Roter Sichler

Eudocimus ruber


© 1990 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Rote Sichler (Eudocimus ruber), ein Mitglied der Familie der Ibisvögel (Threskiornithidae), ist im nördlichen Südamerika zu Hause. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom westlichen Venezuela über Guyana, Surinam und Französisch Guyana bis zur Amazonasmündung in Brasilien. Ausserdem findet man den hübschen Vogel auf der festlandnahen Antilleninsel Trinidad, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken.

Der Rote Sichler ist ein typischer Feuchtgebietsbewohner. Bevorzugt hält er sich in den dichten, brackigen Mangrovendickichten des Küstengürtels sowie in den weiten, undurchdringlichen Süsswassersümpfen der Flussniederungen auf und vergesellschaftet sich dort gerne mit Reihern, Löfflern und Watvögeln. Auf Schlickflächen und im seichten Wasser geht er auf die Suche nach allerlei Kleintieren. Unablässig stochert er mit seinem langen, abwärts gekrümmten Schnabel im schlammigen Boden herum und erwischt dabei hauptsächlich kleinere Krustentiere wie Fluss- und Winkerkrabben, daneben aber auch Weichtiere, Würmer und sogar kleine Fischchen.

Bei dieser Kleintierjagd im weichen Morast verlässt sich der Rote Sichler vollständig auf seinen ausgeprägten Tastsinn. Sobald er mit seinem Schnabel eine unsichtbare Beute berührt, schnappt er automatisch, innerhalb weniger Millisekunden, zu. Diese «Tastjagd» wird durch Tastsinneszellen ermöglicht, die sich unter der Hornschicht des Schnabels befinden.

 

Die rote Gefiederfarbe ist ein «Fremdprodukt»

Wie alle Ibisvögel ist der Rote Sichler ein sehr geselliger Vogel: Er geht im Verband auf Nahrungssuche, verbringt die Nacht in umfangreichen Schlafgesellschaften und zieht seine Jungen in Brutkolonien von bis zu 30 000 Paaren auf. Dabei handelt es sich keineswegs um lärmende Ansammlungen, wie man das von anderen Vogelarten her kennt: Der Rote Sichler ist ein sehr schweigsamer Vogel und stösst nur in grosser Erregung gelegentlich tiefe Laute aus.

Das Nest des Roten Sichlers ist eine wenig kunstvolle, plattformartige Konstruktion aus locker zusammengefügten Stöckchen und wird zumeist im oberen Kronenbereich von Mangrovenbäumen angelegt. Das Nistmaterial wird zur Hauptsache vom Männchen herbeigeschafft und vom Weibchen verbaut.

Das Gelege besteht aus zwei bis vier Eiern, und die Brutzeit dauert dreieinhalb Wochen. Beide Altvögel wechseln sich beim Bebrüten der Eier regelmässig ab und beteiligen sich anschliessend auch zu gleichen Teilen an der Aufzucht der Jungen. Diese sind schon nach vier bis sechs Wochen flügge und begleiten alsbald ihre Eltern zu den Futterplätzen. Dort lernen sie die Kleintier-Fangtechniken, die ein Roter Sichler zum Überleben braucht. Bis sie diese beherrschen, vergeht allerdings noch eine geraume Weile, und so lange müssen sie von ihren fürsorglichen Eltern noch kräftig zugefüttert werden.

Das Gefieder der flüggen Jungvögel ist anfänglich oberseits graubraun, unterseits weisslich. Zwischen dem sechsten und zwölften Lebensmonat durchlaufen die Tiere dann einen schubweise erfolgenden Gefiederwechsel, wodurch sie vorübergehend unregelmässig braun, grau, weiss und rot gescheckt sind, schliesslich aber in dem für die Art so charakteristischen leuchtend roten Federkleid erscheinen.

