Roter Litschi

Kobus leche leche


© 1988 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Als erster Europäer durchquerte 1849 der englische Naturforscher David Livingstone die Kalahari, eine halbwüstenartige, rund eine Million Quadratkilometer grosse Beckenlandschaft im südlichen Afrika. Unverhofft stiess er inmitten der Einöde auf einen grossen See mit kristallklarem Wasser: den Ngami-See, das sagenumwobene «Meer in der Wüste». Livingstone kartierte den See. Dann zog er nordwärts, um herauszufinden, woher dieser See sein Wasser bezog. Dabei stiess der unermüdliche Afrikaforscher auf das Okavango-Delta - ein riesiges Feuchtgebiet, welches von den Eingeborenen «Land der vielen Flüsse» genannt wird.

 

Wasser im Land - Land im Wasser

Das Okavango-Delta ist das überraschende Ende des gleichnamigen Flusses: Der Okavango entspringt im Hochland von Angola, fliesst dann aber nicht westwärts zum nahen Atlantik, sondern «sucht» ostwärts den 3000 Kilometer entfernten Indischen Ozean. Nach einer Strecke von 1000 Kilometern, wenn er sich bereits zu einem tiefen, reissenden Fluss entwickelt hat, erreicht er den Rand der Kalahari. Und hier versinkt er nun vollständig im etwa 300 Meter tiefen Sand, wobei er ein Inland-Delta mit einer Fläche von rund 20.000 Quadratkilometern bildet - das Okavango-Delta, eines der grössten Feuchtgebiete der Welt. In unzählige, träge fliessende Wasserarme trennt sich der Fluss bei seiner Begegnung mit der Wüste auf und bildet ein unüberblickbares Gewirr von baumumsäumten Inselchen, ruhigen Lagunen und saftigen Feuchtwiesen - weder Wasser im Land noch Land im Wasser...

Dieses unübersichtliche und für den Menschen nur schwer zugängliche Gebiet bildet - wie man sich gut denken kann - ein Paradies für Wildtiere aller Art. Als häufigster Grossäuger des Okavango-Deltas gilt eine Antilope, welche an das Leben im und am Wasser hervorragend angepasst ist: der Rote Litschi (Kobus leche leche).

 

Die Litschi-Verwandtschaft

Der Litschi (Kobus leche) ist ein Vertreter der Familie der Hornträger (Bovidae), der grössten der insgesamt zwölf Huftierfamilien. Innerhalb der Familie der Hornträger wird er zu den Pferdeböcken (Hippotraginae) gezählt, einer Gruppe von etwa 24 Antilopenarten, welche fast alle in den offenen Grasländern Afrikas südlich der Sahara zu Hause sind.

Innerhalb der Pferdeböcke gehört der Litschi zur Gattung Kobus, welche noch die folgenden vier Arten umfasst: den häufigen und weitverbreiteten Wasserbock (Kobus ellipsiprymnus), die Moorantilope (Kobus kob), welche im westlichen, zentralen und östlichen Afrika nördlich des Kongobeckens vorkommt, die wenig bekannte Weissnacken-Moorantilope (Kobus megaceros), welche die Sümpfe des Weissen Nils bewohnt, sowie den Puku (Kobus vardoni), der eine ähnliche Verbreitung aufweist wie der Litschi.

Der Litschi selber ist im südlichen Afrika beheimatet. Fleckenhaft verbreitet findet man ihn im südöstlichen Zaire, in Sambia, im südöstlichen Angola, im Caprivi-Zipfel Namibias und im nördlichen Botswana. Im allgemeinen werden drei Litschi-Unterarten unterschieden: Der Rote Litschi ist die häufigste von ihnen. Er wird in den meisten Bereichen des genannten Verbreitungsgebiets angetroffen, wobei die grösste zusammenhängende Population, 20.000 bis 40.000 Tiere, im Okavango-Delta lebt. Die beiden anderen Unterarten kommen ausschliesslich in Sambia vor: Der Schwarze Litschi (Kobus leche smithemani) bewohnt das Bangweulu-Becken im nördlichen Sambia; der Kafue-Litschi (Kobus leche kafuensis) besiedelt die Kafue-Niederungen im zentralen Sambia.

