Rosenseeschwalbe

Sterna dougallii


© 1989 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Familie der Seeschwalben (Sternidae) umfasst insgesamt 42 Arten in neun Gattungen und ist eine mit der Familie der Möwen (Laridae) nahe verwandte Vogelsippe. Mit ihrem tief gegabelten Schwanz, den schlanken, spitz zulaufenden Schwingen und ihrem eleganten und wendigen Flug erinnern die Seeschwalben an unsere «echten» Schwalben - daher ihr Name.

Die meisten Seeschwalben sind gesellige Küstenbewohner und brüten in grossen, lebhaften Kolonien. Sie sind ausserordentlich leistungsfähige Flieger. Berühmt hierfür ist vor allem die Küstenseeschwalbe (Sterna paradiesaea): Jedes Jahr zieht sie im Herbst von ihren arktischen Brutgebieten in ihre Winterquartiere in der antarktischen Packeiszone - und im Frühling wieder zurück. Die im äussersten Norden brütenden Küstenseeschwalben legen so in jedem Jahr zweimal rund 18.000 Kilometer zurück und halten damit unter allen Zugvögeln den Langstreckenrekord.

Angesichts ihrer enormen Flugtüchtigkeit erstaunt es nicht, dass einige Seeschwalbenarten nicht nur sämtliche Kontinente, sondern auch viele, teils sehr abgelegene Ozeaninseln besiedelt haben und damit zu den häufigsten Meeresvögeln der Welt gehören. Grundsätzlich zählt auch die Rosenseeschwalbe (Sterna dougallii), von der hier die Rede sein soll, zu diesen «Weltbürgern». Allerdings ist sie nirgends mehr häufig, und man muss sie heute leider zu den sechs seltensten Seeschwalbenarten rechnen.

 

Eine Vorliebe für Tropeninseln

Die Rosenseeschwalbe, welche eine Flügelspannweite von etwa 75 Zentimetern aufweist, ist - von der Antarktis abgesehen - über die ganze Welt verbreitet. Wichtige Brutkolonien findet man vor allem in den Tropen und Subtropen, so in der Karibik, an den Küsten Venezuelas, Ostafrikas, Indiens, Sri Lankas und Chinas, auf mehreren indomalaiischen Inseln sowie an den Küsten Neuguineas und Australiens. Entlang der Küsten des Atlantischen Ozeans dehnt sich das Verbreitungsgebiet der Rosenseeschwalbe jedoch - sowohl im Norden wie im Süden - auch weit in die gemässigten Zonen aus. So findet man «alteingesessene» Brutkolonien an der Nordostküste Nordamerikas, der Nordwestküste Europas, auf den Azoren und an der Südküste Südafrikas.

Die Rosenseeschwalbe scheint überall auf der Welt in einem gewissen Ausmass Zugvogel zu sein, also ihre Brutplätze jeweils für ein paar Monate pro Jahr zu verlassen, um Orte mit besserem Nahrungsangebot aufzusuchen. Genauer erforscht sind allerdings nur die Bewegungen der nordamerikanischen und der nordeuropäischen Brutpopulationen: Die nordamerikanischen Rosenseeschwalben bewohnen im Frühjahr und Sommer die Küsten zwischen der kanadischen Halbinsel Neuschottland und New York. Im Herbst ziehen sie dann (gemeinsam mit den Rosenseeschwalben aus der Karibik) südwärts, um an der Nordostküste Südamerikas, zwischen Venezuela und Brasilien, zu überwintern. Die nordeuropäischen Rosenseeschwalben halten sich im Sommerhalbjahr an den Küsten Grossbritanniens, Irlands und Nordwestfrankreichs auf und ziehen jeweils im Herbst (gemeinsam mit den Rosenseeschwalben von den Azoren) in den Golf von Guinea, um den Winter an den Küsten Benins, Togos, der Elfenbeinküste und vor allem Ghanas zu verbringen.