Erstaunlicherweise ist das rote Farbpigment im Gefieder der Roten Sichler ebensowenig wie bei den Flamingos ein Eigenprodukt der Vögel, sondern wird über die Nahrung aufgenommen: Es handelt sich um sogenannte Karotinoide, die sich in grösserer Menge vor allem im Panzer von Krabben und anderen Krustentieren finden. Fehlen diese Stoffe in der Nahrung, so «verblassen» die Roten Sichler innerhalb kurzer Zeit, wie dies früher in Gefangenschaft regelmässig der Fall war. In Zoologischen Gärten sorgen heute (zumeist synthetische) Futterzusätze dafür, dass die Vögel das Auge der Besucher mit ihrem prächtigen Gefieder zu erfreuen vermögen.

 

Über das Zählen roter Punkte

Um die Bestandssituation des Roten Sichlers abzuklären, führten Ornithologen in den Jahren 1982, 1983 und 1984 Zählungen anhand flächendeckender Luftaufnahmen des nördlichen Südamerikas durch. Die wissenschaftliche Verantwortung für dieses aufwendige Unternehmen lag bei der «Weltarbeitsgruppe für Störche, Ibisse und Löffler», einer Spezialistengruppe des Internationalen Rates für Vogelschutz (ICBP). Die Finanzierung übernahm die venezuelische Fundacion Polar gemeinsam mit der deutschen W.W. Brehm-Stiftung für Internationalen Vogelschutz.

Die Luftaufnahmen wurden in allen drei Jahren jeweils in der Regenzeit (Monate Juni/Juli) angefertigt, wenn die Bruttätigkeit der Roten Sichler ihren Höhepunkt erreicht hatte. Man konnte dann damit rechnen, dass jederzeit mindestens ein Vogel pro Brutpaar das Nest hüten würde. Und da die Vögel gross und rot sind und sich ihre Nester quasi im Dachgeschoss der Bäume befinden, bestand die Aufgabe der Wissenschaftler letztlich darin, sämtliche roten Punkte auf den Luftaufnahmen zu zählen, um so die Zahl der Sichler-Brutpaare zu ermitteln.

Die Zählung ergab leider eine Überraschung im negativen Sinn: Obschon die Roten Sichler einst der ganzen südamerikanischen Nordküste entlang in zahlreichen grossen Kolonien gebrütet hatten, liessen sich auf den Luftbildern nur noch sechs bis acht kleinere Küstenkolonien mit insgesamt minimal 3100, maximal 12 500 Brutpaaren ausfindig machen. Grössere Brutkolonien wurden lediglich noch in den unzugänglichen Sumpfgebieten des Orinoco- und des Amazonas-Unterlaufs sowie in ein paar ausgedehnten Feuchtgebieten im Innern Venezuelas festgestellt. Letztere beherbergten zwar noch rund 65 000 Brutpaare, doch erschienen gerade diese Binnenland-Kolonien durch die rasche Ausdehnung der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Venezuela stark gefährdet.

Das Überleben des Roten Sichlers, so die Schlussfolgerung aus der Bestandserfassung zu Beginn der achtziger Jahre, war weit stärker gefährdet, als man angenommen hatte. Massnahmen zum Schutz des attraktiven Vogels sowie zur Erhaltung seiner Lebensräume erwiesen sich als vordringlich, und deshalb wurden zwischenzeitlich an mehreren Orten umfangreiche Schutzprogramme gestartet. So auch auf Trinidad, wie nachfolgend gezeigt werden soll.

 

Trinidads Wappenvogel

Trinidad ist die südlichste Insel der Kleinen Antillen und befindet sich direkt vor dem Delta des Orinocos bzw. vor der Nordküste Venezuelas. Das Klima der 4928 Quadratkilometer grossen Insel ist tropisch-immerfeucht; die Monatsdurchschnittstemperaturen liegen das ganze Jahr über zwischen 25° und 28° Celsius. Wegen der unmittelbaren Nähe Trinidads zum Festland ist die Vielfalt der tierlichen Inselbewohner weit grösser als auf den anderen Antilleninseln: Man hat auf Trinidad bisher 108 Säugetierarten, 425 Vogelarten, 55 Reptilienarten, 25 Amphibienarten und 617 Schmetterlingsarten festgestellt!

