Roter Litschi

Kobus leche leche


© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Gedenktaler Kollektion)



Der Rote Litschi (Kobus leche leche) ist eine von drei Unterarten des Litschis (Kobus leche), einer mittelgrossen, im südlichen Afrika heimischen Antilope. Fleckenhaft verbreitet findet man ihn im südöstlichen Zaire, in Sambia, im südöstlichen Angola, im Caprivi-Zipfel Namibias und im nördlichen Botswana, wobei die grösste zusammenhängende Population, 20 000 bis 40 000 Tiere, im Okavango-Delta (Botswana) lebt. Die beiden anderen Unterarten des Litschis kommen ausschliesslich in Sambia vor: Der Schwarze Litschi (Kobus leche smithemani) bewohnt das Bangweulu-Becken im nördlichen Sambia; der Kafue-Litschi (Kobus leche kafuensis) besiedelt die Kafue-Niederungen im zentralen Sambia.

Wie seine beiden Vettern ist der Rote Litschi ein bemerkenswert wasserliebendes Huftier: Stets hält er sich im unmittelbaren Uferbereich von Flüssen, Seen und besonders Sümpfen auf. Dort sucht er seine Nahrung - junge, nährstoffreiche Grasschösslinge - am liebsten im fünf bis zwanzig Zentimeter tiefen Wasser, beweidet aber auch gern die angrenzenden Feuchtwiesen.

An das Leben im feuchten Gelände ist der Rote Litschi vorzüglich angepasst. Lange, spreizbare Hufe verteilen sein Gewicht und erlauben ihm, sumpfigen Boden zu begehen, ohne stark einzusinken. Er vermag dadurch eine «Nahrungsnische» zu nutzen, welche den meisten anderen grasessenden Huftieren nicht zugänglich ist. Kräftige Hinterbeine, welche deutlich länger sind als die Vorderbeine, ermöglichen ihm ferner, mit erstaunlicher Leichtigkeit und Geschwindigkeit durch recht tiefes Wasser zu laufen. Dadurch vermag er etwaige Verfolger zumeist mühelos abzuschütteln.

Von diesen Körpermerkmalen abgesehen ist der Rote Litschi eine recht «normale» Antilope. Die Männchen erreichen eine Schulterhöhe von etwa einem Meter und ein Gewicht von 125 Kilogramm. Die Weibchen sind kleiner und bringen rund 70 Kilogramm auf die Waage. Wie bei vielen anderen Hornträgern besitzen nur die Männchen Stirnwaffen. Es handelt sich um schlanke, leierförmig nach hinten geschwungene Hörner, welche bis 90 Zentimeter lang werden können.

Eine feste Fortpflanzungszeit kennen die Roten Litschis nicht. Jungtiere kommen - zumeist als Einzelkinder - zu jeder Jahreszeit zur Welt. Eine Häufung der Geburten ist aber dann zu beobachten, wenn nach der alljährlichen Regenzeit der Wasserpegel der Sümpfe und Überschwemmungszonen langsam absinkt und weite Flächen bester Weide freigelegt werden. Diese Periode des Nahrungsüberflusses ist natürlich die ideale Zeit für die Aufzucht der Litschikinder.

Auch hinsichtlich der Form ihrer Vergesellschaftung erweisen sich die Roten Litschis als sehr flexibel. Zwar sind sie im Grunde genommen gesellige Tiere. Je nach Jahreszeit und Region können jedoch die unterschiedlichsten Litschi-Gruppierungen angetroffen werden - von einzelgängerischen Individuen über Kleingruppen bis hin zu Herden mit mehreren hundert Tieren.

In Gebieten, in denen man die Roten Litschis ungestört leben lässt, können ihre Bestände recht hohe Dichten aufweisen. Das ist heute allerdings - vom Okavango-Delta abgesehen - nirgendwo mehr der Fall. Denn das zarte Fleisch der eleganten Antilopen wird vom Menschen sehr geschätzt, weshalb sie selbst in Ländern, in denen sie unter gesetzlichem Schutz stehen, stark bejagt werden. Meistenorts sind die Bestände demzufolge stark ausgedünnt. Glücklicherweise vermögen sich Litschi-Bestände aber rasch zu erholen, wenn man sie wirksam schützt. So wuchs beispielsweise eine Population in Sambia in nur zwanzig Jahren von anfänglich 70 auf heute 2000 Tiere an, nachdem der Wilderei ein Riegel vorgeschoben worden war.

Als weit schlimmer - weil nicht wiedergutzumachen - erweist sich demgegenüber die fortwährende Zerstörung der Lebensräume der Roten Litschis. Feuchtgebiete werden von vielen fortschrittsgläubigen Regierungsvertretern auch heute noch (nicht nur in Afrika) als wirtschaftlich wertlose «Unländer» betrachtet. Sie lassen sie deshalb nach Möglichkeit trockenlegen, um neue Landwirtschafts- und Siedlungsflächen zu gewinnen, oder ihr Wasser aufstauen bzw. ableiten, um es anderweitig zu nutzen. Selbst dem einzigartigen Okavango-Delta, einem der weltweit grössten Feuchtgebiete, drohen solch kurzsichtige Entwicklungsprojekte. Diese gilt es unter allen Umständen zu verhindern, denn dadurch würde eines der eindrucksvollsten Tierparadiese Afrikas - und mithin das wichtigste Rückszugsgebiet der Roten Litschis - rasch und unwiederbringlich zugrunde gerichtet.




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