Zwischen ihren Sommer- und Winterquartieren ziehen die Rosenseeschwalben jeweils sehr zielstrebig hin und her. Die nordeuropäischen Tiere etwa lösen sich Ende August, Anfang September von ihren Brutplätzen und versammeln sich in der Irischen See. In der zweiten Hälfte des Septembers ziehen sie dann los und erreichen bereits Ende September, Anfang Oktober ihre Bestimmungsorte im Golf von Guinea.

 

Gemischte Brutkolonien

Die Rosenseeschwalbe brütet fast ausschliesslich auf kleinen, entlegenen Ozeaninseln oder aber auf Sandbänken und anderen Kleinstinseln in Festlandküstennähe. In beiden Fällen ist das Risiko, beim Brutgeschäft durch bodenlebende Fressfeinde gestört zu werden, minimal.

Selten brütet die Rosenseeschwalbe nur in Gesellschaft mit ihresgleichen; im allgemeinen bildet sie mit Vertretern anderer Seeschwalbenarten zusammen gemischte Brutkolonien. So brütet sie auf den Britischen Inseln zumeist mit Küstenseeschwalbe, Flusseeschwalbe (Sterna hirundo) und Brandseeschwalbe (Sterna sandvicensis) zusammen. Interessanterweise legt sie hier ihre Eier gerne an gut geschützten Stellen ab, so etwa in Felsnischen, in dichtem Pflanzenwuchs oder gar in den Höhlen von Papageitauchern (Fratercula arctica), während sie an ihren tropischen Brutplätzen wie alle Seeschwalben offene Nistplätze bevorzugt.

Die Nahrung der Rosenseeschwalbe besteht hauptsächlich aus kleinen Fischen, die sie im küstennahen Wasser durch Stosstauchen erbeutet. Daneben stehen Krebstiere und wasserlebende Insekten auf ihrer Speisekarte. Geschickt vermag sie auch im zügigen Vorbeiflug Nahrungsdinge von der Wasseroberfläche oder vom Strand aufzupicken. In Westafrika stiehlt sie auf diese Weise manchmal Kleinfische, welche von der ansässigen Bevölkerung am Strand zum Trocknen ausgelegt worden sind, und macht sich dadurch natürlich nicht besonders beliebt. Als «Pirat» verhält sich die Rosenseeschwalbe mitunter auch anderen Seeschwalben gegenüber, indem sie sie in der Luft angreift und sie ihrer Beute beraubt.

 

Die Bestände nehmen weltweit ab

Der Internationale Rat für Vogelschutz (ICBP) stuft gegenwärtig vier Seeschwalbenarten als vom Aussterben bedroht ein. Es sind dies die Kerguelen-Seeschwalbe (Sterna virgata), die Neuseeland-Seeschwalbe (Sterna albostriata), die Damara-Seeschwalbe (Sterna balaenarum) und die Chinesische Seeschwalbe (Sterna bernsteini). Alle vier Arten weisen sehr begrenzte Brutareale auf und umfassen bestenfalls noch ein paar tausend Paare.

Zwei weitere Seeschwalbenarten müssen vom ICBP wohl demnächst auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Vogelarten gesetzt werden. Eine davon ist die Rosenseeschwalbe. Anlass zu diesem unerfreulichen Schritt ist hauptsächlich der besorgniserregende Rückgang ihrer Brutpopulationen im nördlichen und südlichen Atlantik im Laufe der letzten zwanzig Jahre, dann aber auch diverse Meldungen über die rückläufige Entwicklung der Rosenseeschwalben-Bestände in anderen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets.

Der Weltbestand der Rosenseeschwalbe wird im Augenblick auf 20.000 bis 30.000 Paare geschätzt. Einige Experten sind allerdings der Ansicht, dass es möglicherweise auch 50.000 Paare sein könnten, da viele entlegene Kolonien kaum je von Wissenschaftlern besucht werden und verlässliche Bestandsschätzungen für sie darum fehlen.

