe (Panthera leo) und der Tiger (Panthera tigris) - sind uns allen sehr vertraut und gehören zweifellos zu den bekanntesten Säugetieren unseres Planeten. Daneben gibt es jedoch etliche Katzenarten, insbesondere aus der Unterfamilie der Kleinkatzen (Felinae), von denen wir kaum je gehört haben und über deren Lebensweise selbst die Zoologen nur wenig wissen. Zu letzteren zählt die Rohrkatze (Felis chaus), welche in der osteuropäischen Kaukasusregion, in weiten Bereichen West-, Zentral-, Süd- und Südostasien sowie im nordafrikanischen Ägypten heimisch ist. Von ihr soll auf diesen Seiten die Rede sein.


Schlank und hochbeinig

Die Rohrkatze gehört innerhalb der Familie der Katzen zur Gattung Felis, ist also am nächsten verwandt mit der über Europa, Afrika und Zentralasien verbreiteten und in vielerlei Lebensräumen vorkommenden Wildkatze (Felis silvestris), der in den Trockensteppen Chinas und der Mongolei heimischen Graukatze (Felis bieti), der in den Trockenwüsten Nordafrikas und des Nahen Ostens lebenden Sandkatze (Felis margarita) und der in den Halbwüsten des südlichen Afrikas beheimateten Schwarzfusskatze (Felis nigripes).

Die Rohrkatze ist die grösste ihrer Sippe, wobei die Männchen deutlich grösser sind als die Weibchen. Allerdings lassen sich innerhalb des weiten Artverbreitungsgebiets erhebliche regionale Unterschiede hinsichtlich der Körpergrösse feststellen, wobei die kleinsten Tiere in Nordafrika und Südostasien, die grössten in Zentralasien zu finden sind. In Tadschikistan, dem zentralasiatischen Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, weisen die erwachsenen Männchen ein Gewicht von durchschnittlich 9 Kilogramm und maximal sogar über 13 Kilogramm auf, während die Weibchen im Allgemeinen 5 bis 6 Kilogramm auf die Waage bringen. Die Kopfrumpflänge bemisst sich bei den erwachsenen Männchen Tadschikistans auf ungefähr 70 Zentimeter, und der Schwanz, der im Vergleich zu den anderen Mitgliedern der Gattung Felis eher kurz ist, weist eine Länge von etwa 30 Zentimetern auf.


Ein «Tugai-Tier»

Das Nildelta in Ägypten stellt den westlichsten Bereich des Verbreitungsgebiets der Rohrkatze dar. Nirgendwo sonst in Afrika konnte die Art bisher beobachtet werden. Ein Bericht aus den 1930er Jahren, wonach die Art auch in Algeriens Bergen, also rund 3000 Kilometer weiter westlich, vorkommen soll, hat sich als Irrtum erwiesen: Die Information ging auf das falsch bestimmte Fell einer Wildkatze zurück, das ein Forschungsreisender auf einem algerischen Markt erworben hatte.

Ausserhalb Afrikas findet sich die Rohrkatze in zahlreichen Bereichen Westasiens und Osteuropas, von Israel und Palästina über Syrien, den Osten der Türkei und die Kaukaukasusregion bis zur Mündung der Wolga im Norden des Kaspischen Meers. Östlich hiervon kommt sie in Irak, im Iran, in den meisten der zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken und in Afghanistan vor. Von da aus zieht sich ihr Verbreitungsgebiet ostwärts durch ganz Südasien - von Pakistan über Indien und Myanmar bis ins westliche China und von dort südwärts bis nach Thailand und Kambodscha. Auch auf Sri Lanka kommt die Rohrkatze vor.

Innerhalb ihres weiten Verbreitungsgebiets hält sich die Rohrkatze in Höhenlagen zwischen 0 und 2400 Metern ü.M. auf. Sie lebt stets in der Nähe von Gewässern oder Feuchtgebieten - Flüssen, Seen, Sümpfen, Überschwemmungsebenen usw. - und bewohnt dort vornehmlich unzugängliche Schilfdickichte, sumpfige Ufergehölze und hochwüchsige Feuchtwiesen. In sandigen und steinigen Wüstengegenden, welche grosse Teile ihres Verbreitungsgebiets ausmachen, kommt sie dementsprechend nicht flächendeckend vor, sondern fast ausschliesslich im Bereich von Oasen und Flussbetten. Ihrer Vorliebe für Röhrichte aller Art verdankt die Rohrkatze denn auch ihren Namen.