 

Spreizbare Hufe, hohe Hinterbeine

Alle Kobus-Arten leben stets in der Nähe von Sümpfen, Seen und Flüssen, wobei aber der Litschi am stärksten an das Wasser gebunden ist. Er hält sich stets unmittelbar im Bereich der Wasser-Land-Grenze auf.

An das Leben in solch feuchtem Gelände ist der Litschi vorzüglich angepasst. Lange, spreizbare Hufe verteilen sein Gewicht und erlauben ihm, sumpfiges Gelände zu begehen, ohne zu versinken. Er vermag dadurch eine «Nahrungsnische» zu nutzen, welche den meisten anderen grasessenden Huftieren nicht zugänglich ist. Dank seiner kräftigen Hinterbeine, welche länger sind als die Vorderbeine, vermag er ferner mit erstaunlicher Leichtigkeit und Geschwindigkeit durchs Wasser zu laufen. Bei Gefahr flüchtet sich der Litschi daher sofort ins nasse Element, wo er seine Verfolger mühelos abzuschütteln vermag.

Von diesen beiden Körpermerkmalen abgesehen ist der Litschi eine recht «normale» Antilope. Die Männchen erreichen eine Schulterhöhe von etwa einem Meter und ein Gewicht von 125 Kilogramm. Die Weibchen sind kleiner und bringen nur rund 70 Kilogramm auf die Waage. Wie bei vielen anderen Hornträgern besitzen einzig die Männchen Stirnwaffen. Es sind schlanke, leierförmig nach hinten geschwungene Hörner, welche bis 90 Zentimeter lang werden können.

 

Leben im Überschwemmungsgebiet

Der Lebensraum der Litschis ist starken saisonalen Veränderungen unterworfen. Nach jeder Regenzeit steigt der Wasserstand der Sümpfe an, wobei weite Gebiete überflutet werden. Während der Trockenzeit sinkt der Pegel dann allmählich wieder ab, und das zuvor überschwemmte Land fällt wieder trocken.

Litschis suchen sich ihre Nahrung am liebsten im fünf bis zwanzig Zentimeter tiefen Wasser. Sie beweiden aber in vielen Gebieten durchaus auch die angrenzenden, nicht unter Wasser stehenden Grasflächen. Der Uferbereich verschiebt sich mit dem Ansteigen und Absinken des Wasserstands natürlich ständig, und so führen die Litschis im Verlauf des Jahres weite Wanderungen durch, immer der Grenze des Wassers folgend. Die Nutzung dieser Nahrungsnische am Rand der Sümpfe ist für die rotbraunen Antilopen sehr lohnend: Das Flusswasser bringt nämlich alljährlich reiche Fracht an Schwebstoffen, die sich auf den überfluteten Weiden als natürlicher Dünger absetzen und für einen besonders nährstoffreichen Jungwuchs sorgen.

 

Litschijunge verstecken sich im hohen Gras

Das Litschi-Weibchen bringt nach einer Tragzeit von rund acht Monaten ein einzelnes Junges zur Welt. Das Neugeborene ist zwar schon nach wenigen Stunden recht gut zu Fuss. Trotzdem begleitet es in seinen ersten Lebenstagen die Mutter nicht bei der Nahrungssuche, sondern legt sich gut versteckt an einer sicheren Stelle ins hohe Gras. Dort wartet es geduldig auf seine Mutter, welche jeweils nur kurz zum Säugen erscheint. Nach einer Woche gibt das Litschi-Kälbchen dieses Verhalten, das man «Abliegen» nennt, auf und folgt von da an seiner Mutter auf Schritt und Tritt.

Litschis kennen keine feste Fortpflanzungszeit. Jungtiere werden in jeder Jahreszeit geboren. Eine Häufung der Geburten ist aber dann zu beobachten, wenn der Höchststand des Wassers überschritten ist. Wenn sich das Wasser langsam zurückzieht, werden nämlich weite Flächen bester Weide frei. Und diese Periode des Nahrungsüberflusses ist natürlich die ideale Zeit für die Aufzucht der Litschikälber. Im Okavango-Delta sind es die Monate Dezember bis März.