 

Verhängnisvolle Gefiederfärbung

Die Rosenseeschwalbe verdankt ihren Namen der zarten Rosafärbung ihrer Brust und ihres Bauchs im Brutgefieder. Diese hübsche Färbung ist ihr vor ungefähr hundert Jahren beinahe zum Verhängnis geworden: Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die rosa Seeschwalbenfedern als exklusiver Schmuck von Damenhüten und anderen Modeartikeln sehr begehrt, und die Vögel wurden darum massiv bejagt.

Glücklicherweise konnte diesem unseligen Geschäft dank der gemeinsamen Anstrengungen europäischer und amerikanischer Vogelschutzverbände um die Jahrhundertwende auf gesetzlicher Ebene ein Riegel vorgeschoben werden. Zumindest im Bereich der nordatlantischen Brutpopulationen nahm die massive Tötung der Rosenseeschwalben daraufhin rasch ab. In einigen südamerikanischen Ländern wurden die Vögel allerdings noch bis in jüngster Zeit ihrer Federn wegen verfolgt.

Die Bestandsentwicklung der Rosenseeschwalbe im Nordatlantik spiegelt diese Ereignisse deutlich wieder: Auf der europäischen Seite des Atlantischen Ozeans zählten die Brutkolonien der Vögel bis 1850 mehrere tausend Paare. Nach 1865 nahm dann der Bestand rasch ab, und zwischen 1880 und 1900 war die Art hier praktisch ausgestorben. Neben der direkten Verfolgung der brütenden Vögel spielten dabei auch Nestplünderungen durch Eiersammler eine gewisse Rolle. Auf der anderen Seite des Atlantiks, in Nordamerika, zählte die Brutpopulation um 1870 noch viele tausend Paare. 1890 war sie auf nurmehr etwa 2000 Paare geschrumpft.

Nach der Einführung der besagten Artenschutzgesetze um die Jahrhundertwende vermochten sich dann beide Populationen wieder etwas zu erholen, und zwar in Amerika auf etwa 8500 Paare im Jahr 1935, in Europa auf ungefähr 3500 Paare im Jahr 1962.

 

Möwen, Brandung und... der Mensch

Leider blieb es nicht bei dieser erfreulichen Bestandsentwicklung. Zwischen 1941 und 1952 sank die nordamerikanische Population auf rund 4800 Paare ab und hielt sich dann auf diesem Niveau bis ungefähr 1970. Dann erfolgte sowohl in Amerika als auch in Europa ein weiterer Rückgang der Rosenseeschwalben-Bestände, so dass man heute in Amerika nur noch rund 3000 Paare und in Europa noch 500 bis 600 Paare zählt. Was war geschehen?

Für den Bestandsrückgang der Rosenseeschwalbe seit Beginn der siebziger Jahre scheint beiderseits des Atlantiks eine unglückliche Kombination natürlicher wie menschbedingter Schadeinflüsse verantwortlich zu sein.

1. Wettstreit um Nistplätze. Sowohl in Amerika als auch in Europa sind die Bestände einiger Möwenarten im Verlauf der letzten Jahrzehnte massiv angewachsen. Nachgewiesenermassen haben besonders die Mantelmöwe (Larus marinus) und die Silbermöwe (Larus argentatus) - beides grosse und verhältnismässig aggressive Möwenarten - ihren zusätzlichen Nistplatzbedarf teilweise auf Kosten der Rosenseeschwalbe gedeckt und damit deren Nachzuchtrate negativ beeinflusst.

2. Küstenerosion. Die meisten der flachen Sandinseln, auf denen die Rosenseeschwalbe zur Brut schreitet, unterliegen einer raschen Erosion durch die immerwährende Tätigkeit der Brandung. Auch dies hat im Verlauf der letzten Jahrzehnte zu teilweise schwerwiegenden Verlusten von Brutplätzen geführt: So sind beispielsweise von der in der Irischen See gelegenen Seeschwalbeninsel, auf welcher noch 1962 etwa 2000 Rosenseeschwalben-Paare brüteten, heute nur noch ein paar bei Ebbe aus dem Wasser ragende Sandbänke übrig. Viele der verdrängten Brutvögel vermochten sich leider nicht andernorts niederzulassen.