In Tadschikistan und anderen Ländern Zentralasiens bewohnt die Rohrkatze vor allem die so genannten Tugai-Flächen. Mit dem aus den zentralasiatischen Turksprachen stammenden Begriff tugai bezeichnen die Fachleute jene komplexen ökologischen Systeme, welche entlang der Wasserläufe anzutreffen sind, die sich durch die Trockensteppen und Halbwüsten der Region ziehen. Sie setzen sich aus einem breiten Spektrum von Lebensräumen - von offenen Sandbänken über Schilfrohrgürtel, Staudendickichte, Hochgrasfluren und Gebüsche bis hin zu Galeriewäldern - zusammen und sind zudem aufgrund des zumeist stark schwankenden Wasserpegels massiven jahreszeitlichen Veränderungen unterworfen. Die Tugai-Flächen bieten aufgrund ihres floristischen Reichtums einer überraschend vielfältigen Fauna eine Lebensgrundlage, darunter - als einem der grössten Raubtiere - der Rohrkatze.


Sprinterin, Hochspringerin und Schwimmerin zugleich

Die Rohrkatze ist kein ausgeprägtes Nachttier wie viele ihrer Verwandten, sondern streift häufig auch am Tag umher. Auf die Jagd scheint sie allerdings vornehmlich in der Morgen- und der Abenddämmerung zu gehen. Ihre Hauptbeutetiere sind kleinere Säugetiere, so vor allem Nager aller Art, ferner die Jungtiere mittelgrosser Säuger wie Hasen (Lepus spp.), Wildschwein (Sus scrofa) und Reh (Capreolus capreolus). Häufig erlegt sie ferner Vögel, insbesondere Wasservögel und Hühnervögel. Und sie verschmäht auch Reptilien, Amphibien und grosse Insekten nicht. Selbst Fische sind vor ihr nicht sicher, denn sie ist eine gute Schwimmerin und taucht beim Fischfang mitunter vollständig ins Wasser ein.

Obschon die Rohrkatze wie alle Kleinkatzen mühelos auf Bäume zu klettern vermag, bewegt sie sich fast stets am Boden umher. Sie kann bei Bedarf - sei es auf der Jagd oder auf der Flucht - überraschend schnell rennen und dabei über kurze Strecken Geschwindigkeiten von über dreissig Kilometern je Stunde erreichen. Ausserdem ist sie dazu fähig, aus dem Stand enorme vertikale Sprünge auszuführen, was ihr erlaubt, tief fliegende Vögel aus der Luft zu schnappen. Letzteres ist allerdings unter dem Begriff «Zufallstreffer» einzureihen, denn wie die meisten ihrer Verwandten setzt die Rohrkatze bei der Jagd in der Regel die Stöber- und Pirschtechnik an: Sie streift lautlos und umsichtig durch ihr Wohngebiet, schleicht sich beim geringsten Geräusch oder der geringsten Regung eines Beutetiers in geduckter Haltung und unter Ausnutzung jeglicher Deckung möglichst nahe an dieses heran und überfällt es schliesslich mit einem oder zwei kraftvollen Sätzen wie der sprichwörtliche Blitz aus heiterem Himmel. Das Opfer tötet sie jeweils augenblicklich durch einen Biss in den Nacken und/oder Hinterkopf, wobei ihre kräftigen, bis zwei Zentimeter langen Eckzähne wie Dolche wirken.


Wachsame Väter

Das Fortpflanzungsgeschehen der Rohrkatze erfolgt zwar in den gemässigten und subtropischen Bereichen des Artverbreitungsgebiets jahreszeitlich gebunden, fällt aber je nach Region - abhängig vom örtlichen Klima und dem damit verbundenen Beutetierangebot - in unterschiedliche Kalendermonate. Im Südwesten Indiens beispielsweise kommen die Jungtiere gewöhnlich im Oktober zur Welt, in Zentralasien dagegen im Januar und Februar. In den Tropen scheinen die Geburten über das ganze Jahr verstreut zu erfolgen, und es gibt Hinweise darauf, dass die weiblichen Rohrkatzen in diesen Bereichen des Artverbreitungsgebiets mehr als einen Wurf im Jahr aufzuziehen vermögen.

Während der Paarungszeit äussern die Männchen anlässlich ihrer Suche nach paarungswilligen Weibchen laute Rufe, welche nicht sehr katzentypisch sind, sondern eher an das Bellen von Hunden erinnern. Nach einer Tragzeit von 63 bis 68 Tagen bringt das Weibchen seine Jungen in einem sicheren Versteck zur Welt. Häufig handelt es sich dabei um die Höhle eines Stachelschweins oder eines Fuchses, nicht selten aber auch um einen selbst geschaffen, mit dürren Pflanzenstoffen und Fellstücken ausgekleideten Hohlraum in dichtem Röhricht.