 

Litschi-Männchen kämpfen in Arenen

Litschis sind zwar grundsätzlich gesellige Tiere. Ein starres Gesellschaftssystem kennen sie aber nicht. Je nach Jahreszeit und Gebiet können die unterschiedlichsten Litschi-Gruppierungen angetroffen werden. Sie schwanken in ihrer Grösse von einzelgängerischen Tieren bis hin zu Herden mit mehreren hundert Individuen. Auch die Zusammensetzung der Gruppierungen nach Geschlecht ist sehr verschiedenartig: Neben Junggesellentrupps findet man reine Weibchen-Jungen-Gruppen, Kleinherden von einem Männchen mit mehreren Weibchen sowie umfangreiche Herden von Tieren beiderlei Geschlechts und aller Altersstufen.

Während der Brunftzeit kämpfen die Männchen erbittert gegen ihre Rivalen um das Vorrecht zur Paarung mit den Weibchen. Interessanterweise ist das Verhalten bei diesem Wettstreit nicht überall dasselbe: In Teilen des Okavango-Deltas besetzen die Litschi Männchen bereits vor der Brunftzeit Territorien in möglichst günstigem Weidegebiet. Aus diesen «Privat-Grundstücken» vertreiben sie energisch alle männlichen Eindringlinge und versuchen gleichzeitig, vorbeiziehende Weibchen auf ihr Stück Land zu locken. So bemüht sich jeder Territoriumsbesitzer, einen möglichst grossen «Harem» zu bilden und auf seinem Grundstück zu halten. Das ist keine leichte Aufgabe. Aber der Aufwand lohnt sich. Kommen die Weibchen schliesslich in Brunft, so kann sich der Grund- und Haremsbesitzer unangefochten mit ihnen paaren, während die besitzlosen (meist schwächeren oder jüngeren) Böcke das Nachsehen haben.

In anderen Gebieten, etwa der Busanga-Ebene im zentralen Sambia, errichten die Männchen keine Territorien. Die Weibchengruppen wandern das ganze Jahr über weit umher. Wird eines der Weibchen brünftig, so folgen ihm die zufällig in der Nähe befindlichen, ebenfalls nicht sesshaften Männchen. Dabei bekämpfen sie einander so lange, bis schliesslich der Stärkste von ihnen seine Überlegenheit klar unter Beweis gestellt hat. Er kann sich dann mit dem Weibchen paaren.

In nochmals anderen Regionen des Litschi-Verbreitungsgebiets - so beispielsweise in Sambias Kafue-Niederungen - hat sich eine recht ungewöhnliche Art des Wettstreits herausgebildet: Jahr für Jahr treffen sich die erwachsenen Tiere zur Brunftzeit an bestimmten Paarungsplätzen. Hier beanspruchen dann 50 bis 100 Männchen in einem Gebietsrund von lediglich etwa 500 Metern Durchmesser kleine Territorien. Um die jeweils winzigen Flecken Landes kämpfen die Grundbesitzer unablässig gegen die Übergriffe sämtlicher Nachbarn ringsherum. Man nennt solche «bewegten» Paarungsplätze darum auch «Arenen».

Die Weibchen halten sich im Umfeld dieser Arenen auf. Sind sie paarungswillig, so begeben sie sich auf eines der hart umkämpften Territorien. Dabei scheinen sie diejenigen im Zentrum der Arena zu bevorzugen. Dies sind die am heftigsten umkämpften Eigenbezirke und können darum nur von den kräftigsten Litschi-Böcken gehalten werden. So können also die Weibchen auf einfache Weise ein besonders hochwertiges Erbgut für ihre Kinder «auswählen».

 

Litschi-Populationen sind unter Druck geraten

Litschi-Populationen können in Gebieten, in denen man sie ungestört leben lässt, recht hohe Bestandsdichten erreichen. So wurden in den fünfziger Jahren am Kafuefluss Litschi-Herden von bis zu 3000 Tieren auf ihren traditionellen Wanderungen beobachtet. Heute geraten die hübschen Antilopen aber leider in den meisten Bereichen ihres Verbreitungsgebiets unter zunehmenden Druck - einerseits durch die Jagd, andererseits durch den Verlust ihres Lebensraums.