Der Rote Sichler ist zweifellos einer der spektakulärsten «Ureinwohner« Trinidads, und darum wurde er 1962, als die Insel zusammen mit dem Nachbareiland Tobago als «Republik Trinidad und Tobago» ihre Unabhängigkeit erlangte, zum Nationalvogel erkoren. Der hübsche Vogel schmückt heute nicht nur das Wappen und die 1-Dollar-Note von Trinidad und Tobago, sondern gilt auch als Symbol für die Inselnatur. So verwendet beispielsweise das Fremdenverkehrsamt der kleinen Inselnation den Roten Sichler als «Lockvogel» in seinen Broschüren, um ausländische Naturliebhaber zu einem Besuch der Insel zu bewegen.

Als Tourist wurde man diesbezüglich während vieler Jahre auch nicht enttäuscht: Tausende von Feriengästen nahmen schon an einer abendlichen Ausflugsfahrt teil, um sich am Anblick der Roten Sichler zu erfreuen, wenn diese in grosser Zahl von der Futtersuche zu ihren gemeinschaftlichen Schlafplätzen im mangrovenbewachsenen Caroni-Sumpf zurückkehrten. Dieses grosse Feuchtgebiet befindet sich an der Westküste Trinidads, ganz in der Nähe der Inselhauptstadt Port of Spain. Das Schauspiel war jeweils umso eindrucksvoller, als es sich vor dem Hintergrund eines karibischen Sonnenuntergangs abspielte, der schon für sich allein recht spektakulär ist.

Heute können diese abendlichen Ausflüge zu den Roten Sichlern allerdings aus naturschützerischen Gründen nicht mehr unternommen werden. Die Zahl der Roten Sichler auf Trinidad hat in den letzten zwei Jahrzehnten nämlich beängstigend abgenommen: Von einstmals gut 10 000 erwachsenen Vögeln auf der Insel waren 1984 keine 2500 mehr übrig.

Begonnen hatte der Niedergang der Population in den späten sechziger Jahren, als immer weniger Rote Sichler zur Brut schritten. 1972 brütete schliesslich kein einziges Sichlerpaar mehr auf Trinidad. Gleichzeitig hatten die Vögel ihren jahreszeitlichen Aktivitätsrhythmus verändert: Ursprünglich waren sie jeweils im Februar auf Trinidad eingetroffen und hatten dann irgendwann zwischen April und September gebrütet. Anschliessend hatten sie die Insel wieder verlassen, um sich bis zum Beginn der nächsten Brutsaison halbnomadisch auf dem südamerikanischen Festland aufzuhalten. Nun kehrten die Sichler diese Gepflogenheiten genau um: Für das Brutgeschäft begaben sie sich jetzt aufs Festland (vermutlich irgendwo ins abgeschiedene Hinterland des Orinoco-Deltas), und besuchten Trinidad lediglich noch ausserhalb der Fortpflanzungszeit. Was mochte die Roten Sichler wohl dazu bewogen haben, ihre traditionellen Brutplätze auf Trinidad aufzugeben?

 

Wasserverschmutzung, Jagd und Tourismus

Ein wichtiger Grund für die Abwanderung der Roten Sichler aus dem Caroni-Sumpf dürften die massiven Eingriffe des Menschen in das zerbrechliche Ökosystem dieses Feuchtgebiets gewesen sein. Trinidad erfuhr in den sechziger und siebziger Jahren eine starke Industrialisierung, und dies zog ein rasches Anwachsen der Bevölkerung und eine starke Ausdehnung der Siedlungsfläche nach sich. Besonders ausgeprägt zeigte sich diese Entwicklung im Bereich der Westküste, wo über neunzig Prozent der Inselbevölkerung wohnen und arbeiten. Die natürlichen Landreserven gerieten in diesem Inselteil unter enormen Druck, und darunter litt auch der Caroni-Sumpf. Teile des Sumpfes wurden trockengelegt und urbar gemacht; Siedlungsabfälle wurden innerhalb des Sumpfes deponiert; und industrielle Abwässer gelangten teilweise in das Feuchtgebiet und verschmutzten das Wasser, was nicht zuletzt zu einem Rückgang der Krustentiere, der Hauptnahrung der Sichler, führte.