Die Wurfgrösse schwankt zwischen einem und sechs Jungen, beträgt aber normalerweise drei. Die Rohrkätzchen sind bei der Geburt verhältnismässig gross und recht weit entwickelt. Sie wachsen in der Folge rasch heran und verdoppeln ihr Geburtsgewicht von rund 140 Gramm in weniger als einer Woche. Sie werden zunächst mit Muttermilch gesäugt, erhalten aber alsbald auch feste Nahrung in Form kleiner Beutetiere, die ihnen die Mutter zuträgt. Im Alter von etwa zwei Monaten erfolgt die Entwöhnung, und die Ablösung von der Mutter findet ungefähr drei Monate später statt. Das Höchstalter liegt - zumindest in Menschenobhut - bei etwa vierzehn Jahren.

Sowohl aus den - spärlichen - Beobachtungen von Rohrkatzen in freier Wildbahn als auch aus Studien von Tieren in Gefangenschaft geht hervor, dass das Männchen eine nicht unbedeutende Rolle bei der Aufzucht der Jungtiere spielt, was bei Katzen nicht allgemein üblich ist. So wurde in Menschenobhut festgestellt, dass das Männchen seine Jungen aufmerksam bewacht und notfalls aufopfernd beschützt, und im Freileben wurden wiederholt Familiengruppen bestehend aus Männchen, Weibchen und Jungen gesichtet.


Nicht menschenscheu

Im Gegensatz zu vielen anderen Raubtieren hat sich die Rohrkatze in vielen Gegenden sehr gut an die Nähe des Menschen gewöhnt, ja scheint gebietsweise sogar von dessen Aktivitäten zu profitieren. In Israel zum Beispiel hat sie sich Bewässerungsgräben und Fischzuchtteiche als Lebensraum angeeignet, in Indien bewässerte Zuckerrohr-, Baumwoll- und anderen Plantagen. In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, was der britische Naturforscher B.C. Jerdon im 19. Jahrhundert in seinen Aufzeichnungen über seine Zeit in Indien festhielt: «Als ich kürzlich am Rande eines Zuckerrohrfelds einen Pfau schoss, sprang völlig unangemeldet eine dieser Katzen heraus, schnappte sich den toten Pfau und verschwand - ohne Dankeschön zu sagen - wieder im Dickicht.»

Längst nicht immer hat die Rohrkatze jedoch aus den Aktivitäten des Menschen Nutzen zu ziehen vermocht. Vielerorts war das Gegenteil der Fall. So sind in Zentralasien die Tugai-Flächen auf breiter Front durch den Menschen zerstört - und damit die Lebensräume der Rohrkatze vermindert - worden, sei es durch das Mähen und Beweiden derselben, das Anlegen von Äckern und Feldern in Flussnähe oder das Abzweigen von Flusswasser. Die Rohrkatzenbestände wurden dadurch deutlich ausgedünnt: Betragen die Bestandsdichten auf unberührten Tugai-Flächen vier bis fünfzehn Individuen je zehn Quadratkilometer, so sind es auf umgenutzten Tugai-Flächen zwei und weniger.

Gross waren die Verluste an Tugai-Flächen beispielsweise entlang des Flusses Amu-Darja, der in den Aralsee mündet, vor allem durch usbekisches und turkmenisches Territorium fliesst und seine Hauptzuflüsse grossenteils auf tadschikischem Gebiet hat. Die Urbarmachung der Tugai-Flächen entlang des Amu-Darja und die Abzweigung seines Wassers zwecks Intensivierung der Landwirtschaft (hauptsächlich in Usbekistan) haben zu einer grösseren ökologischen Krise in der Region geführt. Am augenfälligsten ist diese am bald vollständigen Austrocknen des Aralsees zu erkennen. Schätzungen zufolge sind die Tugai-Flächen entlang des Amu-Darja allein in den vergangenen vierzig Jahren um rund neunzig Prozent geschrumpft. Entsprechend massiv ist der Rückgang der örtlichen Flora und Fauna.