Das Litschi-Fleisch soll sehr zart und schmackhaft sein. Auf jeden Fall ist es beim Menschen sehr beliebt, weshalb die mittelgrossen Antilopen selbst in den Ländern, in denen sie gesetzlich geschützt sind, stark bejagt werden. Leider kann die unkontrollierte Bejagung sehr rasch zum Zusammenbruch selbst umfangreicher Bestände führen. So ist beispielsweise die Litschi-Population am Chobe-Fluss im Norden Botswanas in weniger als sieben Jahren um 95 Prozent zurückgegangen - von über 3000 Tieren auf etwa 20. Ebenfalls infolge massiver Bejagung verringerten sich die Bestände der Litschis im Norden Sambias innerhalb weniger Jahre auf einen Zehntel ihrer ehemaligen Grösse. Ähnlich erging es den Tieren noch in manch anderen Teilen ihres Verbreitungsgebiets.

Glücklicherweise können sich Litschi-Populationen auch überraschend schnell erholen, wenn man sie und ihren Lebensraum wirksam schützt. So wuchs beispielsweise eine Population in Sambia in knapp zwanzig Jahren von anfänglich 70 auf heute 2000 Tiere, nachdem der Wilderei ein Riegel vorgeschoben worden war.

 

Ungewisse Zukunft im Okavango-Delta

Die im Okavango-Delta lebenden Litschis sind verhältnismässig wenig anfällig auf die Bejagung durch den Menschen. Die Hauptgründe hierfür sind einerseits die Unzugänglichkeit weiter Bereiche ihrer Heimat, andererseits das Vorhandensein der gefürchteten Tsetse-Fliege, welche die Schlafkrankheit überträgt. Dies hat selbst die trockeneren, besser zugänglichen Teile des Okavango-Deltas bis heute vor der Besiedlung durch den Menschen bewahrt. Wie lange die Tsetse-Fliege allerdings ihre Rolle als natürlicher «Wächter» des grossen Feuchtgebiets noch spielen kann, ist ungewiss. Es wird nämlich seit mehreren Jahren versucht, die lästige Fliege durch ein Insektizid-Sprühprogramm im Delta auszurotten. Sollte diesem Programm dereinst Erfolg beschieden sein, so könnte dies katastrophale Folgen für das Delta mit seinem unermesslichen Reichtum an Tieren und Pflanzen haben. Pflanzer und vor allem Viehzüchter hätten dann nämlich die Möglichkeit, die noch weitgehend unberührte Wildnis in Acker- und Weideland umzuwandeln.

Eine nicht minder grosse Gefahr für das Feuchtgebiet stellen die Pläne der botswanischen Regierung dar, das Wasser des Okavangoflusses zu nutzen. So soll Flusswasser zwecks Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen bei Maun, einer Stadt im Südosten des Deltas, abgezweigt werden. Ausserdem soll Wasser des Okavangos durch einen 800 Kilometer langen Kanal den dürren Landstrichen Namibias zugeführt werden. Solche Vorhaben hätten zweifellos verheerende Auswirkungen auf das fein abgestimmte Ökosystem des Okavango-Deltas und mithin auf dessen vielgestaltige tierlichen und pflanzlichen Bewohner.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die zuständigen Personen noch rechtzeitig auf den unschätzbaren Wert dieses einzigartigen Naturphänomens besinnen und es nicht durch kurzfristig gewinnbringende Entwicklungsprojekte für immer zerstören. Schonende, anhaltende Nutzungsformen sind im Okavango-Delta durchaus denkbar. Von Naturwissenschaftlern und Naturschutzexperten erarbeitete Modelle zeigen, dass in diesem weiten Gebiet durchaus genügend Platz ist für den Menschen und sein Vieh als auch für die ursprünglichen Bewohner des Feuchtgebiets, zu denen nicht zuletzt der elegante Litschi gehört.




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