3. Störungen beim Brutgeschäft. Leider werden die Rosenseeschwalben heute immer häufiger durch unvorsichtige Menschen an ihren Brutplätzen gestört. Massive Störungen können die relativ empfindlichen Vögel rasch zur Aufgabe ihres Geleges veranlassen. Aber auch geringfügige Störungen - mit kurzfristigem Auffliegen der brütenden Seeschwalben - können dazu führen, dass unbewachte Eier oder Nestlinge herumlungernden Möwen oder Krähen zum Opfer fallen.

4. Fang im Winterquartier. Noch schlimmer werden die Rosenseeschwalben allerdings in ihren Winterquartieren durch den Menschen geschädigt. An den Küsten Westafrikas, vor allem Ghanas, ist es heute ein weitverbreiteter Sport der Knaben, Seeschwalben und andere Küstenvögel in selbstgebastelten Fallen zu fangen. An den Küsten Südamerikas, vor allem Guyanas und Surinams, werden ebenfalls viele Küstenvögel mittels Fallen erlegt, wobei dort immerhin die Beschaffung von Fleisch und Federn im Vordergrund steht. Die so verursachte hohe Sterblichkeit der Rosenseeschwalben in ihren Winterquartieren hat wesentlich dazu beigetragen, die atlantischen Bestände auf ihren heutigen Tiefstand abzusenken.

 

Schutz durch internationale Zusammenarbeit

Beim ersten Niedergang der Rosenseeschwalben-Population im Nordatlantik gegen Ende des letzten Jahrhunderts genügten wirksam vollzogene Artenschutzgesetze, um die Bestände wieder anwachsen zu lassen. Die gegenwärtige Krise der hübschen Meeresvögel scheint um einiges schwerwiegender zu sein. Denn obschon verschiedene Brutkolonien streng bewacht und damit vor menschlicher Störung geschützt werden, obschon mancherorts die überhandnehmenden Möwenbestände künstlich vermindert wurden und obschon mittels Autopneus und Treibholz viele zusätzliche Nistplätze geschaffen wurden, vermochten sich die Rosenseeschwalben nicht zu erholen. Die Aufmerksamkeit der Vogelschützer richtet sich darum vermehrt auf das Schicksal der Vögel in ihren Winterquartieren. Es gilt dringend, ihre hohe Sterblichkeit im Winterhalbjahr herabzusetzen.

Zu diesem Zweck haben die in England ansässige Königliche Gesellschaft für Vogelschutz (RSPB), der ICBP und die Regierung von Ghana 1985 gemeinsam das Projekt «Rettet die Küstenvögel Ghanas» in die Wege geleitet. Durch die gründliche Naturschutzerziehung der Schüler in den küstennahen Dörfern und die gezielte Information der ansässigen Fischer über ökologische Zusammenhänge hofft man, die Bejagung der bedrängten Rosenseeschwalben und zahlreicher anderer «Leidensgenossen» abschwächen zu können. Wichtige «Schützenhilfe» hat das Projekt durch jene Fischer erhalten, die - nur mit Kanus und Netzen ausgerüstet - in den küstennahen Gewässern Fischfang nach alter Väter Sitte betreiben. Ihnen weisen nämlich die nahrungssuchenden Seeschwalben von alters her den Weg zu oberflächennahen Fischschwärmen. Sie sind darum gerne bereit, sich für den Schutz dieser hilfreichen Vögel einzusetzen.

Die Entwicklung des Schutzprojekts in Ghana wird von Fachleuten aufmerksam beobachtet, denn man will aus den positiven wie negativen Erfahrungen lernen, um möglichst bald in anderen Ländern Westafrikas sowie Südamerikas ähnliche Projekte durchzuführen. Dies im Bewusstsein, dass letztlich allein die gute partnerschaftliche Zusammenarbeit der Länder im Brut- wie im Überwinterungsareal die Rosenseeschwalbe vor dem Untergang zu bewahren vermag.




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