Eine der reichsten unter den verbleibenden Tugai-Flächen befindet sich innerhalb der Grenzen des Tigrovaja-Balka-Reservats in Tadschikistan. Dieses Schutzgebiet, das bereits 1938 ausgewiesen worden ist, bemisst sich auf rund 500 Quadratkilometer. Der Grossteil hiervon besteht aus einer periodisch überschwemmten Ebene am Unterlauf des Vakhsh, eines Hauptzuflusses des Amu-Darja. Besondere Bedeutung hat das Reservat für das Überleben des Bucharahirschs (Cervus elaphus bactrianus), einer seltenen Rothirsch-Unterart, und des Grossen Amu-Darja-Schaufelstörs (Pseudoscaphirhynchus kaufmanni), eines ungewöhnlichen und sehr seltenen Fischs - und natürlich auch für die Rohrkatze nebst vielen anderen «Tugai-Geschöpfen». Das Tigrovaja-Balka-Reservat ist im Übrigen ein wichtiger Rastplatz bzw. ein wichtiges Winterquartier für zahlreiche nordische Wasservögel. Aus all diesen Gründen soll das Gebiet in naher Zukunft als «UNESCO-Weltnaturerbe» ausgewiesen und so zu einem international beachteten und geförderten Schutzgebiet gemacht werden, was nicht zuletzt der Rohrkatze zugute kommen wird.


Legenden

Die Rohrkatze (Felis chaus) ist ein mittelgrosses, schlankes und hochbeiniges Mitglied der Kleinkatzen-Unterfamilie (Felinae). Sie ist oberseits gewöhnlich sandbraun, rotbraun oder graubraun, unterseits weisslich gefärbt, wobei der Leib in der Regel kaum gemustert ist, während sich an den Gliedmassen dunkle Streifen und am Schwanz dunkle Ringe finden. Wie bei vielen Katzen treten gelegentlich Schwärzlinge auf.

Das Verbreitungsgebiet der Rohrkatze erstreckt sich von Ägypten im Westen über den ganzen Nahen und Mittleren Osten sowie Südasien bis Kambodscha im Osten und umfasst ausserdem die osteuropäische Kaukasusregion und den ehemals sowjetischen Bereich Zentralasiens. Stets lebt die Kleintierjägerin in der Nähe von Gewässern und Feuchtgebieten und bewohnt dort vornehmlich Hochgrasfluren, Ufergehölze und Schilfdickichte. Ihrer Vorliebe für Röhrichte verdankt sie denn auch ihren Namen.

Die Rohrkätzchen - im Bild ein zwei Monate altes Tier - kommen nach einer Tragzeit von gut zwei Monaten zumeist zu zweit, dritt oder viert zur Welt. Interessanterweise scheinen sie nicht nur von ihrer Mutter, sondern auch vom Vater betreut zu werden, was bei Katzen recht unüblich ist.

Im Alter von etwa fünf Monaten lösen sich die jungen Rohrkatzen von ihren Eltern und Geschwistern und machen sich selbstständig. Die Geschlechtsreife erreichen sie mit etwa fünfzehn Monaten. Das Höchstalter liegt - zumindest in Menschenobhut -- bei ungefähr vierzehn Jahren.

In Fachkreisen wird von alters her darüber diskutiert, ob die Rohrkatze bei der Entstehung der Hauskatze eine Rolle gespielt hat oder nicht. Tatsächlich wissen wir, dass die alten Ägypter Rohrkatzen domestiziert hatten. Sie schätzten die grazilen Katzen als treue und hilfreiche Jagdbegleiterinnen. Fiel bei der Vogeljagd ein geschossener Vogel ins unwegsame Schilfdickicht, so konnte er von den gezähmten und abgerichteten Tieren jeweils leicht herbeigeschafft werden. Dass Rohrkatzen zuweilen auf altägyptischen Wandzeichnungen zu sehen sind und dass bei archäologischen Ausgrabungen zahlreiche Rohrkatzenmumien zum Vorschein kamen, lässt erkennen, welch grosse Wertschätzung man der mittelgrossen Kleinkatze damals zukommen liess. Die meisten Zoologen sind zwar heute der Ansicht, dass die Hauskatze einzig von der Afrikanischen Wildkatze oder «Falbkatze» (Felis silvestris lybica) abstammt. Interessanterweise zeigt aber eine sehr alte Hauskatzenrasse, die Abessinierkatze, eine Reihe von Körpermerkmalen, welche stark an die Rohrkatze erinnern. Zu nennen sind die Fellfärbung, die schlanke, hochbeinige Gestalt und insbesondere die luchsartigen Haarpinsel an den Ohren, welche bei der Wildkatze fehlen. Ob tatsächlich Rohrkatzen unter den Vorfahren der Abessinierkatze waren, werden gezielte DNS-Analysen sicher gelegentlich weisen.




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