Ein zweiter wichtiger Faktor, der zum Rückgang der Roten Sichler auf Trinidad beigetragen hat, sind die Störungen durch Jäger gewesen. Bis vor wenigen Jahren war der rote Vogel noch als offizielles Jagdwild eingestuft und wurde als schmackhafte Beute auch tatsächlich heftig bejagt. Gemäss Jagdgesetz durfte jeder Jäger während der sechsmonatigen Brutsaison der Roten Sichler täglich bis fünf Exemplare abschiessen und zwar zwischen 5 Uhr morgens und 19.30 Uhr abends - also auch während der gesamten Abenddämmerung, wenn die Vögel besonders empfindsam auf Störungen reagieren. Ein Augenzeuge, der 1983 einmal nach 18 Uhr mehrere Schüsse im Caroni-Sumpf vernahm, schilderte die Reaktion der Roten Sichler folgendermassen: «Der Himmel war sogleich scharlachrot gefärbt. Die ganze Schlafgemeinschaft der Sichler, viele tausend Vögel, flog als eine einzige, dichte Wolke auf, die sich rasch im dunklen Himmel auflöste. Keinen der Vögel sah ich mehr zurückkehren.»

Als dritter Faktor, der zum Niedergang der Roten Sichler auf Trinidad geführt hat, ist der überhandnehmende, unkontrollierte Besucherstrom zu nennen. Zu Beginn des «Sichlertourismus» wurden für die Ausflüge zu den Brut- und Schlafkolonien kleine Sechsplätzer-Boote verwendet, welche die Vögel kaum störten. Später kamen dann aber mächtige «Omnibus-Boote» zum Einsatz, welche die Sichler nachweislich durch ihre Grösse und ihre lauten Motoren ängstigten. Erschwerend kam hinzu, dass viele uneinsichtige Touristen die Bootsführer dazu veranlassten, viel zu nahe an die Kolonien heranzufahren. Dieser aufdringliche Massentourismus bedeutete zweifellos eine massive Störung der Roten Sichler an einem Ort, den die Vögel ursprünglich aufgrund seiner Ruhe und Abgeschiedenheit ausgewählt hatten, und dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass sie sich nach anderen Brutplätzen umsahen.

 

Trotzdem eine rosige Zukunft?

Glücklicherweise wurden sowohl der Rückgang der Roten Sichler auf Trinidad als auch die Gründe dafür frühzeitig erkannt und Massnahmen zur Erhaltung der hübschen Vögel getroffen. So trat in den frühen achtziger Jahren ein neues Naturschutzgesetz in Kraft, welches unter anderem die Ausweisung von Naturschutzgebieten und die Festlegung geschützter Tier- und Pflanzenarten regelt. Auf der Grundlage dieses neuen Gesetzes wurde der Rote Sichler 1986 zur ganzjährig geschützten Vogelart erklärt, und 1988 erfolgte die Ausweisung des Caroni-Sumpfes zum strikten, weder für Jäger noch Besucher zugänglichen Naturreservat. (Momentan sind Bestrebungen im Gang, dem ganzen Sumpfgebiet den Status eines Nationalparks zu verleihen. Auch in Zukunft sollen aber die Besucher und die damit verbundenen Störungen im Park auf ein Minimum beschränkt bleiben.)

Anfang der achtziger Jahre wurde ferner eine amtliche, aus mehreren Biologen bestehende Wildforschungsgruppe geschaffen. Sie erhielt den Auftrag, den Status der Roten Sichler auf Trinidad eingehend zu untersuchen. Die Erkenntnisse aus dieser Studie wurden der Fachwelt im März 1988 in der venezuelischen Hauptstadt Caracas anlässlich der erstmals abgehaltenen internationalen Konferenz zum Schutz des Roten Sichlers präsentiert. Sie bilden die Basis für das neugeschaffene Caroni-Sumpf-Schutzkonzept.

Der Schutz der Natur auf Trinidad ist im Verlauf der achtziger Jahre einen beachtlichen Schritt vorwärts gekommen. Die Zukunft des Roten Sichlers sieht darum nicht mehr allzu düster aus. Bleibt zu hoffen, dass die Einwohner von Trinidad auch bald die Früchte ihrer lobenswerten Anstrengungen ernten können und dass ihr Nationalvogel schon bald wieder auf der Insel brütet.




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